0404 - April Musik

Editorial

Don Dahlmann
Cold Elf - Record

Mehr von Musik und Infos über die Band gibt es hier.

Zum zweiten Mal wagen wir die Kombination von Musik und Literatur. Nachdem die erste Ausgabe im November sehr viel und vor allem sehr positive Reaktionen hervorgerufen hat, war klar, dass wir das Experiment wiederholen würden. Und so gibt es in dieser Ausgabe kein festes Thema. Den Autoren wurde freie Hand gelassen, sie mussten nur zu ihren Texten ein passendes Stück Musik aussuchen, das unter einer CC-Lizenz steht. Die Kombination der Texte mit der Musik ist teilweise atemberaubend.

Anfang April ging dann auch die Lesung von "mindestenhaltbar" in Berlin über die Bühne. Unsere Gastgeber im Ori waren so freundlich, die gesamte Lesung aufzuzeichnen. So können wir jenen, die leider nicht da waren (ihr habt echt was verpasst) die Lesung zumindest als mp3 Datei zum Download anbieten. Die gesamte Lesung findet sich hinter den folgenden Links

Teil Eins (zip File, 25 MB)
Teil Zwei (zip File, 15 MB)

Im nächsten Herbst wird es auf jeden Fall eine weitere Lesung in Berlin geben!
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, schreibt er nebenbei ein Blog.

Die Narr-Narration

Björn Grau
Lonely Boy 1969 - Narrenschiff

Mehr von Musik und Infos über die Band gibt es hier.

Ich hätt dann noch zwei Fragen, sagte Till und ich dachte mir im Stillen, dass es besser wäre, wenn er endlich die Fresse hielte. Darf ich bleiben, wenn Du gehst? Einen Augenblick lang wollte ich mich entrüsten, war dann aber doch bis dahin schon reichlich genervt davon, dass er mir bisher überall hin gefolgt war und ließ ihn mit einem Nicken stehen, als die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden und die Massen mit ihren Kaffeebechern in der Hand und den Stöpseln im Ohr auf das orangefarbene Boot zuströmten, welches sich alsbald in Bewegung setzte.
Die Stadt wurde kleiner, immer kleiner, eine Postkartenansicht. Jetzt sah sie wieder aus, wie ich sie bisher gekannt hatte, jetzt konnte ich sie getrost in meiner Erinnerung versenken. Die einbrechende Dunkelheit sollte mir dabei helfen. Als wir das große Leuchtfeuer passierten, hatte ich abgeschlossen mit allem.
Nur eine Aufgabe blieb, ich suchte Marie. Die wollte ich noch treffen, bevor ich mich vergaß.

So begann ich, das Boot zu begehen. Ich schaute mir unzählige Frauen an. Ich fragte einige nach ihren Beweggründen hier zu sein. Ich fragte andere, ob sie vielleicht etwas wüssten.
Am anderen Ende des Mitteldecks (hier befanden sich die Ein- und Ausgänge, die in den Häfen mit den Landungsbrücken zusammenkamen), am anderen Ende des Mitteldecks also traf ich die Einbuchleserin. Sie saß dort auf einer der harten grünen Plastikbänke und um sie herum war viel Platz und ich wollte mich kurz setzen, bevor ich die Konsequenzen zog. Das Buch, das die Einbuchleserin las, war alt, zerfleddert und zerlesen. Ich muss es angestarrt haben, was sie anstachelte, sich zu rechtfertigen.
Ich lese nur dieses eine Buch. Tagein, tagaus. Weil ich nicht vergessen kann. Aber dann kennen sie es doch schon auswendig? Nur so kommt wenig hinzu, was ich mir merken müsste, antwortete sie. Eine überzeugende Strategie, wie ich fand. Ich allerdings wollte erinnert werden. Wenn ich weg bin, werdet ihr schon merken, was ihr an mir hattet. Schmerzen soll euch die Erinnerung, wenn sie verblasst, dachte ich. Sie lächelte sanft und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Sie wird mein Bild behalten. Für immer. Ich hatte nur ein weiteres Fragment zu meiner Zettelwirtschaft namens Wahrnehmung hinzubekommen. Nur brachte dieses Fragment, das fragile Haus Gedächtnis nicht zum Einstürzen, es füllte eine Lücke im Gemäuer. Einer vagen Verunsicherung ausweichend, verabschiedete ich mich hastig von der Einbuchleserin.
Dann traf ich Lynn. Lynn war nicht Marie. Lynn war alt und schwarz, sehr schwarz. Woher ich komme, fragte sie, sichtlich erfreut, meine Bekanntschaft zu machen. Oh, aus Deutschland, welch ein Zufall. Ihre Urgroßmutter sei auch aus Deutschland, aus der Nähe von Düsseldorf gekommen, sie habe noch ein Foto von ihr irgendwo zuhause. Leider spreche sie kein deutsch. Außer "Wie geht's". Und "Guten Morgen". Doch jetzt ist es Nacht. Ich sagte Lynn, dass ich auf der Suche nach einer alten Bekannten sei (kannte Marie mich?) und dass es mir sehr leid tue, unser Gespräch zu unterbrechen, aber sie habe sicher Verständnis und das hatte sie und wir verabschiedeten uns freundlichst und wünschten uns alles Gute und ich ging zur Treppe.

Ganz unten im Bauch des Bootes lag ein grauer Herr auf der Männertoilette und kotzte sich die Seele aus dem Leib und auf den Kittel.
Zwei Manneslängen entfernt standen Uwe und Robert. Uwe trug eine riesige Hornbrille unter der Glatze und nur noch schief auf der Nase, er hatte eine Pfeife in den Mundwinkel geklemmt und lallte einigermaßen betrunken, wie sehr er sich freue, dass ich mich in seiner Welt so wohl führen würde. Was tat ich? Er sprach mit dem grauen Herrn, oder? Der fand sein Wohlbefinden eindeutig zum Kotzen und ich konnte bei meinen Plänen auf mein Wohl gut verzichten. Doch je länger wir über die sanft rollende See fuhren, je eindeutiger fühlte ich mich. Ich verspürte Hunger, fand etwas in der Manteltasche und aß es.
Wieder dozierte der betrunkene Autor. Du machst dir meine Welt, wie sie dir gefällt, du hörst meine Geschichte und wenn sie einigermaßen informativ ist, hast Du sie mir längst geklaut. Geklaut! Genau! Das war Robert. Und der zeigte eindeutig auf mich. Wer immer du bist, du bist ein dreckiger Dieb! Du! Hast mir! Meinen Rausch geklaut!
Ich spürte einen stechenden Schmerz an der vorderen Hirnrinde. Entfernt erinnerte er mich an das kleine Hämmern in der Stirn, an dessen Ende ich knapp ein Jahr zuvor niedergeschlagen wimmerte: Ich kann nicht mehr. Die Schläge waren zu hart und die Stilettos zu spitz. Tragt mich hier weg. Nun aber spürte ich ein Rumoren im Bauch, eine sanfte, aber doch drängende Kolik und unmittelbar war mein Körper vollständig entleert. Das war Wohlbefinden. Auf einmal sah ich mich ganz scharf. Ich lief. Das Komische war, ich kannte dieses Wohlbefinden. Ich hatte so etwas schon einmal erlebt, aber wann? Ich rannte über die Decks. Ich rannte in einer glücklichen Motorik, jeder Schritt, jede Bewegung, schien zum Lichtstrahl zu werden, die Erinnerung, die Hoffnung, der Wunsch, die Ideen, sie strahlten durch meine Blutbahn, das Herz pumpte, die Schleimhäute waren ausgereizt.
Jetzt konnte ich sie finden. Ich wusste, dass ich es konnte. Ich wollte mich nicht mehr verabschieden, ich wollte alles aufschreiben. Ich wollte kein falsch Zeugnis geben. Ich lief zu ihr. Es war fast schon egal. Und so wurde im Lauf der Entwicklung alles früher Wirkliche unwirklich, es verlor seine Notwendigkeit, sein Existenzrecht, seine Vernünftigkeit; an die Stelle des absterbenden Wirklichen trat eine neue, lebensfähige Wirklichkeit. Sie würde egal werden.

