0405 - War jung, brauchte das Geld

Liebe LeserInnen!

Kristina Mittendorfer
Nach 2,5 Jahren und 38 Ausgaben wird die redaktionelle Betreuung von mindestenshaltbar.net durch Knallgrau nun eingestellt.
Wir bedanken uns bei den vielen engagierten AutorInnen und FotografInnen für die interessanten Texte und die schönen Illustrationen und bei den LeserInnen für angeregte Diskussionen!
Die Entscheidung von Knallgrau die Erscheinung neuer Ausgaben nicht mehr weiterhin zu begleiten, muss allerdings nicht die Einstellung des Magazins bedeuten. Wir laden hiermit alle Interessierten herzlich dazu ein sich der Betreuung des Magazins in Eigenregie anzunehmen und sich mit uns in Verbindung zu setzen!

Editorial

Don Dahlmann
Es gibt so einigen Jugendsünden, aber kaum eine ist einem später so peinlich, wie ein kurzfristig angenommener, höchst peinlicher Job.
"Ich war jung und brauchte das Geld" ist schon zu einem gefügelten Wort geworden. Was macht man nicht alles, wenn man sein Interrail-Ticket bezahlen, oder seiner Freundin imponieren möchte. Das fängt beim eher unpeinlichen Rasen mähen bei den Eltern an und hört auf bei Jobs, die einem so peinlich sind, dass man aus seiner Vita streicht. Auf der anderen Seite sind es genau diese Jobs und Begegnungen mit den dort arbeitenden Menschen, die spannende und schöne Geschichten beinhalten. Diesen Monat haben sich neun Autoren bereit gefunden in der Vergangenheit zu wühlen und dabei kam so einiges an Tageslicht. Nachzulesen in dieser Ausgabe von "mindestenshaltbar".

Für den Sommer gibt es auch einen kleinen Versuch mit dieser Seite. Normalerweise arbeiten wir mit einem festen Stamm von Autoren, aber nun möchte ich zusätzlich mal etwas Neues ausprobieren, und auch allen Lesern und Interessierten die Möglichkeit geben, hier eine Geschichte zu veröffentlichen.

Das Thema für den Juni lautet: Schüleraustausch

Es geht also um Erlebnisse und Geschichten von Schüleraustauschen, die man ja in seiner Schulzeit mindestens einmal erlebt hat.

Abgabetermin: 13.06.08, gern auch früher.

Honorare können wir, wie wohl bekannt, leider keine zahlen.

Den fertigen Text bitte als .txt Datei an: mindestenshaltbar@dondahlmann.de

Jetzt aber erst einmal viel Spaß mit der neuen Ausgabe!

Das ABBA-Trauma und der Supabba

René Walter
Ich habe ein ernsthaftes Problem mit ABBA. Die gehen gar nicht, obwohl jeder, der ein kleines bißchen Ahnung hat von Popmusik, bestätigen wird, dass diese Band großartige Songs geschrieben hat, die um die Welt gingen und deren Interpreten zurecht auf der ganzen Welt mit Lob und Geld überhäuft wurden.
Und bis zu meinem 17. Lebensjahr war mit das auch völlig schnuppe. Egal. Es gab nichts, was mir noch weiter entfernt an meinem Allerwertesten vorbeigehuscht wäre. Ich konnte auf Parties, wenn der Super Trooper aus den Boxen schallte, immer noch lachend mein Bier in genau der Hand halte, die heute bei der kleinsten bekannten ABBA-Tonfolge zu zittern anfängt wie die eines Alkoholikers am Montagmorgen. Meine Lippen zu Schlitzen gepresst, meine Augen schreckgeweitet strömt mir der Angstschweiß aus allen Poren, bekleckert mein Shirt, die Bierflasche rutscht aus meinen nassen Händen und zerschellt am Boden neben den nervös scharrenden Turnschuhen in tausende Scherben aus braunem Glas.

Und das kam so:

Es begab sich also im Jahre 1991, dass dem allseits beliebten René die Herbstferien ins Haus standen und da man als 17jähriger Gymnasiast notorisch unter Geldmangel leidet, suchte er sich einen Job und fand den in einer Supermarktkette, die Jahre später von einem amerikanischen Unternehmen mit zweifelhaftem Ruf aufgekauft wurde, nur um zu erkennen, dass die Dinge in Deutschland anders ticken als in Amerika, wo man Apfelscheiben in heißen Schmelzkäse tunkt. Ich hatte schon vorher in Supermärkten gejobbt, bei Inventuren oder auch als Einkäufer für eine Abteilung, war also auf alles gefasst, was da kommen sollte. Doch nicht auf die Qual und Pein, die ich dort zwischen Kassen und Kunden erleiden sollte.

Als ich am ersten Tag pünktlich meine Aushilfsstelle antrat, verpasste man mir zunächst den blauen Kittel samt Namensschild, auf dem schlicht "Walter" stand. Meinen Spitznamen hatte ich für das nächste halbe Jahr weg, ich war von da an der "Wertkauf-Walter", eine meiner Meinung nach ungeschickte und viel zu holprige Formulierung für einen Spitznamen. Aber was will man machen, denn 1.) man kann sich seine Freunde nicht aussuchen und 2.) stand es ja so auf dem Schild schwarz auf weiß geschrieben. Was will man machen. Viel größer die Freude meinerseits, als der Marktleiter mir eröffnete, was mein Job sein sollte in den anstehenden zwei Wochen: ich sollte im Ausgangsbereich des Marktes Videos und CDs verkaufen. Musik! Filme! Mein Leben! Ich rieb mir die Hände in der Vorstellung von René als hauseigenem Supa-Deejay, der sich der Groupies Kundinnen kaum erwehren konnte und als sich Bonus für seine Verdienste einhundert CDs aus dem Komplettangebot aussuchen durfte. Aber es kam alles ganz anders.

Zunächst baute ich also den Stand auf, ein CD-Regal, bestückt mit Samplern und Best-Ofs, fuhr ich mit einem Hubwagen zum dem Ort, an dem ich mir in den nächsten zwei Wochen die Beine in den Bauch stellen sollte. Hiernach noch ein Regal gefüllt mit Zeichentrick- und billigen Musik-Videos. Die Auswahl entsprach also schonmal nicht meinem damals schon immensen Anspruch an Film- und Musik-Qualität, aber ich dachte mir: "René, jeder fängt mal klein an!"

Als der Stand aufgebaut und sogar mit einem Stuhl in der Ecke versehen war ("Aber nicht dauernd rumsitzen, Junge! Sonst verkaufen wir nix! Ich kontrollier das!"), holte Mr. Marktleiter einen tragbaren Fernseher mit integriertem Videoteil, damals eine hochmoderne Medienkovergenzmaschine - heute würde man Video-iPod dazu sagen -, packte eine Kassette aus ("Den Rest musst Du verkaufen"), auf der ich, ihr werdet es ahnen, "ABBA Gold - Greatest Hits" lesen konnte. Er schob die Kassette in den Player, drückte auf Play und erklärte mir zu "Waterloo" die Funktionen der Kasse.

