Von Phobikern und Phobielisten

von Syberia
Geisterbahnbetreiber, Drehbuchautoren, Sicherheitstechniker und Herr Schäuble verdanken ihr den Lebensunterhalt. Angst hindert uns daran, eigenhändig feststellen zu wollen, wie sich das Fell eines ausgewachsenen sibirischen Tigers anfühlt oder auszuprobieren, was passiert, wenn man die Mutter eines italienischen Mafiabosses in seinem Beisein beschuldigt, sich regelmäßig dafür bezahlen zu lassen, den Papst oral zu befriedigen.

Angst ist eine schlechte Sache. Manchmal lähmt sie nur unsere Reaktionsfähigkeit, oft genug unseren Verstand. Angst ist kein guter Ratgeber. Sie lässt die Körpertemperatur ansteigen, wenn ein kühler Kopf nutzbringender ist. So vergisst man zum Beispiel, wenn man mitten in der Stadt in eine Demonstration militanter Umweltschützer gerät, so schnell wie möglich den Mein-Auto-fährt-auch-ohne-Wald-Aufkleber von der Stoßstange des SUV zu kratzen.

Es sei nur gerechtfertigt vor zwei Dingen im Leben Angst zu haben, meinte die Schweizer Psychologin Elisabeth Kübler-Ross: plötzliche, laute Geräusche und das Fallen aus großer Höhe. Alles andere sei unbegründet und übertrieben. Eine stetig wachsende Gruppe, die sich selbst "Die Phobiker" nennen, bezweifelt dies und entdeckt täglich Neues, das sie zu schrecken vermag. Sie erfinden Krankheiten wie die Gymnogasterphobie (Angst vor nackten Bäuchen), die Babushkaphobie (Angst vor Großmüttern) oder die Neoorthographogermanophobie (Angst vor der neuen deutschen Rechtschreibung). Die Angst vor ellenlangen, unaussprechlichen Fremdwörtern ist zwar noch nicht erfunden, doch allein der Gedanke an sie soll Nachrichtensprechern den Schweiß auf die Stirn treiben.

Das Leben dürfte für Menschen mit einer Zemmiphobie (Angst vor Nacktmullen) oder einer Arachibutyrophobie (Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt) leichter zu bewältigen sein, als für solche mit einer Optophobie (Angst, die Augen zu öffnen), einer Rhypophobie (Angst vor dem Stuhlgang) oder einer Dipsophobie (Angst vor dem Trinken). Irgendwann langweilten Erstere sich und experimentierten deshalb mit Kombinationen verschiedener Phobien. Was aber, wenn jemand gleichzeitig eine Automysophobie (Angst davor, schmutzig zu sein) und eine Hydrophobie (Angst vor Wasser) hat? Gibt er sich dann selbst in die chemische Reinigung? Und was ist Personen mit einer Lamiaphobie (Angst vor Vampiren) und einer gleichzeitig auftretenden Alliumphobie (Angst vor Knoblauch) zu raten? Es bleibt ihnen wohl nur ihr Kreuz zu tragen wie weiland der Sohn Gottes oder ihre Sprinkleranlage mit Weihwasser zu befüllen.

Menschen, die sowohl eine Dextrophobie (Angst vor Dingen, die sich an der rechten Körperhälfte befinden), als auch eine Levophobie (Angst vor Dingen, die sich an der linken Körperhälfte befinden) hegen und pflegen, kann man einen geduldigen Guru wünschen, der sie auf der Suche nach ihrer Mitte unterstützt. Aber was tun Individuen, die sowohl unter Kathisophobie (Angst sich hinzusetzen) und unter einer Ambulophobie (Angst zu stehen und zu laufen) leiden? Vermutlich arbeiten sie als schwebende Jungfrau beim nächsten Uri Geller - es sei denn, sie leiden an einer Aviophobie, Aviotophobie oder Pteromerhanophobie. In allen drei Fällen handelt es sich um die Angst vorm Fliegen. Dagegen hilft die Lektüre von Erica Jong. Sogenannte Anti-Flugangst-Seminare, deren Teilnehmer im Hangar darüber staunen dürfen, das ein Flugzeug im Grunde nur aus einem unkontrollierbaren Kabelwirrwarr und einer pergamentdünnen Aluminiumröhre besteht, helfen nicht. Glauben Sie mir, ich weiß das.

Ich persönlich leide seit Ausstrahlung der Serie "Ausgerechnet Alaska" latent ? aber nur latent! - an einer ganz leichten Form einer Keraunothentophobie (Angst vor herabstürzenden Satelliten), habe dafür aber meine langjährige Testophobie (Angst vor Prüfungen) besiegt. Wie gut das ist, weiß ich noch nicht so recht, denn sie erwies sich als durchaus praktisch. So konnte ich etwa erklären, dass nicht pure Dämlichkeit, sondern vielmehr psychologische Zwänge ausschlaggebend dafür waren, dass meine ersten drei Führerscheinprüfungen keine drei Minuten dauerten. Das erste Mal durfte ich gar nicht erst losfahren, da ich mich nicht angeschnallt hatte, das zweite Mal übersah ich eine rote Ampel und das dritte Mal gelang es mir nur knapp, auf einem Zebrastreifen einem Kinderwagen auszuweichen. Der diente zwar nur zum Transport zweier Bierkästen, aber das ließ der Prüfer als Argument nicht gelten.

Von Zeit zu Zeit überfällt mich ein Anflug von Ährfurcht (Angst vor Getreide) und einmal im Jahr manifestiert sich eine vorübergehende Santaclaustrophobie (Angst vor Weihnachtsmännern) - aber sonst geht?s mir gut. Denn Menschen, die so gar keine Angst vor irgend etwas haben, können eine Hypopphobie entwickeln (Angst vor dem Mangel an Angst) ? und denen stellt der Therapeut gern die meistgefürchtete klassische Frage: was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten?
Syberia. Ruhrgebietskind mit allem, was dazugehört. Habe mir schon Geschichten ausgedacht, als ich sie noch nicht aufschreiben konnte. Lebe mit dem besten und lustigsten Mann der Welt und den zwei merkwürdigsten Katzen der Welt in Frankfurt am Main und blogge
mindestens haltbar 03/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 03
ISSN 1816-8159
Autor: Syberia
Titel: Von Phobikern und Phobielisten
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