
5 Tage
von Anne
...welches künftig nicht mehr ohne das Attribut "ehemalig" auskommen sollte. Zuerst Kreuzberg und dann die ganze Welt! Wir tauchten mit Wonne in eine Warenvielfalt, die zuvor nur in West-Paketen steckte. Ich wollte deren Geruch immer in kleine Flakons füllen, um das wohlige Gefühl nach dem ?ffnen nicht so lange missen zu müssen. Es war eine Mischung aus Weichspüler, Kaffee und Schokolade, doch in dem unbedeutenden Pappkarton verband sich alles zu einem einzigen rauschenden Fest. Dabei waren mir die Absender jenes kleinen Wunders gänzlich unbekannt. Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen - bisher waren wir uns hächstens auf Fotos begegnet. Lediglich ein paar ältere Großtanten brachten es zu regelmäßigen Besuchen und versträmten neben einer Aura von "4711" stets dieses unbeschreiblich Besondere: Die West-Verwandtschaft war da! Meine Mutter durfte zu speziellen Anlässen manchmal "rüber" und irgendwann, nach größeren Anstrengungen, sogar meinen Vater mitnehmen. Wir härten später immer mit tellergroßen Augen die überschwenglichen Geschichten von Feiern und Familienmitgliedern, welche uns allesamt völlig fremd waren. Dass wir diese Menschen nicht sehen durften, damit unsere Eltern auch brav in den real existierenden Sozialismus zurückkehrten, lag fern jeder naiven Ahnung. Es ging eben nicht. So war es.
Doch es kam besagter Dezember und eine kleine himmelblaue Trabanten-Karawane bahnte sich freudig ihren Weg in den Norden der gewachsenen Republik. Auf dass dort Leute nach Jahren zusammenfinden sollten, die sich als Großes und Ganzes Familie nannten. An Weihnachten würde es geschehen. Und so standen die Menschen hinter den Paketen plätzlich vor mir. Unendliche Neugier auf beiden Seiten und keine besorgten Gedanken mehr, ob wir alle überhaupt dort Platz hätten. Ein gräßeres Haus hatte ich nie zuvor gesehen. Man konnte sich darin verlieren, wir kamen hier erst einander näher.
"Fühlt euch ganz wie Zuhause! Ich meine das ernst!" Alle vor dem riesenhaften Fernseher versammelt, der das Bild von Kohl und Modrow bot, als sie das Brandenburger Tor durchschritten. Nachdenklich klingende Spaziergänge im Wald. Eine Einladung zum besten Italiener am Ort. "Wie heißt das jetzt? Ka..., ka...?" - "Carpaccio." - "Und was soll das sein?" Unruhiges Herumrutschen während der Mitternachtsmesse. "Mama, was machen die da vorne mit dem Kind?" Mein Cousin, wie er auf dem Treppenabsatz Trompete spielt, sich bei "Stille Nacht" einen kleinen Schnitzer leistend. Der größte Weihnachtsbaum der Welt. Erwachsene, die reden, reden und reden. Als müssten alle Worte noch in diesem Jahr aufgebraucht werden. Am meisten aber lachten sie. Nur wenig Schlaf in der ersten Nacht. Karius und Baktus waren von der Einschlafkassette in meine Träume geklettert. Das erste Mal Kellogg's Frosties und damit die Öffnung eines geschmacklichen Himmelreichs. Ein Barbie Traummobil für mich. Selbstverständlich ein riesiger Traum in Rosa, den Vater und Onkel aus unzähligen Einzelteilen zusammenbauen durften. Meine peinlich berührte Mutter. Weil sie nicht ahnte, was sie da als Wunsch an den West-Weihnachtsmann weitergegeben hatte. "Jetzt mach dir mal über Geld keine Gedanken!" Meine Cousine bekam eine dieser neuen Puppen. Mit einem wassergefüllten Stift ließ sich die rosa Kleidung verzieren. Ich suchte den tollen Kniff vergeblich und übergoss das Plastik schließlich aus Versehen. Mein Glück, dass sie sofort ihren Bruder der tropfnassen Missetat verdächtigte. Verkaterte Eltern am nächsten Morgen, die über das ganze Gesicht strahlten. Eine komplette Hi-Fi-Anlage wurde der Wiedervereinigung geopfert als wir schon längst im Bett lagen. Sie schwärmen noch heute davon.
Doch es kam besagter Dezember und eine kleine himmelblaue Trabanten-Karawane bahnte sich freudig ihren Weg in den Norden der gewachsenen Republik. Auf dass dort Leute nach Jahren zusammenfinden sollten, die sich als Großes und Ganzes Familie nannten. An Weihnachten würde es geschehen. Und so standen die Menschen hinter den Paketen plätzlich vor mir. Unendliche Neugier auf beiden Seiten und keine besorgten Gedanken mehr, ob wir alle überhaupt dort Platz hätten. Ein gräßeres Haus hatte ich nie zuvor gesehen. Man konnte sich darin verlieren, wir kamen hier erst einander näher.
"Fühlt euch ganz wie Zuhause! Ich meine das ernst!" Alle vor dem riesenhaften Fernseher versammelt, der das Bild von Kohl und Modrow bot, als sie das Brandenburger Tor durchschritten. Nachdenklich klingende Spaziergänge im Wald. Eine Einladung zum besten Italiener am Ort. "Wie heißt das jetzt? Ka..., ka...?" - "Carpaccio." - "Und was soll das sein?" Unruhiges Herumrutschen während der Mitternachtsmesse. "Mama, was machen die da vorne mit dem Kind?" Mein Cousin, wie er auf dem Treppenabsatz Trompete spielt, sich bei "Stille Nacht" einen kleinen Schnitzer leistend. Der größte Weihnachtsbaum der Welt. Erwachsene, die reden, reden und reden. Als müssten alle Worte noch in diesem Jahr aufgebraucht werden. Am meisten aber lachten sie. Nur wenig Schlaf in der ersten Nacht. Karius und Baktus waren von der Einschlafkassette in meine Träume geklettert. Das erste Mal Kellogg's Frosties und damit die Öffnung eines geschmacklichen Himmelreichs. Ein Barbie Traummobil für mich. Selbstverständlich ein riesiger Traum in Rosa, den Vater und Onkel aus unzähligen Einzelteilen zusammenbauen durften. Meine peinlich berührte Mutter. Weil sie nicht ahnte, was sie da als Wunsch an den West-Weihnachtsmann weitergegeben hatte. "Jetzt mach dir mal über Geld keine Gedanken!" Meine Cousine bekam eine dieser neuen Puppen. Mit einem wassergefüllten Stift ließ sich die rosa Kleidung verzieren. Ich suchte den tollen Kniff vergeblich und übergoss das Plastik schließlich aus Versehen. Mein Glück, dass sie sofort ihren Bruder der tropfnassen Missetat verdächtigte. Verkaterte Eltern am nächsten Morgen, die über das ganze Gesicht strahlten. Eine komplette Hi-Fi-Anlage wurde der Wiedervereinigung geopfert als wir schon längst im Bett lagen. Sie schwärmen noch heute davon.


replica wathces
am 29. Jul, 04:08
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