
Ihr Gesicht würd' ich ja jetzt gern mal seh'n
von Florian Zinnecker
Ist fast die ehrlichste Form der Verwandtschaft, die uns verbindet: Ich, Florian Zinnecker, kenne Sie, Florian Zinnecker, kein Stück. Bis vorhin wussten wir nicht mal von einander, vielleicht ahnte es einer, aber das war's dann auch. Und nun, da wir von uns erfahren haben, egal, dass es via Google passiert ist, besteht kein Zweifel daran: Schuld ist ein Missverständnis. (Kann innerfamiliär alles exakt genau sein. Nur gibt?s da erstmal keiner zu.)
Muss trotzdem zugeben: Die Situation überfordert mich. Sicher, sind in Deutschland gut 800 Leute, in deren Pass "Zinnecker" steht - dass darunter nur einer, nämlich ich, Florian heißt, war, so gesehen, mindestens unwahrscheinlich. Dass es zwei sind, kriege ich aber, so egozentrisch jenes Problem auch ist, gerade noch nicht auf die Reihe.
Tschuldigung, ist eben mein erstes Mal in dieser Beziehung.
(Kriegen Sie, wenn Sie sich in geselliger, aber Ihnen unbekannter Runde vorstellen, auch immer den Spruch zu hören, Oh heiliger St. Florian, beschütz' mein Haus, zünd' andre an? Wurde Ihnen früher bei diesem Spruch auch immer gütig über den Kopf gestreichelt? Und hätten Sie Ihre Eltern um ein Haar womöglich gleichfalls Alexander genannt?)
War mir übrigens auch nicht klar, dass ich, sobald ich meinen Namen schreibe, damit gleichzeitig auch ihren schreibe. Allein bei Google, ich meine - sind jetzt bestimmt 30 Mal, dass ich nach mir selbst gesucht habe, um zu sehen, was da so alles herumschwirrt mit meinem Stempel auf dem Umschlag. Ist mehr, als ich dachte, am Rande bemerkt, sicher, nicht zuletzt wurde Ihre Existenz davon ja völlig begraben, virtuell jetzt. Dass mein Mathe-Abitur damals so unglücklich endete, war übrigens keine Absicht. Nur der Vollständigkeit halber, steht ja ihr Name drauf, nicht, dass Sie als Wirtschaftsprüfer arbeiten und irgendwann deshalb Ärger kriegen, sollte sich für mein Abi überhaupt nochmal jemand interessieren.
(Nennen Ihre Freunde Sie eigentlich Florian? Flo? Zinni? Ecki? Hatte ich alles schon, meistens hat sich Flo durchgesetzt, Flori konnte ich dagegen weitgehend vermeiden, das einzige, was mir zu Flori einfällt, ist Wuff.)
Ohne Google, natürlich, wüssten wir jetzt immer noch nicht von einander. Hatte mir zwar durchaus spaßeshalber ausgemalt, dass da jemand ist, der ist wie ich, ging allerdings doch eher in Richtung Klon, und meistens bin ich schnell wieder davon abgekommen.
Ohne Google wär's - wenn wir doch über uns gestolpert wären - wahrscheinlich auch sehr viel komplizierter geworden. Ich meine, zum Beispiel am Telefon, Hallo, Zinnecker hier, ja, hier ist Zinnecker, nein, ich meine, _hier_ ist Zinnecker, Florian Zinnecker, nein, der ist hier, mit wem spreche ich bitte? Oder auf einer Konferenz - ein Name zweimal auf der Liste, zwei identische Namensschilder, da zweifelt doch die fähigste Konferenzleitung an sich, vom Pausensmalltalk gar nicht zu reden, darf ich Ihnen Herrn Zinnecker bekannt machen?
Oder per E-Mail - hätte wahrscheinlich gar nicht geklappt, E-Mails mit meinem Namen im Absender landen bei mir grundsätzlich im Spam, genau das ist ja die Masche von etlichen dieser dämlichen Viagra-Reklamen. Und, klar, um zu registrieren, dass ich hier nicht ich bin, sondern Sie, obwohl der gleiche Name - dazu ist mein Notebook zu simpel gestrickt. Habe ja ich, unkompliziert hin oder her, schon genug zu tun, um das mit uns auf die Reihe zu kriegen (wäre vermutlich anders, würde ich Stefan Müller heißen oder Michael Meier, dann aber würde ich die Sache auch nicht auf die Reihe kriegen müssen, weil wir wohl kaum übereinander gestolpert wären, wir hätten quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht? aber ich schweife ab. Brauchen schließlich auch in der Provinz locker ein kleines Vereinsheim, wenn sie sich treffen, all die Stefan Müllers oder Michael Meiers.)