Am hinteren Ende des Oberdecks stand sie. So stellte ich mir Marie vor, die ich zuletzt als Kind kannte, die doch aber längst groß geworden war, nicht zuletzt dank all der Schicksalsschläge. Sie beobachtete das Treiben an Deck, das Schäkern, die Bar, die Deko mit den bewegten Bildern, die Kulisse des Jetzt. Sie lachte. Stultifera Navis ist ein Haus, das fährt, sagte sie zu mir und lachte dabei. Es mag dein Haus sein, sagte sie. Ein Haus voller Erinnerungsräume, voller Sehnsuchtszimmer, dachte ich und: Aber genau dieses Haus wollte ich verlassen, als ich an Deck kam. Du armes Schwein hast aber ein großes Haus, rief einer, der mir ähnlich sah, von der Treppe her und ich dachte, was weiß denn ich, wie groß dieses Haus ist. Dieses Boot jedenfalls hat drei Decks, es fasst 3000 Passagiere. So sieht es doch aus.
Ich schaute sie an und freute mich und fragte: Wieso bist du hier? Sie sagte: Weil ich hier angefangen habe, weil ich hier jeden Sonntag herkomme. Ich fragte: Bist Du's, Marie? Sie lachte. Ich bin nicht die, die du suchst, ich bin nicht dein Wunschbild. Lachte sie mich aus? Ich musste meinen Blick von ihr nehmen und wollte nach draußen schauen, doch es war dunkel. Ich sah die Projektion auf der Leinwand hinter mir durch das spiegelnde Glas der Fensterscheibe, sah wie sich das liebende Pärchen aus dem 40er-Jahre-Film vermischte mit den Schemen derer, die an der Reling standen und ihre Drinks im Sturm zu sich nahmen.
Ich hatte nur Plastikfolie gegessen.
Als ich mich wieder zu ihr drehte, war sie weg. Mein Wohlbefinden aber blieb. Ich stellte mich zu denen, die an der Reling standen. I was one of the fools on the boat, saw the sun going down and the eyes in my head saw the world spinning 'round. Ich streckte den Kopf in den Fahrtwind, ließ die Nebelfetzen an meinen Schläfen kleine Kälteschmerzschocks produzieren und hörte mich und mehr als tausend Stimmen übers Deck brüllen. Aber keiner hörte uns oder unsern Lärm, aber das war egal. Es war egal, dass der Kapitän ein Wendemanöver verkündete, es war egal, dass das Schweigen der kleinen Quäkergruppe im Unterdeck weder ein göttliches Licht noch ein Beben mit sich brachte, es war egal, dass wir zurückruderten, um am Ende zu glauben, es sei nichts passiert. Nur eine fröhliche Nacht, an deren Ende uns wieder das feste Land aufnehmen sollte.
Der Morgen graute, ich war wieder am Ende. Wie schön.

I was very tired and now very merry,
I had gone forth and back all night on the ferry.
I hailed, ?Good morrow, mother!? to a shawl-covered head,
And bought a morning paper, which I didn't read;
And she wept, ?God bless you!? for the apples and pears,
And I gave her all my money but my subway fares.

Als die großen Türen offen waren, zögerte ich, hinaus in die Stadt zu treten. Am Ende der Empfangshalle lag Till auf einer Bank, zugedeckt mit seiner Windjacke schlief er hier, als ob er auf etwas wartete. In der Deckung der Masse huschte ich an ihm vorbei und auf dem Weg in einen Tag, den ich nicht erwartet hatte, fragte ich mich, was eigentlich wäre seine zweite Frage gewesen?
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.

Sarabande

Modeste
Cold Elf - Record

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"Komm näher.", flüstere ich in den Schatten neben dem Schrank, in die Falten der Vorhänge und setze mich auf. Schon rührt sich etwas zwischen Balkontür und Bett, jemand tanzt in meinen Augenwinkeln ein paar Schritte über die Dielen und singt ganze und halbe Takte mit schwankender, trunkener Stimme.

"Du kannst doch gar nicht singen.", lache ich ihn aus und greife nach seiner Hand. "Tanz mit mir", singt er, dreht mich um die eigene Achse und zieht mich an seine Brust, wo es nach Zimt riecht, nach Pfeffer und Zedern, und er dreht mich immer schneller, mit sicherem Griff um die eigene Achse, dreht mich wieder aus, und seine Hand wird wärmer auf meinem Rücken. "Du atmest ja wieder.", flüstere ich ihm zu, und lasse Nina Simone lauter singen, black is the color of my true love's hair. Sicher und fest setzt er seine Füße auf meine Dielen.

"Bist du es auch?", frage ich ihn und fahre ihm zweifelnd durch das Haar und über die rissigen Lippen. Er lacht mich aus, dreht mich schneller, wirft mich heftiger über den Boden, und seine Füße stoßen das Holz, als wolle er Löcher in die Dielen treten. Seine rechte Hand greift kraftvoll um meinen Nacken, meinen Hals, und mit dem Zeigefinger tastet er den Kehlkopf ab und die Sehnen, die den Kopf halten.

"Komm näher.", bitte ich ihn, und er gräbt seine Finger tief in meine weichen Seiten. "Komm näher.", bettele ich, und er fährt mir mit seinen Nägeln durch die Haut und greift mir ins blutige Fleisch, bis ich schreie. "Spürst du mich?", fragt er und schiebt seinen kleinen Finger in meine Adern, dass das Blut an den Seiten brennend über seine Hände läuft.

Rauh leckt er mir über die Lider, bis es dunkel wird, Purpur und Schwarz. "Noch näher?", fragt er, und streicht durch das klaffende Fleisch den Knochen entlang, und ich nicke. Lauter wird das Reißen an meiner Haut, schmatzend löst sich das Fleisch von meinen Knochen, und am Ende wird er meine Haut in den Wind hängen, der durch die Bäume streicht, und allein weitertanzen, die ganze Nacht und später, irgendwann, wenn es mich nichts mehr angehen wird, in aller Helligkeit des Morgens.

Modeste

Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht sie unter Melancholie Modeste.

Die Freundliche

Axel Wegner
Double Axe -Train Station

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Meine Montagmorgenfahrt nach Hamburg läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Am Ostkreuz einsteigen in den 2. Wagen der S-Bahn, dann bin ich im Hauptbahnhof direkt an der Rolltreppe. Da der Bahnhof komplett rauchfrei ist, geht es Erstes raus aus dem Nordeingang zum Europaplatz, um den Nikotinpegel noch einmal aufzufüllen vor den zigarettenlosen zwei Stunden. Direkt vor der Anfahrt hat sich dort ein schmächtiger Mann aufgebaut, einen Tapetentisch vor sich, und verkauft Zeitungen. Wetterfest gekleidet mit dickem Anorak und Baseballkappe steht er da und blickt sehr fröhlich in die Welt. Wenn es sein muss, dirigiert er schon mal die Taxis oder weist Leuten, die eine Fahrgelegenheit suchen, den richtigen Weg oder hält einen Plausch mit den Leuten vom DB-Wachdienst.

Vor einigen Wochen habe ich mich dann spontan entschlossen, ein Berliner Zeitung zu kaufen für die Fahrt. 80 Cent, das Wechselgeld kommt aus einem antik wirkenden Wechselgeldbehälter vor dem Bauch, aus dem er die 20 Cent knipst, ein Behälter wie ihn früher die Straßenbahnschaffner hatten.

Irgendwann stand ich dann da, rauchte meine Zigarette und dachte, ich könne ja schon einmal mein Wechselgeld abzählen für den Kauf. Er beobachtet das mit seinem wachen Blick, greift sich die Zeitung und schießt auf mich zu mit einem breiten Lächeln, ganz unbeeinflusst von seinem schadhaften Gebiss, mit blitzenden Augen, aus denen der Stolz spricht, sich an mich und meine Gewohnheiten erinnert zu haben.

Seitdem kommt er immer gleich an, wenn ich aus der Tür trete, Zeitung in der Hand und lächelt mich an. Ich bin schon gespannt, ob er mich auch erkennt, wenn ich meine signalrote Spätwinterjacke nicht mehr an habe.

2. Die Seite des Kampfes

Heute morgen hatte ich Zeit, nach einem Termin, der schneller vorbei war als gedacht, war ich früher am Hauptbahnhof und entschloss mich, noch einmal durch das Gebäude zu bummeln. Ich finde, ja, all die Geschäfte haben wenig Zuspruch, auch die Gleise, besonders unten, sind nur wenig ausgelastet, da ist noch viel Kapazität drin. Wie die Geschäfte existieren können, bleibt mir unklar, aber ich bin ja nur an zwei Tagen in der Woche dort, vielleicht sieht es sonst dort anders aus.

Nachdem ich heute knapp 10 Euro zum Umsatz beigetragen hatte in Form eines englischen Taschenbuches, sagte ich mir, dass die Zeit noch da war für eine zweite Auffüllung des Nikotinpegels. Ich bin da komisch, wollte nicht noch einmal zum Zeitungsverkäufer hinaustreten, muss ja niemand meinen Zigarettenkonsum mitzählen können. Aber es gibt ja zwei Ausgänge, also entschloss ich mich, zum Süden hinauszutreten und den Blick auf die Waschmaschine zu genießen, in der das Merkel wahrscheinlich still vor sich hin grinst.

Kaum war ich draußen, da schienen sie los gelassen. Horden vom schwarzbemäntelten Schlipsträgern zogen ihre schwarzen Trolleys mit oben drauf abgestellten Computertaschen hinter sich her und stürmen auf den Taxistand zu. Schlange stehen ist in Deutschland keine Gewohnheit, also stürzen sich die schwarzen Massen auf die beigen Fahrzeuge. An der Spitze der Schlange steht ein Asiate, vielleicht auch Japaner und wartet geduldig. Alle anderen stürmen die Schlange, ab zum sechsten oder siebten Taxi. Die Zufuhr an Taxis ist groß, alle Fahrer konzentriert, keinen anderen zu rammen, vor an die Spitze der Schlange, zwischendurch in Lücken gedrängelt.

