Music was my first love

von Syberia
Man erfährt viel über jemanden, wenn man zum ersten mal seine Wohnung betritt und sich anschaut, wie derjenige seine Musik aufbewahrt. Es gibt Menschen, die ihr Gewürzregal alphabetisch sortiert und die Schrauben der Türangeln mit eingeölten Wattestäbchen polieren haben, bei denen die Unterhosen gebügelt und auf Kante gefaltet in der Schublade liegen - und wo die CDs gedankenlos aneinandergereiht in der staubfreien Vitrine verwahrt werden. Bei solchen Leuten sieht man auch hin und wieder noch in Folie verschweißte Exemplare im Regal stehen.

Andere wiederum treiben es in umgekehrter Richtung auf die Spitze. Sie sortieren zunächst nach Datenträgertypus (Schallplatten, Kassetten, CDs, DVDs, BDs), diese wiederum nach Genre, diese nach Interpreten, diese nach dem Erscheinungsjahr des Albums, diese nach dem Tierkreiszeichen-Aszendenten der damaligen Freundin des Managers der Band, diese nach der durchschnittlichen Fingernägellänge des Drummers, diese nach der Aufenthaltsdauer des Leadsängers in Entziehungskliniken in Tagen ? und so fort. Compilations kommen nicht vor oder stehen in einem Extra-Regal in der Besenkammer.

Meine Eltern hörten ausschließlich klassische Musik, alphabetisch sortiert. Sonntagsnachmittags öffnete mein Vater sämtliche Fenster und drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, um auch die Nachbarn an der Erhabenheit von Wagners Walkürenritt, Bachs Orgelkonzerten oder Beethovens Neunter teilhaben zu lassen. Während der Woche hörte meine Mutter französische Chansons. Jacques Brel, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Serge Gainsbourg und Michel Sardou sangen von Frauen, die sich gehen ließen und Männern, die deshalb gingen, während meine Mutter kochte, bügelte, Staub wischte und vor dem Flurspiegel ihren Lippenstift nachzog, bevor mein Vater heimkam.

Die ersten fünf Jahre meines Lebens verbrachte ich als Gasthörer, doch an meinem sechsten Weihnachten bekamen wir tragbare Kassettenrekorder unter den Baum gelegt. Damit begann meine eigene musikalische Entdeckungsreise, für die ich allerdings zunächst die elterliche Wohnung nicht verließ. Auf der Suche nach Abspielbarem fand ich ganz hinten im Schrank versteckte Buchclub-Zwangskäufe: Udo Jürgens und Reinhard Mey lugten hinter finster schauenden Dirigenten und wichtig dreinblickenden Tenören hervor. Schon bald verkündete ich singend, noch niemals in New York oder auf Hawaii gewesen zu sein, während Gabi im Park wartete und von der unendlichen Freiheit über den Wolken schwärmte. Meine Eltern wanden sich vor Peinlichkeit, aber es half Ihnen nichts, ich war lauthals und unwiderruflich der Seichtigkeit anheim gefallen.

Zu Zeiten, als Musik noch zwischen die Rillen schwarzer Kunststoffscheiben gepresst wurde, traf man sich nach Schulschluss zum Plattenhören. Die diamantene Nadelspitze knisterte über die ersten Furchen und man saß schweigend auf dem Teppich vor den Lautsprecherboxen und hörte gemeinsam andächtig zu. Ich bekam die ersten selbst aufgenommenen Kassetten geschenkt. Diese Kassetten kosten viel Mühe in der Herstellung und waren mit bedeutsamen Botschaften verknüpft. Wenn das erste Lied darauf This is not a love song von den Sex Pistols war, wusste man zum Beispiel, dass der Beziehung über das schwitzige Händchenhalten und jene kurze Fummelei im Partykeller der katholischen Landjugend hinaus kein weiterer Bestand beschieden sein würde.