"Wenn Du Fragen hast, frag einfach die Anna" sagte er und zeigte auf eine Kassiererin um die Vierzig, ein Alter, das mir damals so alt vorkam, wie das der uralten Morla aus der unendlichen Geschichte. Sie war dennoch sehr nett und erklärte mir jeden Abend die Endabrechnung an jeden Tag dieser zwei Wochen, und am Ende hatte ich sie wirklich ins Herz geschlossen, im Gegensatz zu Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die bei ihrem Bandnamen so kreativ waren, eine Abkürzung aus ihren Vornamen zu bilden. Man möge mir verzeihen, aber was nun folgte, machte mich ABBA-technisch tatsächlich fertig.

Nach meinem ersten Tag mit circa 5 Stunden Beschallung durch Abbas 19 größte Hits träumte ich, ich sei Benny und säße am Klavier und begleite zwei schwedische Schönheiten beim Vortrag von "Mama Mia". Nach zwei Tagen und 13 Stunden ABBA-Folter, bat ich Mr. Marktleiter doch bitte ein weiteres Tape auszupacken, der Abwechslung willen. "Nix, wir müssen ja auch was verkaufen, oder? Und ABBA sind doch toll, was haste denn?" war seine äußerst unbefriedigende Antwort. Nach fünf Tagen mit insgesamt 37 Stunden ABBA-Vertonung war ich dem Wahnsinn nahe und überlegte ernsthaft, den Job wegen eines Videotapes in Endlosschleife hinzuschmeißen. Doch ich überwand meinen inneren Schweinehund und hielt durch, volle 10 Arbeitstage mit 77 Stunden intensiven Studiums des ABBAschen Popvermächtnisses für ganze 1600 Mark. Wenn ich heute also sage: "Ich HASSE ABBA!", dann weiß ich verdammt nochmal ganz genau, wovon ich rede, denn niemand auf diesem verfluchten Planeten hat sich so intensiv mit der Musik dieser Band auseinandergesetzt wie ich in diesen zwei Wochen.

Ich sah Sterne bei den Klängen von "Waterloo", ich kotzte innerlich im Rythmus von "Knowing Me, Knowing You" Bäche in meine musikalische Sensibilität und das "Supapa Supapa" aus "Super Trooper" verfolgt mich noch heute. Aber wisst Ihr was? Ich habe meinen Frieden gemacht mit den schwedischen Harmonie-Superfrisuren, deshalb traue ich mich auch, ein Video von ABBA hier reinzuklatschen und träume heute nacht sicherlich wieder von Agnetha.

Rene Walter

René Walter blogt bei Nerdcore, Spreeblick und
Fuenf-Filmfreunde
, ist nebenbei noch Webdesigner und Grafiker. Er hat eine popkulturelle Bandbreite von Mashups bis Metall, von B-Film bis Dokumentation, von den 50er Jahren bis 2057.
Kernkompetenzen liegen bei Musik, Film und Design, am liebsten gepoppten Punk oder gepunkteten Pop. Und Reggea ist eine Seifenmarke auf Norderney, oder nicht?

Talkin' all that jazz

Herr Paulsen
Unglaubliche 47,-DM zahlte ich 1997, beim Westport Jazzfestival in Hamburg, um Rockers Hifi zu sehen, ihre Platte "Mishmash" war im Jahr zuvor erschienen.
Ein düsteres Dub-Monster mit minimalistischen TripHop-Anklängen. Niemand in meinem Freundeskreis wusste mit der Platte etwas anzufangen, der hohe Eintrittspreis war ebenfalls eine Hürde und so ging ich an diesem Abend alleine los. Das Konzert war auf 23:00 Uhr angesetzt, ich hatte es mir an einem Bierstand, vor dem hell erleuchteten
Festivalzelt gemütlich gemacht, genoss die warme Sommernacht und kaltes Bier. Die Herren Rocker ließen auf sich warten, mittlerweile war es halb eins und außer vereinzelten "Test-Test..."-Rufen aus dem Zelt, tat sich nichts, ich langweilte mich ein wenig und kam auf dumme Gedanken.

Ich fand, es sei nun an der Zeit, mal nachzusehen warum es denn nicht voran gehe, mit dem Bühnenaufbau und näherte mich unauffällig dem Eingang zum Backstage-Bereich. Zwischen dem Konzertzelt und einer lang gezogenen, kleinen Steinmauer führte ein Weg direkt hinein ins Allerheiligste. Damit nun nicht ein jeder gelangweilte, bierbeflügelte Festivalbesucher da rein rennt um mal nachzusehen, warum es denn nicht voran geht mit dem Bühnenaufbau, wurde der Weg bewacht von einem schrank-ähnlichen Fleischkappenmonster mit bunten Tätowierungen, die verkündeten, das er privat eher nicht so auf Rockers Hifi steht. Ich grüßte
Zerberus freundlich und ließ mich auf der Steinmauer nieder. Hinter Zerberus. Ich trank beherzt mein Bier aus, wurde beherzt unsichtbar, drehte mich um hundertachtzig Grad und ließ mich von der Mauer fallen.

Drin!
Zerberus hatte mein Kunststück nicht bemerkt und starrte pflichtbewusst vor sich hin, ich lief eilig um die Ecke, ein paar Treppen noch und ich stand auf der Bühne. Um mich herum wurde emsig geschraubt und verkabelt, angestrengte Minen überall, ich selbst legte auch gleich meine Stirne in sorgenvolle Falten und überprüfte die Plattenspieler von Rockers Hifi. Der Mann am Mischpult bemerkte mich, mit hochgezogenen Augenbrauen sah er erstaunt zu mir herüber, ich winkte ihm freundlich zu, formte meine Hände zu einem Trichter und rief: "Alles in Ordnung hier!".

So ein Aufbau macht Durst, ich folgte den Pfeilen zum VIP-Zelt, machte ein wichtiges Gesicht und bestellte ein Bier auf englisch: "Hi, Darling, one beer please!", dabei bemühte ich mich um einen britischen Akzent. Es funktionierte und mit meinem Gratisbier setzte ich mich an einen Tisch zu den anderen Musikern.

Mein Tischnachbar, ein goodlooking black brother mit schicker Hornbrille, drehte sich erwartungsvoll zu mir, ich hob meinen Becher und prostete ihm zu: "Cheers!". Freundlich lächelnd prostete er zurück und ich fragte, ob er auch Rockers Hifi sehen wolle. Ja,ja, hochinteressant seien die, antwortete er mir, sein Akzent war amerikanisch, eine angenehme, weiche
Stimme. Wir schlossen schnell Freundschaft, mein Gegenüber entpuppte sich als ein Fachmann in Sachen Jazz und wir unterhielten uns über die Einflüsse der elektronischen Musik auf den Jazz, ich erwähnte in diesem Zusammenhang lobend die Pionierleistungen von Herbie Hancock auf diesem Gebiet, mein Gesprächspartner war da ganz einer Meinung mit mir. So spannend war unser Gespräch, das alle am Tisch uns gebannt zu hörten, keiner sprach ein Wort.

Dann wurde ich ein wenig enttäuscht, einer der Zuhörer hatte sich erhoben, ich nahm an, er wolle Bier besorgen, aber nein, er kam zurück und hatte Zerberus mitgebracht. Zerberus unterbrach uns unfreundlich, legte seine Hand auf meine Schulter und fragte nach: "Die harte Tour oder freiwillig." Ich entschied mich für freiwillig, verabschiedete mich per Handschlag von meinem kompetente Gesprächspartner und folgte Zerberus zum Ausgang. Ich kann mich irren, meine aber, entfesseltes Gelächter aus dem Vip-Bereich gehört zu haben.

