
Don't smoke in bed
von Glamourdick
Zur Ehrenrettung des Möbelhauses, und deshalb habe ich Deko-Schaf Svenö angeführt, muss ich sagen, dass die dort vertriebenen Matratzen erstklassigen Brandschutz bieten. Denn mein erstes "Oh oh"-Erlebnis in der Kategorie "so kann's mit mir nicht weitergehen" hat etwas mit dem von einer Zigarette verursachten Brandloch in meiner relativ neuen Matratze zu tun. Mit zwei Ecstasy und mehreren Litern Alkohol intus ist es nie eine gute Idee, im Bett zu rauchen, und schon gar nicht mit brennender Zigarette einzuschlafen. Ikea saved my life. Das war im Februar. Ein paar Tage nach diesem Vorfall beschloss ich, mich in Behandlung zu begeben.
Die Fakten
Nach der Depression und dem Alkoholismus ist die Sozialphobie die dritthäufigste psychische Erkrankung. Lebenszeitbezogen erkranken 15,5% der Bevölkerung. Wiederum 15% dieser Betroffenen versuchen oder begehen Selbstmord. Was mit einer "normalen" Schüchternheit beginnen mag, steigert sich langsam in eine ausgewachsene Misere. Viele Patienten begeben sich mit einer ganz anderen Symptomatik in Behandlung, z.B. Depression und/oder Alkoholismus, psychovegetative Störungen. Das bringt mich zum nicht unverwandten Thema der axiliären Saugcurettage... Ca. ein Jahr bevor ich mich zur stationären Therapie entschloss, hatte ich den Plan meine Achsel-Schweißdrüsen entfernen zu lassen, da meine Psyche die unangenehme Angewohnheit hatte, bei leisester Stress-Indikation Achselschweiß zu produzieren. Stress konnte bedeuten, dass sich jemand außer mir im Raum aufhielt. Aber es reichte auch völlig aus, morgens allein vor meinem Computer zu sitzen und zu überlegen, was der Tag noch so für mich bereit hielt. Für wen sich jetzt das Achselschweißproblem lächerlich anhört - gehen Sie mal im Winter schwitzend durch die Stadt. Sie ernten nicht nur skeptische Blicke, sondern auch häufiger Erkältungen als die anderen. Hinzu kommt, dass das Bewusstsein "ich schwitze" dazu führt, sich selbst, und der eigenen Anormalität ständig bewusst zu sein. Von den Waschmittekosten ganz zu schweigen. Dies nur als Beispiel für ein psychosomatisches Symptom. Selbst an Tagen, an denen ich mich stark fühlte, wies mein Körper mich daraufhin, dass ich ständig unter Druck, ständig in Alarmbereitschaft stand.
Ca 20% aller Sozialphobiker missbrauchen Alkohol. Viele Bekannte und Freunde von mir waren überrascht, als ich ihnen sagte, woran ich litt. Sie kannten mich als aufgeschlossenen, heiteren Menschen, mit dem man gut feiern kann. Nach ein paar Gläsern Wein war ich grundsätzlich auch ein gelöster Mensch und das Schwitzen, das Erröten, das zwanghafte Schlucken verschwand in der Regel. Alkohol enthemmt. Wie die meisten anderen Drogen auch. Also waren Alkohol und Drogen für mich schon einmal grundsätzlich eine gute Sache. Nur manchmal fragte ich mich, ob ich es nicht ein wenig übertrieb (siehe meine Matratze).
Doch auch die folgenden Verhaltensauffälligkeiten sind charakteristisch für den Sozialphobiker:
- Putz- und Ordnungszwang (von dem ich Gott sei Dank verschont bin)
- Kontrollzwänge aus Angst, den von außen gestellten Ansprüchen nicht zu genügen.
- Handlungsunfähigkeit basierend auf der Vorwegnahme zu befürchtender negativer Reaktionen. (Ich geh nicht auf die Party,weil mich jemand für unattraktiv oder dumm oder krank halten könnte.)
