
Verfluchen
von Anke Gröner
Denn beim Abendmahl muss man ja nach vorne in den Altarraum, wo einem der Pastor in die Augen schaut oder der schnuffige Vikar, wenn er Leib und Blut verteilt, und da will man ja nicht aussehen wie ein Schlumpf, so wie sonst, wenn man sich einfach in der Mitte der Kirche einkuschelt, um in Ruhe und alleine und
unbehelligt zu singen und zu beten und zu sich selbst zu finden, dafür muss man nicht unbedingt frisch geduscht sein, da reicht auch die Baseballmütze über den verwuschelten Haaren, das merkt ja keiner, weil niemand direkt neben einem steht oder sitzt, die Kirche ist ja sowieso viel zu leer, das merkt man am meisten bei den Liedern, wo man immer dankbar für die Orgel ist, die den Hall etwas mindert, der von den Kirchenbänken aufsteigt, aber heute ist Abendmahl, da würde der
Bettgeruch doch auffallen, der Geruch nach Wärme und Zuhause und einer wunderschönen Nacht, wenn man vorne steht zwischen den Omas, die nach Pralinen oder Staub riechen und den alten Männern, bei denen es eher Old Spice ist oder Einsamkeit und den jungen Müttern mit Anhang, die nach ausgespuckter Milch riechen, nein, da kann man nicht nach Glück
duften, lieber nach Duschgel und Zahnpasta, was ja auch schön ist, aber man verflucht eben doch für zwei Sekunden diese Tradition oder die sich selbst auferlegten Zwänge oder die Zivilisation oder die Uhrzeit, die einen dazu bringt, sich aus dieser wundervollen Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge zu schälen, um in die Kirche zu gehen, und man fragt sich für ebenfalls zwei Sekunden, warum man das überhaupt macht, bevor einem wieder einfällt, dass man das macht, weil es gut
tut, weil es schön ist, weil es einem bewusst macht, wie gut die letzte Woche war, trotz allem, und wie schön die nächste sein wird, trotz allem, weil jemand da ist, der auf einen aufpasst und an den man sich wenden kann, auch wenn der keine Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge hat, aber dafür genau das gleiche Gefühl vermitteln kann, ein Gefühl von Aufgehobensein, von Willkommensein, von Freude und Verlässlichkeit, und so deckt man den Kerl zu und lässt ihn schlafen
und freut sich auf den Gottesdienst und das Abendmahl und die morgendliche Dusche und die Fahrt durch den Schnee und die Sonne und den Sonntag und die Aussicht, in zwei Stunden wieder in der Höhle sein zu dürfen, die immer noch nach Zuhause duftet.
Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarfunktion ist auf Wunsch der Autorin bei diesem Text abgeschaltet.
unbehelligt zu singen und zu beten und zu sich selbst zu finden, dafür muss man nicht unbedingt frisch geduscht sein, da reicht auch die Baseballmütze über den verwuschelten Haaren, das merkt ja keiner, weil niemand direkt neben einem steht oder sitzt, die Kirche ist ja sowieso viel zu leer, das merkt man am meisten bei den Liedern, wo man immer dankbar für die Orgel ist, die den Hall etwas mindert, der von den Kirchenbänken aufsteigt, aber heute ist Abendmahl, da würde der
Bettgeruch doch auffallen, der Geruch nach Wärme und Zuhause und einer wunderschönen Nacht, wenn man vorne steht zwischen den Omas, die nach Pralinen oder Staub riechen und den alten Männern, bei denen es eher Old Spice ist oder Einsamkeit und den jungen Müttern mit Anhang, die nach ausgespuckter Milch riechen, nein, da kann man nicht nach Glück
duften, lieber nach Duschgel und Zahnpasta, was ja auch schön ist, aber man verflucht eben doch für zwei Sekunden diese Tradition oder die sich selbst auferlegten Zwänge oder die Zivilisation oder die Uhrzeit, die einen dazu bringt, sich aus dieser wundervollen Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge zu schälen, um in die Kirche zu gehen, und man fragt sich für ebenfalls zwei Sekunden, warum man das überhaupt macht, bevor einem wieder einfällt, dass man das macht, weil es gut
tut, weil es schön ist, weil es einem bewusst macht, wie gut die letzte Woche war, trotz allem, und wie schön die nächste sein wird, trotz allem, weil jemand da ist, der auf einen aufpasst und an den man sich wenden kann, auch wenn der keine Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge hat, aber dafür genau das gleiche Gefühl vermitteln kann, ein Gefühl von Aufgehobensein, von Willkommensein, von Freude und Verlässlichkeit, und so deckt man den Kerl zu und lässt ihn schlafen
und freut sich auf den Gottesdienst und das Abendmahl und die morgendliche Dusche und die Fahrt durch den Schnee und die Sonne und den Sonntag und die Aussicht, in zwei Stunden wieder in der Höhle sein zu dürfen, die immer noch nach Zuhause duftet.
Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarfunktion ist auf Wunsch der Autorin bei diesem Text abgeschaltet.
Artikel drucken

