
Die ewigen Kinder
von Herr Paulsen
" Also, ich würde gerne möglichst früh verduften.", sage ich.
"Peter sagt, er macht sofort am zweiten Weihnachtsfeiertag die Biege, da sollten wir uns dann auch vom Acker machen.", schlägt Julia vor und erzählt: "obwohl Papa meint wir sollten doch Silvester mal wieder zusammen feiern".
"Vergiss es, ich bin spätestens am 27sten wieder in Hamburg", rufe ich hysterisch in den Hörer.
Geschwister im Weihnachtsstress. Es ist extrem wichtig zusammen zu kommen und zusammen zu gehen. Nicht nur der von Mutter stets beschworenen Geschwistergeist ("Versprecht mir, das Ihr Euch immer lieb habt!"), auch der Geist der Weihnachtszeit verpflichtet, niemanden alleine mit den Eltern zurück zu lassen. Es gilt eine Schlacht zu schlagen und wir lassen keinen zurück.
23.12.
Sind Julia und Peter schon da? Nein die kommen später. Erster. Mist.
Ich sitze in der Küche, die jedes Jahr ein bisschen kleiner zu werden scheint. Mutter kneift mir in die Backen, " bist ein bisschen dicker geworden, joggst Du den gar nicht mehr? Und Deine Haare, so lang, das steht Dir doch gar nicht, wie ein Hibbi siehst Du aus." Mutter sagt immer Hibbi. Mit Doppel-B. Ich bin stolz auf mich, bis vor zwei Jahren bin ich an diesem Punkt immer das erste Mal ausgeflippt, heute ergreift mich nur noch leichte Nervosität bei diesem ersten traditionellen Weihnachtsdialog der Wiedersehensfreude. Bis die Geschwister kommen gehe ich meine zurechtgelegte Liste der Lebens-Erfolgsmeldungen durch und präsentiere friedensstiftend den Lachs, den ich noch morgens in Hamburg am Hafen gekauft habe.
Ich schaue kurz im Bad nach, ob Mutter vielleicht doch Recht hat und ja, im Badezimmer meines Elternhauses sehe ich immer fett und verquollen aus. Die Geschwister treffen ein und werden ebenfalls aufs herzlichste begrüßt: Peters Haare sind zu kurz, sein Pullover zu groß und Julia steht ihre neue Haarfarbe nicht. Findet Mutter. Papa freut sich auch, dass alle Kinder mal wieder da sind.
24.12., morgens
Papa ist schon früh wach, er macht viel Krach im Keller, da wo seine alten Bergsteigersachen lagern. Ich schlafe im Gästezimmer nebenan und stehe dann auch mal auf. Es ist Neun, ich habe einen Kater, Mutter steht schon im Mantel in der Küche. "Junge, sag mal, was habt ihr gestern viel getrunken, also ich könnte das nicht, wie Du aussiehst, nimm mal eine Vitamintablette, wir wollen doch heute Abend schön feiern, ich muss jetzt noch einkaufen, so viele Menschen im Haus, da reicht das Essen ja nie, hilf mal Papa mit dem Baum."
Papa erklimmt in kompletter Bergsteigermontur mit Helm die Kellertreppe hinauf in die Wohnung. Papa ist früher gerne zum Bergsteigen. Am Wochenende war ich dann immer mit Mutter alleine, es gab Chips und Götterspeise, ich durfte Frankensteinfilme kucken, gleich nach dem Wort zum Sonntag. Irgendwann ist Papa dann in eine Gletscherspalte gefallen. Hat er natürlich damals nicht erzählt. Erst beim Alpenvereinstreffen, kurz vor der Hütte, hat er sich zu Mutter umgedreht und gesagt: " Schatz ich muss Dir noch was erzählen, bevor wir da reingehen." Er ist dann nie wieder in die Berge gefahren. Weihnachten schlägt seine große Stunde. Mit alten Bergseilen und antiken Karabinerhaken hieft er den Weihnachtsbaum aus dem Garten auf den Balkon im zweiten Stock. Wenn der Baum oben ist, schwingt er sich über die Brüstung und seilt sich ins Blumenbeet ab. Das sind ca. vier Meter. Seine Augen leuchten.
