Ich habe keine Angst

von Björn Grau
Das ist Quatsch. Nicht nur Liebe, auch Texte sind Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und als solche zu bewältigen, wenn das richtige Handwerkszeug vorhanden ist. Das Viagra des Textens ist die Recherche. Die Kontaktanzeige, mit der sich die neue Liebe findet, entspricht der Assoziationskette. Fehlt spontan die Idee zum Thema, wird sie eben gesucht und das Hirn gestürmt. Na dann:

Ich habe keine Angst. So lautet der Titel eines italienischen Films, den ich bis heute nicht gesehen habe. Die DVD aber hat mir eine Freundin ausgeliehen vor eineinhalb Jahren und sie steht immer noch ungenutzt im Regal. Ich bin nicht gut im Sachen zurückgeben. Vor bald zehn Jahren hat mir eine auch damals schon ehemalige Schulkameradin eine Armbanduhr ausgeliehen, die mir kurz nach der Entleihung kaputt ging. Ich habe das nun nutzlose Ding immer noch, den Kontakt zur Verleiherin aber verloren. Ich hatte aber lange Angst, sie wiederzutreffen. Denn mir fehlte das Geld für die Reparatur des Zeitanzeigers. Jetzt, wo die Verbindungen gekappt sind, habe ich nur noch ein schlechtes Gewissen, aber keine Angst mehr.
Das hilft jetzt aber nicht weiter, denn wenn ich keine Angst habe, kann ich nicht drüber schreiben. Also weitersuchen.
Als Kind hatte ich Angst vor einem Krieg. Vor Fliegerangriffen und Panzerbeschuss. Ich hatte mit zehn Jahren einen Bildband zum Dritten Reich in die Finger bekommen und fasziniert gelesen. Und war völlig überfordert.
"Sexualität und Angst entsprechen zwei entgegengesetzten Richtungen vegetativer Erregungsempfindung", hat Wilhelm Reich mal behauptet. Ich glaube, das stimmt. Als ich meine Sexualitöt entdeckte, endete die Angst vorm Krieg. Ob ich in die richtige Richtung gegangen bin? Für diesen Text wohl nicht. Die eigene Erinnerung taugt nicht zum Angst machen. Also suche ich die Angst woanders. Wo kommt sie her?

Wie das lateinische angustia (und das italienische angoscia) wohl von einem indogermanischen Wort, dass "Enge" meint. Interessant, dass das nie im Englischen ankam. Die mussten Angst ja importieren, die hatten nur die Furcht in Form von "fear". Eng. Hmmm.
Mittelhochdeutsch schrieben die Mönche und Artusromaneschreiber Angst noch mit e: "angest". Mich erinnert das an Angus. Angus Young. AC/DC. Deren drittes Studioalbum heißt "Let there be rock". So heißt doch auch eine Tocotronic-Single. Eine andere: "Keine Angst für niemand". Ja super. Dann eben nicht. Aber ist das nicht eine Anspielung auf den Titel von Ton Steine Scherben: "Keine Macht für Niemand"? Doch. Und was haben die zur Angst gesungen: "Wir haben nichts zu verlieren, außer unserer Angst". Ich will sie aber nicht verlieren, sondern finden. Überhaupt. "Angus" ist keltischen Ursprungs und bedeutet was ganz anderes, "eine Wahl" vielleicht. Wenn ich wählen dürfte, hätte ich jetzt gern einen Einfall.

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Zurück zur Grundbedeutung: Irgendwas mit Enge. Wer Angst hat, ist im Wortsinne beengt. Aus "beengt" aber entwickelt sich im Laufe der Zeit das schöne Wort "bange" Wenn mir angst und bange ist, dann ist es also eigentlich doppelt eng. Ob aber engstirniges Verhalten auf Angst zurückzuführen ist? Was wohl die Bangles mit Angst zu tun haben? Gut, "Eternal Flame" war der Horror, wenn Du Engtanz nicht mochtest, aber der Bandname kommt mitnichten vom Bangen, sondern heißt schlicht und ergreifend "Armreif". Haben Headbanger Angst? Wer weiß.
"Habt keine Angst" hatte Papst Johannes Paul II zu seinem Amtsantritt gesagt und wie der alte Kierkegaard als Heilmittel die Religion vorgeschlagen. Promotion für seinen Chef sozusagen. Hilft aber jetzt auch nicht weiter. Ich hätte gerade sehr gerne Angst, dann hätte ich was zu schreiben.

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Angst kommt von "eng". Eng wird es langsam allerdings mit der Zeit, ich sollte hier bald mal zu Potte kommen mit dem Text. Habe ich jetzt Angst vor dem Redaktionsschluss? Ich habe jedenfalls keinen Text.

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Panik! Alles Löschen. Das leere Blatt. Absagen? Sorry, der versprochene Text wollte einfach nicht zu mir kommen. Es fehlte an Eingebung. Es mangelte nicht an Selbstüberschätzung. Ich bin doch kein Genie. Ich bin gescheitert. Jetzt bin ich ganz in mein Dasein geworfen. Ich habe nichts. Außer mir. Das weiße Blatt. Ist das Angst?
Jedenfalls kein Text.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.
mindestens haltbar 03/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Grau
Titel: Ich habe keine Angst
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