Der Japaner macht einen vorsichtigen Schritt auf ein Taxi zu, das an der Spitze der Schlange zu stehen kommt, er ist aber zu höflich. Eigentlich der Erste in der Schlange, drängt ihn ein Businesspaar beiseite und besteigt den Wagen. Irgendwann sind alle Taxis weg, der Japaner steht noch da und weiß, seinen Kopf schüttelnd, nicht, was hier passiert ist.

Axel Wegner, Mathematiker, Alt-Hamburger und (nicht mehr so Ganz-)Neu-Berliner. Fand einen Job und Frau in Berlin, verlor ersteren und hat nun wieder einen in Hamburg. Das gibt die Gelegenheit, wöchentlich mehrere Stunden in den internetlosen Salonwagen der Deutschen Bahn über Formeln zu brüten oder kleine Geschichten zu schreiben.

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Björn Schwede
Shearer - Feeling Numb

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Er wollte nie ein Handy haben. Auch, wenn ihm alle anderen erklärten, dass es nur Vorteile bringen würde UND man könne ja schließlich selbst entscheiden, wann man für andere erreichbar sei.
Das erklärten sie ihm alle. Und konnten dann nicht mal fünf Minuten auf den Bus warten, ohne aufs Display zu schauen.
Mittlerweile telefonierten sie nicht nur damit oder kommunizierten mit kurzen Nachrichten. Sie checkten auch ihre Mails, Blogs und die wichtigsten Internetseiten.
- Dabei habe ich auch schon mal zwei Busse hintereinander verpasst, grinste einer von ihnen neulich und guckte stolz in die Runde.

Heute Abend hätte er auch kein Handy gebraucht. Alles hat funktioniert. Mehr als das. Der Veranstalter hat ihn vom Bahnhof abgeholt. Sie waren intuitiv aufeinander zugegangen, hatten sich begrüßt. Erst hinterher war ihm aufgefallen, dass der Veranstalter keine große Ähnlichkeit mit dem Bild auf der Website hatte ? und auch er wurde darauf angesprochen, dass sein Pressefoto wohl etwas älter war.
- Wenn nicht, hättest du ja meine Handynummer gehabt, hatte der Veranstalter gelacht.

Zuerst war er erschlagen. Wie oft finden schon Lesungen in Konzertsäalen statt? Die Bühne groß genug für die typische Besetzung, die Fläche vor der Bühne eng genug für ein Moshpit und oben auf der Empore der Platz für die Leute, die sehen wollen, vielleicht brüllen.
Die Wände waren mit einer Tapete beklebt, die in alten englischen Herrenhäusern die Bäder mit farbigem Grau zudecken. Die Bar hatte eine Sorte Bier, zwei Sorten Schnaps, Kaffee schwarz und gesalzene, in Fett geröstete Erdnüsse.

Es lief. Es lief wie von selbst. Die ersten Lacher. Die Stories zwischen den Geschichten, heute einfach frei erzählt, wie es passte, wie es kam. Wie drei Akkorde für eine schwitzende, schreiende Menge.
Auch die Balladen, in den Zwischenräumen. Luft holen, vielleicht eine Zigarette anstecken und dann weiter reichen. Vielleicht dachte der eine oder andere auch an surfen. Sich von der Menge tragen lassen. Und dann. Dann eine kurze Ansage. Und wieder Rock'n'Roll.
Auch bei dieser Lesung ist niemand von der Bühne in den Menge gesprungen, kein Stagediving, auch kein Moshpit. Aber es lag da etwas in der Luft. Energie vielleicht. Wut im Bauch, vielleicht. Vielleicht Freude, die springen will, tanzen, schreien. Bis sie platzt. Es lag in der Luft.
Diese Lesung war näher an einem Konzert, als manche Konzerte.

Und nun? Jetzt waren alle weg. Der Hausmeister hatte hinter ihm abgeschlossen. Er war hinaus auf die Straße getreten. In dieser Stadt, in der längst selbst die Tankstellen geschlossen waren, die Jugendlichen durch die Straßen zogen, die letzten Bushaltestellen zerlegten und die letzten Telefonzellen.

Dieses eine Mal wünschte er sich ein Handy. Nur, um dieses Gefühl im Bauch, das Rauschen im Kopf in Worte packen zu können. Und ihr diese Worte geben können. Per Telefon.
Dieses eine Mal wünschte er sich, er hätte ein Handy.
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden veröffentlicht.

Herr Ernst

Sprachspielerin
My First Trumpet - Autonarkose

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Vielleicht hätte man es an dem Christbaum merken müssen, der im März immer noch geschmückt auf dem kleinen Balkon stand. Vielleicht hätte man es einfach daran merken müssen, dass man dem alten Herrn Ernst gar nicht mehr im Treppenhaus begegnete. Aber nach dem Tod seiner Frau im Herbst war er ohnehin immer seltener aus der Wohnung gekommen und sein immer mürrisches Wesen machte es einem leicht, ihn nicht zu vermissen. Erst hinterher fragte man sich, ob man nicht etwas hätte bemerken müssen, fragte sich, warum man denn nicht an ihn gedacht und sich gesorgt hatte.

Seine Frau war ganz anders gewesen, das genaue Gegenteil, sehr lebhaft, lebensfroh und kontaktfreudig, jeden sprach sie im Treppenhaus an, sie lauerte den Bewohnern regelrecht auf, um sie in ein Schwätzchen zu verstricken und oft hörte man sie laut und mit schöner Alt-Stimme singen, tagsüber, wenn ihr Mann nicht zu Hause war. Während er in der Arbeit war, sang sie die alten Schlager aus ihrer Jugend und manchmal musste man sich dann ein Lachen verkneifen, wenn die alte Dame mit tiefer Stimme "Kann denn Liebe Sünde sein?" oder "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?" trällerte. Ihr Mann hatte das gar nicht gern. Auch das Klavierspiel hatte er ihr verboten und ihr Klavier kurz nach der Hochzeit verkauft, denn das Musikmachen war ihm verdächtig und gehörte sich nicht für eine anständige Ehefrau, das war seine Meinung. Deshalb blieb es still, sobald er nach Hause gekommen war, sehr still, kein Gesang, kein Radio, kein Lachen mehr von Frau Ernst.

Sie vermisste ihr Klavier, sie sprach oft davon, wie sie als junges Mädchen Klavierstunden bekommen hatte und trotz ihrer kleinen Hände sofort Schlager spielen wollte, ohne lästige Anfänger- und Fingerübungen und wie ihr das auch gelungen war. Ihr Klavier hatte ihr Mann ihr genommen, aber ihre Stimme konnte er ihr doch nicht nehmen. Und so sang sie fröhlich und trotzig, auch ohne Klavierbegleitung, sobald er nur das Haus verließ. Jeden der Hausbewohner packte sie mindestens einmal nach einem Gespräch bei der Hand und führte ihn mit leuchtenden Augen in ihre Wohnung, wo sie stolz wie ein Kind ihren größten Schatz herzeigte: ein original Autogramm von Zarah Leander, ihrem großen Idol, extra für sie.

Man musste sie einfach mögen, die Frau Ernst, auch wenn sie einem manchmal gehörig auf die Nerven gehen konnte, wenn man es eilig hatte, sie einen aber doch im Gespräch festhielt. Ihr Tod kam plötzlich, kurz nachdem ihr Mann in Rente gegangen war, so plötzlich wie sie es sich immer gewünscht hatte. Auch ihre Mutter war damals mitten am Tag, im fahrenden Linienbus ganz unvorbereitet zwischen all den Leuten vom Schlag getroffen worden und sofort tot, wie sie erzählte, so wolle sie auch sterben, so ohne jede Vorwarnung, ohne Krankheit, ohne Schmerzen. Denn sie, sie sei niemals im Leben krank gewesen, nie, nicht einmal eine Erkältung habe sie jemals gehabt und sie könne es sich auch gar nicht vorstellen, auch nicht im Alter, das passe einfach nicht zu ihrer Rossnatur. Dann lieber kerngesund und plötzlich umfallen. Dieser Wunsch war ihr dann tatsächlich erfüllt worden, aber viel früher, als sie gedacht hatte.

