Supermarkt

von Benjamin Reichstein
Klein bin ich zwar immer noch, aber damals war das mit dem Geldverdienen noch so eine Sache. Bevor man die "magische 16" erreicht hatte, waren Nebenjobs so häufig wie Geschlechtsverkehr mit den Schönheiten der weiterführenden Schulen. Ja, auch das gab es damals nicht so früh! Jedenfalls nicht bei mir, nicht mal mit der Klassenmatratze. Aber ich schweife ab!
Irgendwann bekam ich doch mal die Gelegenheit. Einer meiner besten Freunde bot mir die Hälfte seines Lohnes an, wenn ich dafür auch die Hälfte seiner Zeitungen austrug. Überglücklich nahm ich sein Angebot an, nur um am nächsten Früh murrend in einer Tiefgarage zu sitzen und darauf zu warten das der Regen sich verzog. "Drei Stunden rumlaufen und nass werden für die paar Kröten? Arbeiten is’ scheisse!", rief ich und schmiss den Stapel Zeitungen dramatisch in die Ecke.
"Geh-nau! Aabeidn is schai…", erschallte es hinter mir, gefolgt von einem lauten Rülpser und dem Ende des Satzes, der mir mit einer Bierfahne entgegenwehte
"… schaisse!"
Als ich dem Rechtsradikalen, der aussah als hätte er mit einem dutzend irischer Holfäller ein Trinkspiel gespielt und verloren, tief in die Augen starrte hob ich meine Zeitungen hastig wieder auf. Mit so einem, nein, so etwas wollte ich überhaupt nichts gemeinsam haben. Also weiterverteilen, sich von alten Damen beschimpfen lassen und dem biestigen Rauhaardackel meiner Nachbarin ausweichen, der früh am Morgen genauso unkoordiniert wie die Betrunkenen umherwankte. Wie ich diese zottelige Fußhupe hasste!
Doch mit meinem ersten Job sollte es schon bald zuende gehen. Am zweiten "Allerherrgotsscheissfrüh!" – wie ich das immer nannte – lagen dem Paket nicht nur Zeitungen sonder AOL-CDs bei. Die Praline hab ich ja gern verteilt und selbst bei der Bild hab ich damals mangels Hintergrundwissen noch ein Auge zugedrückt, aber AOL? Das war gegen meine Grundprinzipien! Aber was sollte ich machen, das Zeug stand vor meiner Tür. Also verteilte ich auch diesmal: Die Zeitungen in die Briefkästen, die CDs in die Mülleimer. Wären ja doch im Endeffekt dort gelandet. Die Hüllen behielt ich jedoch um mir fortan nur noch Rohlinge in der Spindel zu kaufen und trotzdem nicht auf den Komfort eines selbstgestapelten CD-Turms verzichten zu müssen – ich sparte ja wo ich konnte.
Bald schon wurde ich erlöst von dem Elend, denn ich wurde 16 Jahre alt und somit "eingeschränkt arbeitsfähig". Klang zwar als wäre ich blind, taub und hätte nur noch einen Arm – aber das war mir völlig egal, denn ich konnte in einem nicht näher betitelten Supermarkt arbeiten. Echt jetz. Also quasi Real,-
Dort übertrug man mir die ehrenwerte Aufgabe des Kartoniers. Ich weis nicht mehr genau wie man die Hilfskräfte nannte die die leeren Kartons einsammelten, aber "Aushilfe" klang mir einfach zu langweilig. Zwei bis drei Stunden leichte Arbeit, vier Tage die Woche und jede Menge Proviant. Jedes Mal wenn irgendwo eine aufgerissene Packung im Regal lag oder eine Dose herunterfiel und auslief musste sie ins Lager zum "Ausbuchen" gebracht werden. Das heisst nur das die Packung in einen Karton geschmissen wird, damit später ein höherwertiger Mitarbeiter erfassen kann was alles kaputt ging. Der Inhalt wurde vernichtet. Meistens von uns.
Ich sage euch: was damals in den zwei Monaten in denen ich dort arbeitete alles zu bruch ging – man glaubt es nicht! Sehr beliebt waren diese Schokopralinen mit Espressofüllung, Haribo Gummibären und natürlich RedBull. Die ganz harten von uns "entdeckten" eine kaputte Schachtel Zigaretten an der Kasse. Natürlich musste man manchmal auch das billige Zeug fressen, damit es nicht auffiel.
Das entschädigte jedoch für die vielen nervigen bis verblödeten Kunden, die einen nach dem Weg fragten oder gar wegen der überteuerten Preise beschimpften und für die motivationssteigernden Reden des Chefs, der nichtmal unsere Namen kannte, obwohl wir sie als Schilder auf der Brust trugen.
Alle Anekdoten dieser Zeit zu erzählen würde wohl den Rahmen sprengen, eine muss ich jedoch noch loswerden. Eines Abends stand ich gerade im Spiritousenregal und war auf der Suche nach zwei kleinen Schnapsflasche zum "ausbuchen", da einer meiner Kartonierskollegen seinen letzten Arbeitstag hatte und bald als Grenadier durch eine Bundeswehrkaserne gehetzt werden würde. Plötzlich stand ein Riese neben mir und brummte folgende Frage in einem so tiefen Ton, das es meine Imitationskünste überschreitet: "Chabt ihr auch Vodka Gorbatschow?"
Auf seinem Firmenschild am Pullover konnte ich lesen, das er Ivan hies.
Ein Russe namens Ivan der nach Vodka fragt war ja eigentlich der Inbegriff eines Klischees und wer mich kennt, der weis das ich solchen Vorlagen absolut niemals widerstehen kann.
Aber aufgrund seiner gigantischen, vernarbten Hände, zwischen dessen Daumen und Zeigefinger ich sicher wie in einer Baumkrone sitzen konnte, traute sich kein Witz über meine zitternden Lippen.
"Ja, direkt hier vorne", antwortete ich also und zeigte auf die drei Flaschen im Regal.
"Zu wenig!", dröhnte er lautstark, "brauche zwei Karton!"
Verwirrt und halb taub steuerte ich ins Lager und holte ihm zwei Kartons – insgesamt also 12 Flaschen à 0,7 Liter Vodka. Mit weit geöffneten Augen überreichte ihm die Munition und mein Gesicht schrie gerade zu "WHAT THE FUCK!?"
Dies schien Ivan bemerkt zu haben, da er ein breites Lachen aufsetzte, meine ungestellte Frage mit: "Hahahah… Party!" beantwortete und dann mit dem Vodka und einer Packung Chips zur Kasse wankte.
Und ich könnte schwören das zwischen zwei seiner riesigen Zähnen der mittlerweile als vermisst gemeldete Rauhaardackel meiner Nachbarin steckte.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.
mindestens haltbar 05/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 05
ISSN 1816-8159
Autor: Benjamin Reichstein
Titel: Supermarkt
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Suche