Zu meinem großen Erstaunen entdeckte ich am nächsten Tag in der Zeitung ein Foto meines Gesprächspartners. Die Bildunterschrift: "hoher Besuch beim Westport: Mr. Herbie Hancock gibt sich die Ehre."
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.

Lack und Langeweile

Kaltmamsell
Einfach wäre es, mit „Aktmodell für eine lokale Künstlergruppe“ aufzutrumpfen, aber erstens wäre das billig, zweitens war ich zu meiner Akt-Zeit bereits in festem Lohn und Brot.
20 Jahre alt, und der Job war hauptsächlich Teil meiner Kampagne "ich freunde mich mit meinem dicken Körper an".

Erinnernswerter ist da schon der Sommer Anfang der 90er, in dem die Redaktion, in der ich sonst die Semesterferien über Urlaubsvertretung machte, mich nicht brauchen konnte. Ich war gottsfroh, beim großen Automobilproduzenten am Ort zu landen. Mein Job als "Werkstudentin" (keine Ahnung, warum die Ferienjobber dort bis heute so heißen) war in der Lackiererei, Qualitätssicherung.

Der Arbeitsplatz lag so richtig mitten in einer der riesigen Produktionshallen. Er erinnerte ein wenig an eine Pferdebox: Ein schulterhohes Metallgestell umgab eine gut autogroße Fläche, die an einer Seite offen war. An dem Gestell waren Scheinwerfer befestigt, über die offene Seite wurden frisch lackierte Karossen eingeschoben. Der väterliche Meister im grünen Kittel, der sein Kabuff gleich nebenan hatte, gab mir einen weißen und einen schwarzen dicken Wachsmalstift, ein Klemmbrett mit Formularen und ein Prüfgerät in der Größe eines Kassettenrekorders.

Sechs Wochen lang war es meine Aufgabe, Karossen in das Gatter zu schieben und die Lackierung zu überprüfen. Einschlüsse und Unregelmäßigkeiten umkringelte ich mit dem Wachsstift (weiß für dunkle Lacke, schwarz für helle). Das Gerät war dazu da, die Dicke der Lackschichten zu messen. Alle Ergebnisse und Funde trug ich in ein Formular ein, das ich an der Karosse befestigte, bevor ich sie zurück auf die Fertigungslinie schob. In der Nebenbox arbeitete ein fest angestellter, dürrer alter Mann in blauem Kittel. Vielleicht war er gar nicht so alt, aber sein fehlender Arm sah nach Kriegsverletzung aus, Jahrzehnte langer Alkohol-Abusus hatte seinen Teint korrodiert.

Der große Haken: Über den Tag verteilt sollte ich sechs Karossen überprüfen. Pro Karosse brauchte ich selbst bei peinlichst genauer Untersuchung höchstens 25 Minuten. Damit musste ich aber täglich siebeneinhalb Stunden füllen - netto, denn Pausen wurden addiert. Ich war unterbeschäftigt bis weit über die Schmerzgrenze.

Also nahm ich schon bald ein Buch mit in die Arbeit und stellte mich lesend an das Metallgestell. Keine gute Idee: Der Meister wies mich darauf hin, dass ein vorbeilaufender Abteilungsleiter aus meinem Lesen schließen könnte, dass nicht genug Arbeit für zwei Qualitätsprüfer da sei (richtig!) und eine Stelle streichen könnte (das wollte ich natürlich nicht).

Somit verwandte ich sechs Wochen lang all meine Energie darauf, beschäftigt zu erscheinen. Ich hatte nie einen anstrengenderen Job. Zehn-Minuten-weise verkroch ich mich in einen der Brotzeiträume bei den Werkstätten im Keller zum Lesen. Dann musste ich mich mal wieder blicken lassen. Ich setzte einiges an Ehrgeiz daran, die Karossen immer noch gründlicher zu kontrollieren. Aber irgendwann gab es Reklamationen, weil alle Karossen, die ich geprüft hatte, fast flächendeckend von Wachsmal-Kringeln überzogen waren. In meiner Not hatte ich sogar besonders glatte Flächen angekringelt: Derart überglatt, das konnte doch nicht normal sein? Das musste doch auf einen Fehler in der Programmierung der Spritzroboter hindeuten? Ich begann mich zum Zeitvertreib intensiv mit Lackiertechniken im Markenvergleich und aus historischer Perspektive zu befassen. Doch als Quelle hatte ich nur Kollegen, die entweder tatsächlich etwas zu tun hatten oder mir bei aller Freundlichkeit bedeuteten, dass ich sie nervte.

Ich sehnte mich inbrünstig nach den Lokalredaktionen meiner Zeitungsjobs, nach den Scharmützeln mit Freien Mitarbeitern ("So ungekürzt veröffentlichen, da ich eigens zu dem Termin gefahren bin!!!"), nach der Gänsehaut über Vereinsfotos, nach der Behäbigkeit eines Monopolblattes. Ich spürte, wie mein Hirn über die Wochen hinweg in Stand-by-Modus fiel, überfordert von Leere.

Einen echten Nutzen hatte der Job dann doch: Ich durfte die speziellen Wachsstifte mit nach Hause nehmen. Und nutzte sie, um eines Nachts einem Freund auf die Motorhaube seines roten Citroën 2CV einen Brief zu schreiben.
Geboren 1967 in Zentralbayern, Lebensmittelpunkt München, Interessen Geschichten, Broterwerb durch Geschichten über Unternehmen. Manchmal gehässig.

Vorspeisenplatte - Weblog von Kaltmamsell

Waschen, Legen, Haare fegen

Björn Grau
Freunde, nun da wir den Weg ein Stück zusammen gegangen, erinner ich mich daran zurück, wie alles angefangen hat.
Als mein Vater im Familienkreis verwundert berichtete, dass in seiner Lieblingssauna montags immer nur Männer und diese gerne pärchen- oder grüppchenweise verkehrten, erklärte mein Onkel diesen Umstand süffisant grinsend mit: "Na, montags haben Frisöre frei." Ich saß mit am Tisch, wohl wissend, dass die beiden in ihrer Skepsis gegenüber Homosexuellen und mit ihren Vorurteilen gegenüber Frisören gerade einen Moment lang nicht daran gedacht hatten, welche Berufsausbildung ich kürzlich aufgenommen hatte.

Wir waren vier Männer im Salon. Es war so ein Hipsterladen. Wir waren in einem Team von Friseuren, die eigene Schnittmoden und Färbekonzepte entwickelten. Für deren Entwicklung und Präsentation brauchten wir Models. Junge, gutaussehende, zeigefreudige Frauen. Um deren oft lange Haare in neue Formen und Farben zu bringen und um dabei nicht die Gewänder der Versuchspersonen zu ruinieren, hatten wir sogenannte Schneidekleider im Angebot. Das waren Stofftücher, die frau sich so um den Oberkörper wickeln konnte, dass nach dem Ausziehen von Blazern, Blusen, Shirts etc. der Rücken frei blieb. Wir überließen es den Mädchen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Die neuen Haarmoden entwickelten und testeten wir abends nach den regulären Salonzeiten, gern mit ein wenig Schaumwein und Fingerfood. Irgendwann schickte der Chef uns andere nach Hause und machte allein weiter.