24.12. - 25.12.
Noch eine Stunde bis zur Kirche. Seit zwei Jahren gehen wir ohne Diskussionen mit. Weil wir alt geworden sind. Und müde. War nicht immer so. Früher war ab 15:00 Uhr Kaffee, Kuchen, Glaubenskrieg. Über gemischtes Gebäck gebeugt, eröffnete Mutter klassisch:
Mutter: "oooh, gleich ist Kirche, los, Peter, du ziehst Dir bitte noch was Ordentliches an!"
Vom Kirchturm schlägt es helle.
Ich: "geht ihr nur, ich bereite dann schon mal den Lachs vor."
Peter: "ich helfe Dir!"
Julia: "ich auch!"
Mutter: "das ist jetzt nicht Euer Ernst, Vater sag doch auch mal was dazu!"
Vater, mit Christstollen im Mund: "mipff ist das egapff."
Mutter fällt in sich zusammen, kopfschüttelnd mit feuchten Augen.
Alle gehen in die Kirche.
Einmal, während meiner Buddhistischen Phase, habe ich den Text verändert und Nachmittags gesagt: "Vorschlag! Wir machen alle eine von mir geführte Karmapa-Meditation, gleich hier auf dem Teppich, das geht elf Minuten, dann gibt es Lachs und dann Geschenke." So gegen Mitternacht haben wir damals angefangen auszupacken.
In der Kirche haben die ewigen Kinder immer viel Spaß. Julia singt super, sie kann während des Singens die Tonhöhe verändern, Peter und ich versuchen das auch. Zuhause gibt es dann Räucherlachs und Sekt. Wir trinken immer unanständig viel an Weihnachten. Alle. Julia schmeißt sich dann ans Klavier, den Eltern wird ganz feierlich, aber nur kurz, weil, mein Bruder und ich haben herausgefunden, dass Weihnachtslieder viel dynamischer klingen wenn man sie im Duett singt, mit lustig verstellten Stimmen. Zum Beispiel brumme ich wie Johny Cash und Peter gibt knödelnd den Bob Dylan. Und Julia legt auch gerne mal einen Zahn zu, beim spielen. Das klingt dann insgesamt wie: a Technoversion of "es ist ein Ros entsprungen", feat. Johnny Cash und Bob Dylan.
Spätestens um Zwei bringen wir die Eltern ins Bett, wir sind da sehr fürsorglich, wir wissen, morgen früh steht Mutter ab acht in der Küche, wegen der Gans, die muss doch um 17:00 Uhr fertig sein. 9 Stunden schließt sich meine Mutter in der Küche ein. Mein Einwand, die Gans und der Ofen würden das Garen doch recht selbstständig hinbekommen, wurde mit einem Hinweis auf die komplizierten Klöße und das äußerst pflegebedürftige Rotkraut vom Küchentisch gewischt. Papa räumt ab 6:30 Uhr das Weihnachtszimmer auf, bringt die Bergsteigersachen in den Keller und tauscht die Kerzen am Baum aus. Für die festliche Stimmung, wenn die Gans gegessen wird. Denn die Kinder, die fahren ja auch immer schon so schnell wieder.
Wenn die Gans Geschichte ist, und der Wein getrunken, wird es leiser.
Das ist der Moment vor dem sich die ewigen Kinder fürchten. Sie fangen an, Koffer zu packen, erst in Gedanken und am nächsten Morgen packen sie wirklich.
Sie tun das aus Erfahrung. Und weil sie nächstes Jahr wiederkommen wollen und feiern, gemeinsam und mit ihren geliebten Eltern, deren Liebe grenzenlos, aber nur begrenzt zu ertragen ist.
