
Es ist ein Kreuz
von Axel Wegner
Die eigene religiöse Überzeugung wird in der Kindheit implantiert, die Kirche weiß das sehr genau und nutzt das bis heute mit der Taufe an Kindern, die noch nicht selbst für sich entscheiden können, ob sie wollen oder nicht. So wird dann eine Tradition von Generation zu Generation weiter gegeben.
Ein Blick zurück in meine eigene Kindheit bestätigt das. Schon früh wurde ich in den Kindergottesdienst geschickt. Es wurden einem Heftchen in die Hand gedrückt, für die man an jedem Sonntag, an dem man im Gottesdienst erschien, ein Bildchen erhielt, religiös natürlich, das man in das Heft einkleben konnte. Da ich musikalisch war, wurde sehr bald der Kirchenchor, seine Auftritte und Proben zum Pflichttermin. In der Schule gab es Religionsunterricht, von dem mich meine Eltern natürlich nicht befreit haben, ich war ja nicht religionsmündig.
Diese Termine wurden schlimmer mit dem Nahen der Konfirmationszeit. Dann gab es Indoktrinationstermine, die Pflicht waren, denn sonst wäre die Konfirmation gefährdet gewesen. Ja, ich gebe es zu, sie war für mich wichtig, es gab ein Fest, bei dem ich im Mittelpunkt stand, ich bekam viele Geldgeschenke und konnte mir danach für sagenhafte 220 DM ein Transistorradio kaufen, wie sie gerade damals das letzte Gadget waren, wie man heute sagen würde.
Für mich war es dann mit 14 aber vorbei. Ich war nicht überzeugt und machte danach nur noch Gefälligkeitsbesuche in den Kirchen, zu Hochzeiten, Trauerfeiern oder Taufen. Bis auf einmal, während meines ersten Weihnachtens weg von zu Hause, als ich in London studierte, da war ich in der Westminster Abbey, um die Stimmung mitzubekommen. Da war ich 21, und in gewisser Weise geheilt, bis auf einen halben Heiligen Abend habe ich an diesem Tag die Familie danach vermieden. Irgendwann bin ich dann auch aus der Kirche ausgetreten.
Apropos Taufe: meine Schwester hat mir eine Sache sehr übel genommen. Nach der Geburt meiner Nichte V. hat sie mir angetragen, Taufpate zu werden. Ich musste nicht lange nachdenken und habe abgelehnt. So weit hatte meine religiöse Erziehung gewirkt, um zu erkennen, dass ein Pate kein Geschenkautomat ist, sondern dazu, um eventuell für die Eltern bei der religiösen Erziehung des Taufkindes einzuspringen. Wie kann ich religiös erziehen, wenn ich nicht (mehr) religiös bin?
Alles in allem hat sich das bei mir in den Gegenprotest verwandelt. Was ich aber nicht verstehe, ist dass die Religion so präsent ist in unserem doch angeblich so freien Staat, der so frei sein sollte von jeder Weltanschauung und sich stark abgrenzt von den bösen muslimischen Gottesstaaten.
November, Dezember und ein wenig Januar sind schon merkwürdige Monate. Staatsvertreter und Politiker in Deutschland treffen sich in Kirchen am Volkstrauertag, es ist der Buß- und Bettag (in diesem Fall ist der Segen der neuen Rechtschreibung klar erkenntlich, jetzt kann ich ausdrücken, was er immer für mich war, ganz unzweideutig, nämlich ein Buß- und Betttag, als er noch Feiertag war), und es kommt der Totensonntag, an dem, wieder in Kirchen, der Toten gedacht wird.
Dann wird plötzlich von Trauer auf Freude umgeschaltet, es ist nahe am Weihnachtsfest, dem Wintersonnenwendenfest, ein Termin, auf den aus opportunistischen Gründen die Geburt des später an das Kreuz geschlagenen Mannes gelegt wurde. Und wie üblich gibt es dann Weihnachtsansprachen von hochrangigen Politikern
Wie heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland?
Artikel 4
[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Ich interpretiere es so, dass der Staat nicht von der Religion bestimmt wird, es gibt keine Staatsreligion. Was soll also die Staatspräsenz in Kirchen zu dieser Jahreszeit? Geht der Bundestag in eine Moschee zum islamischen Opferfest? Oder ist Jom Kippur ein staatlicher Feiertag in Deutschland so wie viele christliche Feste? Warum berichten alle Medien darüber, dass die Kirchen gegen die Öffnung der Läden an Adventssonntagen klagen, da spricht doch nichts gegen, dass die Nichtchristen einkaufen können, und die Christen sind sicher so religiös, dass sie zu Hause bleiben. Warum klagt der Rat der Juden nicht gegen die Öffnung der Läden am Sabbat, oder die Muslims gegen die am Freitag?
