Die Narr-Narration

von Björn Grau
Ich hätt dann noch zwei Fragen, sagte Till und ich dachte mir im Stillen, dass es besser wäre, wenn er endlich die Fresse hielte. Darf ich bleiben, wenn Du gehst? Einen Augenblick lang wollte ich mich entrüsten, war dann aber doch bis dahin schon reichlich genervt davon, dass er mir bisher überall hin gefolgt war und ließ ihn mit einem Nicken stehen, als die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden und die Massen mit ihren Kaffeebechern in der Hand und den Stöpseln im Ohr auf das orangefarbene Boot zuströmten, welches sich alsbald in Bewegung setzte.
Die Stadt wurde kleiner, immer kleiner, eine Postkartenansicht. Jetzt sah sie wieder aus, wie ich sie bisher gekannt hatte, jetzt konnte ich sie getrost in meiner Erinnerung versenken. Die einbrechende Dunkelheit sollte mir dabei helfen. Als wir das große Leuchtfeuer passierten, hatte ich abgeschlossen mit allem.
Nur eine Aufgabe blieb, ich suchte Marie. Die wollte ich noch treffen, bevor ich mich vergaß.

So begann ich, das Boot zu begehen. Ich schaute mir unzählige Frauen an. Ich fragte einige nach ihren Beweggründen hier zu sein. Ich fragte andere, ob sie vielleicht etwas wüssten.
Am anderen Ende des Mitteldecks (hier befanden sich die Ein- und Ausgänge, die in den Häfen mit den Landungsbrücken zusammenkamen), am anderen Ende des Mitteldecks also traf ich die Einbuchleserin. Sie saß dort auf einer der harten grünen Plastikbänke und um sie herum war viel Platz und ich wollte mich kurz setzen, bevor ich die Konsequenzen zog. Das Buch, das die Einbuchleserin las, war alt, zerfleddert und zerlesen. Ich muss es angestarrt haben, was sie anstachelte, sich zu rechtfertigen.
Ich lese nur dieses eine Buch. Tagein, tagaus. Weil ich nicht vergessen kann. Aber dann kennen sie es doch schon auswendig? Nur so kommt wenig hinzu, was ich mir merken müsste, antwortete sie. Eine überzeugende Strategie, wie ich fand. Ich allerdings wollte erinnert werden. Wenn ich weg bin, werdet ihr schon merken, was ihr an mir hattet. Schmerzen soll euch die Erinnerung, wenn sie verblasst, dachte ich. Sie lächelte sanft und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Sie wird mein Bild behalten. Für immer. Ich hatte nur ein weiteres Fragment zu meiner Zettelwirtschaft namens Wahrnehmung hinzubekommen. Nur brachte dieses Fragment, das fragile Haus Gedächtnis nicht zum Einstürzen, es füllte eine Lücke im Gemäuer. Einer vagen Verunsicherung ausweichend, verabschiedete ich mich hastig von der Einbuchleserin.
Dann traf ich Lynn. Lynn war nicht Marie. Lynn war alt und schwarz, sehr schwarz. Woher ich komme, fragte sie, sichtlich erfreut, meine Bekanntschaft zu machen. Oh, aus Deutschland, welch ein Zufall. Ihre Urgroßmutter sei auch aus Deutschland, aus der Nähe von Düsseldorf gekommen, sie habe noch ein Foto von ihr irgendwo zuhause. Leider spreche sie kein deutsch. Außer "Wie geht's". Und "Guten Morgen". Doch jetzt ist es Nacht. Ich sagte Lynn, dass ich auf der Suche nach einer alten Bekannten sei (kannte Marie mich?) und dass es mir sehr leid tue, unser Gespräch zu unterbrechen, aber sie habe sicher Verständnis und das hatte sie und wir verabschiedeten uns freundlichst und wünschten uns alles Gute und ich ging zur Treppe.

Ganz unten im Bauch des Bootes lag ein grauer Herr auf der Männertoilette und kotzte sich die Seele aus dem Leib und auf den Kittel.
Zwei Manneslängen entfernt standen Uwe und Robert. Uwe trug eine riesige Hornbrille unter der Glatze und nur noch schief auf der Nase, er hatte eine Pfeife in den Mundwinkel geklemmt und lallte einigermaßen betrunken, wie sehr er sich freue, dass ich mich in seiner Welt so wohl führen würde. Was tat ich? Er sprach mit dem grauen Herrn, oder? Der fand sein Wohlbefinden eindeutig zum Kotzen und ich konnte bei meinen Plänen auf mein Wohl gut verzichten. Doch je länger wir über die sanft rollende See fuhren, je eindeutiger fühlte ich mich. Ich verspürte Hunger, fand etwas in der Manteltasche und aß es.
Wieder dozierte der betrunkene Autor. Du machst dir meine Welt, wie sie dir gefällt, du hörst meine Geschichte und wenn sie einigermaßen informativ ist, hast Du sie mir längst geklaut. Geklaut! Genau! Das war Robert. Und der zeigte eindeutig auf mich. Wer immer du bist, du bist ein dreckiger Dieb! Du! Hast mir! Meinen Rausch geklaut!
Ich spürte einen stechenden Schmerz an der vorderen Hirnrinde. Entfernt erinnerte er mich an das kleine Hämmern in der Stirn, an dessen Ende ich knapp ein Jahr zuvor niedergeschlagen wimmerte: Ich kann nicht mehr. Die Schläge waren zu hart und die Stilettos zu spitz. Tragt mich hier weg. Nun aber spürte ich ein Rumoren im Bauch, eine sanfte, aber doch drängende Kolik und unmittelbar war mein Körper vollständig entleert. Das war Wohlbefinden. Auf einmal sah ich mich ganz scharf. Ich lief. Das Komische war, ich kannte dieses Wohlbefinden. Ich hatte so etwas schon einmal erlebt, aber wann? Ich rannte über die Decks. Ich rannte in einer glücklichen Motorik, jeder Schritt, jede Bewegung, schien zum Lichtstrahl zu werden, die Erinnerung, die Hoffnung, der Wunsch, die Ideen, sie strahlten durch meine Blutbahn, das Herz pumpte, die Schleimhäute waren ausgereizt.
Jetzt konnte ich sie finden. Ich wusste, dass ich es konnte. Ich wollte mich nicht mehr verabschieden, ich wollte alles aufschreiben. Ich wollte kein falsch Zeugnis geben. Ich lief zu ihr. Es war fast schon egal. Und so wurde im Lauf der Entwicklung alles früher Wirkliche unwirklich, es verlor seine Notwendigkeit, sein Existenzrecht, seine Vernünftigkeit; an die Stelle des absterbenden Wirklichen trat eine neue, lebensfähige Wirklichkeit. Sie würde egal werden.

