
We are Family
von Björn Grau
In der Familie erlebt der Mensch zuerst das Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung. Zugleich geht aus den Familien die Vielfalt der Persönlichkeiten mit ihren Fähigkeiten hervor,auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist.
(Aus dem im Dezember 2007 auf dem 21. Parteitag beschlossenen Grundsatzprogramm der CDU)
In our family portrait we look pretty happy
We look pretty normal, let's go back to that
In our family portrait we look pretty happy
Let's play pretend, act like it goes naturally
(Pink - Family Portrait)
Prügelnde Eltern, saufende Eltern, pädophile Verwandte. Eltern, die ihre Kinder schon im Grundschulalter darauf trimmen, dass die Kleinen den Haushalt alleine schmeißen, weil die Alten nie zu Hause sind. Eltern eben, die dann auffallen, wenn der Dreck an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung gespült wird, wenn mal wieder eine Kinderleiche gefunden wird. Wenn es soweit kommt, kommt es meist von Eltern, die vom untersten Rand der Gesellschaft sind. Doch wenn ich in die eigene Familie schaue,in die Familien meiner Freunde und Bekannten, dann ist das alles auch da. Nur Kinderleichen gab es nicht. Alles bleibt schön versteckt hinter der Fassade einer Doppelhaushälfte im Neubaugebiet. Ich bin nicht im Prekariat aufgewachsen, sondern im gutbürgerlichen, größtenteils gar akademischen Milieu. Familiendramen dieser Leute erscheinen nicht in der Zeitung. Der Suff der Eltern wird von deren Freunden und Kollegen gedeckt. Die Tablettensucht auch. Kinder zu schlagen gehörte zum Standardprogramm wertkonservativer Erziehung. Muss ja gar nicht der Gürtel sein, der so hässliche Striemen hinterlässt. Aber ganz klassisch übers Knie gelegt wurden die meisten von uns schon. In Ausnahmefällen auch um zu streicheln statt zu hauen. Wenn dann der Onkel oder die Oma etwas zu gierig im Schritt des Nachwuchses rumspielten, wollte es keiner in der Familie gesehen haben.
Als wir zwölf, dreizehn Jahre alt waren, saß ich mit ein paar Freunden abendelang in irgendeinem Gebüsch oder auf einem Spielplatz, weil wir nicht nach Hause wollten und uns wünschten, dass es endlich ein Ende fände, das Schreien und Wüten, das kein Geschirr mehr umherfliegt und keine Bücher zerrissen werden. Nur einen Monat, ohne dass jemand dich nachts aus dem Bett zerrt, weil gerade mal wieder Kinder-Instrumentalisieren im Ehestreit angesagt war.
Wir wurden gegen einen Elternteil in Stellung gebracht und mussten diesen unbedingt hassen lernen, während der andere uns zusätzlich zur Pubertät mit der Aufgabe überfrachtete, bester Kumpel, Psychiater, Diplomat und Laufbursche zu werden.
Für viele ging irgendwann unser Wunsch in Erfüllung, die Eltern ließen sich scheiden. Das aber war oft die Traufe nach dem Regen. Der Krieg ums Sorgerecht, die Stasimethoden, mit denen du von einer Seite ausgefragt wurdest, wenn du mal wieder bei der anderen warst. Um den Unterhalt kämpfen, versuchen, das Kindergeld dort ankommen zu lassen, wo es hingehört (bei dir selbst letztendlich). Die neuen Beziehungen der Eltern, die Beziehungslosigkeit der Eltern. Wir lernten, auch Scheidung muss keine Befreiung sein.
Selbst bei Freunden, bei denen auch wir lange an die glückliche Familie glaubten, brach irgendwann der Horror ein. Ich meine nicht das bittere Erlebnis, wenn die Väter, die vor lauter Arbeit und Karriere nie daheim waren, irgendwann Mitte 50 dank Schlaganfall oder Herzinfarkt den Löffel abgeben. Auch die Affairen neben der Ehe sind vergleichsweise harmlos. Denn es gibt depressive Eltern und schizophrene Eltern. Eltern, die sich im Beisein der Kinder eine Kugel in den Kopf jagen. Eltern, die sich vor den Zug werfen. Oder Eltern, die so sehr die Fassade des Glücks aufrecht erhalten wollen, dass sie ihre schwere Krebserkrankung vor der Welt verheimlichen und dasselbe von den Kindern verlangen. Diese Kinder sind es gewohnt zu gehorchen, auch als junge Erwachsene noch, denn als sie nach dem Abitur auf die Kunstakademie wollten, wurden sie zum Jura-Studium gezwungen. Manche halten das aus. Andere drehen durch. Die Besuchsfrequenz bei Psychotherapeuten und Nervenkliniken ist unter uns ziemlich hoch.