Denn eigentlich freute sie sich sehr auf die Rente ihres Mannes, sie erzählte immer wieder begeistert von den Plänen, die sie für diese Zeit hatte, sie hätten ja endlich noch reisen, noch so viel erleben können! Ein Leben lang hatte Herr Ernst gearbeitet, von früh bis spät, auch für sie, sagte er, für sie, die keine Ausbildung hatte, weil schon ihre Mutter das nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschule für ein gutbürgerliches Mädchen für überflüssig gehalten hatte, obwohl sie gerne etwas hätte lernen wollen, für sie hatte Herr Ernst gearbeitet, für die es sich seiner Meinung nach auch überhaupt nicht ziemte zu arbeiten. Anständige Frauen blieben zu Hause, machten den Haushalt, umsorgten den Ehemann und brachten abends pünktlich das Essen auf den Tisch, anständige Männer sorgten dafür für den Lebensunterhalt, so einfach war das.

Und dann war es endlich so weit, mit der Rente. Vielleicht ertrug sie es einfach nicht, diesen mürrischen Menschen und sein strenges Regiment plötzlich den ganzen Tag zu Hause um sich zu haben, ertrug es nicht, dass er ihr jetzt dauernd sagte, was zu tun war und sie bei jeder Regelübertretung ermahnte, dass er jedes Schwätzchen mit den Nachbarn, die für ihn Unbekannte waren, für überflüssig hielt und es missbilligte, vielleicht ertrug sie es einfach nicht, dass sie jetzt auch tagsüber nicht mehr singen durfte. Vielleicht entzog ihr seine reine Anwesenheit die Lebenslust. Jedenfalls lag sie eines Morgens einfach tot neben ihm im Bett, nur wenige Wochen, nachdem er seine Rente angetreten hatte, und an diesem Tag sah man den Herrn Ernst zum ersten und letzten Mal emotional aufgewühlt und erregt. Er lief durchs Treppenhaus und klingelte alle Nachbarn aus dem Schlaf, weil er nicht wusste, was er tun solle mit seiner toten Frau, weil er überhaupt nicht wusste, was er tun sollte.

Nach der Beerdigung von Frau Ernst, an der sämtliche Hausbewohner teilnahmen, zog Herr Ernst sich zurück und verließ die Wohnung nur noch schwarz gekleidet zu seinen seltenen Einkäufen, sprach mit niemandem, nur den lautgestellten Fernseher hörte man ab und zu durch die Wände. Nie bekam er Besuch, er hatte keine Freunde, seine Frau war wohl die einzige gewesen, die seinen strengen Charakter aushalten konnte.

Dann war es Frühling geworden, die Jahreszeit, in der Frau Ernst sonst Frühlingslieder gesungen und fröhlich den sorgfältig verteilten Weihnachtsschmuck gegen eine verfrühte Osterdekoration ausgetauscht hatte, die Jahreszeit, in der sie jedem, dessen sie im Treppenhaus habhaft werden konnte, froh erzählte, dass es in einem Frühling gewesen sei, in einem Frühling im Krieg, in dem sie ihren Mann kennengelernt habe, ein Frühling, in dem die Bomben noch die aufgerissenen Felder zu einem glühenden Blühen gebracht hatten. Freudestrahlend berichtete sie dann von ihrem "Ernstl", wie "schmuck" er damals in Uniform ausgesehen habe - wofür sie auch gerne Fotos als Beweis vorlegte - und wie glücklich sie damals mit ihm gewesen sei.

"Jaja,", sagte sie dann, "eine Frau wird erst schön durch die Liebe." Wenn man "Ernstl" aber kannte, dann musste man den Schluss ziehen, dass dies niemals an ihm hatte liegen können, sondern vielmehr Frau Ernst über die Fähigkeit verfügte, mit beinahe jedem Menschen, in beinahe jeder Situation glücklich zu sein. Ihre Augen verschatteten sich nur, wenn sie erzählte, dass sie keine Kinder hatten bekommen können, obwohl sie sich Kinder so sehr gewünscht habe, aber sie fand sicher sehr bald einen Grund, das Thema zu wechseln und fröhlich von etwas anderem zu sprechen. Vielleicht war sie dann lächelnd damit fortgefahren, dass nur der Nachname ihres Mannes nun wirklich nicht zu ihr passe.

In diesem Frühjahr, nach ihrem Tod, blieb der Christbaum, den Herr Ernst trotz allem im Dezember hinausgestellt hatte, bis in den März auf dem kleinen Balkon stehen, aber niemand wunderte sich, niemand dachte überhaupt noch an Herrn Ernst. Vielleicht hätte man einmal bei ihm klingeln, ihm Hilfe anbieten sollen, aber andererseits war man sich sicher zurückgewiesen zu werden und es schien doch alles in Ordnung. Auch roch man nichts, der Winter war kalt und Herrn Ernsts Sparsamkeit führte dazu, dass er die Heizung meist ausgeschaltet ließ. Erst als der große Briefkasten vor Werbung und Kontoauszügen überquoll, rief irgendwer aus dem Haus die Polizei, nachdem Herr Ernst auch nach mehrmaligem Klingeln nicht geöffnet hatte. Er musste schon im Dezember gestorben sein, Verwesung und teilweise Mumifikation waren schon fortgeschritten, als man ihn auf der Couch sitzend fand, auf seinem Schoß das alte Notenheft mit dem Autogramm von Zarah Leander.
Die Sprachspielerin beschäftigt sich mit Literatur sowohl wissenschaftlich als auch leidenschaftlich, ist Münchnerin, kann sich aber zwischen Frankreich und Italien nicht entscheiden, denn beide waren für sie entscheidend. Den da- und woandersher rührenden Trennungsschmerz versucht sie schreibend zu bewältigen und hat deshalb auch ein Blog.

Feuerrot

Pia Drießen
JC&GK - Karma

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Mit zitternden Händen reiße ich ihn an mich, an meine Brust. Meine Finger krallen sich in seine blaue Daunenjacke, um ihn noch näher an mich zu ziehen, ihn zu spüren. Seine Augen sind nur einen Spalt weit geöffnet und ich bin mir nicht sicher, ob er mich sieht, ob er überhaupt weiß, dass ich bei ihm bin. ?Matti. Oh, Matti!? Ich flüstere heiser seinen Namen, wiege ihn langsam hin und her.

Wie konnte das nur passieren? Er war doch immer ein so aufmerksamer, vorsichtiger Junge gewesen. Als er noch klein war, gerade fünf Jahre alt, bekam er zu seinem neuen roten Tretroller einen feuerroten Fahrradhelm geschenkt. Ich glaube, er hat diesen Helm sogar mehr gemocht, als den Tretroller, denn nicht selten rannte er laut johlend durchs Haus, bekleidet mit einer Latzhose und diesem Helm und spielte Feuerwehrmann. Als er später in die Schule kam und der feuerrote Fahrradhelm zu klein wurde, musste auch der neue rot sein.
Sein erstes Fahrrad und auch das letzte, welches er sich vergangenen Sommer gekauft hatte, waren rot. So auch sein erstes eigenes Auto. Ein alter, klappriger Ford Fiesta, den er zur Hälfte von seinem Nebenjob selber bezahlt hatte. Den Rest hatten Oma und Opa dazu getan. Wie stolz Matti doch auf seinen fahrbaren Untersatz war.
Als er uns das Auto zum ersten Mal präsentierte, konnte ich mir ein Stirnrunzeln nicht verkneifen. ?Und das soll sicher sein??, habe ich ihn damals gefragt und Matti hat gelacht. ?Es ist ein feuerrotes Feuerwehrauto. Natürlich ist das sicher.? Er nahm es mir nicht übel, dass ich weiterhin skeptisch blieb und mich am Griff der Beifahrertür festhielt, wenn ich mit ihm fuhr.

Mein Blick fiel auf den jungen Mann in meinem Armen. Er war kein Kind mehr, wie ich mir in Erinnerung rief. Wir beide waren keine Kinder mehr. Ich strich ihm mit der linken Hand die Haare aus der Stirn, während ihn meine Rechte weiterhin fest umklammerte. Seine Stirn war kalt, eiskalt und das Gemisch aus Blut und Schweiß klebte an meinen Fingern. Wie, zum Teufel, hatte das passieren können?

Wir waren verabredet. Matti und ich waren häufig verabredet. Manchmal kochte ich für ihn, weil ich bis heute der festen Überzeugung war, dass er sonst verhungern oder an einer Fettleber sterben würde. Und dabei war Matti wirklich alles andere als dick. Dieses ganze Fast Food konnte seinem durchtrainierten und sportlichen Körper einfach nichts anhaben, während ich vom Anblick einer Pizza schon Hüftspeck bekam. Das hatte ich oft als unfair empfunden und er hatte dann versucht, mich zu versöhnen. ?Ach Mietze, dass ist doch gar nicht wahr. Du hast eine Traumfigur, ein wunderschönes Gesicht und einen unglaublich tollen Charakter. Du Traumfrau, Du.? Auch wenn ich wusste, dass er mit dem was er sagte übertrieb, so liebte ich es, wenn Matti mich Traumfrau nannte. Und das hatte er schon sehr früh getan. Als er gerade mal zehn Jahre alt war, erklärte er mir eines Abends, dass er fest davon überzeugt war, dass die perfekte Frau genauso aussehen musste, wie ich. Mal abgesehen davon, dass er ebenfalls fest davon überzeugt war, dass er mich mal heiraten würde. Der verrückte Kerl.

