
Spiel'n Se doch mal Sinatra
Als ich über "Für Elise" hinaus war, gefiel mir der Satz aber besser so, wie er ihn gesagt hatte. Wörtlich. Weil ich dann, falls mein Gewissen Bedenken anmeldet, entgegnen könnte: Dann mal los.
Gemeldet hat sich mein Gewissen nie. Im Gegenteil, uns beiden gefiel die Idee ziemlich gut, für ein paar Stunden an einem, nun ja, verlebten Wirtshausklavier zu sitzen, zu spielen - also: Spaß zu haben - und damit auch noch ein paar Mark zu verdienen.
Beim ersten Mal, an einem Sonntagabend, war Schuhbeck da. Besser gesagt: ich seinetwegen. Er kochte, ich unterhielt beim Essen, er stand im Vordergrund, ich saß dahinter. Ran durften wir abwechselnd: Ich spielte ein paar Takte aus "Cabaret", er erzählte, wie er gleich aus ein paar Schwammerl ein Soßerl kreiert, während er das tat, improvisierte ich Boogie Woogie, dann sprach wieder er, dann spielte wieder ich, hin und her, am Ende des Abends schüttelten wir uns die Hände, dann verdrückte ich ein Schnitzel und fuhr nach Hause, am nächsten Morgen stand eine Lateinklausur an. Ich durfte wiederkommen. Immer sonntags, sofern da nicht Brunch ist.
Als Einstieg spielte ich meistens einen langsamen Walzer – damit kannst du dich schön unauffällig in den Hintergrund schleichen, ohne dass gleich jemand ausruft, Aha, der Pianist, spiel'n Se doch mal Sinatra, können Sie doch, oder? Keine Frage, dass ich diesen Satz trotzdem regelmäßig zu hören kriegte, einmal pro Nachmittag mindestens. Auch immer wieder gerne genommen: As Time goes by. Die Schicksalsmelodie. Und: In the Mood. Alles kein Ding – ich hätte, wäre ich gebeten worden, sogar den Bratmaxe-Song gespielt.
Langsame Walzer gingen überhaupt gut. Weil du da immer noch eine weitere Wiederholung spielen kannst, ohne dass es langweilt. Mal schnell, dann wieder langsamer, vielleicht alles ein paar Töne höher – und natürlich mit langem Intro. Was du eben so machst, wenn du für drei Stunden gebucht bist, dein Repertoire aber nur zwei Stunden hergibt. Egal, ein guter Boogie darf schon mal ein Viertelstündchen dauern, fand ich, zuzüglich Applaus wegen der halsbrecherischen Improvisationen. Das kam vor. Trinkgeld? Bitte einfach oben auf den Resonanzkasten. Kam auch vor, dass mir jemand ein Bier hinstellen ließ, "Gebt dem Mann am Klavier…" und so weiter, kennt jeder, habe ich gemerkt. Danke, signalisierte ich dann lächelnd in Richtung des winkenden Spenders, und ließ es stehen. Ein Bier, zehn Finger und 88 Tasten vertragen sich bei mir nicht wirklich gut. So breit sind die Tasten ja auch wieder nicht.
Meistens aber wurde ich einfach in Ruhe gelassen. Ich kam, saß und spielte, trank zwei doppelte Espressi, ging irgendwann pinkeln, spielte weiter. Drei Stunden sind viel Zeit zum Nachdenken – und wenn du nicht gerade von As-Moll nach Fis-Dur modulieren musst, kannst du das sehr ausgiebig tun. Ausgangspunkt: meist eine Textzeile des Liedes, das ich gerade spielte (dann wurde es sehr schnell melancholisch). Oder die Duftschwaden eines Gerichts, das am Tisch hinter dir gegessen wird (einen Schweinsbraten mit einem Schwammerl-Soßerl essen manche Leute ja auch zur Kaffeezeit). Oder auch ganz andere Sachen. Dass Größe im Vergleich zu Virtuosität keine Rolle spielt, dass aber die Frage, wie lange du durchhälst, noch wichtiger ist. Dass komplexe Improvisationen meistens eher mittelmäßig ankommen, die simple Anfänger-Bearbeitung von Memory aus Cats aber immer einschlägt. Und dass du, wenn du fertig bist und merkst, du wirst nicht mehr gebraucht, am besten austrinkst und gehst. Weil du dann am ehesten wiederkommen darfst. Außer es ist dann Brunch.


xexe
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