Am hinteren Ende des Oberdecks stand sie. So stellte ich mir Marie vor, die ich zuletzt als Kind kannte, die doch aber längst groß geworden war, nicht zuletzt dank all der Schicksalsschläge. Sie beobachtete das Treiben an Deck, das Schäkern, die Bar, die Deko mit den bewegten Bildern, die Kulisse des Jetzt. Sie lachte. Stultifera Navis ist ein Haus, das fährt, sagte sie zu mir und lachte dabei. Es mag dein Haus sein, sagte sie. Ein Haus voller Erinnerungsräume, voller Sehnsuchtszimmer, dachte ich und: Aber genau dieses Haus wollte ich verlassen, als ich an Deck kam. Du armes Schwein hast aber ein großes Haus, rief einer, der mir ähnlich sah, von der Treppe her und ich dachte, was weiß denn ich, wie groß dieses Haus ist. Dieses Boot jedenfalls hat drei Decks, es fasst 3000 Passagiere. So sieht es doch aus.
Ich schaute sie an und freute mich und fragte: Wieso bist du hier? Sie sagte: Weil ich hier angefangen habe, weil ich hier jeden Sonntag herkomme. Ich fragte: Bist Du's, Marie? Sie lachte. Ich bin nicht die, die du suchst, ich bin nicht dein Wunschbild. Lachte sie mich aus? Ich musste meinen Blick von ihr nehmen und wollte nach draußen schauen, doch es war dunkel. Ich sah die Projektion auf der Leinwand hinter mir durch das spiegelnde Glas der Fensterscheibe, sah wie sich das liebende Pärchen aus dem 40er-Jahre-Film vermischte mit den Schemen derer, die an der Reling standen und ihre Drinks im Sturm zu sich nahmen.
Ich hatte nur Plastikfolie gegessen.
Als ich mich wieder zu ihr drehte, war sie weg. Mein Wohlbefinden aber blieb. Ich stellte mich zu denen, die an der Reling standen. I was one of the fools on the boat, saw the sun going down and the eyes in my head saw the world spinning 'round. Ich streckte den Kopf in den Fahrtwind, ließ die Nebelfetzen an meinen Schläfen kleine Kälteschmerzschocks produzieren und hörte mich und mehr als tausend Stimmen übers Deck brüllen. Aber keiner hörte uns oder unsern Lärm, aber das war egal. Es war egal, dass der Kapitän ein Wendemanöver verkündete, es war egal, dass das Schweigen der kleinen Quäkergruppe im Unterdeck weder ein göttliches Licht noch ein Beben mit sich brachte, es war egal, dass wir zurückruderten, um am Ende zu glauben, es sei nichts passiert. Nur eine fröhliche Nacht, an deren Ende uns wieder das feste Land aufnehmen sollte.
Der Morgen graute, ich war wieder am Ende. Wie schön.

I was very tired and now very merry,
I had gone forth and back all night on the ferry.
I hailed, ?Good morrow, mother!? to a shawl-covered head,
And bought a morning paper, which I didn't read;
And she wept, ?God bless you!? for the apples and pears,
And I gave her all my money but my subway fares.

Als die großen Türen offen waren, zögerte ich, hinaus in die Stadt zu treten. Am Ende der Empfangshalle lag Till auf einer Bank, zugedeckt mit seiner Windjacke schlief er hier, als ob er auf etwas wartete. In der Deckung der Masse huschte ich an ihm vorbei und auf dem Weg in einen Tag, den ich nicht erwartet hatte, fragte ich mich, was eigentlich wäre seine zweite Frage gewesen?
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.
mindestens haltbar 04/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Grau
Titel: Die Narr-Narration
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am 24. Okt, 10:34

... Ich empfehle Dir das Lied "Narrenschiff" von Reinhard Mey. Das ist echt gut !


am 26. Okt, 18:54

ja, dabei hat cristoph recht !