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von Björn Schwede
Er wollte nie ein Handy haben. Auch, wenn ihm alle anderen erklärten, dass es nur Vorteile bringen würde UND man könne ja schließlich selbst entscheiden, wann man für andere erreichbar sei.
Das erklärten sie ihm alle. Und konnten dann nicht mal fünf Minuten auf den Bus warten, ohne aufs Display zu schauen.
Mittlerweile telefonierten sie nicht nur damit oder kommunizierten mit kurzen Nachrichten. Sie checkten auch ihre Mails, Blogs und die wichtigsten Internetseiten.
- Dabei habe ich auch schon mal zwei Busse hintereinander verpasst, grinste einer von ihnen neulich und guckte stolz in die Runde.

Heute Abend hätte er auch kein Handy gebraucht. Alles hat funktioniert. Mehr als das. Der Veranstalter hat ihn vom Bahnhof abgeholt. Sie waren intuitiv aufeinander zugegangen, hatten sich begrüßt. Erst hinterher war ihm aufgefallen, dass der Veranstalter keine große Ähnlichkeit mit dem Bild auf der Website hatte ? und auch er wurde darauf angesprochen, dass sein Pressefoto wohl etwas älter war.
- Wenn nicht, hättest du ja meine Handynummer gehabt, hatte der Veranstalter gelacht.

Zuerst war er erschlagen. Wie oft finden schon Lesungen in Konzertsäalen statt? Die Bühne groß genug für die typische Besetzung, die Fläche vor der Bühne eng genug für ein Moshpit und oben auf der Empore der Platz für die Leute, die sehen wollen, vielleicht brüllen.
Die Wände waren mit einer Tapete beklebt, die in alten englischen Herrenhäusern die Bäder mit farbigem Grau zudecken. Die Bar hatte eine Sorte Bier, zwei Sorten Schnaps, Kaffee schwarz und gesalzene, in Fett geröstete Erdnüsse.

Es lief. Es lief wie von selbst. Die ersten Lacher. Die Stories zwischen den Geschichten, heute einfach frei erzählt, wie es passte, wie es kam. Wie drei Akkorde für eine schwitzende, schreiende Menge.
Auch die Balladen, in den Zwischenräumen. Luft holen, vielleicht eine Zigarette anstecken und dann weiter reichen. Vielleicht dachte der eine oder andere auch an surfen. Sich von der Menge tragen lassen. Und dann. Dann eine kurze Ansage. Und wieder Rock'n'Roll.
Auch bei dieser Lesung ist niemand von der Bühne in den Menge gesprungen, kein Stagediving, auch kein Moshpit. Aber es lag da etwas in der Luft. Energie vielleicht. Wut im Bauch, vielleicht. Vielleicht Freude, die springen will, tanzen, schreien. Bis sie platzt. Es lag in der Luft.
Diese Lesung war näher an einem Konzert, als manche Konzerte.

Und nun? Jetzt waren alle weg. Der Hausmeister hatte hinter ihm abgeschlossen. Er war hinaus auf die Straße getreten. In dieser Stadt, in der längst selbst die Tankstellen geschlossen waren, die Jugendlichen durch die Straßen zogen, die letzten Bushaltestellen zerlegten und die letzten Telefonzellen.

Dieses eine Mal wünschte er sich ein Handy. Nur, um dieses Gefühl im Bauch, das Rauschen im Kopf in Worte packen zu können. Und ihr diese Worte geben können. Per Telefon.
Dieses eine Mal wünschte er sich, er hätte ein Handy.
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden veröffentlicht.
mindestens haltbar 04/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Schwede
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