Ob wir uns auch mal treffen? Was gibt's zu sagen, wenn man seinen - wie heißt das eigentlich, was Sie und mich verbindet? Namensdoppelvetter? Nomenklon? Googlegänger? Jedenfalls: Was redet man, wenn man sich trifft, von Smalltalk und Social Noise mal abgesehen? CWie lebt sich's denn so mit meinem Namen?" - "Haben Sie auch eine teuflische Vorliebe für Innereien mit Spiegelei?" - "Wie buchstabieren Sie ,Zinnecker??" - "Wollen wir uns nicht duzen? Ich bin Florian." - "Ich weiß."
Überhaupt merke ich gerade, ich gehe fortwährend davon aus, dass Sie in etwa zehn Jahre älter sind als ich. Keine Ahnung wieso. Kann mich dabei natürlich täuschen, tue ich wahrscheinlich auch, Sie können locker Ende fünfzig sein und ein mittelständisches Unternehmen leiten, das, sagen wir, Wellpappe produziert, können seit 30 Jahren die CDU wählen und seit zwanzig Jahren dieselbe Brille tragen. Kann genauso sein, dass Sie gerade erst pubertieren und gestern mit schwarzem Lack "Burn, Motherfucker, Burn" auf die weiße Wand über Ihr Bett geschrieben haben. (Sollten Sie doch der wertkonservative Pappefabrikant sein und sich daran stören, dass jetzt, wenn jemand "Florian Zinnecker" googelt, ein Treffer den Terminus "Motherfucker" beinhaltet: Melden Sie sich kurz, wir machen das dann raus.) Sind Sie eher der Geranien-Typ, oder dulden Sie nichts als weiße Lilien auf schwarzem Flügel? Fahren Sie Ente oder E-Klasse? Sind Sie einer der Menschen, die morgens eine Stunde durch die Kälte rennen müssen, um danach die Welt und sich selbst auszuhalten, oder haben Sie immer genug Bier im Kühlschrank, um ersteres für nicht nötig zu erachten? Gibt's bei Ihnen um sieben Uhr Abendessen, weil die Kinder Rituale brauchen, oder essen Sie prinzipiell nach 16 Uhr keine Kohlenhydrate mehr, entschuldigung, wenn ich das hier unterstelle, aber ich kannte da mal jemanden? Haben Sie ein Handy? Bluetooth? Oder Strahlenangst? Rauchen Sie? Jetzt nicht mehr? Oder erst recht? Gibt offenbar doch allerhand zu sagen. Beziehungsweise zu fragen. Interessiert mich, wen ich da gefunden habe bei Ihrer Suche nach meinem, pardon, unserem Namen. Wir müssen uns sehen, ich fahre Sie besuchen, okay? Selbstfindungstrip nennt man das wohl. Und wer weiß - vielleicht finden wir ja noch einen von uns.
Muss trotzdem zugeben: Die Situation überfordert mich. Sicher, sind in Deutschland gut 800 Leute, in deren Pass "Zinnecker" steht - dass darunter nur einer, nämlich ich, Florian heißt, war, so gesehen, mindestens unwahrscheinlich. Dass es zwei sind, kriege ich aber, so egozentrisch jenes Problem auch ist, gerade noch nicht auf die Reihe.
Tschuldigung, ist eben mein erstes Mal in dieser Beziehung.
(Kriegen Sie, wenn Sie sich in geselliger, aber Ihnen unbekannter Runde vorstellen, auch immer den Spruch zu hören, Oh heiliger St. Florian, beschütz' mein Haus, zünd' andre an? Wurde Ihnen früher bei diesem Spruch auch immer gütig über den Kopf gestreichelt? Und hätten Sie Ihre Eltern um ein Haar womöglich gleichfalls Alexander genannt?)
War mir übrigens auch nicht klar, dass ich, sobald ich meinen Namen schreibe, damit gleichzeitig auch ihren schreibe. Allein bei Google, ich meine - sind jetzt bestimmt 30 Mal, dass ich nach mir selbst gesucht habe, um zu sehen, was da so alles herumschwirrt mit meinem Stempel auf dem Umschlag. Ist mehr, als ich dachte, am Rande bemerkt, sicher, nicht zuletzt wurde Ihre Existenz davon ja völlig begraben, virtuell jetzt. Dass mein Mathe-Abitur damals so unglücklich endete, war übrigens keine Absicht. Nur der Vollständigkeit halber, steht ja ihr Name drauf, nicht, dass Sie als Wirtschaftsprüfer arbeiten und irgendwann deshalb Ärger kriegen, sollte sich für mein Abi überhaupt nochmal jemand interessieren.
(Nennen Ihre Freunde Sie eigentlich Florian? Flo? Zinni? Ecki? Hatte ich alles schon, meistens hat sich Flo durchgesetzt, Flori konnte ich dagegen weitgehend vermeiden, das einzige, was mir zu Flori einfällt, ist Wuff.)
