
Schreiben. Für Geld
von Susanne Englmayer
...irgendwann einmal Kontakt mit den knallharten Bedingungen ihrer Berufsaussichten aufzunehmen.
In vielen Fällen heißt das, für irgendwen irgendwas zu schreiben. Für Geld. Und das dann auch noch ziemlich toll zu finden, zumindest anfangs. Später relativiert sich dann diese Einschätzung, mitunter sogar ziemlich schnell. Spätestens wenn die Realität des Zeilenzählens einsetzt.
Ich selbst bin seinerzeit bei einem regionalen Anzeigenblättchen gelandet. Die Zeile wurde mit 20 Cent abgerechnet, Fotos lagen zwischen 15 und 20 Euro. Darüber hinaus gab es noch 22 Cent pro gefahrenen Kilometer. Also zwei Cent mehr als für die Zeile. Obwohl doch fahren wesentlich einfacher ist als schreiben. Dachte ich damals. Kilometergeld habe ich dann auch nie abgerechnet, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß gar nicht warum.
Herumgefahren bin ich allerdings viel. Ich war bei Hallenbaderwiederöffnungen zugegen, habe in Zirkus- und Bierzelten geschwitzt, unendlich viele Jubilare im Kreise ihrer Lieben abgelichtet und auf Straßen- und Kirchenfesten getanzt. Zu allem und jedem habe ich mir die vorgeschriebene Zeilenzahl abgerungen. Selbst dann, wenn es im Grunde nichts zu sagen gab. Spaßig ist das nicht, das habe ich bald herausgefunden.
Bilder sind einfacher. Bilder habe ich immer gern gemacht, auch nach zwei Jahren noch.
Im Autohaus Matschke habe ich den späteren Oberbürgermeister im neuesten Cabriomodell der Marke - die mir inzwischen leider entfallen ist, war aber ein großer Anzeigenkunde, der Matschke, das weiß ich noch genau - fotografiert. Ein Schnappschuß, zusammen mit seiner Frau, wie ich dachte. Ein Bild, das leider nicht benutzt werden durfte. Aus wahltaktischen Gründen. Es war nämlich gar nicht seine Frau, wie sich herausstellte. Zum Weltaidstag 1997 drängte sich der beste Freund des Vereinsvorsitzenden irgendeines Fördervereins vor die Linse. Um welchen Verein es sich eigentlich handelte, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob ich es damals wußte. Aber eine hübsche Spende hatte der Mann locker gemacht. Es handelte sich übrigens um unseren Chefredakteur. Ordentlich frisiert, mit Schlips und Kragen, sogar nüchtern war er. Wenn ich mich recht erinnere. Der Typ, von dem zur selben Zeit Bilder vom Betriebssommerfest die Runde in der Redaktion machten. Die, wo er sturzbetrunken in die letzte Grillkohleglut pinkelt. Und das Foto von dem Golfplatzbesitzer habe ich gar nicht erst selbst gemacht. Das habe ich mir zuschicken lassen, von seinem Sekretär, per Email. War ganz einfach. Abgerechnet habe ich es natürlich trotzdem. Farbfoto, 20 Euro.
So ging das damals. Wenn der Chef ein Säufer ist, geht fast alles. Doch nach einer Weile war das Schreiben Routine. Mehr noch, es wurde lästig und ungenau. Und noch später eine Quälerei, die im Grunde mit allen Mitteln zu vermeiden ist. Streckenweise grauenhaft.
Das Interview mit dem Golfplatzmenschen zum Beispiel habe ich dann auch komplett erfunden. Am Telefon habe ich lange mit seinem Sekretär geschwatzt, das schon. Den kannte ich noch von der Uni, aus dem Schwulen- und Lesbenreferat. Es war lustig, mit ihm zu reden nach all der Zeit. Er hatte Jahre vor mir seinen Abschluß gemacht, und ich verstehe wirklich überhaupt nichts von Golf. Der Rest war reine Phantasie. Dem Golfplatz hat das nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Ich wurde sogar zitiert, und der Besitzer war darüber vermutlich höchst zufrieden. Oder sein Sekretär hat ihn irgendwie besänftigt. Oder mein Chef hat doch noch das extragroße Weihnachtspräsent für regelmäßige Großkunden herausgerückt, das er seit Monaten schon sinnlos in seinem Luxussportwagen mit sich spazierenfuhr. Keine Ahnung, ich hab nie etwas darüber gehört. Vielleicht hat dem Golfer auch einfach nur gefallen, was ich geschrieben habe. Er war darin, glaube ich, als eine Art Künstler dargestellt. Irgendwie lag mir das wohl nahe. Damals.
Am Besten aber waren die Dreiundneunzigjährige und ihr Urenkel in Beyenburg. Eigentlich ist gerade so etwas immer besonders langweilig. Die Alten hören und sehen nix mehr, und die Lieben, die sie umkreisen, schreien nicht nur auf die Oma ein. Sondern brüllen routinemäßig längst alle und jeden an. Auch mich.
