Waschen, Legen, Haare fegen

von Björn Grau
Als mein Vater im Familienkreis verwundert berichtete, dass in seiner Lieblingssauna montags immer nur Männer und diese gerne pärchen- oder grüppchenweise verkehrten, erklärte mein Onkel diesen Umstand süffisant grinsend mit: "Na, montags haben Frisöre frei." Ich saß mit am Tisch, wohl wissend, dass die beiden in ihrer Skepsis gegenüber Homosexuellen und mit ihren Vorurteilen gegenüber Frisören gerade einen Moment lang nicht daran gedacht hatten, welche Berufsausbildung ich kürzlich aufgenommen hatte.

Wir waren vier Männer im Salon. Es war so ein Hipsterladen. Wir waren in einem Team von Friseuren, die eigene Schnittmoden und Färbekonzepte entwickelten. Für deren Entwicklung und Präsentation brauchten wir Models. Junge, gutaussehende, zeigefreudige Frauen. Um deren oft lange Haare in neue Formen und Farben zu bringen und um dabei nicht die Gewänder der Versuchspersonen zu ruinieren, hatten wir sogenannte Schneidekleider im Angebot. Das waren Stofftücher, die frau sich so um den Oberkörper wickeln konnte, dass nach dem Ausziehen von Blazern, Blusen, Shirts etc. der Rücken frei blieb. Wir überließen es den Mädchen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Die neuen Haarmoden entwickelten und testeten wir abends nach den regulären Salonzeiten, gern mit ein wenig Schaumwein und Fingerfood. Irgendwann schickte der Chef uns andere nach Hause und machte allein weiter.

Unsere Stammkundinnen waren Gattinen und Geliebte der lokalen Unternehmer- und Managementelite, die unbedingt unsere ausgefallenen Kreationen auf dem Kopf tragen wollten. Nicht nur junge, meist wohlhabende, immer exsaltierte Frauen.
Um deren edles Haar akkurat schneiden zu können und um nicht regresspflichtig die oft teuren Leibchen beim Färben zu versauen, hatten wir auch im Kundenbetrieb die Schneidekleider im Angebot. Wir überließen es den Kundinnen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Vor Festtagen möbelten wir die örtliche Damenwelt gern auch in Extraterminen nach den regulären Salonzeiten auf. Sollte ja keine ohne unser Werk beispielsweise beim Weihnachtsdiner sitzen oder bei einer Industriellenhochzeit auflaufen müssen. Die Kundinnen brachten zu diesen Sondertreffen gerne Schaumwein und Fingerfood mit.
Wir vier Männer im Salon hatten eine kleine Entertainmentshow entwickelt, in der wir uns zum einen Konversationsbälle geschickt und voller Esprit zuspielten, zum andern die Arbeitsschritte so aufteilten, das sich ein jeder nach seinen Fähigkeiten (und seinem Platz in der Rangordnung) für eine gewisse Zeit um die Kundin kümmerte. Meine Spezialität war eine Kombination aus gründlicher Haarwäsche und außergewöhnlicher Kopfmassage. Es gab Kundinnen (und einen Kunden, der mittlerweile ein guter Freund ist), die auch außerhalb der besonderen Termine gezielt nach mir fragten für den Waschgang. Das mochte ich. Manche zeigten ihren Genuss, den ihnen mein Service bereitete, durch tiefes, entspanntes Atmen und entkrampftes im Waschsessel Liegen. Wenige schnurrten wie Kätzchen. Das schmeichelte mir. Eine aber meinte einmal, sie müsse mir für fünf Minuten Haarwäsche zehn Mark Trinkgeld geben.

Und mir war wieder bewusst, dass sie zum Shoppen am Samstag kurz mal nach Mailand, London oder Paris flogen, während ich versuchte, mit knapp unter 500 Mark Ausbildungsvergütung im Monat über die Runden zu kommen. Ich habe das kein Jahr ausgehalten, sondern lieber den Taxischein gemacht und mich für Philosophie an der Uni eingeschrieben.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.
mindestens haltbar 05/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 05
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Grau
Titel: Waschen, Legen, Haare fegen
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am 15. Jan, 19:55

Das erinnert mich stark an meine Jugend, eine geldknappe aber doch aufregende Zeit.


am 16. Jan, 18:51

lol, echt lustig deinen Blog zu lesen.


am 18. Jan, 10:02

Bin gerade durch google auf deinen Blog gestoßen und bei dem Thema hängen geblieben ;) danke!


am 23. Jan, 17:27

Sehr schöne Geschichte, hat echt spaß gemacht es zu lesen.


am 7. Mrz, 14:41

Ach das waren noch Zeiten. Ist aber schon lange her, dass es mir auch so ging.


am 10. Mrz, 11:30

Doch nicht auf die Qual und Pein, die ich dort zwischen Kassen und Kunden erleiden sollte.