Bei all diesen Zwängen, inklusive dem Drogenmissbrauch, handelt es sich um Bewältigungsmaßnahmen der sozialen Angst. Sich der Angst auslösenden Situation gar nicht erst zu stellen, ist zunächst nicht die schlechteste Methode, sich der Angst zu entziehen. Doch nach ein paar Jahren dieser Methodik wird man sich seiner Defizite bewusst. In vielen Fällen ist der soziale Kontakt auf ein Minimum geschrumpft. Auch schon während der Vermeidungstaktik fühlt man sich schlecht. Man schämt sich für seine Unfähigkeit.
Der Drogenmissbrauch ist ein anderes Mittel, die Wand einzureißen, die der Geist den Körper veranlasst zwischen der Welt und mir zu errichten. Ich hatte und habe immer ein soziales Netz gehabt. Ich bin (auch wenn es mir oft schwer fiel) auf Theaterpremieren gegangen, habe Freunde in Cafés getroffen. Allerdings fast immer half ein Glas Sekt auf Eis. Ohne dies schaltete sich die gewohnte Selbstbeobachtung ein. Man verbringt überhaupt irrsinnig viel Zeit damit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn ich mich einmal vergessen sollte, weist mein Körper durch Schweißbildung immer wieder verlässlich darauf hin, wie vorhanden ich eigentlich bin. Er zwingt mich zur Selbstbeobachtung und ständigen Selbstkritik. Nicht so schön für den Selbstwert. Man spürt sich. Aber nie in dem Gefühl, mit sich selbst im Einklang zu sein. Ich kann mich an symptomfreie Zeiten erinnern, aber leider merkt sich die Psyche ihre somatischen Tricks und ich zweifle noch stark daran, dass ich sie ihr jemals dauerhaft werde austreiben können. Trotzdem will ich meine soziale Kompetenz wiederhaben. Und wenn das sechs Wochen stationäre Behandlung bedeutet und möglicherweise noch einige Jahre ambulanter Therapie, dann ist das mein Weg.
Der zweite Tag
Aufwachen um 5.35. Augen vom Heulen geschwollen wie beim Down-Syndrom. Eine Morgendepression springt mich an. Aber vielleicht ist es auch die Depression von gestern und sie ist mit mir aufgewacht. 6.15 Blut- und Urinabgabe. Messen, Blutdruck, wiegen - wo kommen die 5 Kilo her, von denen ich nicht wusste, dass ich sie zugenommen habe? Rauchen, dann Frühstück. Aus Versehen setze ich mich in den Bereich von Team 5. Ich hoffe, dass es mir die Team 2-Kollegen nicht übel nehmen. Aber na ja - ich hab mich gestern ziemlich isoliert, bin sogar zum Rauchen nicht zu ihnen gegangen, sondern blieb Ipod-beschallt allein. Vielleicht legen sie das jetzt gegen mich aus. Bei Frühstück in Team 5 komme ich mit einem Berliner ins Gespräch, der nicht Kanufahren darf. Kanu nur für Angstpatienten. Das erste Mal in Wochen kann ich meiner Angst etwas abgewinnen. Um 8.15 Frühtreff - auch "der Appell" genannt. Hier bekommen wir Patienten unsere Termine. Frau F. hat um 9.15 Depri in der Aula, aber das überschneidet sich mit dem Seminar "Stress und Stressbekämpfung" im Gartengeschoss, das im Grunde ein Keller ist. Ich erfahre, dass ich um 9.15 Uhr meine Psychologin treffe. Die Patienten, mit denen ich ins Gespräch komme und die mir sympathisch sind reisen alle schon nächste Woche ab. Dass ich sie sympathisch finde hat aber vielleicht damit zu tun, dass sie die Therapie schon fast hinter sich haben.
