Balanced

von Benjamin Reichstein
Unendlich müde wachte ich auf, es fühlte sich an als hätte ich gar nicht geschlafen. Starkes Kopfweh, Gliederschmerzen. Die Albträume der letzten Nacht hatten mir wirklich zugesetzt. Es war einer dieser typischen, verregneten Montage im November. Nachdem ich mich wieder einigermassen in meiner eigentlich vertrauten Umgebung zurechtgefunden hatte, bemerkte ich das ich sehr unbequem lag und versuchte mühsam aufzustehen. Mit schmerzendem Rücken taumelte ich ungelenk durch den kalten Flur. Was für ein verdammt schlechter Morgen, dachte ich mir, als ich auf den stillosen, verfilzten Teppich blickte. Doch irgendwas war anders, ich fühlte mich so viel schwerer als gestern Abend, ich schwankte regelrecht - und nicht aus Müdigkeit. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen trat ich bibbernd auf die kalten Badfliessen, schloss aus Gewohnheit die Tür hinter mir und drehte den Wasserhahn auf. "Nur nicht in den Spiegel sehen, mit ein wenig kaltem Wasser wirst du schon wach", dachte ich so vor mich hin. Doch als ich meinen Gesicht in die Richtung des Wasserstrahls neigte, fiel mir im Augenwinkel irgendetwas auf. Ich hob langsam den Kopf, sah direkt in den alten, schlichten Spiegel und mir wurde schlagartig schwindelig.
Mir waren Flügel gewachsen!
Ich betrachtete meinen Rücken mit einer Mischung aus Neugier und Furcht. Aus meiner linken Schulter war mir ein schöner, weisser Engelsflügel gewachsen. Die Federn fühlten sich an wie Samt, alle Konturen waren weich und trotzdem sah man ihm eine Kraft an, die unbeschreiblich war. Der Flügel auf der rechten Schulter war das genaue Gegenstück davon: Er war hart, bedeckt mit dunkelroten bis fast schon schwarzen Schuppen und auf der Wurzel und dem Gelenk befand sich jeweils ein tiefschwarzer, knochenharter Stachel. Während ich meine beiden neuen Körperteile inspizierte durchzuckte mich plötzlich ein stechender Schmerz und ich sank auf den Fussboden. So lag ich da, halb nackt auf kalten Fliessen, und wimmerte und wand mich vor Qual. Ich krallte meine Hände in meine Schläfen und betete um Erlösung, doch schon nach wenigen Sekunden klang es langsam wieder ab. Um mich herum war es schlagartig still geworden. Dann hob sich mein linker Flügel langsam von ganz alleine, streckte sich immer weiter, bis er schliesslich aus der Badtür bis zur Mitte des Flurs ragte und mein ganzer Körper von einem warmen Kribbeln durchflutet wurde.
In den darauf folgenden Tagen war ich ein Heiliger, immer im Reinen mit der Welt und vollkommen erfüllt von dem Bedürfnis allen zu helfen und jeden bedingungslos zu lieben. Ich opferte mich vollkommen auf, auch wenn es mir selbst Kummer und Schmerzen bereitete. So starr auf "gut" getrimmt hätte ich sogar meine Beine amputieren lassen um jemand anderen das Laufen wieder zu ermöglichen. Doch schon bald kam der Zorn, langsam, schleichend aber unausweichlich. Je mehr Schmerzen und Frustrationen sich in mir sammelten, desto höher hob sich mein rechter Flügel. Wie bei einer schweren Geburt schien er immer mehr Leben eingehaucht zu bekommen, während der Engelsflügel immer schwächer wurde und schliesslich herabhing. Und dann war es soweit. Ich kochte vor quälender Wut die in meinem Kopf brodelte und meine Augäpfel verwandelten sich in giftig-gelbe Teller, deren Pupille nur noch ein scharfer, schwarzer Keil war. Ich zog mit messerscharfen Zähnen, zum fürchten grinsend und selbstgefällig durch die Strassen. Ich log, betrog, verriet meine Freunde und empfand nur bissige Kälte in mir, bis auf den letzten, kleinen Rest meiner Selbst, der tief hinten in meiner Seele zusammengekauert weinte und verzweifelt auf seine Rettung wartete. Dann fing ich an zu verletzen und zu brandschatzen, ich vergewaltigte und mordete, lies alle meine hasserfüllten Triebe in einem wahnsinnigen Inferno explodieren bis ich schlussendlich innehielt und in einem zerbrochen Schaufenster mein eigenes Spiegelbild betrachtete. Ich blickte intensiv in meine glänzend gelben Augen und in die schwarzen Tiefen meiner Seele und fing an heftig zu weinen.
Während der Engelsflügel sich mit jeder Träne weiter aufrichtete fasste ich einen schweren Entschluss. Weder wusste ich woher die Flügel kamen, noch welche Kraft in ihnen steckte. Das einzige was ich wusste war, das sie verschwinden mussten. Durch die unglaubliche Güte, die der Engelsflügel in mir weckte, stärkte ich die Kräfte des Dämonenflügels. Irgendwann konnte mein Kopf seinem Bann nicht mehr wiederstehen und ich lies mich von ihm führen, während mein Blut sich in kochende Lava verwandelte und mein Mund mit spitzen Zähnen bestückt wurde. Das Ganze endete in einem plötzlichen Moment der Klarheit, der mich zutiefst verletzte und Schuldgefühle weckte, was wiederum dem guten Flügel Leben einhauchte. Also blieb mir nur eine Lösung und so stand ich auf alten Zeitungen mit einer grossen Knochenschere bewaffnet vor dem Badspiegel. Ich setzte die Schere an der Wurzel meines bösen Flügels an und drückte sie mit aller Kraft zu. Ein lautes, nach splitternden Knochen klingendes Geräusch drang an mein Ohr und ohne das ich etwas fühlte fiel der Flügel zu Boden und zerfiel zu grauem Schwefelstaub. Nur noch ein kleiner, blutender Stummel an meiner Schulter zeugte von seiner Existenz. Ich wurde schlagartig weiss im Gesicht. Doch ich wusste das ich den Schock ausnutzen musste, also setzte ich erneut an und mit einem weiteren Krachen sank der Engelsflügel wie ein Blatt Papier zu Boden, löse sich dabei in lauter Federn auf bis auch er schlussendlich verschwunden war. Nach diesem Anblick wurde mir schwindelig und ich versuchte noch vergeblich ein Handtuch von der Wand zu nehmen, um meine Blutung zu stoppen. Aber ich konnte mich nicht einmal daran festhalten und rutschte einfach an der kalten Fliessenwand nach unten und verlor das Bewusstsein. Als ich nach ein paar Stunden aufwachte und meinen Rücken begutachtete, waren die Stummel verschwunden, nicht einmal Narben waren noch geblieben. Nur das vertrocknete Blut, das mir den Rücken heruntergelaufen war, und die Spuren an der Wand warfen mich hart zurück in die Realität und hinterliessen dieses flaue Gefühl in meinem Magen, das bis heute niemals ganz verschwunden war.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.
mindestens haltbar 04/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Benjamin Reichstein
Titel: Balanced
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