
Lack und Langeweile
von Kaltmamsell
20 Jahre alt, und der Job war hauptsächlich Teil meiner Kampagne "ich freunde mich mit meinem dicken Körper an".
Erinnernswerter ist da schon der Sommer Anfang der 90er, in dem die Redaktion, in der ich sonst die Semesterferien über Urlaubsvertretung machte, mich nicht brauchen konnte. Ich war gottsfroh, beim großen Automobilproduzenten am Ort zu landen. Mein Job als "Werkstudentin" (keine Ahnung, warum die Ferienjobber dort bis heute so heißen) war in der Lackiererei, Qualitätssicherung.
Der Arbeitsplatz lag so richtig mitten in einer der riesigen Produktionshallen. Er erinnerte ein wenig an eine Pferdebox: Ein schulterhohes Metallgestell umgab eine gut autogroße Fläche, die an einer Seite offen war. An dem Gestell waren Scheinwerfer befestigt, über die offene Seite wurden frisch lackierte Karossen eingeschoben. Der väterliche Meister im grünen Kittel, der sein Kabuff gleich nebenan hatte, gab mir einen weißen und einen schwarzen dicken Wachsmalstift, ein Klemmbrett mit Formularen und ein Prüfgerät in der Größe eines Kassettenrekorders.
Sechs Wochen lang war es meine Aufgabe, Karossen in das Gatter zu schieben und die Lackierung zu überprüfen. Einschlüsse und Unregelmäßigkeiten umkringelte ich mit dem Wachsstift (weiß für dunkle Lacke, schwarz für helle). Das Gerät war dazu da, die Dicke der Lackschichten zu messen. Alle Ergebnisse und Funde trug ich in ein Formular ein, das ich an der Karosse befestigte, bevor ich sie zurück auf die Fertigungslinie schob. In der Nebenbox arbeitete ein fest angestellter, dürrer alter Mann in blauem Kittel. Vielleicht war er gar nicht so alt, aber sein fehlender Arm sah nach Kriegsverletzung aus, Jahrzehnte langer Alkohol-Abusus hatte seinen Teint korrodiert.
Der große Haken: Über den Tag verteilt sollte ich sechs Karossen überprüfen. Pro Karosse brauchte ich selbst bei peinlichst genauer Untersuchung höchstens 25 Minuten. Damit musste ich aber täglich siebeneinhalb Stunden füllen - netto, denn Pausen wurden addiert. Ich war unterbeschäftigt bis weit über die Schmerzgrenze.
Also nahm ich schon bald ein Buch mit in die Arbeit und stellte mich lesend an das Metallgestell. Keine gute Idee: Der Meister wies mich darauf hin, dass ein vorbeilaufender Abteilungsleiter aus meinem Lesen schließen könnte, dass nicht genug Arbeit für zwei Qualitätsprüfer da sei (richtig!) und eine Stelle streichen könnte (das wollte ich natürlich nicht).
Somit verwandte ich sechs Wochen lang all meine Energie darauf, beschäftigt zu erscheinen. Ich hatte nie einen anstrengenderen Job. Zehn-Minuten-weise verkroch ich mich in einen der Brotzeiträume bei den Werkstätten im Keller zum Lesen. Dann musste ich mich mal wieder blicken lassen. Ich setzte einiges an Ehrgeiz daran, die Karossen immer noch gründlicher zu kontrollieren. Aber irgendwann gab es Reklamationen, weil alle Karossen, die ich geprüft hatte, fast flächendeckend von Wachsmal-Kringeln überzogen waren. In meiner Not hatte ich sogar besonders glatte Flächen angekringelt: Derart überglatt, das konnte doch nicht normal sein? Das musste doch auf einen Fehler in der Programmierung der Spritzroboter hindeuten? Ich begann mich zum Zeitvertreib intensiv mit Lackiertechniken im Markenvergleich und aus historischer Perspektive zu befassen. Doch als Quelle hatte ich nur Kollegen, die entweder tatsächlich etwas zu tun hatten oder mir bei aller Freundlichkeit bedeuteten, dass ich sie nervte.
Ich sehnte mich inbrünstig nach den Lokalredaktionen meiner Zeitungsjobs, nach den Scharmützeln mit Freien Mitarbeitern ("So ungekürzt veröffentlichen, da ich eigens zu dem Termin gefahren bin!!!"), nach der Gänsehaut über Vereinsfotos, nach der Behäbigkeit eines Monopolblattes. Ich spürte, wie mein Hirn über die Wochen hinweg in Stand-by-Modus fiel, überfordert von Leere.
Einen echten Nutzen hatte der Job dann doch: Ich durfte die speziellen Wachsstifte mit nach Hause nehmen. Und nutzte sie, um eines Nachts einem Freund auf die Motorhaube seines roten Citroën 2CV einen Brief zu schreiben.