Neben dieser Alten allerdings hockt ein kleiner Kerl, kaum größer als sie, der ihr nicht von der Seite weicht. Der Urenkel eben. Er hat lange, schwarz gefärbte Haare, schwarz geschminkte Augen und trägt überhaupt nur schwarz. Genau wie die Alte. Ein Grufti, wie mir scheint. Mit geweiteten Ohrläppchenlöchern und diversen Metallsteckern im Gesicht. Ein fantastisches Bild, auch wenn es vermutlich nur in schwarz-weiß gebracht wird. (15 Euro, immerhin!)
Die Jubilarin tätschelt ihrem Liebling den Arm, während ich das Bild mache. Etliche ältere Damen und Herren drücken sich derweil etwas abseits herum und wissen nicht wissen, was sie tun, was sie sagen sollen. Die Oma sei eine alte Hexe, heißt es später hinter vorgehaltener Hand. Früher habe sie häufig mit wechselnden Männern verkehrt, die zuletzt auch noch wesentlich jünger gewesen seien als sie. Außerdem habe sie vermutlich mit Abtreibungen zu tun gehabt, heute dürfe man ja darüber reden. Und der Junge, der käme ganz nach ihr. Ein Satanist sei er. Einer, der es mit den dunklen Mächten habe, das wäre doch unübersehbar.
Die Alte lacht derweil. Laufen kann sie nicht mehr, sitzt nur da, tief in ihren alten Sessel gedrückt. Und nickt und wackelt mit dem Kopf.
"Alles Unsinn", erklärt sie mir, während sie zum Abschied meine Hand drückt. "Aber lustig, oder? Die wissen eben nichts, gar nichts vom Leben. Ich weiß auch nicht warum. An mir liegt das nicht. Nur der hier, der hat ein Herz."
Der Junge neben ihr grinst, wie man es so einer schwarzen Gestalt gar nicht zugetraut hätte. Die Alte schaut zu ihm hoch, über ihre dicke Brille hinweg. Dann stupst sie ihm kräftig mit der Faust in die Rippen.
Schade, daß man so etwas nicht schreiben kann. Nicht unter einem Jubilarenfoto in einem Anzeigenblättchen. Da steht dann: Die Jubilarin ist für ihr hohes Alter topfit. Soweit ihr das möglich ist, hält sie regen Kontakt zu heutigen Jugend. "Das hält jung", sagt sie. "Und viel Lachen natürlich."
So ist das eben, Schreiben für Geld. Alles Lüge, aber eine hohe Kunst. Doch das Bild zumindest, das war exquisit. Hängt heute noch über der Kaffeemaschine in der Redaktionsküche. Wetten? Ich bin sicher.
In vielen Fällen heißt das, für irgendwen irgendwas zu schreiben. Für Geld. Und das dann auch noch ziemlich toll zu finden, zumindest anfangs. Später relativiert sich dann diese Einschätzung, mitunter sogar ziemlich schnell. Spätestens wenn die Realität des Zeilenzählens einsetzt.
Ich selbst bin seinerzeit bei einem regionalen Anzeigenblättchen gelandet. Die Zeile wurde mit 20 Cent abgerechnet, Fotos lagen zwischen 15 und 20 Euro. Darüber hinaus gab es noch 22 Cent pro gefahrenen Kilometer. Also zwei Cent mehr als für die Zeile. Obwohl doch fahren wesentlich einfacher ist als schreiben. Dachte ich damals. Kilometergeld habe ich dann auch nie abgerechnet, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß gar nicht warum.
Herumgefahren bin ich allerdings viel. Ich war bei Hallenbaderwiederöffnungen zugegen, habe in Zirkus- und Bierzelten geschwitzt, unendlich viele Jubilare im Kreise ihrer Lieben abgelichtet und auf Straßen- und Kirchenfesten getanzt. Zu allem und jedem habe ich mir die vorgeschriebene Zeilenzahl abgerungen. Selbst dann, wenn es im Grunde nichts zu sagen gab. Spaßig ist das nicht, das habe ich bald herausgefunden.
Bilder sind einfacher. Bilder habe ich immer gern gemacht, auch nach zwei Jahren noch.
Im Autohaus Matschke habe ich den späteren Oberbürgermeister im neuesten Cabriomodell der Marke - die mir inzwischen leider entfallen ist, war aber ein großer Anzeigenkunde, der Matschke, das weiß ich noch genau - fotografiert. Ein Schnappschuß, zusammen mit seiner Frau, wie ich dachte. Ein Bild, das leider nicht benutzt werden durfte. Aus wahltaktischen Gründen. Es war nämlich gar nicht seine Frau, wie sich herausstellte. Zum Weltaidstag 1997 drängte sich der beste Freund des Vereinsvorsitzenden irgendeines Fördervereins vor die Linse. Um welchen Verein es sich eigentlich handelte, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob ich es damals wußte. Aber eine hübsche Spende hatte der Mann locker gemacht. Es handelte sich übrigens um unseren Chefredakteur. Ordentlich frisiert, mit Schlips und Kragen, sogar nüchtern war er. Wenn ich mich recht erinnere. Der Typ, von dem zur selben Zeit Bilder vom Betriebssommerfest die Runde in der Redaktion machten. Die, wo er sturzbetrunken in die letzte Grillkohleglut pinkelt. Und das Foto von dem Golfplatzbesitzer habe ich gar nicht erst selbst gemacht. Das habe ich mir zuschicken lassen, von seinem Sekretär, per Email. War ganz einfach. Abgerechnet habe ich es natürlich trotzdem. Farbfoto, 20 Euro.