Unsere Stammkundinnen waren Gattinen und Geliebte der lokalen Unternehmer- und Managementelite, die unbedingt unsere ausgefallenen Kreationen auf dem Kopf tragen wollten. Nicht nur junge, meist wohlhabende, immer exsaltierte Frauen.
Um deren edles Haar akkurat schneiden zu können und um nicht regresspflichtig die oft teuren Leibchen beim Färben zu versauen, hatten wir auch im Kundenbetrieb die Schneidekleider im Angebot. Wir überließen es den Kundinnen, wie eng sie die Schneidekleider banden. Vor Festtagen möbelten wir die örtliche Damenwelt gern auch in Extraterminen nach den regulären Salonzeiten auf. Sollte ja keine ohne unser Werk beispielsweise beim Weihnachtsdiner sitzen oder bei einer Industriellenhochzeit auflaufen müssen. Die Kundinnen brachten zu diesen Sondertreffen gerne Schaumwein und Fingerfood mit.
Wir vier Männer im Salon hatten eine kleine Entertainmentshow entwickelt, in der wir uns zum einen Konversationsbälle geschickt und voller Esprit zuspielten, zum andern die Arbeitsschritte so aufteilten, das sich ein jeder nach seinen Fähigkeiten (und seinem Platz in der Rangordnung) für eine gewisse Zeit um die Kundin kümmerte. Meine Spezialität war eine Kombination aus gründlicher Haarwäsche und außergewöhnlicher Kopfmassage. Es gab Kundinnen (und einen Kunden, der mittlerweile ein guter Freund ist), die auch außerhalb der besonderen Termine gezielt nach mir fragten für den Waschgang. Das mochte ich. Manche zeigten ihren Genuss, den ihnen mein Service bereitete, durch tiefes, entspanntes Atmen und entkrampftes im Waschsessel Liegen. Wenige schnurrten wie Kätzchen. Das schmeichelte mir. Eine aber meinte einmal, sie müsse mir für fünf Minuten Haarwäsche zehn Mark Trinkgeld geben.

Und mir war wieder bewusst, dass sie zum Shoppen am Samstag kurz mal nach Mailand, London oder Paris flogen, während ich versuchte, mit knapp unter 500 Mark Ausbildungsvergütung im Monat über die Runden zu kommen. Ich habe das kein Jahr ausgehalten, sondern lieber den Taxischein gemacht und mich für Philosophie an der Uni eingeschrieben.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.

Supermarkt

Benjamin Reichstein
Als ich noch ein kleiner Junge war, gab es noch nicht so viele verzogene Eltern die Ihren Kindern einfach alles gekauft haben – sondern ich musste hart arbeiten um mir auch nur mal ein ranziges, altes Handy kaufen zu können.
Klein bin ich zwar immer noch, aber damals war das mit dem Geldverdienen noch so eine Sache. Bevor man die "magische 16" erreicht hatte, waren Nebenjobs so häufig wie Geschlechtsverkehr mit den Schönheiten der weiterführenden Schulen. Ja, auch das gab es damals nicht so früh! Jedenfalls nicht bei mir, nicht mal mit der Klassenmatratze. Aber ich schweife ab!
Irgendwann bekam ich doch mal die Gelegenheit. Einer meiner besten Freunde bot mir die Hälfte seines Lohnes an, wenn ich dafür auch die Hälfte seiner Zeitungen austrug. Überglücklich nahm ich sein Angebot an, nur um am nächsten Früh murrend in einer Tiefgarage zu sitzen und darauf zu warten das der Regen sich verzog. "Drei Stunden rumlaufen und nass werden für die paar Kröten? Arbeiten is’ scheisse!", rief ich und schmiss den Stapel Zeitungen dramatisch in die Ecke.
"Geh-nau! Aabeidn is schai…", erschallte es hinter mir, gefolgt von einem lauten Rülpser und dem Ende des Satzes, der mir mit einer Bierfahne entgegenwehte
"… schaisse!"
Als ich dem Rechtsradikalen, der aussah als hätte er mit einem dutzend irischer Holfäller ein Trinkspiel gespielt und verloren, tief in die Augen starrte hob ich meine Zeitungen hastig wieder auf. Mit so einem, nein, so etwas wollte ich überhaupt nichts gemeinsam haben. Also weiterverteilen, sich von alten Damen beschimpfen lassen und dem biestigen Rauhaardackel meiner Nachbarin ausweichen, der früh am Morgen genauso unkoordiniert wie die Betrunkenen umherwankte. Wie ich diese zottelige Fußhupe hasste!
Doch mit meinem ersten Job sollte es schon bald zuende gehen. Am zweiten "Allerherrgotsscheissfrüh!" – wie ich das immer nannte – lagen dem Paket nicht nur Zeitungen sonder AOL-CDs bei. Die Praline hab ich ja gern verteilt und selbst bei der Bild hab ich damals mangels Hintergrundwissen noch ein Auge zugedrückt, aber AOL? Das war gegen meine Grundprinzipien! Aber was sollte ich machen, das Zeug stand vor meiner Tür. Also verteilte ich auch diesmal: Die Zeitungen in die Briefkästen, die CDs in die Mülleimer. Wären ja doch im Endeffekt dort gelandet. Die Hüllen behielt ich jedoch um mir fortan nur noch Rohlinge in der Spindel zu kaufen und trotzdem nicht auf den Komfort eines selbstgestapelten CD-Turms verzichten zu müssen – ich sparte ja wo ich konnte.
Bald schon wurde ich erlöst von dem Elend, denn ich wurde 16 Jahre alt und somit "eingeschränkt arbeitsfähig". Klang zwar als wäre ich blind, taub und hätte nur noch einen Arm – aber das war mir völlig egal, denn ich konnte in einem nicht näher betitelten Supermarkt arbeiten. Echt jetz. Also quasi Real,-
Dort übertrug man mir die ehrenwerte Aufgabe des Kartoniers. Ich weis nicht mehr genau wie man die Hilfskräfte nannte die die leeren Kartons einsammelten, aber "Aushilfe" klang mir einfach zu langweilig. Zwei bis drei Stunden leichte Arbeit, vier Tage die Woche und jede Menge Proviant. Jedes Mal wenn irgendwo eine aufgerissene Packung im Regal lag oder eine Dose herunterfiel und auslief musste sie ins Lager zum "Ausbuchen" gebracht werden. Das heisst nur das die Packung in einen Karton geschmissen wird, damit später ein höherwertiger Mitarbeiter erfassen kann was alles kaputt ging. Der Inhalt wurde vernichtet. Meistens von uns.
Ich sage euch: was damals in den zwei Monaten in denen ich dort arbeitete alles zu bruch ging – man glaubt es nicht! Sehr beliebt waren diese Schokopralinen mit Espressofüllung, Haribo Gummibären und natürlich RedBull. Die ganz harten von uns "entdeckten" eine kaputte Schachtel Zigaretten an der Kasse. Natürlich musste man manchmal auch das billige Zeug fressen, damit es nicht auffiel.
Das entschädigte jedoch für die vielen nervigen bis verblödeten Kunden, die einen nach dem Weg fragten oder gar wegen der überteuerten Preise beschimpften und für die motivationssteigernden Reden des Chefs, der nichtmal unsere Namen kannte, obwohl wir sie als Schilder auf der Brust trugen.
Alle Anekdoten dieser Zeit zu erzählen würde wohl den Rahmen sprengen, eine muss ich jedoch noch loswerden. Eines Abends stand ich gerade im Spiritousenregal und war auf der Suche nach zwei kleinen Schnapsflasche zum "ausbuchen", da einer meiner Kartonierskollegen seinen letzten Arbeitstag hatte und bald als Grenadier durch eine Bundeswehrkaserne gehetzt werden würde. Plötzlich stand ein Riese neben mir und brummte folgende Frage in einem so tiefen Ton, das es meine Imitationskünste überschreitet: "Chabt ihr auch Vodka Gorbatschow?"
Auf seinem Firmenschild am Pullover konnte ich lesen, das er Ivan hies.
Ein Russe namens Ivan der nach Vodka fragt war ja eigentlich der Inbegriff eines Klischees und wer mich kennt, der weis das ich solchen Vorlagen absolut niemals widerstehen kann.
Aber aufgrund seiner gigantischen, vernarbten Hände, zwischen dessen Daumen und Zeigefinger ich sicher wie in einer Baumkrone sitzen konnte, traute sich kein Witz über meine zitternden Lippen.
"Ja, direkt hier vorne", antwortete ich also und zeigte auf die drei Flaschen im Regal.
"Zu wenig!", dröhnte er lautstark, "brauche zwei Karton!"
Verwirrt und halb taub steuerte ich ins Lager und holte ihm zwei Kartons – insgesamt also 12 Flaschen à 0,7 Liter Vodka. Mit weit geöffneten Augen überreichte ihm die Munition und mein Gesicht schrie gerade zu "WHAT THE FUCK!?"
Dies schien Ivan bemerkt zu haben, da er ein breites Lachen aufsetzte, meine ungestellte Frage mit: "Hahahah… Party!" beantwortete und dann mit dem Vodka und einer Packung Chips zur Kasse wankte.
Und ich könnte schwören das zwischen zwei seiner riesigen Zähnen der mittlerweile als vermisst gemeldete Rauhaardackel meiner Nachbarin steckte.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.