Ich möchte ausdrücklich klar stellen: jeder soll mit seiner eigenen Religion glücklich werden, egal ob der Papst, Buddha, Mohammed, eine Synagoge, eine Moschee, ein goldenes Kalb oder sogar ein Spaghettimonster Teil des Glaubens sind. Oder eben wie bei mir keiner vorhanden ist. Der Glauben ist die Privatsache jedes Einzelnen, genauso wie sexuelle Vorlieben, bevorzugtes Fernsehprogramm, Lieblingsfußballclub oder die Wohnungseinrichtung. Im Gegenteil, manchmal beneide ich sogar Leute, die glauben (können), denn sie haben es sicher oft einfacher, weil sie den Glauben haben, wenn andere an Zweifeln und Unsicherheiten manchmal zerbrechen.
Aber das entscheidende Wort für mich ist das Wort ?Privatsache?. Also: jeder kann in seinem Kämmerlein glauben, was er will. Aber:
* der Staat sollte sich jeglicher Religion enthalten, auch beim christlichen Glauben, nicht nur beim Wettern gegen den islamischen Gottesstaat, sondern auch beim Verbannen zum Beispiel von christlichen Kreuzen aus staatlichen Schulzimmern. Das gibt es immer noch in Deutschland!
* Politiker sollten sich offiziell aus Gottesdiensten fernhalten oder alle Religionen bedenken (da hätten sie aber zu tun!).
* Kirchen und Religionen sollten sich jeglicher Missionierung und Mission auf offizieller Ebene enthalten. Um provokativ zu sein, das Problem mit Scientology ist nicht die Religion, sondern die manipulative Mission.
* Ansonsten soll wirklich jeder nach seiner Façon selig werden, insofern hat das (in den letzten Tagen gefallene Wort) vom christlichen Abendland in unserem Staat nichts zu suchen.
Und um es ganz deutlich zu machen: ich selber bin kein Atheist, denn dann würde ich mich durch Gott definieren. Nennt mich Agnostiker, Gott ist mir egal.
Aber eine gute Freundin ist sehr katholisch, damit habe ich kein Problem, sie kennt übrigens die besten antikirchlichen Witze. Vielleicht einigen wir uns darauf: persönliches Recht und Freiheit ist etwas Anderes als institutionelle Dogmen, Verfahren oder das Auftreten des Staates.
Ein Blick zurück in meine eigene Kindheit bestätigt das. Schon früh wurde ich in den Kindergottesdienst geschickt. Es wurden einem Heftchen in die Hand gedrückt, für die man an jedem Sonntag, an dem man im Gottesdienst erschien, ein Bildchen erhielt, religiös natürlich, das man in das Heft einkleben konnte. Da ich musikalisch war, wurde sehr bald der Kirchenchor, seine Auftritte und Proben zum Pflichttermin. In der Schule gab es Religionsunterricht, von dem mich meine Eltern natürlich nicht befreit haben, ich war ja nicht religionsmündig.
Diese Termine wurden schlimmer mit dem Nahen der Konfirmationszeit. Dann gab es Indoktrinationstermine, die Pflicht waren, denn sonst wäre die Konfirmation gefährdet gewesen. Ja, ich gebe es zu, sie war für mich wichtig, es gab ein Fest, bei dem ich im Mittelpunkt stand, ich bekam viele Geldgeschenke und konnte mir danach für sagenhafte 220 DM ein Transistorradio kaufen, wie sie gerade damals das letzte Gadget waren, wie man heute sagen würde.
Für mich war es dann mit 14 aber vorbei. Ich war nicht überzeugt und machte danach nur noch Gefälligkeitsbesuche in den Kirchen, zu Hochzeiten, Trauerfeiern oder Taufen. Bis auf einmal, während meines ersten Weihnachtens weg von zu Hause, als ich in London studierte, da war ich in der Westminster Abbey, um die Stimmung mitzubekommen. Da war ich 21, und in gewisser Weise geheilt, bis auf einen halben Heiligen Abend habe ich an diesem Tag die Familie danach vermieden. Irgendwann bin ich dann auch aus der Kirche ausgetreten.
Apropos Taufe: meine Schwester hat mir eine Sache sehr übel genommen. Nach der Geburt meiner Nichte V. hat sie mir angetragen, Taufpate zu werden. Ich musste nicht lange nachdenken und habe abgelehnt. So weit hatte meine religiöse Erziehung gewirkt, um zu erkennen, dass ein Pate kein Geschenkautomat ist, sondern dazu, um eventuell für die Eltern bei der religiösen Erziehung des Taufkindes einzuspringen. Wie kann ich religiös erziehen, wenn ich nicht (mehr) religiös bin?