So ging das damals. Wenn der Chef ein Säufer ist, geht fast alles. Doch nach einer Weile war das Schreiben Routine. Mehr noch, es wurde lästig und ungenau. Und noch später eine Quälerei, die im Grunde mit allen Mitteln zu vermeiden ist. Streckenweise grauenhaft.
Das Interview mit dem Golfplatzmenschen zum Beispiel habe ich dann auch komplett erfunden. Am Telefon habe ich lange mit seinem Sekretär geschwatzt, das schon. Den kannte ich noch von der Uni, aus dem Schwulen- und Lesbenreferat. Es war lustig, mit ihm zu reden nach all der Zeit. Er hatte Jahre vor mir seinen Abschluß gemacht, und ich verstehe wirklich überhaupt nichts von Golf. Der Rest war reine Phantasie. Dem Golfplatz hat das nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Ich wurde sogar zitiert, und der Besitzer war darüber vermutlich höchst zufrieden. Oder sein Sekretär hat ihn irgendwie besänftigt. Oder mein Chef hat doch noch das extragroße Weihnachtspräsent für regelmäßige Großkunden herausgerückt, das er seit Monaten schon sinnlos in seinem Luxussportwagen mit sich spazierenfuhr. Keine Ahnung, ich hab nie etwas darüber gehört. Vielleicht hat dem Golfer auch einfach nur gefallen, was ich geschrieben habe. Er war darin, glaube ich, als eine Art Künstler dargestellt. Irgendwie lag mir das wohl nahe. Damals.
Am Besten aber waren die Dreiundneunzigjährige und ihr Urenkel in Beyenburg. Eigentlich ist gerade so etwas immer besonders langweilig. Die Alten hören und sehen nix mehr, und die Lieben, die sie umkreisen, schreien nicht nur auf die Oma ein. Sondern brüllen routinemäßig längst alle und jeden an. Auch mich.
Neben dieser Alten allerdings hockt ein kleiner Kerl, kaum größer als sie, der ihr nicht von der Seite weicht. Der Urenkel eben. Er hat lange, schwarz gefärbte Haare, schwarz geschminkte Augen und trägt überhaupt nur schwarz. Genau wie die Alte. Ein Grufti, wie mir scheint. Mit geweiteten Ohrläppchenlöchern und diversen Metallsteckern im Gesicht. Ein fantastisches Bild, auch wenn es vermutlich nur in schwarz-weiß gebracht wird. (15 Euro, immerhin!)
Die Jubilarin tätschelt ihrem Liebling den Arm, während ich das Bild mache. Etliche ältere Damen und Herren drücken sich derweil etwas abseits herum und wissen nicht wissen, was sie tun, was sie sagen sollen. Die Oma sei eine alte Hexe, heißt es später hinter vorgehaltener Hand. Früher habe sie häufig mit wechselnden Männern verkehrt, die zuletzt auch noch wesentlich jünger gewesen seien als sie. Außerdem habe sie vermutlich mit Abtreibungen zu tun gehabt, heute dürfe man ja darüber reden. Und der Junge, der käme ganz nach ihr. Ein Satanist sei er. Einer, der es mit den dunklen Mächten habe, das wäre doch unübersehbar.
Die Alte lacht derweil. Laufen kann sie nicht mehr, sitzt nur da, tief in ihren alten Sessel gedrückt. Und nickt und wackelt mit dem Kopf.
"Alles Unsinn", erklärt sie mir, während sie zum Abschied meine Hand drückt. "Aber lustig, oder? Die wissen eben nichts, gar nichts vom Leben. Ich weiß auch nicht warum. An mir liegt das nicht. Nur der hier, der hat ein Herz."
Der Junge neben ihr grinst, wie man es so einer schwarzen Gestalt gar nicht zugetraut hätte. Die Alte schaut zu ihm hoch, über ihre dicke Brille hinweg. Dann stupst sie ihm kräftig mit der Faust in die Rippen.
Schade, daß man so etwas nicht schreiben kann. Nicht unter einem Jubilarenfoto in einem Anzeigenblättchen. Da steht dann: Die Jubilarin ist für ihr hohes Alter topfit. Soweit ihr das möglich ist, hält sie regen Kontakt zu heutigen Jugend. "Das hält jung", sagt sie. "Und viel Lachen natürlich."
So ist das eben, Schreiben für Geld. Alles Lüge, aber eine hohe Kunst. Doch das Bild zumindest, das war exquisit. Hängt heute noch über der Kaffeemaschine in der Redaktionsküche. Wetten? Ich bin sicher.


feederruten
am 26. Okt, 18:56