Weißer Sonntag

Christian Fischer
Heute ist weißer Sonntag. Der Tag, an dem üblicherweise die kleinen Katholiken zur Erstkommunion gehen.
Ich persönlich verbinde mit dem weißen Sonntag schon lange nicht mehr den Tag, als ich im ersten schwarzen, nein: dunkelblauen Anzug meines Lebens am Altar stand sondern eher einen anderen. Einen, von dem ich damals sagte, dass ich später bestimmt darüber lachen würde. Mal sehen, obs heute klappt.

Ich jobbte damals für eine Werbeagentur. Normalerweise fuhr ich Druckvorlagen zu Druckereien oder lieferte die druckfrischen Kataloge aus, die aufgrund der in der Branche üblichen Abläufe ("Hallo? Hallo Agentur? Übermorgen ist Messe und wir brauchen doch neue Kataloge!") erst zum zweiten Messetag aus der Druckerei gekommen waren.

Kurz vor Ostern jedoch kam eine andere Anfrage. Die Agentur arbeitete auch für eine örtliche Grossbäckerei die beschlossen hatte jedem Kommunionkind zur Feier des Tages einen Kuchen zu schenken.
Also jedem im Ort.

Das waren aber immer noch genug Kinder & Kuchen um ein paar Freunde und mich den gesamten Tag zu beschäftigen. Wir hatten zusammen die Namen und Straßen aufgeteilt, hatten uns Routen überlegt und uns Konstruktionen gebaut, mit denen wir jeweils so ca 50 Teighalbkugeln mit Schokoguß und einem Marzipanherz drauf im Auto transportieren konnten.

So jedenfalls die Theorie.

Die Praxis ergänzte diesen schönen Plan mit folgenden Details:
Es war warm. Zu warm für die Jahreszeit und erst recht zu warm, um Schokoguß ungeschützt im Auto zu transportieren. Die Kuchen bekamen einen feuchten Glanz und mein Auto roch wie das Schokoladenmuseum.

Um die Mendener Familien nicht zu überlasten hatten sich die Kirchengemeinden darauf geeinigt, die Feierlichkeiten auf den weißen Sonntag selbst und den darauffolgenden Sonntag zu verteilen - die Hälfte der Gemeinden am einen, die andere am anderen Sonntag. Unsere Listen waren leider nicht nach Gemeinden sortiert und so klingelten wir an jeder Tür und mußten erst einmal fragen, ob den heute hier überhaupt gefeiert werden würde, denn wenn ja, ja dann hätten wir da eine kleine Aufmerksamkeit ...
Sehr peinlich.

Überhaupt reagieren Familien an so einem Familienfeiertag manchmal gar nicht so erfreut auf so eine kleine Aufmerksamkeit. Jedenfalls nicht, wenn man während des Essens, während der Geschenkeübergabe, während des Eintreffens der bayrischen Verwandtschaft die man ja nur einmal im Jahr sieht, während des gemeinsamen Schnapses nach dem Essen, während der Vorbereitung zur Andacht oder während des Kaffeetrinkens nach der Andacht stört. Dazwischen gehts.

Dass meine damalige Freundin zwar begeistert bei der Sache dabei war, aber leider beim zweiten Haushalt für sich entschied, dass sie nicht mehr klingeln würde (zu peinlich), war eigentlich nur noch das I-Tüpfelchen.
So ähnlich wie die Tatsache, dass sie meinen Passat nicht fahren konnte (zu groß) und sie sich so den Rest des Tages auf dem Beifahrersitz langweilte (zu öde) auch.
Oder dass ihr von Schokolade und deren Geruch leicht übel wurde.

Den letzten der übriggebliebenen und eingefrorenen Kuchen haben wir im Freundeskreis übrigens zu Nikolaus gegessen.
Christian Fischer wurde gezwungen, seine Jugend auf dem Dorf zu verbringen. So vorgebildet wurde er fast zum Lehrer, dann Kurierfahrer, Jugendamtsfuzzi, kurz CallCenter-Anrufer und dann Webdesigner. Jetzt seit zehn Jahren ans Internet gestöpselt steht er fast nur auf, um neue Alltagsgeschichten für sein Blog zu erleben. Aber nur fast.

Porno Galore

Don Dahlmann
Geld verdienen mit Dingen, die eher unaussprechlich sind
Es gibt viele Dinge im unserem Leben, die nimmt man einfach so als gegeben hin, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was für eine Arbeit dahinter steckt. Gerade im Textbereich. Irgendjemand muss ja die Gebrauchsanleitungen schreiben, oder die Hinweise, wie man man den Fahrkartenautomaten bedient. Oder was genau in dieser Fertigsauce für 59 Cent drinsteckt und wie sie schmeckt. So einen Job hab ich auch mal gemacht. Ich habe wichtige Informationen zusammen getragen, mir Filme dazu angesehen, Verlagsprogramme studiert um schließlich alles in wenigen Zeilen so genau und verkaufsfördend zusammenzustellen, dass der Verbraucher erheitert und gut informiert das zu erwerbende Produkt leichten Herzens erwerben würde. Ich hab die Kurzinhalte auf Pornofilmverpackungen geschrieben.