 


am 19. Okt, 10:52

LOL, sehr schöne Geschichte! Aber ich glaube so erging es uns allen mal...
Irgendwann kommt mal der Zeitpunkt, wo man feststellt: Warum?
Entweder bekommt man zu wenig Geld/Lohn oder man arbeitet natürlich viel zu viel und zu hart. Überstunden hier, Wochenende da. Klar, das dann die Ernüchterung kommt...
Aber ich finde es sehr Lobenswert (wie Du ja auch selber schreibst): Auf das Level will ich nicht absteigen... Klasse, so denken aber leider nicht Alle...
Gruß Markusv


am 30. Okt, 15:11

sehr interessante Idee, dank schza Artikel

am 4. Feb, 19:51

Wie ganz früher eben ;)


am 15. Jan, 12:39

Nette Anekdote.
Den Trick mit den beschädigten Sachen kannte ich auch noch nicht.
Gab es keine Kameraüberwachung ?

am 4. Feb, 19:52

Und das hat mit Überwachung zu tun?


am 15. Jan, 19:58

Tolle Geschichte, witzig und mit etwas Ironie geschrieben.aesuer

am 4. Feb, 19:51

Wieso auch nicht....


am 15. Feb, 17:04

Also haltbar bis wann???


am 23. Jan, 17:22

lol, echt lustig deinen Blog zu lesen.

am 4. Feb, 19:50

Ganz alt ;)


am 11. Feb, 23:39

Mehr als interessant ;)


am 18. Feb, 22:16

Bis wann haltbar?


am 19. Feb, 20:20

Wow what a story!