"Peter sagt, er macht sofort am zweiten Weihnachtsfeiertag die Biege, da sollten wir uns dann auch vom Acker machen.", schlägt Julia vor und erzählt: "obwohl Papa meint wir sollten doch Silvester mal wieder zusammen feiern".
"Vergiss es, ich bin spätestens am 27sten wieder in Hamburg", rufe ich hysterisch in den Hörer.
Geschwister im Weihnachtsstress. Es ist extrem wichtig zusammen zu kommen und zusammen zu gehen. Nicht nur der von Mutter stets beschworenen Geschwistergeist ("Versprecht mir, das Ihr Euch immer lieb habt!"), auch der Geist der Weihnachtszeit verpflichtet, niemanden alleine mit den Eltern zurück zu lassen. Es gilt eine Schlacht zu schlagen und wir lassen keinen zurück.
23.12.
Sind Julia und Peter schon da? Nein die kommen später. Erster. Mist.
Ich sitze in der Küche, die jedes Jahr ein bisschen kleiner zu werden scheint. Mutter kneift mir in die Backen, " bist ein bisschen dicker geworden, joggst Du den gar nicht mehr? Und Deine Haare, so lang, das steht Dir doch gar nicht, wie ein Hibbi siehst Du aus." Mutter sagt immer Hibbi. Mit Doppel-B. Ich bin stolz auf mich, bis vor zwei Jahren bin ich an diesem Punkt immer das erste Mal ausgeflippt, heute ergreift mich nur noch leichte Nervosität bei diesem ersten traditionellen Weihnachtsdialog der Wiedersehensfreude. Bis die Geschwister kommen gehe ich meine zurechtgelegte Liste der Lebens-Erfolgsmeldungen durch und präsentiere friedensstiftend den Lachs, den ich noch morgens in Hamburg am Hafen gekauft habe.
Ich schaue kurz im Bad nach, ob Mutter vielleicht doch Recht hat und ja, im Badezimmer meines Elternhauses sehe ich immer fett und verquollen aus. Die Geschwister treffen ein und werden ebenfalls aufs herzlichste begrüßt: Peters Haare sind zu kurz, sein Pullover zu groß und Julia steht ihre neue Haarfarbe nicht. Findet Mutter. Papa freut sich auch, dass alle Kinder mal wieder da sind.
24.12., morgens
Papa ist schon früh wach, er macht viel Krach im Keller, da wo seine alten Bergsteigersachen lagern. Ich schlafe im Gästezimmer nebenan und stehe dann auch mal auf. Es ist Neun, ich habe einen Kater, Mutter steht schon im Mantel in der Küche. "Junge, sag mal, was habt ihr gestern viel getrunken, also ich könnte das nicht, wie Du aussiehst, nimm mal eine Vitamintablette, wir wollen doch heute Abend schön feiern, ich muss jetzt noch einkaufen, so viele Menschen im Haus, da reicht das Essen ja nie, hilf mal Papa mit dem Baum."
Papa erklimmt in kompletter Bergsteigermontur mit Helm die Kellertreppe hinauf in die Wohnung. Papa ist früher gerne zum Bergsteigen. Am Wochenende war ich dann immer mit Mutter alleine, es gab Chips und Götterspeise, ich durfte Frankensteinfilme kucken, gleich nach dem Wort zum Sonntag. Irgendwann ist Papa dann in eine Gletscherspalte gefallen. Hat er natürlich damals nicht erzählt. Erst beim Alpenvereinstreffen, kurz vor der Hütte, hat er sich zu Mutter umgedreht und gesagt: " Schatz ich muss Dir noch was erzählen, bevor wir da reingehen." Er ist dann nie wieder in die Berge gefahren. Weihnachten schlägt seine große Stunde. Mit alten Bergseilen und antiken Karabinerhaken hieft er den Weihnachtsbaum aus dem Garten auf den Balkon im zweiten Stock. Wenn der Baum oben ist, schwingt er sich über die Brüstung und seilt sich ins Blumenbeet ab. Das sind ca. vier Meter. Seine Augen leuchten.