Also zumindest auf denen, die es in der Videothek gab, für die ich gearbeitet habe. Denn eigentlich hat die Porno-Industrie ihre Kunden schon sehr gut verstanden. Es geht nicht so wirklich um das Lesen, es geht halt ums ficken. Und da ist der Endkunde nicht sehr wählerisch, was die Verpackungspräsentation angeht. Er will Bilder sehen und davon möglichst viele. Dem Besitzer der kleinen Videothekenkette in Köln mit drei Filialen sah in dieser Einstellung einen großen Fehler der Industrie. "Dä Leut' wollen jo wisse wat se leihen. Bildschen kann ja jeder." Der Mann war ein richtiger Kölner. Nicht besonders groß, stark behaart, Kugelbauch, Goldkettchen, Siegelring, nicht mehr allzu viele Haare. Seine Läden hatten vorne den üblichen Bereich mit den Hollywoodfilmen, aber der 120qm große Keller bestand nur aus Pornos aus allen Herren Ländern und für jeden erdenklichen Wunsch. Rund 500 Filme hatte er ständig im wechselnden Angebot und damit machte er knapp 70% seines Umsatzes, wie er mir mal verriet. Deswegen wechselte er die Filme auch ständig aus, denn "...dä Kunden sin do wählerisch und gucken nix zweimal."

Ich war damals, wie sollte es auch anders sein, knapp bei Kasse, versuchte im Journalismus Fuss zu fassen, in dem ich für Fanzines und kleine Magazine Film,- Musik- und Konzertkritiker verfasste. Im "Kölner Stadtanzeiger" entdecke ich dann eine Anzeige, die ungefähr lautete: "Freier Journalist für neues Filmmagazin gesucht." Ah! Endlich eine Chance meine außerordentlich guten, fein geschriebenen und absolut treffenden Filmkritiken an den Mann zu bringen. Es würde sicher nicht lange dauern, bis ich im erlauchten Kreis deutscher Kinokritiker eine führende Rolle spielen würde, so viel war klar. Eine Stunde später hatte ich dann die drei Stufen der Erkenntnis durchlebt.

- Hoffnung
- Enttäuschung
- Irgendwie muss die Butter ja aufs Brot

Es ging nicht im ein richtiges Magazin, sondern um ein Faltblättchen für eine Videothek. Es ging nicht um tolle Kritiken, sondern um Inhaltangaben. Dafür gäbe es Geld (wenig) und ich könne mir alle Filme aus seiner Videothek umsonst ansehen. Ich solle doch mal vorbei kommen.

Am nächsten Tag stand ich vor dem dunklen Eingang der kleinen Videothek in Köln-Sülz zog nervös an meiner Zigarette und versuchte motiviert zu sein. Immerhin ein Anfang, dachte ich, und ging rein. Der Besitzer bot mir einen bitteren Kaffee und eine HB an, dann kam er gleich zu Sache. Er erläuterte seine Geschäftsmodell und die Idee seine Kunden besser zu informieren. Er wolle ein Magazin heraus bringen in dem er seine Kunden über die Neuerscheinungen informieren würde. Dort sollten nur die wichtigsten Inhaltsangaben stehen, die Daststeller, die Länge des Films und eine Bewertung. Das kann man machen, meinte ich, aber es gibt doch schon Video-Magazine, die sich mit den Neuerscheinungen beschäftigen.

"Jo," sagte er und blinzelte mich vorsichtig an, "aber nisch für Sex-Filmchen."
"Für Pornos?" antwortete ich einigermaßen überrascht
"Jo."

Seine Idee war folgende: Monat für Monat kamen neue Filme auf den Markt, aber es gab kein Medium, wo man sich über die neuen Filme informieren könne (Internet gab es damals noch nicht, liebe Teenager). Auf den Filmen stand auch nie was drauf und viele seiner Kunden hätten sich schon oft beschwert, dass sie bei der Auswahl eines Filmes ins...ähm...Klo gegriffen hätten. Da lag es doch nahe, die Filme schnell vor dem Verleih zu sichten, ein Inhaltsangabe zu schreiben und so weiter. Da hätten die Kunden einen Anhaltspunkt.

"Inhaltsangabe???"
"Jo. Ich hab mir das so gedacht: Man macht so eine Ankreuzliste 'Bumsen', "Blasen', 'Anal', 'Lesben', 'Gruppensex' und so weiter. Und dann noch vielleicht, wie oft das vor kommt. Dann die Darsteller, die sind nämlich teilweise sehr berühmt, und noch ein paar Worte dazu. Aber nich' zu kritisch."
"Ich soll Pornos kritisieren?"
"Jo. Ich zahl sieben Mark die Stunde! Und Du kannst alle Filme mit nach Hause nehmen, die Du sehen willst. Ich hab hier auch Kunst."

Zwei Tage später saß ich in einem Kabuff in der Videothek. Vor mir ein riesiger steinalter Grundig Fernseher, der verdächtig knackte, einem Videorekorder einer Schreibmaschine, einem Stapel vorgedruckter "Kritik" Formularen mit vielen Kästchen und ca. 25 Pornos. Zu jedem Porno musste ich den Verleiher, den Titel und die Darsteller aufschreiben, dann kam die Arbeit. Erster Pornofilm rein. Anschauen. Gut, das war nicht der erste Porno, den ich in meinem Leben gesehen hatte. Aber man sieht normalerweise ja vielleicht mal einen, oder zappt sich im Hoteltzimmer auf Firmenkosten duch die beiden anderen, die da noch angeboten werden. Aber 25? An einem Tag? Es war klar, dass musste ich anders angehen. Also flugs die Vorspultaste gedrückt und das ganze im Zeitraffer angesehen. So dauerte ein Film dann nur noch eine Viertelstunde.

Allerdings artete die Arbeitsweise richtiggehend in Stress aus, denn der Auftraggeber wollte nicht nur wissen, welche Praktiken im Film vorkamen, sondern auch wie oft. Also saß ich da, schaute angestrengt in den Fernseher und führte eine Liste, die dann am Ende meist so aussah

Blasen |||||||||
Normaler Sex ||||||||||
Anal |||
Sichtbarer Orgasmus ||||||||
Zwei ||||
Dreier o. mehr |
Lesben |
Sonstiges ||||

Sonstiges meinte halt... sonstiges. Was sich die Industrie, und die Lust der Menschen mal was anderes zu machen, eben so einfallen ließ. Und so saß ich da einen ganzen Tag. Einen Film nach den anderen durchjagend und natürlich zurückspulend, kostet ja sonst eine Mark. Nach fünf Filmen war ich völlig abgestumpft und zählte monoton laut die Höhepunkte des Films mit, damit ich auf meiner Strichliste ja nicht durcheinander komme. Das schnelle Vorspulen hatte nur zeitweise den Vorteil, dass die Filme alle aussahen wie Slapstickfilm aus den 20er Jahren. Die Geschwindigkeit war anstrengend, die springenden Bildern die ich aus einem Abstand von nicht mal einem Meter sah, machten Kopfschmerzen. Am Ende des Tages hatte ich gefühlte 346 blondierte, dickbrüstige, schlecht geschminkte Frauen beobachtet, kannte alle Geheimnisse von Teresa Orlowski (jedenfalls die sichtbaren), hatte "Junge Teenies hart gefickt" Vol.1 bis 4 gesehen, hatte Ströme von Sperma gesehen und zeitweise den merkwürdigsten Dialogen der Pornofilmgeschichte gelauscht. Und Sachen wie diese geschrieben:

"'Hausfrauen, fleißig flach gelegt' erzählt die Geschichte von Manuela, die von ihrem Ehemann vernachlässigt wird. Das ändert sich, als der hübsche Markus ihr Nachbar wird und die beiden sich zufällig im Keller treffen. Er zeigt Manuela, was ein richtiger Sex ist und sie kann nicht mehr genug bekommen. Gottseidank gibt es da noch andere Nachbarn und den geilen Tankwart Peter mit seinem Riesenschwanz. Einen heißeren Film hat man selten gesehen. Manuela wird von allen Seiten genomme und die Lust sprudelt nur so aus dem Bildschirm."

