
Es muss ja
Diese Neugierde hat mir eine Menge Drogenerfahrungen eingebracht. Ich hab meine Nase in knietiefe Kokainteppiche gedrückt und fand es sehr geil, wenn der die kleinen Kristalle durch meine Adern geräubert sind, und alles weggerissen habe, was mich bremst. Wie eine wildgewordene Kehrmaschine. Ich hab mir danach auf grünen Badewannenvorleger zwischen die Beine gegriffen, bin mit 220 über die Autobahn gebrettert, die Fenster offen, und auf jeden Fall jenseits von gut und böse. Ich hab mir mir auf einem Goa irgendwo im Osten zusammen mit einem gefährlich dürren Rastamenschen Pilze in den Hals geworfen, solange, bis ich wirklich dachte, ich könnte die Aurafarben der Steine erkennen. Am nächsten Tag war es mir zwar ein bisschen peinlich, dass ich jedem stundenlang erzählt habe, wie toll die Steine doch seien, aber schön war?s dennoch. Ich habe Extasy genommen und gedacht, das gleich entweder mein Herz zerspringt oder mein Kopf platzt. Was in einem Fall dann zu einer unangenehmen Nacht geführt hat, weil ich wirklich davon überzeugt war, dass gleich mein Herz platzt. Ich hab in einer Wasser/Urinlache neben einem undichten Klo gelegen, meine Hand unter meine Brust gepresst, weil ich dachte, ich könnte das Herz so zusammenhalten, es überreden, vielleicht doch nicht zu platzen. Ich sah winzige Haarrisse in den Adern, die das Herz umgeben, sah die Risse größer werden, mein Blut in meinen Körper strömen, und es war mir sonnenklar, dass mein Herz dem Druck einfach nicht standhalten könnte, und dass man mich gleich tot in der blöden Urinlache in dem blöden Club finden würde, und ich hab immer wieder den Namen meines längst toten Hundes gejammert.
Ich hab mich piercen lassen, hab mich mal aus einem Flugzeug stoßen lassen, mit zwei Frauen im Bett gelegen, mit zwei Männern auch, und einem längst verschollen Freund dabei geholfen, mit meiner besten Freundin ins Bett zu gehen. Ich hab meine Grenzen ausgetestet ich mache das heute wahrscheinlich immer noch, sonst hätte ich den irren Maler wahrscheinlich längst aus meinem Leben verbannen müssen, weil er ein versoffener Irrer ist, der den Gin schneller wegsäuft, als ich ihn anschleppen kann, und er neulich einen Tobsuchtsanfall bekommen hat, weil ich zu wenig dabei hatte, und er mich angebrüllt, beschimpft und rumgeschubst hat. Daraufhin hab ich in ein gerade von ihm angefangenes Bild meine High Heels reingedonnert, was ihn derartig fertigmachte, dass ich im ersten Moment dachte, dass er mich jetzt umbringt, aber er hat nur geheult und gesagt, dass ich ihn nicht lieben würde, was vermutlich stimmt.
Was soll man machen? Die Pfade, die man gehen muss, damit man leben kann, sind so vorgegeben. Arbeit, Geld, Miete, Essen, Schlafen. Ich kann Leute verstehen, die das schön finden, die ihr Leben darauf ausrichten, immer weitere Leitplanken zu bauen, immer mehr Netze ziehen, die irgendwann feststellen, dass sie Bully lustig finden, auch wenn dessen Humor noch spießiger ist, als der von Peter Alexander, die das brauchen, dass die Grenzen immer enger gesteckt werden, das die Regeln dauerhaft sind, die sagen, dass die vielen neuen Überwachungsgesetze ja niemanden stören der keinen Dreck am Stecken hat, die die Diäten aus der Brigitte/Freundin/Petra machen, weil dieses Jahr die verdammte Modeindustrie die Größen wieder runtergesetzt haben, wegen der ganzen Mädchen mit den Winzärschen, die sonst in der Kinderabteilung ihre Hosen einkaufen müssten. Kann man alles machen, bitte. Aber das ist nicht meins. Ich will was anderes, auch wenn ich vielleicht Gefahr laufe, eine durchgevögelte, alte Frau mit schlechten Zähnen und zu alter Haut zu werden. (Botox, my love). Ich mache den Leuten mit den Regeln keine Vorwürfe, ich bemitleide sie nicht. Sie haben ihr, ich hab mein Leben. Ich verstehe nur oft nicht, warum sie ihre Regeln auch unbedingt auf andere ausweiten müssen. Warum sie versuchen, alles und jeden diesen Regeln zu unterwerfen, warum die glauben zu beurteilen zu können, ob meine Sicht der Welt richtig oder falsch ist, ob ich etwas verstanden habe, oder immer haarscharf an ihrer vordefinierten Dummheit entlang schramme. Manchmal haue ich meine Nase in einen Kokshaufen, manchmal lasse ich mich auf einem dreckigen Tisch neben vollen Aschenbechern vögeln, mir blaue Flecken an meinen Brüsten verpassen lassen, weil ich denke, dass es der einzige Weg ist, etwas zu lernen. Und darum geht?s ja wohl, ums eigene lernen. Um die eigenen Schmerzgrenzen, um zu sehen, was dahinter kommt, ob der Ekel da ist, oder dieses Kribbeln, dieses Gefühl einen verbotenen Schritt gemacht zu haben. Wohin auch immer. Die Erkenntnis ist ja ein alter, lahmer Gaul, der immer als letzter einläuft.


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am 26. Jul, 11:57