Vielleicht (hoffentlich) ist der Umstand, dass sich Gleich und Gleich gern zusammen gesellt Schuld daran, dass der größte Teil meines sozialen Umfelds aus kaputten Mittelschichtsfamilien besteht, aber von dieser Warte aus gibt es einige gute Gründe, Familie scheiße zu finden. Diese Qual braucht niemand. Die wenigen Freunde aus der Schulzeit, die gleich nach Schulabschluss und Berufsausbildung, kurz nach Erreichen der Volljährigkeit heirateten und Kinder bekamen, bestätigen meine Abneigung gegen Familie. Keine dieser Ehen hat länger als acht Jahre gehalten, die Kinder machen jetzt den gleichen Mist mit, wie wir damals.
Doch obwohl wir fast alle so oder ähnlich die oben beschriebenen Formen der modernen Familie erlebten, so langsam werden die Kinderwünsche größer und die Geburten häufiger. Fast alle leben oder suchen wir eheähnliche Gemeinschaften und wir sind auf dem besten Weg, selbst Familien zu gründen. Natürlich wollen wir es anders und besser machen als unsere Eltern. Aber das haben die auch schon gesagt.
Sind wir wahnsinnig? Gibt es doch eine biologische Uhr? Wie instinktgetrieben sind wir? Wie konnte Ursula von der Leyens Propaganda für mehr Akademikerkinder so erfolgreich wirken? Wie stark ist die soziale Prägung der bürgerlichen Gesellschaft und der Religionen?
Ich weiß es nicht. Oft verfluche ich meine Familie. Aber wenn ich wie vor einigen Tagen meine viereinhalbjährige Cousine durch den Park trage, sie das erste Mal in der Großstadt an meiner Hand über riesige Strassen stapft und begeistert neben mir in der U-Bahn sitzt, dann liebe ich Familie.
(Aus dem im Dezember 2007 auf dem 21. Parteitag beschlossenen Grundsatzprogramm der CDU)
In our family portrait we look pretty happy
We look pretty normal, let's go back to that
In our family portrait we look pretty happy
Let's play pretend, act like it goes naturally
(Pink - Family Portrait)
Prügelnde Eltern, saufende Eltern, pädophile Verwandte. Eltern, die ihre Kinder schon im Grundschulalter darauf trimmen, dass die Kleinen den Haushalt alleine schmeißen, weil die Alten nie zu Hause sind. Eltern eben, die dann auffallen, wenn der Dreck an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung gespült wird, wenn mal wieder eine Kinderleiche gefunden wird. Wenn es soweit kommt, kommt es meist von Eltern, die vom untersten Rand der Gesellschaft sind. Doch wenn ich in die eigene Familie schaue,in die Familien meiner Freunde und Bekannten, dann ist das alles auch da. Nur Kinderleichen gab es nicht. Alles bleibt schön versteckt hinter der Fassade einer Doppelhaushälfte im Neubaugebiet. Ich bin nicht im Prekariat aufgewachsen, sondern im gutbürgerlichen, größtenteils gar akademischen Milieu. Familiendramen dieser Leute erscheinen nicht in der Zeitung. Der Suff der Eltern wird von deren Freunden und Kollegen gedeckt. Die Tablettensucht auch. Kinder zu schlagen gehörte zum Standardprogramm wertkonservativer Erziehung. Muss ja gar nicht der Gürtel sein, der so hässliche Striemen hinterlässt. Aber ganz klassisch übers Knie gelegt wurden die meisten von uns schon. In Ausnahmefällen auch um zu streicheln statt zu hauen. Wenn dann der Onkel oder die Oma etwas zu gierig im Schritt des Nachwuchses rumspielten, wollte es keiner in der Familie gesehen haben.