Eine winzige Regung reißt mich aus meinen Gedanken, lässt meine Fingerspitzen über seine Wangen gleiten und erneut seinen Namen flüstern. ?Matti? Matti. Lieber Matti!? Seine Augenlider flackern kurz, öffnen tun sie sich aber nicht. Vorsichtig lege ich seinen Kopf schließlich in meinen Schoß, nehme sein Gesicht in beide Hände und fange leise an zu weinen. ?Oh Matti, bitte. Bitte, bitte, bitte.? Ich weiß nicht, worum ich ihn eigentlich bitte. Vielleicht darum, dass er mir diese Angst nimmt, die mir die Luft abschnürt. Darum, dass er aufsteht, lacht, sich den Dreck von er Hose klopft und mich an der Hand hinter sich her zieht. So, wie früher. ?Oh Matti.?

Als Matti dreizehn war, hatte er seine wilde Stunt- und Aktionheldenphase. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft er sich mit Ketschup beschmierte und sich mit verdrehten Beinen irgendwo im Haus auf dem Boden drapierte, um darauf zu warten, dass jemand vorbei kam und sich beinahe zu Tode erschreckte. Oft sprang er zehn Treppenstufen herunter, stürzte mit einer gekonnten Judorolle quer durch den Flur und erschreckte uns alle fürchterlich. Ich fand das selten wirklich lustig und habe mehrere Stunden sehr nachtragend kein Wort mit Matti gewechselt. Seine Versuche, mich mit schlechten Witzen wieder aus der Reserve zu locken, waren dann meist doch erfolgreich. Sein Lieblingswitz war ein ?Fritzchen?-Witz und ging ungefähr so: Fritzchen geht mit seiner Oma in den Park. Als er einen fünf Euroschein findet, will er diesen aufheben, doch seine Oma ermahnt ihn: ?Fritzchen, was auf dem Boden liegt, hebt man nicht auf.? Einige Minuten später rutscht Fritzchens Oma auf feuchten Blättern aus und streckt verzweifelt ihre Hand nach Fritzchen aus. Dieser stemmt die Hände in die Hüfte und schüttelt den Kopf: ?Nee Oma, was aufm Boden liegt, darf man nicht aufheben!?
Der Witz war abgedroschen, aber wenn Matti ihn erzählte, musste ich doch jedes Mal aufs Neue lauthals lachen. Wieso nur Matti?

Ich blinzle wütend die Tränen weg, die mir die Sicht verschleiern und erkenne, dass Mattis Lippen sich schwach bewegen. Sofort beuge ich mich tief zu ihm hinunter und versuche zu verstehen, was er sagt. Ob er überhaupt etwas sagt. Doch Matti bleibt stumm. Erneut spreche ich auf ihn ein, bemüht, nicht hysterisch zu klingen. Er hat immer sofort gewusst, wenn etwas nicht mit mir stimmte und in dieser Sekunde stimmte gar nichts mit mir. Mein geliebter Matti lag regungslos und bewusstlos in meinen Armen. Sein Kopf blutete und sein Körper war kälter als ein Dezembermorgen.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Matti war stets für andere Menschen da gewesen. Schon in der Schulzeit war er öfters in Schlägereien geraten, wenn er andere, schwächere Schüler hatte verteidigen wollen. Später, bei der Bundeswehr, hatte er oft zwei Rucksäcke getragen, wenn einer seiner Kameraden körperlich zu sehr erschöpft war. Natürlich hat er uns diese Dinge nie selber erzählt, denn Matti ist ein bescheidener Mensch, der ungern von sich selber redet. Aber sein bester Freund Tino hatte uns seine kleinen Heldentaten immer wieder zugetragen. Wir waren so unsagbar stolz auf Matti. Damals schon.

?Mietze?? Seine Lippen sind blass und trocken, als er mich anspricht. So leise und zaghaft, dass man es glatt überhören könnte. Aber ich hänge an seinen Lippen, an seinen Augen, an seinem Leben. Ohne Matti bin ich niemand! ?Ja, Matti. Ich bin hier. Hörst Du? Ich bin hier bei dir.? Ich beuge mich erneut zu ihm runter, bis unsere Wangen sich berühren. Erneut schaudere ich, als ich bemerke, wie kalt seine Haut ist.
?Was ich passiert?? Seine Augen sind trüb und seine Lider flackern immer wieder. Ich habe Angst, dass ich ihn verliere. Dass er die Augen schließt und sie nie wieder öffnet.
?Oh Matti.? Ich schlucke, um nicht laut loszuheulen. ?Du bist von einem Auto angefahren worden?, flüstere ich.
?Wo bin ich?? Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film, in dem der Verunfallte erst nach dem Was, dann nach dem Wo fragen und zum Schluss wissen will, ob er sterben wird. Matti wird nicht sterben. Nicht hier und schon gar nicht heute!
?Vor meiner Haustür. Wir waren verabredet. Du bist aus dem Auto gestiegen, über die Straße gegangen ? Das schwarze Auto ist einem Radfahrer ausgewichen, der gegen die Einbahnstraße fuhr und dann ?? Ja, ich hatte alles gesehen, habe am Fenster auf Matti gewartet und ihm zu gewunken, als er aus seinem roten Fiesta stieg. Aus seinem Feuerwehrauto.
?Es tut mir Leid, Mietze.? Seine Stimme ist nicht mehr als ein Lufthauch auf meiner Wange und ich weiß, wie ernst ihm das ist, was er gerade gesagt hat. So war das schon immer. Matti und ich, wir verstanden uns auch ohne Worte, manchmal sogar ohne Blicke. ?Das ist Blödsinn, Kleiner. Du hast keine Schuld. Du hast ja nichts verkehrt gemacht.? Er mag es eigentlich nicht, wenn man ihn Kleiner nennt, immerhin ist er ein Meter und neunzig groß, was ihm bei der Bewerbung zum Feuerwehrmann sehr geholfen hat. Im Ernstfall könne man sich dann die Drehleiter sparen, hatte sein Chef gescherzt.
?Ach, Mietze.? Er seufzt sehr leise und schließt die Augen. Sofort bekomme ich Panik, rüttle sachte an ihm und rufe seinen Namen. Als er nicht reagiert, schüttle ich ihn fester und mein Rufen wird lauter. ?Matti! MATTI! Verdammt! Matthias!?

Ein Schaudern durchfährt seinen Körper so deutlich, dass ich ihn spüren kann. Dann sieht er mich wieder an. ?Du hast mich schon ewig nicht mehr Matthias genannt.? Sein linker Mundwinkel zuckt und es sieht ganz kurz so aus, als wolle er lächeln. Mein Herz setzt für eine Sekunde aus und mich beschleicht das Gefühl, als wolle er mich veralbern. So wie damals, wenn er am Fuß der Treppe gelegen hatte, mit Ketschup beschmiert. Dann hatte ich ihn bei seinem vollen Namen genannt. Wenn eine Situation ernst war, nannten wir uns immer bei unseren vollen Namen. Aber es schien schon ein halbes Leben her zu sein, dass Matti mich Mia genannt hatte.

Beim Gedanken daran schießen mir erneut Tränen in die Augen und ich kann meine Angst nicht mehr verbergen. Leise weine ich, während meine Stirn gegen die meines kleinen Bruders gepresst ist. Einundzwanzig Jahre sind einfach viel zu wenig. Wenn das Alles sein soll, wieso hat man mir überhaupt einen Bruder geschenkt? Wieso nimmt man ihn mir jetzt schon wieder weg? Ich kann nicht ohne ihn leben. Er ist meine andere Hälfte. Nichts habe ich mir sehnlicher gewünscht, als einen Bruder. Und ich war so verdammt stolz, als Mama mir an meinem vierten Geburtstag verriet, dass ich ein Geschwisterchen bekommen wurde. Einundzwanzig Jahre waren nicht genug! Und was war schon ein Augenblick, gegen einundzwanzig Jahre? Der Radfahrer, das ausweichende Auto, Matti ? das war nicht mehr als ein Augenblick.

?Mietze?? Ich schluchze nur, zu mehr bin ich nicht fähig. ?Ich glaub, ich muss jetzt gehen.? Seine Stimme klingt plötzlich so fest, dass ich erschrocken hoch fahre, ihm panisch in die Augen sehe und dieses beruhigende Lächeln erkenne, welches nur Matti zu Stande bringt. ?Nein Matti, Du gehst nirgends hin. Verstanden?!? Mein Blick ist wütend, doch Matti erschickt nicht davor. Er lächelt immer noch und schließt langsam die Augen. Sofort zerre ich an ihm, schreie ihn an. Meine Stimme überschlägt sich zu einem hysterischen Kreischen.

Schließlich greife ich nach Mattis Jackenkragen und will ihn von der Erde hoch ziehen, ihn auf die Beine reißen und so alles ungeschehen machen, was in den letzten fünf Minuten passiert ist.

