am 15. Dez, 15:04

Mein Eindruck ist, dass die Kritik von Dawkins zwar die, zur Legitimierung irdischer Ziele, herangezogenen Religionsanteile (aktuell: Fundamentalismus) ganz gut beschreibt, dass er aber an dem Kern theologischer Erkenntnisse vorbeigeht. Und um diesen inneren Gehalt des Mem`s ?Religion? sollte es doch einem an der Wirklichkeit interessierten, wissenschaftlich an das Thema herangehenden Menschen (als der ich mich selbst bezeichnen würde) gehen, oder?
So ist doch genauso genommen nicht nur ?Religion? ein ?geistiges Virus? = ?Mem?, sondern auch jede wissenschaftliche ?Idee?? Menschen (als ?Wirte? und ?Träger?) kommen und gehen, das ?Mem?, gleich welches, bleibt.
Zum anderen ist mir aufgefallen, dass so gut wie alle neu entstandenden religiösen Systeme (sog. sekundäre Religionen), jeweils kurz nach neuen wissenschaftlichen Entdeckungen (wenn wir jetzt mal diesen Begriff auch für die Vor-Aufklärungszeit zulassen) ihrer damaligen Zeit aufgekommen sind: Die Atomlehre (der Antike) / der Monotheismus; die Entdeckung der herausragenden energetischen Bedeutung unseres Zentralgestirns / die religiöse Revolution des Sonnenkultes eines Echnaton (mit seinen Auswirkungen bis hin in das Judentum, die römische Glaubenswelt (Sol Invictus = Weihnachten) und das Christentum); die Entdeckung der Präzision / der Mithraskult mit seiner Sternensymbolik (und ebenfalls Auswirkungen bis hin in das Christentum), u.s.w.
Interessant ist auch, was jeder an sich selbst beobachten kann: wenn ein Gedanke in uns entsteht, wir ihn genauer fassen wollen, passiert oft genau das Gegenteil. Das was wir zu fassen kriegen, ist nur noch ein ?Schatten? dessen, was vorher in uns heranreifte; weiter: wenn wir dieses dann ausdrücken wollen, gelingt uns dies nur höchst unbefriedigend unvollständig; eigentlich wollten wie (oft jedenfalls) etwas anderes sagen; und das, was dann letztlich beim anderen ankommt, was dieser versteht, ist noch mal davon verschieden.
Warum bringe ich dieses Beispiel. Weil ich meine, dass manchmal tatsächlich bestimmte ?Bilder? präziser beschreiben können, was wir sagen wollen, erlebt haben, als scheinbar exakte Worte. So verstehe ich jedenfalls den Kern vieler Religionen. Deswegen finde ich, dass die Pauschalkritik von Dawkins an dem philosophischen Gehalt, der auch in den Religionen steckt vorbei.

am 22. Dez, 15:06

Zur Verteidigung Dawkins muss ich sagen, dass Dawkins durchaus zwischen verschiedenen Gottesvorstellungen differenziert und sich mit seinem Angriff primär auf den Glauben an eine über den Naturgesetzen stehende und über den Kosmos waltende intelligente und personalisierte Ursache als Allererstem-vor-dem-Nichts-ist bezieht. Er streift sehr viel milder bis aggressionsfrei auch andere Vorstellungen, vom Deismus bis zur bloßen Bezeichnung des Kosmos / der Naturgesetze mit "Gott", um z.B. Einstein mit seinem "Gott würfelt nicht" aus dem Glaubenslager rauszuholen.

Du willst die Frage nach dem philosophischen Gehalt von Glauben stellen, das erfordert dann natürlich eine Präzisierung der Glaubensvorstellung. Wenn ich dich recht verstehe, behauptest du die Existenz einer Erkenntnis, die nicht in rationalen Begriffen ausformulierbar ist und am ehesten nur durch religiöse Annäherung gegriffen werden kann? Ich tendiere (zumindest for the sake of argument) dazu, einer solchen Erkenntnis den Status der Erkenntnishaftigkeit abzusprechen, sie wäre dann mehr ein Gefühl und als solches eher Gegenstand der Psychologie bzw. Gehirnforschung als der Philosophie. Insofern mag Religion zur Verwaltung dieser Gefühle vielleicht eine Funktion im Management von Psychologie und Kultur haben, aber mit Erkenntnis der Wirklichkeit hätte das wenig zu tun, und an der allein ist Dawkins interessiert (und die hält er auch für moralisch überlegen, aber das ist eine andere Diskussion). Die spannende Frage wäre jetzt, könnte so ein Rumoren im Kopf, auch wenn es nicht begrifflich fassbar wäre, trotzdem noch ein Mem sein?




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