Ich habe noch Verwandtschaft in der Schweiz

von Herr Paulsen
...zog in die Schweiz, gebar einen Sohn und sprach fortan nur noch Schwyzerdütsch. Das ist eine erstaunlich bemerkenswerte Leistung, wenn man in Flensburg geboren und aufgewachsen ist.

Seit ich denken kann, fuhren meine Eltern mit mir, immer in der Vorweihnachtszeit, zum Fondue-Essen nach Zürich zu Tante, Onkel und Cousin. Ich liebte diese Ausfahrten. Erst gab es hauchdünnes Bündnerfleisch, dann ein cremiges Käsefondue und man musste den Onkel nur vor dem ersten Schnaps nach seinem Auto fragen und schon ging es noch mal im Porsche durch Zürich. Nach dem Essen musste ich mit meinem Cousin auf sein Zimmer gehen. Das war der doofe Teil des Abends. Er war schon sehr viel älter als ich, sehr viel besser in der Schule als ich und hatte ein seltsames Hobby. Er baute Dampfmaschinen und Flugzeuge. Die führte er mir dann vor und ich dachte, dass er ein bisschen komisch ist. Er besaß auch nur zwei Musikkassetten. Beide von der Gruppe "Toto".

Manchmal mussten wir, bevor wir auf sein Zimmer gingen, in der Fernsehecke Platz nehmen und eine Kindersendung im Schweizer Fernsehen ansehen. Die Titelmelodie gehärt zu den unabwerfbaren Gehirn-Altlasten, denen man kopfschüttelnd gegenüber steht: "Wenn de wotsch, gchärt da ganze Himmal dieer, wenn de wotsch, sin diee Schternli au dabi..." zu dieser Melodie, zu diesem Kleinod Schweizer Lyrik, verschwanden auf dem Bildschirm, debil grinsende Kinder in einem Raumschiff Richtung Mond. Ich wäre gerne mitgeflogen.

Zu Weihnachten gab es dann immer ein großes Hallo, wenn das Päckchen aus Zürich eintraf. Wir Kinder konnten sich sein, es würde sich wieder exotisches in den Päckchen finden, teuer und amüsant. Nie geschmeckte Schokolade. Vielteilige, mit Samt ausgeschlagene, Beautysets für meine sechsjährige Schwester und Messer für die Buben und Globi-Comic-Bücher und Orientierungshilfen für Schweizer Teenager, mit klingenden Namen, wie: "Pfadis, di Druppe wo de Schpas häsch." Pfadfinder, die Truppe wo du Spaß hast.

Als ich achtzehn Jahre alt wurde, stellte die Schweizer Verwandtschaft die Postsendungen an mich ohne weitere Begründung ein. Ich war beleidigt-erleichtert, zum Fondueessen fuhr ich schon lange nicht mehr und so taugten die Familienbande nur noch zu kabarettistischen Schwyzerdütsch-Auftritten in den Kneipen von Berlin und Hamburg.

Vor zwölf Jahren zerschnitt ich, ungewollt, das letzte Band. Ein Missverständnis.

Eben frisch nach Hamburg gezogen, kündigte mein Cousin seinen Besuch in der Hansestadt an. Er habe dort geschäftlich zu tun, am Wochenende kännte man doch aber zusammen "äbis erläbe" und seine Verlobte könne ich dann auch gleich kennen lernen,"s'Nadesch"
Als Neuneu-Hamburger, stellte mich die Bespaßung einer, teils blutsverwandten, Delegation aus der Schweiz vor gewisse Probleme und ich ging pragmatisch vor. Erstmal was Essen. Alster. Sommer. Sonne. Draußen. Bootssteg.
Cousin und s'Nadesch erschienen pünktlich.

Er im Anzug von Hugo Boss, sie im Kleid von Dior, nebst funkelndem Täschchen der gleichen Marke. Ich erwartete meine Gäste in einem T-Shirt, das mich als glühenden Anhänger von Supa DJ Dmitri auswies, Jeans mit sommerfrischen Lüftungsschlitzen und streng rasierter Glatze. Die Überraschung war beiderseits gelungen und wir sprachen über die Vorzüge des Zürich-Sees gegenüber der Alster. Dann wollte s'Nadesch was Süßes. Es gab aber nur Fisch auf dem Bootssteg.
Ganz in der Nähe aber, wusste ich, lag ein Kaffee mit dem wunderbarsten Kuchenbüffet der Stadt, das Kaffee Gnosa. Hamburger lachen gerne schon an dieser Stelle, den anderen sei folgender Kaffee-Plausch nicht vorenthalten:

Ich: also der Kuchen hier, der ist wirklich..
Cousin: das ischt doch ein Schwulenlokal!
Ich: ja, aber der Kuchen!
Nadesch: s gibt doch gwis no äbis andres?
Cousin: du bisch aber näd ebwa schwul, odrr, Paulsen?
Ich: also der Kuchen hier. Der Kuchen. NAAAEIN!

Wir sind dann noch auf den Kiez. St. Pauli. War eine blöde Idee von mir. S'Nadesch fror in Dior und umklammerte panisch ihre Täschchen. In der nächsten Kneipe nannte ich sie dann, aus Versehen, Natäschli. Beim anschließenden Tanz im "Mojo", beobachteten die beiden mich genau und es erhärteten sich die Verdachtsmomente des Frühabends. Die Situation entspannte sich auch nicht auf dem Fischmarkt. Morgens um Fünf bestellte ich dort für meine Gäste Fischbrätchen und Fanta mit Korn. Die habe ich dann alle alleine austrinken müssen und mein Cousin sagte zum Abschied ich sei "äbis ganz bsondres".
Seitdem habe ich nie wieder was gehört von den Schweizern.
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
mindestens haltbar 02/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Herr Paulsen
Titel: Ich habe noch Verwandtschaft in der Schweiz
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am 8. Feb, 07:44

oh je ... da hab ich ja noch richtig glück, dass ich mit manchen meiner verwandten, die direkt im selben bundesland, ja sogar die selbe region bewohnen, nur deswegen keinen kontakt pflege, weils vor 5 jahren bisserl hektisch und nervig zuging.

vermutlich hab ich damals auch keinen so guten eindruck gemacht, auf jeden fall rede ich mir das ein.

aber das mit der lokalität etc. ist schon krass - mal versucht, wieder kontakt aufzunehmen? 12 jahre später liegen die dinge ja meist völlig anders ;)

cu, w0lf.


am 27. Feb, 13:00

Wow, so sind wir, die Schweizer. Mindestens dann, wenn wir als Verwandte in Deutschland auftreten müssen...
Ist natürlich Quatsch. Was mich aber echt verwundert: So zielsicher, wie ihr in allem an einander vorbei getroffen habt, hast Du aber lange durchgehalten! Bis fünf Uhr in der Früh...

Äh, Paulsen, ich kenne Hamburg noch nicht. Und einen Nachteil habe ich auch nicht: Ich bin nicht mit Dir verwandt (Irrtum fast sicher ausgeschlossen).