
Waschen, Legen, Haare fegen
Wir waren vier Männer im Salon. Es war so ein Hipsterladen. Wir waren in einem Team von Friseuren, die eigene Schnittmoden und Färbekonzepte entwickelten. Für deren Entwicklung und Präsentation brauchten wir Models. Junge, gutaussehende, zeigefreudige Frauen. Um deren oft lange Haare in neue Formen und Farben zu bringen und um dabei nicht die Gewänder der Versuchspersonen zu ruinieren, hatten wir sogenannte Schneidekleider im Angebot. Das waren Stofftücher, die frau sich so um den Oberkörper wickeln konnte, dass nach dem Ausziehen von Blazern, Blusen, Shirts etc. der Rücken frei blieb. Wir überließen es den Mädchen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Die neuen Haarmoden entwickelten und testeten wir abends nach den regulären Salonzeiten, gern mit ein wenig Schaumwein und Fingerfood. Irgendwann schickte der Chef uns andere nach Hause und machte allein weiter.
Unsere Stammkundinnen waren Gattinen und Geliebte der lokalen Unternehmer- und Managementelite, die unbedingt unsere ausgefallenen Kreationen auf dem Kopf tragen wollten. Nicht nur junge, meist wohlhabende, immer exsaltierte Frauen.
Um deren edles Haar akkurat schneiden zu können und um nicht regresspflichtig die oft teuren Leibchen beim Färben zu versauen, hatten wir auch im Kundenbetrieb die Schneidekleider im Angebot. Wir überließen es den Kundinnen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Vor Festtagen möbelten wir die örtliche Damenwelt gern auch in Extraterminen nach den regulären Salonzeiten auf. Sollte ja keine ohne unser Werk beispielsweise beim Weihnachtsdiner sitzen oder bei einer Industriellenhochzeit auflaufen müssen. Die Kundinnen brachten zu diesen Sondertreffen gerne Schaumwein und Fingerfood mit.
Wir vier Männer im Salon hatten eine kleine Entertainmentshow entwickelt, in der wir uns zum einen Konversationsbälle geschickt und voller Esprit zuspielten, zum andern die Arbeitsschritte so aufteilten, das sich ein jeder nach seinen Fähigkeiten (und seinem Platz in der Rangordnung) für eine gewisse Zeit um die Kundin kümmerte. Meine Spezialität war eine Kombination aus gründlicher Haarwäsche und außergewöhnlicher Kopfmassage. Es gab Kundinnen (und einen Kunden, der mittlerweile ein guter Freund ist), die auch außerhalb der besonderen Termine gezielt nach mir fragten für den Waschgang. Das mochte ich. Manche zeigten ihren Genuss, den ihnen mein Service bereitete, durch tiefes, entspanntes Atmen und entkrampftes im Waschsessel Liegen. Wenige schnurrten wie Kätzchen. Das schmeichelte mir. Eine aber meinte einmal, sie müsse mir für fünf Minuten Haarwäsche zehn Mark Trinkgeld geben.
Und mir war wieder bewusst, dass sie zum Shoppen am Samstag kurz mal nach Mailand, London oder Paris flogen, während ich versuchte, mit knapp unter 500 Mark Ausbildungsvergütung im Monat über die Runden zu kommen. Ich habe das kein Jahr ausgehalten, sondern lieber den Taxischein gemacht und mich für Philosophie an der Uni eingeschrieben.


Urlauber
am 15. Jan, 19:55
am 20. Mrz, 11:06
lol, Super