?Mia, du Tramfrau. Man soll nichts aufheben, was auf dem Boden liegt.? Ich verharre in der Bewegung, starre meinen kleinen Bruder an, der in diesem Augenblick seine Augen erneut schließt und dabei lächelt. Völlig apathisch sitze ich auf dem kalten Asphalt, meinen geliebten Matti im Arm und muss erkennen, dass ich jetzt alleine bin. Dass meine andere Hälfte gerade gegangen ist. Dass ich zurück bleibe. Mit tausend Erinnerungen, aber alleine.

***


?Mia, wie lang willst Du diesen Schrottkübel noch fahren?? Genervt zerrt meine beste Freundin Tina an der Beifahrertür, die schon seit drei Jahren klemmt. Ich lächle ihr über das Autodach hinweg zu. ?So lange er fährt, ist er noch in Ordnung, hat Matti gesagt.? An Tinas Gesicht sehe ich, wie unangenehm ihr plötzlich ihr genervter Ausruf ist. Ich lache leise und deute ihr mit einem Wink, dass sie einsteigen soll, nachdem ich die Beifahrertür von innen geöffnet habe. Als wir nebeneinander im feuerroten Fiesta sitzen, sieht sie mich einen Moment prüfend von der Seite an. ?Geht es Dir gut?? Ich nicke und will den Wagen starten. Doch der Motor springt nicht an. Nicht mal ein Glucksen oder Stottern ist zu hören. Tränen sammeln sich in meinen Augen und langsam ziehe ich den Schlüssel aus dem Zündschloss.

?Exitus.?, sage ich leise und versuche zu lachen. Doch alles, was aus mir heraus bricht, ist ein bitterlicher Schmerz, den ich laut in die Welt hinaus weine.

Ich diesem Augenblick stirbt Matti ein zweites und letztes Mal unter meinen Händen.
Ich lasse ihn endlich los.
- auch in Köln geborene und arbeitende Marketing Managerin, Baujahr 80. Ihrem Blog Ego-Zentrale ist sie seit 2002 verfallen und befriedigt dort ihre tägliche Schreibsucht. Jedes geschriebene Wort ist für sie wie ein Herzschlag, weshalb sie oft ziemliches Herzrasen hat.

14:47

Ally Klein
MF Doom - Potholderz

Mehr von Musik und Infos über die Band gibt es hier.

die nacht war hell und wir schliefen unter der brücke, während schwarze wasserlilien an uns vorbeizogen. wir streuten uns gegenseitig mohnblüten in die kehle und liebten uns, jeder für sich, an der betonwand. diese finger, die noch vor einigen stunden die regler am mischpult berührten. vinyl streiften. der frühling hat noch nicht begonnen. wir tranken billigen whisky und sein giftiger geschmack zersäbelte unsere sprachen.

am morgen lag er zusammengekauert auf dem weißen bettlacken. in einem fremden zimmer. von kakao und beiger milch betäubt. schulterblätter und rippen. blasser rücken. stolpernde pupillen meinerseits. rollten vorwärts. meine worte verstaucht und zertrümmert auf seiner zunge. zwischen den zähnen. platzten in schweigenden sprechblasen. ich hatte meine dummheit wieder und wusste damit nichts anzufangen.

er zuckte und erspähte mein gesicht. naive, kindliche glückseligkeit zog seine mundwinkel auseinander. er roch nach spätem mittag. dehnte sich so, dass der weiße lappen, der sich decke nannte, hüftknochen enthüllte, an denen mein widerstand am tag zuvor brach. all meine jas und meine neins. und alle

die nacht hindurch kratzte ich alle sterne vom himmel, um fortzugehen. müde hände. all diese hände, hände, hände. tausende kilometer weiter ein remake: milchkaffee mit zucker, billige zigaretten. spider lashes.

fremdanalyse. man antwortete. flüsternd.

"baal ist jung. er ist asozial. hat keine moral. alles, was er kennt, sind sterne. er frisst und verklärt sich. fickt und tanzt mit seinen wolken. leb wohl, zirrus. bald ist frühling."

daraufhin sah er hoch. zu mir. lächelte irritiert. lächelte dann einfach. sah immer noch hoch.

ohne zu fragen die antwort.

"meine heimat braucht meinen schutz nicht. ich habe keine. alles, was ich besitze, atme ich ein. bald ist frühling. da stolpert der himmel über kraniche."

hand, hinterhältiges, verräterisches biest an das vorlaute libido angenähnt, riss ihm den weißen lappen vom leib

Ally Klein

hört gerne Knochen unter ihren Füßen knacksen. Auf der Suche nach den richtigen fünfzehn Minuten: me i'm a sucker just a slave to sound.

Es muss ja

belledejour
The Orchestral Movement of 1932 - Kalua

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Verschlagworten, einordnen, aufräumen, sortieren, belegen, beweisen. Was mache so mit ihrem Leben machen, frag ich mich oft. Ich hab schon genügend Probleme damit, mein Leben einzuordnen, aber es gibt doch immer wieder welche, die sich die ganze Zeit damit beschäftigen, den Dingen ihren Sinn zu geben. Sie einzuordnen in ihr Koordinatensystem, und wenn es nicht passt, dann wird es eben so lange niedergemacht, bis die anderen doch einsehen müssen, wie man es richtig macht. Festgefressenes Ideologiegekrampfe, an dem schon mehr als eine Generation zu Grunde gegangen ist. Hab ich nie verstanden. Diese Arbeit und Mühe, die sich mache da machen. Leben und vor allem die Randbezirke des Lebens in denen man selber wandelt, haben mich immer fasziniert. Ich habe nicht den Anspruch des Verstehens, eher des feinstofflichen Erfühlens. Die Schönheit am Abgrund. Muss ich immer alles verstehen? Nope, will ich auch gar nicht. Aber ich schaue es mir an, ziehe hier und da was raus, probiere vieles aus, manchmal zu meinem eigenen Schaden. Aber die Lust, Dinge anders zu erleben, zu erfühlen, ist eben immer da. Ich weiß nicht, was es aus mir macht, aber ich probiers mal aus, dann werde ich ja schon sehen.

Diese Neugierde hat mir eine Menge Drogenerfahrungen eingebracht. Ich hab meine Nase in knietiefe Kokainteppiche gedrückt und fand es sehr geil, wenn der die kleinen Kristalle durch meine Adern geräubert sind, und alles weggerissen habe, was mich bremst. Wie eine wildgewordene Kehrmaschine. Ich hab mir danach auf grünen Badewannenvorleger zwischen die Beine gegriffen, bin mit 220 über die Autobahn gebrettert, die Fenster offen, und auf jeden Fall jenseits von gut und böse. Ich hab mir mir auf einem Goa irgendwo im Osten zusammen mit einem gefährlich dürren Rastamenschen Pilze in den Hals geworfen, solange, bis ich wirklich dachte, ich könnte die Aurafarben der Steine erkennen. Am nächsten Tag war es mir zwar ein bisschen peinlich, dass ich jedem stundenlang erzählt habe, wie toll die Steine doch seien, aber schön war?s dennoch. Ich habe Extasy genommen und gedacht, das gleich entweder mein Herz zerspringt oder mein Kopf platzt. Was in einem Fall dann zu einer unangenehmen Nacht geführt hat, weil ich wirklich davon überzeugt war, dass gleich mein Herz platzt. Ich hab in einer Wasser/Urinlache neben einem undichten Klo gelegen, meine Hand unter meine Brust gepresst, weil ich dachte, ich könnte das Herz so zusammenhalten, es überreden, vielleicht doch nicht zu platzen. Ich sah winzige Haarrisse in den Adern, die das Herz umgeben, sah die Risse größer werden, mein Blut in meinen Körper strömen, und es war mir sonnenklar, dass mein Herz dem Druck einfach nicht standhalten könnte, und dass man mich gleich tot in der blöden Urinlache in dem blöden Club finden würde, und ich hab immer wieder den Namen meines längst toten Hundes gejammert.
Ich hab mich piercen lassen, hab mich mal aus einem Flugzeug stoßen lassen, mit zwei Frauen im Bett gelegen, mit zwei Männern auch, und einem längst verschollen Freund dabei geholfen, mit meiner besten Freundin ins Bett zu gehen. Ich hab meine Grenzen ausgetestet ich mache das heute wahrscheinlich immer noch, sonst hätte ich den irren Maler wahrscheinlich längst aus meinem Leben verbannen müssen, weil er ein versoffener Irrer ist, der den Gin schneller wegsäuft, als ich ihn anschleppen kann, und er neulich einen Tobsuchtsanfall bekommen hat, weil ich zu wenig dabei hatte, und er mich angebrüllt, beschimpft und rumgeschubst hat. Daraufhin hab ich in ein gerade von ihm angefangenes Bild meine High Heels reingedonnert, was ihn derartig fertigmachte, dass ich im ersten Moment dachte, dass er mich jetzt umbringt, aber er hat nur geheult und gesagt, dass ich ihn nicht lieben würde, was vermutlich stimmt.