Ich bin gespannt auf's Drogenscreening und die Leberwerte. Wenn es da Auffälligkeiten gibt, dann muss ich eine Abstinenzerklärung unterschreiben und würde mich ärgern, meine ersten beiden Tage (die, schenkt man den anderen Glauben, die schlimmsten sein sollen) nichts getrunken zu haben.
Das erste Gespräch mit meiner Therapeutin verläuft den Umständen entsprechend angenehm. Ich kann die Träne zurückhalten, aber sie quillt ganz schön vorm Auge.
Nach dem Gespräch mit dem Chefarzt ("Sie sind dumm!" "Warum? "Weil Sie erst jetzt kommen.") mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Spaziere durch die Altstadt von W. und trinke einen Eistee, weil ich nirgends Cola Light Lemon finden kann. Auf dem Rückweg am Hafen entlang hole ich den Ipod raus und setze mich auf eine Bank mit Blick auf Wasser und Boote. An einer mietbaren Yacht links von mir steht ein Typ mit schwarzem Lockenkopf und Sonnenbrille und sieht angenehm entspannt aus. Er stört nicht im Bild. Ist nicht zu attraktiv, nicht zu aggressiv wirkend. Eyecandy ohne Kalorien. Nach einer viertel Stunde ("Razzle Dazzle them", Richard Gere, "Trouble in mind" Marianne Faithfull) setzt er sich neben mich. Ich überlege, ob mich das befangen macht. Du Tarzan, Ich Patient. Wieder ein paar Minuten später kommt ein weiterer attraktiver junger Mann vorbei und die beiden geben sich einen flüchtigen und liebevollen Kuss. Lockenkopf geht, junger Mann bleibt neben mir sitzen und liest Zeitung. Ich verschwinde. Soviel schwule Normalität halte ich gerade nicht aus. Warum sieht meine Leben nicht so aus? Warum sitze ich auf dem Berg bei den Psychos und er auf der Bank vor der Yacht? Life sucks. Beim Abendbrot lerne ich L. kennen. Sie zeigt mir den kürzesten Weg von der Klinik zum Wasser und wir setzen uns auf den Bootssteg. ?Wenn ich nicht mehr kann ? dann komm ich immer hierher. Manchmal geht´s einfach nicht, da kannst Du Dir das Elend der anderen nicht auch noch antun. Wenn ich den Blick auf dem Wasser habe, geht's mir wieder gut."
"Weshalb bist Du hier?"
"Das gleiche wie Du ? Sozialphobie."
Soviel Zeit wie möglich draußen verbringen ist eine gute Strategie. Laubbäume, hoppelnde Hasen, Eichhörnchen, Bambi und seine "Mutti" (so bezeichnet selbst meine Therapeutin eine Frau mit Kindern), schwarze Katzen, Elstern, Mücken, kleine Käfer, Schnecken, nackt und angezogen. Wasser, Wasser, Wasser. Der Himmel liefert heute spektakuläre Wolkendeko. Ich rauche und schaue und höre Musik und denke gerade, wie schön, dass ein Kopfhörer ein so allgemein verständliches Signal liefert, als ein Herr sich neben mich setzt und mich in ein Gespräch verwickelt, in das ich mich nicht verwickeln lassen möchte, aber dessen Fäden ich aus Schicklichkeitsgründen nicht zu kappen verstehe. Als es endlich vorbei ist klingelt das Handy an, es ist Jürgen und ich bin froh, seine Stimme zu hören, und nicht, wie gestern noch, um Fassung ringen zu müssen.
Ich erkläre: "Es ist wie beim 'Frauentausch' auf RTL2. Da heult jede Tauschmutti, wenn sie ihre Familie verlässt, so dass man sich fragt, warum macht die blöde Kuh es dann? Aber man weiß erst wie es ist, wenn man selbst die blöde Kuh ist. Außer, dass ich keine Tauschmutti bin. Weil, es ist ja keine Mutti in meine Wohnung eingezogen. Nur die beiden Spanier. Und ich krieg auch kein Honorar." Als ich zum Schlafengehen das Licht ausmache, sehe ich aus dem Fenster ein Feuerwerk und die Klänge des Grauens ("Über sieben Brücken musst du geh'n") wabern herüber. In W. ist Volksfest. In der Klinik erstmal Schicht.
