Von Gott zur Götterspeise

von Wortschnittchen
10.05 Uhr, Amtsgericht Berlin-Mitte. ?Grüß Gott, ich möchte aus der Kirche austreten.? Die Antwort folgt sogleich in preußisch-trockener Manier: ?Na, wennse austreten, müssen se Ihre Grußformel awa ändern.? Wo der Mensch Recht hat, hat er Recht.

Nun sitze ich auf einem unbequemen Stuhl im Amtszimmer, und während der Beamte in aller Seelenruhe seinen Stempel auf diverse Anträge und Formulare drückt, stelle ich mir doch noch einmal die Gretchenfrage. Sag, wie hältst du?s mit der Religion?
Zunächst: Wer in einer katholisch geprägten Gegend aufwuchs, stellt sich derlei Fragen üblicherweise nicht, sondern befolgt brav christliche Grundregeln und geht an allen wichtigen Feiertagen in die Kirche. Dass ich nun vor einem auch weiterhin penibel stempelnden Beamten sitze, kann daher nur dem Umstand geschuldet sein, aus einer einzig und allein an den schnöden Mammon glaubenden Familie zu entstammen. Doch gerade jetzt sitzen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und debattieren über Sinn und Unsinn meiner Entscheidung.

Der Engel mault: ?Aber dann kannst du nicht mehr romantisch in der Kirche heiraten, so mit Blumenstreumädchen, einer tollen Rede vom Herrn Pfarrer und dem notwendigen, himmlischen Beistand in guten und schlechten Zeiten!? Zack!, zieht ihm der Teufel eine Ohrfeige über. ?He, das ist doch alles Bullshit, Ange! Gute Zeiten, schlechte Zeiten, pah - das ist was fürs Fernsehen. In Deutschland wird ein Drittel aller Ehen wieder geschieden, dagegen hat der alte Herr da oben auch kein Rezept. Und für romantische Hochzeiten gibt?s Hochzeitsplaner und Eventagenturen.? Nun gut, das scheint also nicht die Antwort auf die Gretchenfrage zu sein.

Überhaupt, der alte Herr da oben. Gibt?s den überhaupt? Oder ist er nur eine Idee, eine Hoffnung darauf, dass Jemand Verantwortung für widrige Umstände trägt und nicht der einzelne Mensch. ?Denk doch an die Ablassbriefe?, mischt sich das Teufelchen in meine Gedanken. ?Das war ein Schachern, ein Handel! Und alles nur, weil der Mensch sich von aller Verantwortung und Sünde reinwaschen wollte, um sich nicht bei uns in der Hölle zu wärmen.? Das Engerl zaust an seinen Flügeln herum und zieht eine Schnute: ?Ja, aber das ist doch lange her. Und man sollte doch nicht unterschätzen, dass das Wissen um die Vergebung aller Sünden dem Menschen hilft.?
Ich mische mich in den munteren Dialog ein, obwohl ich finde, dass das Engelchen mittlerweile arg mitgenommen aussieht. ?Für die Vergebung der Sünden muss man aber beichten. Und ich habe Gott geprüft, indem ich im Kommunionsunterricht Geschichten und Streiche erfand. Aber der Beichtpfarrer hat sich weniger für deren Wahrheitsgehalt als für die Hintern der Ministranten interessiert. Gäbe es Gott, er hätte mich doch für meine Lügen gemahnt und den Pastor für seine sündigen Finger bestraft.? Ich erwarte einen Kommentar von Engelchen und Teufelchen, aber die beiden ziehen nur gelangweilt eine Augenbraue hoch.

?He, Ange! Diese Diskussion bringt doch nichts. Die Menschen glauben doch ohnehin nur, was sie wollen. Da ist jegliche Einmischung unsererseits vollkommen sinnlos. Ich habe übrigens noch ein bisschen Götterspeise im Kühlschrank. Lust drauf? Kommst du mit?? Der Engel nickt und mit einem leisen Zischen verschwinden die Beiden. Ohnehin haben sie nur wenig zur Klärung meines Verhältnisses zur Religion beigetragen. Allein, es bleibt meine Entscheidung.

10.15 Uhr. Das Formular ist unterschrieben. Nach § 3 des Regelwerks habe ich keine Verpflichtung und keine Ansprüche mehr gegen meine Kirche und bin nicht mehr Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Der Beamte setzt einen letzten Stempel unter meine Unterschrift und wünscht mir einen schönen Tag. Jetzt den lieben Gott einen guten Mann sein lassen! Ich gehe mir eine Götterspeise kaufen. Grün, Geschmack Waldmeister.

Wortschnittchen

Immer auf der Jagd: Wortschnittchen erlegt ihre Geschichten überwiegend im nächtlichen Großstadtdschungel Berlins. Neben ihrer schreibenden und treibenden Hauptbeschäftigung ist sie leidenschaftliche Neurosenzüchterin.
mindestens haltbar 12/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 12
ISSN 1816-8159
Autor: Wortschnittchen
Titel: Von Gott zur Götterspeise
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