Oder

In "Anale Grande in Italia" erlebt die geile Ramona auf einem Schüleraustausch die wildesten Dinge. Kaum angekommen lernt sie Giorgio kennen, der ihr zeigt, was die Italiener unter einer heißen Nacht am Strand verstehen. Aber auch Luigi hat es ihr angetan und er besorgt es ihr durch den Hintereingang. Dafür zeigt sie zusammen mit ihrer Freundin Monika, was die beiden in den kalten Nächten in Deutschland gelernt hat. Ein harter Streifen, voll mit geilem Sex und wilden Nächten in Italien."

Abends fiel ich dann erschöpft ins Bett in träumte von Sex im Zeitraffer. Dem Videothekar gefiel es. Drei Monate wanderte ich einmal pro Woche in die Kammer, schaute mal zehn, mal 20 Pornos, zählte, bewertete und schrieb schreckliche Texte, bei denen mir die Finger bluteten. Dann war Schluss. Nicht weil ich aufgegeben hatte, sondern weil der Inhaber feststellt, dass seine Kunden überhaupt kein Interesse daran hatten schon vorher das Ende des Films zu kennen.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Schreiben. Für Geld

Susanne Englmayer
Alle, die in jungen Jahren auf die grundblöde Idee gekommen sind, Literaturgeschichte, Germanistik oder sonstwas gänzlich Unsinniges zu studieren, kommen letztendlich nicht darum herum, ...
...irgendwann einmal Kontakt mit den knallharten Bedingungen ihrer Berufsaussichten aufzunehmen.

In vielen Fällen heißt das, für irgendwen irgendwas zu schreiben. Für Geld. Und das dann auch noch ziemlich toll zu finden, zumindest anfangs. Später relativiert sich dann diese Einschätzung, mitunter sogar ziemlich schnell. Spätestens wenn die Realität des Zeilenzählens einsetzt.

Ich selbst bin seinerzeit bei einem regionalen Anzeigenblättchen gelandet. Die Zeile wurde mit 20 Cent abgerechnet, Fotos lagen zwischen 15 und 20 Euro. Darüber hinaus gab es noch 22 Cent pro gefahrenen Kilometer. Also zwei Cent mehr als für die Zeile. Obwohl doch fahren wesentlich einfacher ist als schreiben. Dachte ich damals. Kilometergeld habe ich dann auch nie abgerechnet, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß gar nicht warum.

Herumgefahren bin ich allerdings viel. Ich war bei Hallenbaderwiederöffnungen zugegen, habe in Zirkus- und Bierzelten geschwitzt, unendlich viele Jubilare im Kreise ihrer Lieben abgelichtet und auf Straßen- und Kirchenfesten getanzt. Zu allem und jedem habe ich mir die vorgeschriebene Zeilenzahl abgerungen. Selbst dann, wenn es im Grunde nichts zu sagen gab. Spaßig ist das nicht, das habe ich bald herausgefunden.

Bilder sind einfacher. Bilder habe ich immer gern gemacht, auch nach zwei Jahren noch.

Im Autohaus Matschke habe ich den späteren Oberbürgermeister im neuesten Cabriomodell der Marke - die mir inzwischen leider entfallen ist, war aber ein großer Anzeigenkunde, der Matschke, das weiß ich noch genau - fotografiert. Ein Schnappschuß, zusammen mit seiner Frau, wie ich dachte. Ein Bild, das leider nicht benutzt werden durfte. Aus wahltaktischen Gründen. Es war nämlich gar nicht seine Frau, wie sich herausstellte. Zum Weltaidstag 1997 drängte sich der beste Freund des Vereinsvorsitzenden irgendeines Fördervereins vor die Linse. Um welchen Verein es sich eigentlich handelte, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob ich es damals wußte. Aber eine hübsche Spende hatte der Mann locker gemacht. Es handelte sich übrigens um unseren Chefredakteur. Ordentlich frisiert, mit Schlips und Kragen, sogar nüchtern war er. Wenn ich mich recht erinnere. Der Typ, von dem zur selben Zeit Bilder vom Betriebssommerfest die Runde in der Redaktion machten. Die, wo er sturzbetrunken in die letzte Grillkohleglut pinkelt. Und das Foto von dem Golfplatzbesitzer habe ich gar nicht erst selbst gemacht. Das habe ich mir zuschicken lassen, von seinem Sekretär, per Email. War ganz einfach. Abgerechnet habe ich es natürlich trotzdem. Farbfoto, 20 Euro.

So ging das damals. Wenn der Chef ein Säufer ist, geht fast alles. Doch nach einer Weile war das Schreiben Routine. Mehr noch, es wurde lästig und ungenau. Und noch später eine Quälerei, die im Grunde mit allen Mitteln zu vermeiden ist. Streckenweise grauenhaft.

Das Interview mit dem Golfplatzmenschen zum Beispiel habe ich dann auch komplett erfunden. Am Telefon habe ich lange mit seinem Sekretär geschwatzt, das schon. Den kannte ich noch von der Uni, aus dem Schwulen- und Lesbenreferat. Es war lustig, mit ihm zu reden nach all der Zeit. Er hatte Jahre vor mir seinen Abschluß gemacht, und ich verstehe wirklich überhaupt nichts von Golf. Der Rest war reine Phantasie. Dem Golfplatz hat das nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Ich wurde sogar zitiert, und der Besitzer war darüber vermutlich höchst zufrieden. Oder sein Sekretär hat ihn irgendwie besänftigt. Oder mein Chef hat doch noch das extragroße Weihnachtspräsent für regelmäßige Großkunden herausgerückt, das er seit Monaten schon sinnlos in seinem Luxussportwagen mit sich spazierenfuhr. Keine Ahnung, ich hab nie etwas darüber gehört. Vielleicht hat dem Golfer auch einfach nur gefallen, was ich geschrieben habe. Er war darin, glaube ich, als eine Art Künstler dargestellt. Irgendwie lag mir das wohl nahe. Damals.

Am Besten aber waren die Dreiundneunzigjährige und ihr Urenkel in Beyenburg. Eigentlich ist gerade so etwas immer besonders langweilig. Die Alten hören und sehen nix mehr, und die Lieben, die sie umkreisen, schreien nicht nur auf die Oma ein. Sondern brüllen routinemäßig längst alle und jeden an. Auch mich.

Neben dieser Alten allerdings hockt ein kleiner Kerl, kaum größer als sie, der ihr nicht von der Seite weicht. Der Urenkel eben. Er hat lange, schwarz gefärbte Haare, schwarz geschminkte Augen und trägt überhaupt nur schwarz. Genau wie die Alte. Ein Grufti, wie mir scheint. Mit geweiteten Ohrläppchenlöchern und diversen Metallsteckern im Gesicht. Ein fantastisches Bild, auch wenn es vermutlich nur in schwarz-weiß gebracht wird. (15 Euro, immerhin!)