Was soll man machen? Die Pfade, die man gehen muss, damit man leben kann, sind so vorgegeben. Arbeit, Geld, Miete, Essen, Schlafen. Ich kann Leute verstehen, die das schön finden, die ihr Leben darauf ausrichten, immer weitere Leitplanken zu bauen, immer mehr Netze ziehen, die irgendwann feststellen, dass sie Bully lustig finden, auch wenn dessen Humor noch spießiger ist, als der von Peter Alexander, die das brauchen, dass die Grenzen immer enger gesteckt werden, das die Regeln dauerhaft sind, die sagen, dass die vielen neuen Überwachungsgesetze ja niemanden stören der keinen Dreck am Stecken hat, die die Diäten aus der Brigitte/Freundin/Petra machen, weil dieses Jahr die verdammte Modeindustrie die Größen wieder runtergesetzt haben, wegen der ganzen Mädchen mit den Winzärschen, die sonst in der Kinderabteilung ihre Hosen einkaufen müssten. Kann man alles machen, bitte. Aber das ist nicht meins. Ich will was anderes, auch wenn ich vielleicht Gefahr laufe, eine durchgevögelte, alte Frau mit schlechten Zähnen und zu alter Haut zu werden. (Botox, my love). Ich mache den Leuten mit den Regeln keine Vorwürfe, ich bemitleide sie nicht. Sie haben ihr, ich hab mein Leben. Ich verstehe nur oft nicht, warum sie ihre Regeln auch unbedingt auf andere ausweiten müssen. Warum sie versuchen, alles und jeden diesen Regeln zu unterwerfen, warum die glauben zu beurteilen zu können, ob meine Sicht der Welt richtig oder falsch ist, ob ich etwas verstanden habe, oder immer haarscharf an ihrer vordefinierten Dummheit entlang schramme. Manchmal haue ich meine Nase in einen Kokshaufen, manchmal lasse ich mich auf einem dreckigen Tisch neben vollen Aschenbechern vögeln, mir blaue Flecken an meinen Brüsten verpassen lassen, weil ich denke, dass es der einzige Weg ist, etwas zu lernen. Und darum geht?s ja wohl, ums eigene lernen. Um die eigenen Schmerzgrenzen, um zu sehen, was dahinter kommt, ob der Ekel da ist, oder dieses Kribbeln, dieses Gefühl einen verbotenen Schritt gemacht zu haben. Wohin auch immer. Die Erkenntnis ist ja ein alter, lahmer Gaul, der immer als letzter einläuft.
Hatte mal ein Weblog, schrieb sich dort die Seele aus dem Leib, bis sie feststellte, dass sie eigentlich keine hat. Sie hat lange gesucht und hofft nun, was ähnliches gefunden zu haben. Vielleicht bloggt sie demnächst auch mal wieder.

Balanced

Benjamin Reichstein
Logtone Solutions - Mindcatcher

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Unendlich müde wachte ich auf, es fühlte sich an als hätte ich gar nicht geschlafen. Starkes Kopfweh, Gliederschmerzen. Die Albträume der letzten Nacht hatten mir wirklich zugesetzt. Es war einer dieser typischen, verregneten Montage im November. Nachdem ich mich wieder einigermassen in meiner eigentlich vertrauten Umgebung zurechtgefunden hatte, bemerkte ich das ich sehr unbequem lag und versuchte mühsam aufzustehen. Mit schmerzendem Rücken taumelte ich ungelenk durch den kalten Flur. Was für ein verdammt schlechter Morgen, dachte ich mir, als ich auf den stillosen, verfilzten Teppich blickte. Doch irgendwas war anders, ich fühlte mich so viel schwerer als gestern Abend, ich schwankte regelrecht - und nicht aus Müdigkeit. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen trat ich bibbernd auf die kalten Badfliessen, schloss aus Gewohnheit die Tür hinter mir und drehte den Wasserhahn auf. "Nur nicht in den Spiegel sehen, mit ein wenig kaltem Wasser wirst du schon wach", dachte ich so vor mich hin. Doch als ich meinen Gesicht in die Richtung des Wasserstrahls neigte, fiel mir im Augenwinkel irgendetwas auf. Ich hob langsam den Kopf, sah direkt in den alten, schlichten Spiegel und mir wurde schlagartig schwindelig.
Mir waren Flügel gewachsen!
Ich betrachtete meinen Rücken mit einer Mischung aus Neugier und Furcht. Aus meiner linken Schulter war mir ein schöner, weisser Engelsflügel gewachsen. Die Federn fühlten sich an wie Samt, alle Konturen waren weich und trotzdem sah man ihm eine Kraft an, die unbeschreiblich war. Der Flügel auf der rechten Schulter war das genaue Gegenstück davon: Er war hart, bedeckt mit dunkelroten bis fast schon schwarzen Schuppen und auf der Wurzel und dem Gelenk befand sich jeweils ein tiefschwarzer, knochenharter Stachel. Während ich meine beiden neuen Körperteile inspizierte durchzuckte mich plötzlich ein stechender Schmerz und ich sank auf den Fussboden. So lag ich da, halb nackt auf kalten Fliessen, und wimmerte und wand mich vor Qual. Ich krallte meine Hände in meine Schläfen und betete um Erlösung, doch schon nach wenigen Sekunden klang es langsam wieder ab. Um mich herum war es schlagartig still geworden. Dann hob sich mein linker Flügel langsam von ganz alleine, streckte sich immer weiter, bis er schliesslich aus der Badtür bis zur Mitte des Flurs ragte und mein ganzer Körper von einem warmen Kribbeln durchflutet wurde.
In den darauf folgenden Tagen war ich ein Heiliger, immer im Reinen mit der Welt und vollkommen erfüllt von dem Bedürfnis allen zu helfen und jeden bedingungslos zu lieben. Ich opferte mich vollkommen auf, auch wenn es mir selbst Kummer und Schmerzen bereitete. So starr auf "gut" getrimmt hätte ich sogar meine Beine amputieren lassen um jemand anderen das Laufen wieder zu ermöglichen. Doch schon bald kam der Zorn, langsam, schleichend aber unausweichlich. Je mehr Schmerzen und Frustrationen sich in mir sammelten, desto höher hob sich mein rechter Flügel. Wie bei einer schweren Geburt schien er immer mehr Leben eingehaucht zu bekommen, während der Engelsflügel immer schwächer wurde und schliesslich herabhing. Und dann war es soweit. Ich kochte vor quälender Wut die in meinem Kopf brodelte und meine Augäpfel verwandelten sich in giftig-gelbe Teller, deren Pupille nur noch ein scharfer, schwarzer Keil war. Ich zog mit messerscharfen Zähnen, zum fürchten grinsend und selbstgefällig durch die Strassen. Ich log, betrog, verriet meine Freunde und empfand nur bissige Kälte in mir, bis auf den letzten, kleinen Rest meiner Selbst, der tief hinten in meiner Seele zusammengekauert weinte und verzweifelt auf seine Rettung wartete. Dann fing ich an zu verletzen und zu brandschatzen, ich vergewaltigte und mordete, lies alle meine hasserfüllten Triebe in einem wahnsinnigen Inferno explodieren bis ich schlussendlich innehielt und in einem zerbrochen Schaufenster mein eigenes Spiegelbild betrachtete. Ich blickte intensiv in meine glänzend gelben Augen und in die schwarzen Tiefen meiner Seele und fing an heftig zu weinen.
Während der Engelsflügel sich mit jeder Träne weiter aufrichtete fasste ich einen schweren Entschluss. Weder wusste ich woher die Flügel kamen, noch welche Kraft in ihnen steckte. Das einzige was ich wusste war, das sie verschwinden mussten. Durch die unglaubliche Güte, die der Engelsflügel in mir weckte, stärkte ich die Kräfte des Dämonenflügels. Irgendwann konnte mein Kopf seinem Bann nicht mehr wiederstehen und ich lies mich von ihm führen, während mein Blut sich in kochende Lava verwandelte und mein Mund mit spitzen Zähnen bestückt wurde. Das Ganze endete in einem plötzlichen Moment der Klarheit, der mich zutiefst verletzte und Schuldgefühle weckte, was wiederum dem guten Flügel Leben einhauchte. Also blieb mir nur eine Lösung und so stand ich auf alten Zeitungen mit einer grossen Knochenschere bewaffnet vor dem Badspiegel. Ich setzte die Schere an der Wurzel meines bösen Flügels an und drückte sie mit aller Kraft zu. Ein lautes, nach splitternden Knochen klingendes Geräusch drang an mein Ohr und ohne das ich etwas fühlte fiel der Flügel zu Boden und zerfiel zu grauem Schwefelstaub. Nur noch ein kleiner, blutender Stummel an meiner Schulter zeugte von seiner Existenz. Ich wurde schlagartig weiss im Gesicht. Doch ich wusste das ich den Schock ausnutzen musste, also setzte ich erneut an und mit einem weiteren Krachen sank der Engelsflügel wie ein Blatt Papier zu Boden, löse sich dabei in lauter Federn auf bis auch er schlussendlich verschwunden war. Nach diesem Anblick wurde mir schwindelig und ich versuchte noch vergeblich ein Handtuch von der Wand zu nehmen, um meine Blutung zu stoppen. Aber ich konnte mich nicht einmal daran festhalten und rutschte einfach an der kalten Fliessenwand nach unten und verlor das Bewusstsein. Als ich nach ein paar Stunden aufwachte und meinen Rücken begutachtete, waren die Stummel verschwunden, nicht einmal Narben waren noch geblieben. Nur das vertrocknete Blut, das mir den Rücken heruntergelaufen war, und die Spuren an der Wand warfen mich hart zurück in die Realität und hinterliessen dieses flaue Gefühl in meinem Magen, das bis heute niemals ganz verschwunden war.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.