Als wir zwölf, dreizehn Jahre alt waren, saß ich mit ein paar Freunden abendelang in irgendeinem Gebüsch oder auf einem Spielplatz, weil wir nicht nach Hause wollten und uns wünschten, dass es endlich ein Ende fände, das Schreien und Wüten, das kein Geschirr mehr umherfliegt und keine Bücher zerrissen werden. Nur einen Monat, ohne dass jemand dich nachts aus dem Bett zerrt, weil gerade mal wieder Kinder-Instrumentalisieren im Ehestreit angesagt war.
Wir wurden gegen einen Elternteil in Stellung gebracht und mussten diesen unbedingt hassen lernen, während der andere uns zusätzlich zur Pubertät mit der Aufgabe überfrachtete, bester Kumpel, Psychiater, Diplomat und Laufbursche zu werden.
Für viele ging irgendwann unser Wunsch in Erfüllung, die Eltern ließen sich scheiden. Das aber war oft die Traufe nach dem Regen. Der Krieg ums Sorgerecht, die Stasimethoden, mit denen du von einer Seite ausgefragt wurdest, wenn du mal wieder bei der anderen warst. Um den Unterhalt kämpfen, versuchen, das Kindergeld dort ankommen zu lassen, wo es hingehört (bei dir selbst letztendlich). Die neuen Beziehungen der Eltern, die Beziehungslosigkeit der Eltern. Wir lernten, auch Scheidung muss keine Befreiung sein.
Selbst bei Freunden, bei denen auch wir lange an die glückliche Familie glaubten, brach irgendwann der Horror ein. Ich meine nicht das bittere Erlebnis, wenn die Väter, die vor lauter Arbeit und Karriere nie daheim waren, irgendwann Mitte 50 dank Schlaganfall oder Herzinfarkt den Löffel abgeben. Auch die Affairen neben der Ehe sind vergleichsweise harmlos. Denn es gibt depressive Eltern und schizophrene Eltern. Eltern, die sich im Beisein der Kinder eine Kugel in den Kopf jagen. Eltern, die sich vor den Zug werfen. Oder Eltern, die so sehr die Fassade des Glücks aufrecht erhalten wollen, dass sie ihre schwere Krebserkrankung vor der Welt verheimlichen und dasselbe von den Kindern verlangen. Diese Kinder sind es gewohnt zu gehorchen, auch als junge Erwachsene noch, denn als sie nach dem Abitur auf die Kunstakademie wollten, wurden sie zum Jura-Studium gezwungen. Manche halten das aus. Andere drehen durch. Die Besuchsfrequenz bei Psychotherapeuten und Nervenkliniken ist unter uns ziemlich hoch.
Vielleicht (hoffentlich) ist der Umstand, dass sich Gleich und Gleich gern zusammen gesellt Schuld daran, dass der größte Teil meines sozialen Umfelds aus kaputten Mittelschichtsfamilien besteht, aber von dieser Warte aus gibt es einige gute Gründe, Familie scheiße zu finden. Diese Qual braucht niemand. Die wenigen Freunde aus der Schulzeit, die gleich nach Schulabschluss und Berufsausbildung, kurz nach Erreichen der Volljährigkeit heirateten und Kinder bekamen, bestätigen meine Abneigung gegen Familie. Keine dieser Ehen hat länger als acht Jahre gehalten, die Kinder machen jetzt den gleichen Mist mit, wie wir damals.
Doch obwohl wir fast alle so oder ähnlich die oben beschriebenen Formen der modernen Familie erlebten, so langsam werden die Kinderwünsche größer und die Geburten häufiger. Fast alle leben oder suchen wir eheähnliche Gemeinschaften und wir sind auf dem besten Weg, selbst Familien zu gründen. Natürlich wollen wir es anders und besser machen als unsere Eltern. Aber das haben die auch schon gesagt.
Sind wir wahnsinnig? Gibt es doch eine biologische Uhr? Wie instinktgetrieben sind wir? Wie konnte Ursula von der Leyens Propaganda für mehr Akademikerkinder so erfolgreich wirken? Wie stark ist die soziale Prägung der bürgerlichen Gesellschaft und der Religionen?
Ich weiß es nicht. Oft verfluche ich meine Familie. Aber wenn ich wie vor einigen Tagen meine viereinhalbjährige Cousine durch den Park trage, sie das erste Mal in der Großstadt an meiner Hand über riesige Strassen stapft und begeistert neben mir in der U-Bahn sitzt, dann liebe ich Familie.
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