Die Jubilarin tätschelt ihrem Liebling den Arm, während ich das Bild mache. Etliche ältere Damen und Herren drücken sich derweil etwas abseits herum und wissen nicht wissen, was sie tun, was sie sagen sollen. Die Oma sei eine alte Hexe, heißt es später hinter vorgehaltener Hand. Früher habe sie häufig mit wechselnden Männern verkehrt, die zuletzt auch noch wesentlich jünger gewesen seien als sie. Außerdem habe sie vermutlich mit Abtreibungen zu tun gehabt, heute dürfe man ja darüber reden. Und der Junge, der käme ganz nach ihr. Ein Satanist sei er. Einer, der es mit den dunklen Mächten habe, das wäre doch unübersehbar.

Die Alte lacht derweil. Laufen kann sie nicht mehr, sitzt nur da, tief in ihren alten Sessel gedrückt. Und nickt und wackelt mit dem Kopf.

"Alles Unsinn", erklärt sie mir, während sie zum Abschied meine Hand drückt. "Aber lustig, oder? Die wissen eben nichts, gar nichts vom Leben. Ich weiß auch nicht warum. An mir liegt das nicht. Nur der hier, der hat ein Herz."

Der Junge neben ihr grinst, wie man es so einer schwarzen Gestalt gar nicht zugetraut hätte. Die Alte schaut zu ihm hoch, über ihre dicke Brille hinweg. Dann stupst sie ihm kräftig mit der Faust in die Rippen.

Schade, daß man so etwas nicht schreiben kann. Nicht unter einem Jubilarenfoto in einem Anzeigenblättchen. Da steht dann: Die Jubilarin ist für ihr hohes Alter topfit. Soweit ihr das möglich ist, hält sie regen Kontakt zu heutigen Jugend. "Das hält jung", sagt sie. "Und viel Lachen natürlich."

So ist das eben, Schreiben für Geld. Alles Lüge, aber eine hohe Kunst. Doch das Bild zumindest, das war exquisit. Hängt heute noch über der Kaffeemaschine in der Redaktionsküche. Wetten? Ich bin sicher.
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.

Spiel'n Se doch mal Sinatra

Florian Zinnecker
Blöd waren nur die Brunch-Sonntage. Weil zum Brunch die Jazz-Combo spielte. Ich hatte frei. Gibt Schlimmeres, natürlich. Aber, so fand ich damals, eben auch besseres. Dreißig Mark zum Beispiel.
Wer Musik gegen Geld macht, der hat’s nötig – diesen Satz hatte mir ein älterer, eher idealistisch eingestellter Pianistenkollege mit auf den Weg gegeben, als ich gerade mit meiner Klavierfibel durch war. Musik, wollte er damit sagen, kannst du mit Kohle nicht aufwiegen (er spielte damals hauptsächlich Liszt, spätabends und alleine).
Als ich über "Für Elise" hinaus war, gefiel mir der Satz aber besser so, wie er ihn gesagt hatte. Wörtlich. Weil ich dann, falls mein Gewissen Bedenken anmeldet, entgegnen könnte: Dann mal los.

Gemeldet hat sich mein Gewissen nie. Im Gegenteil, uns beiden gefiel die Idee ziemlich gut, für ein paar Stunden an einem, nun ja, verlebten Wirtshausklavier zu sitzen, zu spielen - also: Spaß zu haben - und damit auch noch ein paar Mark zu verdienen.

Beim ersten Mal, an einem Sonntagabend, war Schuhbeck da. Besser gesagt: ich seinetwegen. Er kochte, ich unterhielt beim Essen, er stand im Vordergrund, ich saß dahinter. Ran durften wir abwechselnd: Ich spielte ein paar Takte aus "Cabaret", er erzählte, wie er gleich aus ein paar Schwammerl ein Soßerl kreiert, während er das tat, improvisierte ich Boogie Woogie, dann sprach wieder er, dann spielte wieder ich, hin und her, am Ende des Abends schüttelten wir uns die Hände, dann verdrückte ich ein Schnitzel und fuhr nach Hause, am nächsten Morgen stand eine Lateinklausur an. Ich durfte wiederkommen. Immer sonntags, sofern da nicht Brunch ist.

Als Einstieg spielte ich meistens einen langsamen Walzer – damit kannst du dich schön unauffällig in den Hintergrund schleichen, ohne dass gleich jemand ausruft, Aha, der Pianist, spiel'n Se doch mal Sinatra, können Sie doch, oder? Keine Frage, dass ich diesen Satz trotzdem regelmäßig zu hören kriegte, einmal pro Nachmittag mindestens. Auch immer wieder gerne genommen: As Time goes by. Die Schicksalsmelodie. Und: In the Mood. Alles kein Ding – ich hätte, wäre ich gebeten worden, sogar den Bratmaxe-Song gespielt.

Langsame Walzer gingen überhaupt gut. Weil du da immer noch eine weitere Wiederholung spielen kannst, ohne dass es langweilt. Mal schnell, dann wieder langsamer, vielleicht alles ein paar Töne höher – und natürlich mit langem Intro. Was du eben so machst, wenn du für drei Stunden gebucht bist, dein Repertoire aber nur zwei Stunden hergibt. Egal, ein guter Boogie darf schon mal ein Viertelstündchen dauern, fand ich, zuzüglich Applaus wegen der halsbrecherischen Improvisationen. Das kam vor. Trinkgeld? Bitte einfach oben auf den Resonanzkasten. Kam auch vor, dass mir jemand ein Bier hinstellen ließ, "Gebt dem Mann am Klavier…" und so weiter, kennt jeder, habe ich gemerkt. Danke, signalisierte ich dann lächelnd in Richtung des winkenden Spenders, und ließ es stehen. Ein Bier, zehn Finger und 88 Tasten vertragen sich bei mir nicht wirklich gut. So breit sind die Tasten ja auch wieder nicht.

Meistens aber wurde ich einfach in Ruhe gelassen. Ich kam, saß und spielte, trank zwei doppelte Espressi, ging irgendwann pinkeln, spielte weiter. Drei Stunden sind viel Zeit zum Nachdenken – und wenn du nicht gerade von As-Moll nach Fis-Dur modulieren musst, kannst du das sehr ausgiebig tun. Ausgangspunkt: meist eine Textzeile des Liedes, das ich gerade spielte (dann wurde es sehr schnell melancholisch). Oder die Duftschwaden eines Gerichts, das am Tisch hinter dir gegessen wird (einen Schweinsbraten mit einem Schwammerl-Soßerl essen manche Leute ja auch zur Kaffeezeit). Oder auch ganz andere Sachen. Dass Größe im Vergleich zu Virtuosität keine Rolle spielt, dass aber die Frage, wie lange du durchhälst, noch wichtiger ist. Dass komplexe Improvisationen meistens eher mittelmäßig ankommen, die simple Anfänger-Bearbeitung von Memory aus Cats aber immer einschlägt. Und dass du, wenn du fertig bist und merkst, du wirst nicht mehr gebraucht, am besten austrinkst und gehst. Weil du dann am ehesten wiederkommen darfst. Außer es ist dann Brunch.
Florian Zinnecker kann zwar nicht tippen, aber mit dem Schreiben klappt's schon ganz gut. Laufen kann er auch. Nicht sehr schnell, aber lange. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Darüber (naja, darüber nicht unbedingt) denkt er nach, wenn er gelegentlich um die Hamburger Außenalster trabt. Was, seit er von Hamburg aus operiert, schon mal passieren kann. Ist aber okay - er ist ja noch jung.