24.12. - 25.12.
Noch eine Stunde bis zur Kirche. Seit zwei Jahren gehen wir ohne Diskussionen mit. Weil wir alt geworden sind. Und müde. War nicht immer so. Früher war ab 15:00 Uhr Kaffee, Kuchen, Glaubenskrieg. Über gemischtes Gebäck gebeugt, eröffnete Mutter klassisch:
Mutter: "oooh, gleich ist Kirche, los, Peter, du ziehst Dir bitte noch was Ordentliches an!"
Vom Kirchturm schlägt es helle.
Ich: "geht ihr nur, ich bereite dann schon mal den Lachs vor."
Peter: "ich helfe Dir!"
Julia: "ich auch!"
Mutter: "das ist jetzt nicht Euer Ernst, Vater sag doch auch mal was dazu!"
Vater, mit Christstollen im Mund: "mipff ist das egapff."
Mutter fällt in sich zusammen, kopfschüttelnd mit feuchten Augen.
Alle gehen in die Kirche.
Einmal, während meiner Buddhistischen Phase, habe ich den Text verändert und Nachmittags gesagt: "Vorschlag! Wir machen alle eine von mir geführte Karmapa-Meditation, gleich hier auf dem Teppich, das geht elf Minuten, dann gibt es Lachs und dann Geschenke." So gegen Mitternacht haben wir damals angefangen auszupacken.
In der Kirche haben die ewigen Kinder immer viel Spaß. Julia singt super, sie kann während des Singens die Tonhöhe verändern, Peter und ich versuchen das auch. Zuhause gibt es dann Räucherlachs und Sekt. Wir trinken immer unanständig viel an Weihnachten. Alle. Julia schmeißt sich dann ans Klavier, den Eltern wird ganz feierlich, aber nur kurz, weil, mein Bruder und ich haben herausgefunden, dass Weihnachtslieder viel dynamischer klingen wenn man sie im Duett singt, mit lustig verstellten Stimmen. Zum Beispiel brumme ich wie Johny Cash und Peter gibt knödelnd den Bob Dylan. Und Julia legt auch gerne mal einen Zahn zu, beim spielen. Das klingt dann insgesamt wie: a Technoversion of "es ist ein Ros entsprungen", feat. Johnny Cash und Bob Dylan.
Spätestens um Zwei bringen wir die Eltern ins Bett, wir sind da sehr fürsorglich, wir wissen, morgen früh steht Mutter ab acht in der Küche, wegen der Gans, die muss doch um 17:00 Uhr fertig sein. 9 Stunden schließt sich meine Mutter in der Küche ein. Mein Einwand, die Gans und der Ofen würden das Garen doch recht selbstständig hinbekommen, wurde mit einem Hinweis auf die komplizierten Klöße und das äußerst pflegebedürftige Rotkraut vom Küchentisch gewischt. Papa räumt ab 6:30 Uhr das Weihnachtszimmer auf, bringt die Bergsteigersachen in den Keller und tauscht die Kerzen am Baum aus. Für die festliche Stimmung, wenn die Gans gegessen wird. Denn die Kinder, die fahren ja auch immer schon so schnell wieder.
Wenn die Gans Geschichte ist, und der Wein getrunken, wird es leiser.
Das ist der Moment vor dem sich die ewigen Kinder fürchten. Sie fangen an, Koffer zu packen, erst in Gedanken und am nächsten Morgen packen sie wirklich.
Sie tun das aus Erfahrung. Und weil sie nächstes Jahr wiederkommen wollen und feiern, gemeinsam und mit ihren geliebten Eltern, deren Liebe grenzenlos, aber nur begrenzt zu ertragen ist.
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