Alles in allem hat sich das bei mir in den Gegenprotest verwandelt. Was ich aber nicht verstehe, ist dass die Religion so präsent ist in unserem doch angeblich so freien Staat, der so frei sein sollte von jeder Weltanschauung und sich stark abgrenzt von den bösen muslimischen Gottesstaaten.
November, Dezember und ein wenig Januar sind schon merkwürdige Monate. Staatsvertreter und Politiker in Deutschland treffen sich in Kirchen am Volkstrauertag, es ist der Buß- und Bettag (in diesem Fall ist der Segen der neuen Rechtschreibung klar erkenntlich, jetzt kann ich ausdrücken, was er immer für mich war, ganz unzweideutig, nämlich ein Buß- und Betttag, als er noch Feiertag war), und es kommt der Totensonntag, an dem, wieder in Kirchen, der Toten gedacht wird.
Dann wird plötzlich von Trauer auf Freude umgeschaltet, es ist nahe am Weihnachtsfest, dem Wintersonnenwendenfest, ein Termin, auf den aus opportunistischen Gründen die Geburt des später an das Kreuz geschlagenen Mannes gelegt wurde. Und wie üblich gibt es dann Weihnachtsansprachen von hochrangigen Politikern
Wie heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland?
Artikel 4
[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Ich interpretiere es so, dass der Staat nicht von der Religion bestimmt wird, es gibt keine Staatsreligion. Was soll also die Staatspräsenz in Kirchen zu dieser Jahreszeit? Geht der Bundestag in eine Moschee zum islamischen Opferfest? Oder ist Jom Kippur ein staatlicher Feiertag in Deutschland so wie viele christliche Feste? Warum berichten alle Medien darüber, dass die Kirchen gegen die Öffnung der Läden an Adventssonntagen klagen, da spricht doch nichts gegen, dass die Nichtchristen einkaufen können, und die Christen sind sicher so religiös, dass sie zu Hause bleiben. Warum klagt der Rat der Juden nicht gegen die Öffnung der Läden am Sabbat, oder die Muslims gegen die am Freitag?
Ich möchte ausdrücklich klar stellen: jeder soll mit seiner eigenen Religion glücklich werden, egal ob der Papst, Buddha, Mohammed, eine Synagoge, eine Moschee, ein goldenes Kalb oder sogar ein Spaghettimonster Teil des Glaubens sind. Oder eben wie bei mir keiner vorhanden ist. Der Glauben ist die Privatsache jedes Einzelnen, genauso wie sexuelle Vorlieben, bevorzugtes Fernsehprogramm, Lieblingsfußballclub oder die Wohnungseinrichtung. Im Gegenteil, manchmal beneide ich sogar Leute, die glauben (können), denn sie haben es sicher oft einfacher, weil sie den Glauben haben, wenn andere an Zweifeln und Unsicherheiten manchmal zerbrechen.
Aber das entscheidende Wort für mich ist das Wort ?Privatsache?. Also: jeder kann in seinem Kämmerlein glauben, was er will. Aber:
* der Staat sollte sich jeglicher Religion enthalten, auch beim christlichen Glauben, nicht nur beim Wettern gegen den islamischen Gottesstaat, sondern auch beim Verbannen zum Beispiel von christlichen Kreuzen aus staatlichen Schulzimmern. Das gibt es immer noch in Deutschland!
* Politiker sollten sich offiziell aus Gottesdiensten fernhalten oder alle Religionen bedenken (da hätten sie aber zu tun!).
* Kirchen und Religionen sollten sich jeglicher Missionierung und Mission auf offizieller Ebene enthalten. Um provokativ zu sein, das Problem mit Scientology ist nicht die Religion, sondern die manipulative Mission.
* Ansonsten soll wirklich jeder nach seiner Façon selig werden, insofern hat das (in den letzten Tagen gefallene Wort) vom christlichen Abendland in unserem Staat nichts zu suchen.
Und um es ganz deutlich zu machen: ich selber bin kein Atheist, denn dann würde ich mich durch Gott definieren. Nennt mich Agnostiker, Gott ist mir egal.
Aber eine gute Freundin ist sehr katholisch, damit habe ich kein Problem, sie kennt übrigens die besten antikirchlichen Witze. Vielleicht einigen wir uns darauf: persönliches Recht und Freiheit ist etwas Anderes als institutionelle Dogmen, Verfahren oder das Auftreten des Staates.
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