Ohne Google, natürlich, wüssten wir jetzt immer noch nicht von einander. Hatte mir zwar durchaus spaßeshalber ausgemalt, dass da jemand ist, der ist wie ich, ging allerdings doch eher in Richtung Klon, und meistens bin ich schnell wieder davon abgekommen.
Ohne Google wär's - wenn wir doch über uns gestolpert wären - wahrscheinlich auch sehr viel komplizierter geworden. Ich meine, zum Beispiel am Telefon, Hallo, Zinnecker hier, ja, hier ist Zinnecker, nein, ich meine, _hier_ ist Zinnecker, Florian Zinnecker, nein, der ist hier, mit wem spreche ich bitte? Oder auf einer Konferenz - ein Name zweimal auf der Liste, zwei identische Namensschilder, da zweifelt doch die fähigste Konferenzleitung an sich, vom Pausensmalltalk gar nicht zu reden, darf ich Ihnen Herrn Zinnecker bekannt machen?
Oder per E-Mail - hätte wahrscheinlich gar nicht geklappt, E-Mails mit meinem Namen im Absender landen bei mir grundsätzlich im Spam, genau das ist ja die Masche von etlichen dieser dämlichen Viagra-Reklamen. Und, klar, um zu registrieren, dass ich hier nicht ich bin, sondern Sie, obwohl der gleiche Name - dazu ist mein Notebook zu simpel gestrickt. Habe ja ich, unkompliziert hin oder her, schon genug zu tun, um das mit uns auf die Reihe zu kriegen (wäre vermutlich anders, würde ich Stefan Müller heißen oder Michael Meier, dann aber würde ich die Sache auch nicht auf die Reihe kriegen müssen, weil wir wohl kaum übereinander gestolpert wären, wir hätten quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht? aber ich schweife ab. Brauchen schließlich auch in der Provinz locker ein kleines Vereinsheim, wenn sie sich treffen, all die Stefan Müllers oder Michael Meiers.)
Ob wir uns auch mal treffen? Was gibt's zu sagen, wenn man seinen - wie heißt das eigentlich, was Sie und mich verbindet? Namensdoppelvetter? Nomenklon? Googlegänger? Jedenfalls: Was redet man, wenn man sich trifft, von Smalltalk und Social Noise mal abgesehen? CWie lebt sich's denn so mit meinem Namen?" - "Haben Sie auch eine teuflische Vorliebe für Innereien mit Spiegelei?" - "Wie buchstabieren Sie ,Zinnecker??" - "Wollen wir uns nicht duzen? Ich bin Florian." - "Ich weiß."
Überhaupt merke ich gerade, ich gehe fortwährend davon aus, dass Sie in etwa zehn Jahre älter sind als ich. Keine Ahnung wieso. Kann mich dabei natürlich täuschen, tue ich wahrscheinlich auch, Sie können locker Ende fünfzig sein und ein mittelständisches Unternehmen leiten, das, sagen wir, Wellpappe produziert, können seit 30 Jahren die CDU wählen und seit zwanzig Jahren dieselbe Brille tragen. Kann genauso sein, dass Sie gerade erst pubertieren und gestern mit schwarzem Lack "Burn, Motherfucker, Burn" auf die weiße Wand über Ihr Bett geschrieben haben. (Sollten Sie doch der wertkonservative Pappefabrikant sein und sich daran stören, dass jetzt, wenn jemand "Florian Zinnecker" googelt, ein Treffer den Terminus "Motherfucker" beinhaltet: Melden Sie sich kurz, wir machen das dann raus.) Sind Sie eher der Geranien-Typ, oder dulden Sie nichts als weiße Lilien auf schwarzem Flügel? Fahren Sie Ente oder E-Klasse? Sind Sie einer der Menschen, die morgens eine Stunde durch die Kälte rennen müssen, um danach die Welt und sich selbst auszuhalten, oder haben Sie immer genug Bier im Kühlschrank, um ersteres für nicht nötig zu erachten? Gibt's bei Ihnen um sieben Uhr Abendessen, weil die Kinder Rituale brauchen, oder essen Sie prinzipiell nach 16 Uhr keine Kohlenhydrate mehr, entschuldigung, wenn ich das hier unterstelle, aber ich kannte da mal jemanden? Haben Sie ein Handy? Bluetooth? Oder Strahlenangst? Rauchen Sie? Jetzt nicht mehr? Oder erst recht? Gibt offenbar doch allerhand zu sagen. Beziehungsweise zu fragen. Interessiert mich, wen ich da gefunden habe bei Ihrer Suche nach meinem, pardon, unserem Namen. Wir müssen uns sehen, ich fahre Sie besuchen, okay? Selbstfindungstrip nennt man das wohl. Und wer weiß - vielleicht finden wir ja noch einen von uns.
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