Gestern

von Björn Schwede
- Wie Leben, sagt Karina leise vor sich hin.
Jens sieht weiter auf den Sonnenaufgang, blinzelt nicht, sein Gesicht ohne jede Regung. Karina sieht auf ihre Sandalen, die in einer Ecke des Balkons liegen, dann auf ihre Füße. Blaue Flecken am Spann. Es hat eine Weile gedauert, dass sie Jens überreden konnte, auch seine Schuhe auszuziehen. Davor hatte es schon ewig gedauert, ihn zu überreden überhaupt zu tanzen. Dann auch noch ohne Schuhe.
Ein Lächeln streicht über ihr Gesicht.

- Ich hatte nie einen leiblichen Bruder, flüstert sie in die kühle Morgenluft. Jens zieht einen Fuß unter seinen Körper und lehnt sich mit seinem Rücken an die Wand.
- Und mit meinem Vater, sie seufzt, seit der Scheidung.
Sie stockt, weil ihre Gedanken ihr Einhalt gebieten.
- Das sind nicht die richtigen Worte, denkt sie, ich müsste andere finden.
Sie sieht zu ihm hinüber, wartet. Sie beoachtet eine Haarsträhne, die sich fast unmerklich in der zarten Luftströmung dieses Morgens bewegt. Seine langen Haare wollte er schon so lange abschneiden. Vielleicht würde er jetzt den Weg zum Friseur finden, selbst nach der Schere greifen oder dem Haarschneider. Immer wieder gibt es diese Menschen, die eine innere Veränderung durch eine äußere sichtbar machen. Wie er wohl mit Bürstenhaarschnitt aussieht, fragte sie sich.
Die Haarsträhne bewegt sich, streift über seine Augen. Da ist kein Blinzeln, keine Regung in seinem Gesicht. Karina senkt den Blick, lässt ihre Hände miteinander spielen. Nicht wild, wie in Kindertagen, spielen wie das erste Treffen. Langsame Schritte, vorsichtig wie in einem unbekannten Moor. Sie sieht auf ihre Hände wie auf zwei Fremde. So plötzlich fremd.

Karina hebt ihren Blick und blinzelt in den Sonnenaufgang.
- Ich dachte wir zwei wären Seelenverwandte, sagt sie wie zu sich selbst.
Sie denkt wieder daran wie schwer es war Jens zum tanzen zu überreden. Und daran, dass er, einmal erst auf der Tanzfläche, nicht mehr aufhören wollte. Dass sie wilder tanzten, umeinander sprangen, er sie an den Hüften hochhob.
Und langsam wieder zu Boden schweben ließ. So langsam. Schweben. Zu Boden.
- Seelenverwandt, sagt sie wieder zu sich selbst.

Es klingt kaum wie eine Frage, als seine Worte ihr wie ein lang verschollener Brief zufallen.
- Wenn das so ist, er muss schlucken, wenn das so ist, sehn wir uns wieder.

Durch die Gitter des Balkons sieht sie ihn barfuß in Richtung der aufgehenden Sonne gehen. Die Hände in den Hosentaschen lässt er plötzlich einen Tanzschritt erahnen. Dann senkt sich wieder der Kopf und sein Körper ist eine Marionette ohne Puppenspieler.
- Seelenverwandt, flüstert Karina.
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden veröffentlicht.
mindestens haltbar 02/2008
Jahrgang 04
Ausgabe 02
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Schwede
Titel: Gestern
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