Weiter geht es hier: http://batesmotel.twoday.net
Die Fakten
Nach der Depression und dem Alkoholismus ist die Sozialphobie die dritthäufigste psychische Erkrankung. Lebenszeitbezogen erkranken 15,5% der Bevölkerung. Wiederum 15% dieser Betroffenen versuchen oder begehen Selbstmord. Was mit einer "normalen" Schüchternheit beginnen mag, steigert sich langsam in eine ausgewachsene Misere. Viele Patienten begeben sich mit einer ganz anderen Symptomatik in Behandlung, z.B. Depression und/oder Alkoholismus, psychovegetative Störungen. Das bringt mich zum nicht unverwandten Thema der axiliären Saugcurettage... Ca. ein Jahr bevor ich mich zur stationären Therapie entschloss, hatte ich den Plan meine Achsel-Schweißdrüsen entfernen zu lassen, da meine Psyche die unangenehme Angewohnheit hatte, bei leisester Stress-Indikation Achselschweiß zu produzieren. Stress konnte bedeuten, dass sich jemand außer mir im Raum aufhielt. Aber es reichte auch völlig aus, morgens allein vor meinem Computer zu sitzen und zu überlegen, was der Tag noch so für mich bereit hielt. Für wen sich jetzt das Achselschweißproblem lächerlich anhört - gehen Sie mal im Winter schwitzend durch die Stadt. Sie ernten nicht nur skeptische Blicke, sondern auch häufiger Erkältungen als die anderen. Hinzu kommt, dass das Bewusstsein "ich schwitze" dazu führt, sich selbst, und der eigenen Anormalität ständig bewusst zu sein. Von den Waschmittekosten ganz zu schweigen. Dies nur als Beispiel für ein psychosomatisches Symptom. Selbst an Tagen, an denen ich mich stark fühlte, wies mein Körper mich daraufhin, dass ich ständig unter Druck, ständig in Alarmbereitschaft stand.
Ca 20% aller Sozialphobiker missbrauchen Alkohol. Viele Bekannte und Freunde von mir waren überrascht, als ich ihnen sagte, woran ich litt. Sie kannten mich als aufgeschlossenen, heiteren Menschen, mit dem man gut feiern kann. Nach ein paar Gläsern Wein war ich grundsätzlich auch ein gelöster Mensch und das Schwitzen, das Erröten, das zwanghafte Schlucken verschwand in der Regel. Alkohol enthemmt. Wie die meisten anderen Drogen auch. Also waren Alkohol und Drogen für mich schon einmal grundsätzlich eine gute Sache. Nur manchmal fragte ich mich, ob ich es nicht ein wenig übertrieb (siehe meine Matratze).
Doch auch die folgenden Verhaltensauffälligkeiten sind charakteristisch für den Sozialphobiker:
- Putz- und Ordnungszwang (von dem ich Gott sei Dank verschont bin)
- Kontrollzwänge aus Angst, den von außen gestellten Ansprüchen nicht zu genügen.
- Handlungsunfähigkeit basierend auf der Vorwegnahme zu befürchtender negativer Reaktionen. (Ich geh nicht auf die Party,weil mich jemand für unattraktiv oder dumm oder krank halten könnte.)
Bei all diesen Zwängen, inklusive dem Drogenmissbrauch, handelt es sich um Bewältigungsmaßnahmen der sozialen Angst. Sich der Angst auslösenden Situation gar nicht erst zu stellen, ist zunächst nicht die schlechteste Methode, sich der Angst zu entziehen. Doch nach ein paar Jahren dieser Methodik wird man sich seiner Defizite bewusst. In vielen Fällen ist der soziale Kontakt auf ein Minimum geschrumpft. Auch schon während der Vermeidungstaktik fühlt man sich schlecht. Man schämt sich für seine Unfähigkeit.
