Katholisch Masturbieren

von Björn Grau
"Wo sie bewußt angestrebt und an ihr festgehalten wird, ist sie ein sittliches Fehlverhalten. "Der Jugendliche, der damit zu ringen hat, muß erkennen, daß er über dieses Stadium hinauswachsen muß, wenn seine Sexualität nicht infantil bleiben soll" (Die Deutschen Bischöfe, Zu Fragen der menschlichen Geschlechtlichkeit, 11)."*

"Ihr habt euch noch nie selbstbefriedigt?" Wir schwiegen. Ich für meinen Teil traute mich nicht zuzugeben, dass ich sehr wohl schon mal hatte. Ich hatte zu diesem Zweck eine Anzeige mit ein paar nackten Oberkörpern diverser Playboy-Bunnies aus einem anderen Magazin ausgeschnitten und bewahrte dieses Kleinod in der Nachttischschublade in meinem Kinderzimmer auf. Regelmäßig zog ich den reizend bebilderten Fetzen Papier hervor und ich erfreute mich meiner, ohne ernsthaft Angst vor Verdummung, Fehlbildungen der Wirbelsäule oder ähnlichen Dingen zu verspüren. Nichtmal den Zorn Gottes fürchtete ich. Aber ich war mir nicht sicher, wie meine Kumpels jetzt wohl reagierten, gäbe ich zu, das ich... Ich wollte ja nicht der einzige perverse 13-Jährige im Zimmer sein.
Da wir auf seine Frage nicht antworteten, redete Andi weiter: "Das kann doch nicht sein, dass ihr euch noch nie selbstbefriedigt habt. Ich erklär euch mal wie das geht!" Andi war 17 damals. Er war einer der Jugendgruppenleiter, mit denen wir zwecks Durchführung der Sommerfreizeit unserer katholischen Kirchengemeinde in eine Jugendherberge im Schwarzwald gefahren waren. Jetzt saß er im Jungszimmer und tat so, als sei Masturbation das selbstverständlichste der Welt. Und aus der Lehrstunde in Masturbation wurde ein kompletter Doktor-Sommer-Nachmittag. Danach kannte ich neue Wichstechniken und war über so manches sexuelle Detail ernsthaft aufgeklärt. Lange noch war ich mir sicher, dass es Erregung gewesen sein musste, als ich an dem ein oder anderen Nachmittag während der Freizeit auf meinem Rücken Feuchtigkeit spürte, nachdem Vicky auf demselben sitzend meine schmächtigen Schultern massiert hatte. Heute glaube ich, es war nur Schweiß. Denn eins war es auf jeden Fall: Sommer.


"Von der Schöpfungsordnung und vom Schöpfungsauftrag Gottes an Mann und Frau her kann Homosexualität nicht als eine der Heterosexualität gleichwertige sexuelle Prägung angesehen werden. Der eigentliche Raum der vollen Geschlechtsgemeinschaft ist nach dem Verständnis der Bibel die Ehe zwischen Mann und Frau, und die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft ist die Ehe."**

Andi war nicht nur für die Hinleitung zur Masturbation in unserer Kirchengemeinde zuständig, er versuchte uns jahrelang auch davon zu überzeugen, dass Michael Cretus Pseudosubdommönchspopprojekt "Enigma" geil sei. Unabhängig davon war er auch der einzige der älteren Jugendlichen, der sich außerhalb unseres Sprengels krichlich engagierte und regelmäßig Kontakt hielt zu den Funktionären des Bunds der katholischen Jugend auf Dekanatsebene. So überredete Andi mich, der ich mittlerweile ein wenig älter und selbst schon Leiter einer Jugendgruppe war, einige Jahre nach der theoretischen Einführung ins Wichsen mit ihm auf eine Tagung der katholischen Jugend zu gehen, die sich mit aktuellen Strömungen in der Kirche beschäftigen sollte. Ich weiß nicht mehr, was es alles an Workshops gab. Irgendwas mit Batik, Meditation und so wird sicher dabei gewesen sein. Auch einen Theater- und oder Tanzworkshop halte ich für wahrscheinlich. Ich kann mich nur noch an den von uns gewählten Programmpunkt erinnern. Wir landeten in einem kleinen Sitzungszimmer des Dekanats, in dem ein berufsjugendlicher, Schnauzbart und Lederhose tragender Mittvierziger uns von dem Spagat erzählte, gläubiger Katholik und selbstbewusster Schwuler zu sein, und Werbung für die Arbeitsgruppe "Homosexualität und Kirche" machte.
Wir jungen Katholiken waren so weltoffen, dass wir ihm zuhörten. Wahnsinn.

Heute erinnert mich das irgendwie an die Jusos. Große klassenkämpferische Show, aber gleichzeitig die Karriere als künftiger Genosse der Bosse planen. Süß. Andi, der einst Mutter Kirche von innen modernisieren wollte, ist heute Mitte 30 und ein frustrierter und konservativer Sack geworden. Vielleicht aus dem Frust heraus, das er nie ernst genommen wurde. Und da bin ich ein wenig mit Schuld dran. Auf der letzten Sommerfreizeit unserer Kirchengemeinde, an der ich teilnahm, hatte seine ehemalige Klassenkameradin Sonja furchtbaren Liebeskummer. Andi hätte sie gern getröstet. Aber sie heulte sich lieber in den Armen eines Jüngeren aus...
Heute tut es mir ein wenig leid, dass Andi und ich damals so unschön auseinander gingen, denn er hat seinen Anteil daran, dass katholisch zu sein für mich bis heute viel zu wenig zu tun haben will mit Mixa, Lehmann, Ratzinger und so. Katholisch sein war wie Bravo-Lesen. Es war ne gute Zeit. Wir hatten jede Menge Spaß. Danke, Andi. Aber irgendwann wurde es langweilig.

*Katholischer Erwachsenen-Katechismus. Hrsg. v. d. Deutschen Bischofskonferenz. Freiburg, Basel, Wien 1995, S. 379.
** Ebd., S. 386.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.
mindestens haltbar 12/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 12
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Grau
Titel: Katholisch Masturbieren
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