Music was my first love

Syberia
Rogg Meddeford - Contrejour

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Man erfährt viel über jemanden, wenn man zum ersten mal seine Wohnung betritt und sich anschaut, wie derjenige seine Musik aufbewahrt. Es gibt Menschen, die ihr Gewürzregal alphabetisch sortiert und die Schrauben der Türangeln mit eingeölten Wattestäbchen polieren haben, bei denen die Unterhosen gebügelt und auf Kante gefaltet in der Schublade liegen - und wo die CDs gedankenlos aneinandergereiht in der staubfreien Vitrine verwahrt werden. Bei solchen Leuten sieht man auch hin und wieder noch in Folie verschweißte Exemplare im Regal stehen.

Andere wiederum treiben es in umgekehrter Richtung auf die Spitze. Sie sortieren zunächst nach Datenträgertypus (Schallplatten, Kassetten, CDs, DVDs, BDs), diese wiederum nach Genre, diese nach Interpreten, diese nach dem Erscheinungsjahr des Albums, diese nach dem Tierkreiszeichen-Aszendenten der damaligen Freundin des Managers der Band, diese nach der durchschnittlichen Fingernägellänge des Drummers, diese nach der Aufenthaltsdauer des Leadsängers in Entziehungskliniken in Tagen ? und so fort. Compilations kommen nicht vor oder stehen in einem Extra-Regal in der Besenkammer.

Meine Eltern hörten ausschließlich klassische Musik, alphabetisch sortiert. Sonntagsnachmittags öffnete mein Vater sämtliche Fenster und drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, um auch die Nachbarn an der Erhabenheit von Wagners Walkürenritt, Bachs Orgelkonzerten oder Beethovens Neunter teilhaben zu lassen. Während der Woche hörte meine Mutter französische Chansons. Jacques Brel, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Serge Gainsbourg und Michel Sardou sangen von Frauen, die sich gehen ließen und Männern, die deshalb gingen, während meine Mutter kochte, bügelte, Staub wischte und vor dem Flurspiegel ihren Lippenstift nachzog, bevor mein Vater heimkam.

Die ersten fünf Jahre meines Lebens verbrachte ich als Gasthörer, doch an meinem sechsten Weihnachten bekamen wir tragbare Kassettenrekorder unter den Baum gelegt. Damit begann meine eigene musikalische Entdeckungsreise, für die ich allerdings zunächst die elterliche Wohnung nicht verließ. Auf der Suche nach Abspielbarem fand ich ganz hinten im Schrank versteckte Buchclub-Zwangskäufe: Udo Jürgens und Reinhard Mey lugten hinter finster schauenden Dirigenten und wichtig dreinblickenden Tenören hervor. Schon bald verkündete ich singend, noch niemals in New York oder auf Hawaii gewesen zu sein, während Gabi im Park wartete und von der unendlichen Freiheit über den Wolken schwärmte. Meine Eltern wanden sich vor Peinlichkeit, aber es half Ihnen nichts, ich war lauthals und unwiderruflich der Seichtigkeit anheim gefallen.

Zu Zeiten, als Musik noch zwischen die Rillen schwarzer Kunststoffscheiben gepresst wurde, traf man sich nach Schulschluss zum Plattenhören. Die diamantene Nadelspitze knisterte über die ersten Furchen und man saß schweigend auf dem Teppich vor den Lautsprecherboxen und hörte gemeinsam andächtig zu. Ich bekam die ersten selbst aufgenommenen Kassetten geschenkt. Diese Kassetten kosten viel Mühe in der Herstellung und waren mit bedeutsamen Botschaften verknüpft. Wenn das erste Lied darauf This is not a love song von den Sex Pistols war, wusste man zum Beispiel, dass der Beziehung über das schwitzige Händchenhalten und jene kurze Fummelei im Partykeller der katholischen Landjugend hinaus kein weiterer Bestand beschieden sein würde.

Es gibt Lieder, da mag man das ganze Stück, solche, die man vor allem wegen des Refrains hört und solche, bei denen man minutenlang nur auf eine einzige bestimmte Stelle wartet (auf das Schlagzeugsolo von Phil Collins in In the air tonight zum Beispiel). Gemeinsam haben sie, dass sie sich abnutzen, wenn man sie zu oft hört, denn Musik ist ein Speichermedium für Emotionen. Sinneswahrnehmungen gehen in die Lieder und bewahren sich dort auf.

Bei Bright Eyes von Paul Simon fühle ich die Arme meines ersten Schwarms um den Nacken, während ich auf Rollschuhen meinen ersten Engtanz absolviere (da ich die ?richtigen? Schuhe zuhause vergessen hatte und meine damalige beste Freundin es für eine abgefahrene Idee hielt, auf Rollschuhen zur Klassenfete zu fahren). Heart of Glas von Blondie: die erste selbst im Laden gekaufte Schallplatte, mit der ich an sommerlichen Feldern vorbei auf dem Fahrrad zu meiner besten Freundin Heike unterwegs bin, die sie sich zum Geburtstag gewünscht hatte. Love will tear us apart von Joy Division: deprimierender Nachmittag auf einer Bank im Park, als ich durch die Nachprüfung rasselte und klar war, dass ich die zehnte Klasse würde wiederholen müssen. Twist in my sobriety von Tanita Tikaram: die erste Fahrt allein im Auto nach bestandener Führerscheinprüfung, erst nach Düsseldorf zum shoppen, dann nach Essen ins Kino. Das Album Bête noire von Bryan Ferry: lief auf Endloswiedergabe in einem uns für zwei Wochen überlassenem Appartement in New York und sollte übertönen, dass meine Freundin ein Zimmer weiter die ganze Nacht ohne Pause laut vögelte. Weshalb ich irgendwann hinüberging, als ihr Lover im Bad war und ihr Psycho Killer von den Talking Heads in die Ohren stöpselte: I can?t seem to face up to the facts, I?m tense and nervous and I can?t relax?

Ich hatte einst einen Freund, der mir ein Seelengefährte war. In seinem letzten Sommer, den wir zusammen verbrachten, saßen wir auf der Veranda seines Elternhauses in einem Ostberliner Vorort, rauchten zwei Schachteln Westzigaretten pro Tag, diskutierten über unsere Zukunftspläne, Camus und Satre, Gott und die Welt und hörten uns durch die Jazzplatten-Sammlung seines Vaters. Fitzgerald, Armstrong. Davis, Getz, das Ratpack. Moonlight in Vermont, I get no kick of champagne, If ever I would leave you, When autumn leaves, Fly me to the moon, From this Moment on, Just one of those things.

Auf der Rückfahrt, noch mitten im Sommer, wehte der Wind mir ein einzelnes welkes Ahornblatt durchs offene Zugfenster. Das Blatt habe ich heute noch, Camus hätte das gefallen, denn der Freund ist? fort und gegenüber seinem Grab wachsen Birken, Kiefern und Ahornbäume. Doch wenn ich die Lieder von damals höre und die Augen schließe, dann kann ich auf die Veranda jenes Sommers zurückkehren, die so viele Jahre in der Zeit versunken ist und heute nur noch aus morschen Brettern besteht. Und er sitzt mir wieder gegenüber und lacht mich an.

Musik kann einem das Herz zerreißen. Musik kann es wieder grob zusammenflicken. Musik ist ein Stück Unsterblichkeit. Sie erinnert dich an das, was wichtig ist, was dich ausmacht. Musik kann dich zum tanzen bringen und ins Stolpern. Musik kann dich traurig machen, wenn du froh bist und froh machen, wenn du traurig bist. Musik bringt dich durch den Tag und wohin immer du willst, wenn du sie lässt.
Syberia. Ruhrgebietskind mit allem, was dazugehört. Habe mir schon Geschichten ausgedacht, als ich sie noch nicht aufschreiben konnte. Lebe mit dem besten und lustigsten Mann der Welt und den zwei merkwürdigsten Katzen der Welt in Frankfurt am Main und blogge

Test