Der Drogenmissbrauch ist ein anderes Mittel, die Wand einzureißen, die der Geist den Körper veranlasst zwischen der Welt und mir zu errichten. Ich hatte und habe immer ein soziales Netz gehabt. Ich bin (auch wenn es mir oft schwer fiel) auf Theaterpremieren gegangen, habe Freunde in Cafés getroffen. Allerdings fast immer half ein Glas Sekt auf Eis. Ohne dies schaltete sich die gewohnte Selbstbeobachtung ein. Man verbringt überhaupt irrsinnig viel Zeit damit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn ich mich einmal vergessen sollte, weist mein Körper durch Schweißbildung immer wieder verlässlich darauf hin, wie vorhanden ich eigentlich bin. Er zwingt mich zur Selbstbeobachtung und ständigen Selbstkritik. Nicht so schön für den Selbstwert. Man spürt sich. Aber nie in dem Gefühl, mit sich selbst im Einklang zu sein. Ich kann mich an symptomfreie Zeiten erinnern, aber leider merkt sich die Psyche ihre somatischen Tricks und ich zweifle noch stark daran, dass ich sie ihr jemals dauerhaft werde austreiben können. Trotzdem will ich meine soziale Kompetenz wiederhaben. Und wenn das sechs Wochen stationäre Behandlung bedeutet und möglicherweise noch einige Jahre ambulanter Therapie, dann ist das mein Weg.
Der zweite Tag
Aufwachen um 5.35. Augen vom Heulen geschwollen wie beim Down-Syndrom. Eine Morgendepression springt mich an. Aber vielleicht ist es auch die Depression von gestern und sie ist mit mir aufgewacht. 6.15 Blut- und Urinabgabe. Messen, Blutdruck, wiegen - wo kommen die 5 Kilo her, von denen ich nicht wusste, dass ich sie zugenommen habe? Rauchen, dann Frühstück. Aus Versehen setze ich mich in den Bereich von Team 5. Ich hoffe, dass es mir die Team 2-Kollegen nicht übel nehmen. Aber na ja - ich hab mich gestern ziemlich isoliert, bin sogar zum Rauchen nicht zu ihnen gegangen, sondern blieb Ipod-beschallt allein. Vielleicht legen sie das jetzt gegen mich aus. Bei Frühstück in Team 5 komme ich mit einem Berliner ins Gespräch, der nicht Kanufahren darf. Kanu nur für Angstpatienten. Das erste Mal in Wochen kann ich meiner Angst etwas abgewinnen. Um 8.15 Frühtreff - auch "der Appell" genannt. Hier bekommen wir Patienten unsere Termine. Frau F. hat um 9.15 Depri in der Aula, aber das überschneidet sich mit dem Seminar "Stress und Stressbekämpfung" im Gartengeschoss, das im Grunde ein Keller ist. Ich erfahre, dass ich um 9.15 Uhr meine Psychologin treffe. Die Patienten, mit denen ich ins Gespräch komme und die mir sympathisch sind reisen alle schon nächste Woche ab. Dass ich sie sympathisch finde hat aber vielleicht damit zu tun, dass sie die Therapie schon fast hinter sich haben.
Ich bin gespannt auf's Drogenscreening und die Leberwerte. Wenn es da Auffälligkeiten gibt, dann muss ich eine Abstinenzerklärung unterschreiben und würde mich ärgern, meine ersten beiden Tage (die, schenkt man den anderen Glauben, die schlimmsten sein sollen) nichts getrunken zu haben.
Das erste Gespräch mit meiner Therapeutin verläuft den Umständen entsprechend angenehm. Ich kann die Träne zurückhalten, aber sie quillt ganz schön vorm Auge.