Es gibt Lieder, da mag man das ganze Stück, solche, die man vor allem wegen des Refrains hört und solche, bei denen man minutenlang nur auf eine einzige bestimmte Stelle wartet (auf das Schlagzeugsolo von Phil Collins in In the air tonight zum Beispiel). Gemeinsam haben sie, dass sie sich abnutzen, wenn man sie zu oft hört, denn Musik ist ein Speichermedium für Emotionen. Sinneswahrnehmungen gehen in die Lieder und bewahren sich dort auf.

Bei Bright Eyes von Paul Simon fühle ich die Arme meines ersten Schwarms um den Nacken, während ich auf Rollschuhen meinen ersten Engtanz absolviere (da ich die ?richtigen? Schuhe zuhause vergessen hatte und meine damalige beste Freundin es für eine abgefahrene Idee hielt, auf Rollschuhen zur Klassenfete zu fahren). Heart of Glas von Blondie: die erste selbst im Laden gekaufte Schallplatte, mit der ich an sommerlichen Feldern vorbei auf dem Fahrrad zu meiner besten Freundin Heike unterwegs bin, die sie sich zum Geburtstag gewünscht hatte. Love will tear us apart von Joy Division: deprimierender Nachmittag auf einer Bank im Park, als ich durch die Nachprüfung rasselte und klar war, dass ich die zehnte Klasse würde wiederholen müssen. Twist in my sobriety von Tanita Tikaram: die erste Fahrt allein im Auto nach bestandener Führerscheinprüfung, erst nach Düsseldorf zum shoppen, dann nach Essen ins Kino. Das Album Bête noire von Bryan Ferry: lief auf Endloswiedergabe in einem uns für zwei Wochen überlassenem Appartement in New York und sollte übertönen, dass meine Freundin ein Zimmer weiter die ganze Nacht ohne Pause laut vögelte. Weshalb ich irgendwann hinüberging, als ihr Lover im Bad war und ihr Psycho Killer von den Talking Heads in die Ohren stöpselte: I can?t seem to face up to the facts, I?m tense and nervous and I can?t relax?

Ich hatte einst einen Freund, der mir ein Seelengefährte war. In seinem letzten Sommer, den wir zusammen verbrachten, saßen wir auf der Veranda seines Elternhauses in einem Ostberliner Vorort, rauchten zwei Schachteln Westzigaretten pro Tag, diskutierten über unsere Zukunftspläne, Camus und Satre, Gott und die Welt und hörten uns durch die Jazzplatten-Sammlung seines Vaters. Fitzgerald, Armstrong. Davis, Getz, das Ratpack. Moonlight in Vermont, I get no kick of champagne, If ever I would leave you, When autumn leaves, Fly me to the moon, From this Moment on, Just one of those things.

Auf der Rückfahrt, noch mitten im Sommer, wehte der Wind mir ein einzelnes welkes Ahornblatt durchs offene Zugfenster. Das Blatt habe ich heute noch, Camus hätte das gefallen, denn der Freund ist? fort und gegenüber seinem Grab wachsen Birken, Kiefern und Ahornbäume. Doch wenn ich die Lieder von damals höre und die Augen schließe, dann kann ich auf die Veranda jenes Sommers zurückkehren, die so viele Jahre in der Zeit versunken ist und heute nur noch aus morschen Brettern besteht. Und er sitzt mir wieder gegenüber und lacht mich an.

Musik kann einem das Herz zerreißen. Musik kann es wieder grob zusammenflicken. Musik ist ein Stück Unsterblichkeit. Sie erinnert dich an das, was wichtig ist, was dich ausmacht. Musik kann dich zum tanzen bringen und ins Stolpern. Musik kann dich traurig machen, wenn du froh bist und froh machen, wenn du traurig bist. Musik bringt dich durch den Tag und wohin immer du willst, wenn du sie lässt.
Syberia. Ruhrgebietskind mit allem, was dazugehört. Habe mir schon Geschichten ausgedacht, als ich sie noch nicht aufschreiben konnte. Lebe mit dem besten und lustigsten Mann der Welt und den zwei merkwürdigsten Katzen der Welt in Frankfurt am Main und blogge
mindestens haltbar 04/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 04
ISSN 1816-8159
Autor: Syberia
Titel: Music was my first love
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