Erinnernswerter ist da schon der Sommer Anfang der 90er, in dem die Redaktion, in der ich sonst die Semesterferien über Urlaubsvertretung machte, mich nicht brauchen konnte. Ich war gottsfroh, beim großen Automobilproduzenten am Ort zu landen. Mein Job als "Werkstudentin" (keine Ahnung, warum die Ferienjobber dort bis heute so heißen) war in der Lackiererei, Qualitätssicherung.
Der Arbeitsplatz lag so richtig mitten in einer der riesigen Produktionshallen. Er erinnerte ein wenig an eine Pferdebox: Ein schulterhohes Metallgestell umgab eine gut autogroße Fläche, die an einer Seite offen war. An dem Gestell waren Scheinwerfer befestigt, über die offene Seite wurden frisch lackierte Karossen eingeschoben. Der väterliche Meister im grünen Kittel, der sein Kabuff gleich nebenan hatte, gab mir einen weißen und einen schwarzen dicken Wachsmalstift, ein Klemmbrett mit Formularen und ein Prüfgerät in der Größe eines Kassettenrekorders.
Sechs Wochen lang war es meine Aufgabe, Karossen in das Gatter zu schieben und die Lackierung zu überprüfen. Einschlüsse und Unregelmäßigkeiten umkringelte ich mit dem Wachsstift (weiß für dunkle Lacke, schwarz für helle). Das Gerät war dazu da, die Dicke der Lackschichten zu messen. Alle Ergebnisse und Funde trug ich in ein Formular ein, das ich an der Karosse befestigte, bevor ich sie zurück auf die Fertigungslinie schob. In der Nebenbox arbeitete ein fest angestellter, dürrer alter Mann in blauem Kittel. Vielleicht war er gar nicht so alt, aber sein fehlender Arm sah nach Kriegsverletzung aus, Jahrzehnte langer Alkohol-Abusus hatte seinen Teint korrodiert.
Der große Haken: Über den Tag verteilt sollte ich sechs Karossen überprüfen. Pro Karosse brauchte ich selbst bei peinlichst genauer Untersuchung höchstens 25 Minuten. Damit musste ich aber täglich siebeneinhalb Stunden füllen - netto, denn Pausen wurden addiert. Ich war unterbeschäftigt bis weit über die Schmerzgrenze.
Also nahm ich schon bald ein Buch mit in die Arbeit und stellte mich lesend an das Metallgestell. Keine gute Idee: Der Meister wies mich darauf hin, dass ein vorbeilaufender Abteilungsleiter aus meinem Lesen schließen könnte, dass nicht genug Arbeit für zwei Qualitätsprüfer da sei (richtig!) und eine Stelle streichen könnte (das wollte ich natürlich nicht).
Somit verwandte ich sechs Wochen lang all meine Energie darauf, beschäftigt zu erscheinen. Ich hatte nie einen anstrengenderen Job. Zehn-Minuten-weise verkroch ich mich in einen der Brotzeiträume bei den Werkstätten im Keller zum Lesen. Dann musste ich mich mal wieder blicken lassen. Ich setzte einiges an Ehrgeiz daran, die Karossen immer noch gründlicher zu kontrollieren. Aber irgendwann gab es Reklamationen, weil alle Karossen, die ich geprüft hatte, fast flächendeckend von Wachsmal-Kringeln überzogen waren. In meiner Not hatte ich sogar besonders glatte Flächen angekringelt: Derart überglatt, das konnte doch nicht normal sein? Das musste doch auf einen Fehler in der Programmierung der Spritzroboter hindeuten? Ich begann mich zum Zeitvertreib intensiv mit Lackiertechniken im Markenvergleich und aus historischer Perspektive zu befassen. Doch als Quelle hatte ich nur Kollegen, die entweder tatsächlich etwas zu tun hatten oder mir bei aller Freundlichkeit bedeuteten, dass ich sie nervte.
Ich sehnte mich inbrünstig nach den Lokalredaktionen meiner Zeitungsjobs, nach den Scharmützeln mit Freien Mitarbeitern ("So ungekürzt veröffentlichen, da ich eigens zu dem Termin gefahren bin!!!"), nach der Gänsehaut über Vereinsfotos, nach der Behäbigkeit eines Monopolblattes. Ich spürte, wie mein Hirn über die Wochen hinweg in Stand-by-Modus fiel, überfordert von Leere.
Einen echten Nutzen hatte der Job dann doch: Ich durfte die speziellen Wachsstifte mit nach Hause nehmen. Und nutzte sie, um eines Nachts einem Freund auf die Motorhaube seines roten Citroën 2CV einen Brief zu schreiben.


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am 22. Aug, 23:18