Nach dem Gespräch mit dem Chefarzt ("Sie sind dumm!" "Warum? "Weil Sie erst jetzt kommen.") mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Spaziere durch die Altstadt von W. und trinke einen Eistee, weil ich nirgends Cola Light Lemon finden kann. Auf dem Rückweg am Hafen entlang hole ich den Ipod raus und setze mich auf eine Bank mit Blick auf Wasser und Boote. An einer mietbaren Yacht links von mir steht ein Typ mit schwarzem Lockenkopf und Sonnenbrille und sieht angenehm entspannt aus. Er stört nicht im Bild. Ist nicht zu attraktiv, nicht zu aggressiv wirkend. Eyecandy ohne Kalorien. Nach einer viertel Stunde ("Razzle Dazzle them", Richard Gere, "Trouble in mind" Marianne Faithfull) setzt er sich neben mich. Ich überlege, ob mich das befangen macht. Du Tarzan, Ich Patient. Wieder ein paar Minuten später kommt ein weiterer attraktiver junger Mann vorbei und die beiden geben sich einen flüchtigen und liebevollen Kuss. Lockenkopf geht, junger Mann bleibt neben mir sitzen und liest Zeitung. Ich verschwinde. Soviel schwule Normalität halte ich gerade nicht aus. Warum sieht meine Leben nicht so aus? Warum sitze ich auf dem Berg bei den Psychos und er auf der Bank vor der Yacht? Life sucks. Beim Abendbrot lerne ich L. kennen. Sie zeigt mir den kürzesten Weg von der Klinik zum Wasser und wir setzen uns auf den Bootssteg. ?Wenn ich nicht mehr kann ? dann komm ich immer hierher. Manchmal geht´s einfach nicht, da kannst Du Dir das Elend der anderen nicht auch noch antun. Wenn ich den Blick auf dem Wasser habe, geht's mir wieder gut."
"Weshalb bist Du hier?"
"Das gleiche wie Du ? Sozialphobie."
Soviel Zeit wie möglich draußen verbringen ist eine gute Strategie. Laubbäume, hoppelnde Hasen, Eichhörnchen, Bambi und seine "Mutti" (so bezeichnet selbst meine Therapeutin eine Frau mit Kindern), schwarze Katzen, Elstern, Mücken, kleine Käfer, Schnecken, nackt und angezogen. Wasser, Wasser, Wasser. Der Himmel liefert heute spektakuläre Wolkendeko. Ich rauche und schaue und höre Musik und denke gerade, wie schön, dass ein Kopfhörer ein so allgemein verständliches Signal liefert, als ein Herr sich neben mich setzt und mich in ein Gespräch verwickelt, in das ich mich nicht verwickeln lassen möchte, aber dessen Fäden ich aus Schicklichkeitsgründen nicht zu kappen verstehe. Als es endlich vorbei ist klingelt das Handy an, es ist Jürgen und ich bin froh, seine Stimme zu hören, und nicht, wie gestern noch, um Fassung ringen zu müssen.
Ich erkläre: "Es ist wie beim 'Frauentausch' auf RTL2. Da heult jede Tauschmutti, wenn sie ihre Familie verlässt, so dass man sich fragt, warum macht die blöde Kuh es dann? Aber man weiß erst wie es ist, wenn man selbst die blöde Kuh ist. Außer, dass ich keine Tauschmutti bin. Weil, es ist ja keine Mutti in meine Wohnung eingezogen. Nur die beiden Spanier. Und ich krieg auch kein Honorar." Als ich zum Schlafengehen das Licht ausmache, sehe ich aus dem Fenster ein Feuerwerk und die Klänge des Grauens ("Über sieben Brücken musst du geh'n") wabern herüber. In W. ist Volksfest. In der Klinik erstmal Schicht.
Weiter geht es hier: http://batesmotel.twoday.net


Alex
am 25. Mrz, 20:25