0312 - Glaube, Liebe, Hoffnung
Editorial
Don Dahlmann
Glaube, Liebe, Hoffnung - diese Begriffe beschreiben den Kern einer jeden Religion. Aber auch wer nicht glaubt, kommt um diese Worte nicht herum. Kein Mensch kann ohne Glauben, ohne Liebe und ohne Hoffnung leben.
Dabei geht es nicht immer um den Glauben an einen oder auch mehrere Götter. Wir glauben an unsere Freunde, weil wir ihnen vertrauen. Wir hoffen das Beste für ihr und unser Leben. Wie lieben, weil wir die Liebe brauchen, wie der Fisch das Wasser.
Ob wir wollen oder nicht, das religiöse und auch die Religion spielt in unserem Leben eine große Rolle. Wir sind damit aufgewachsen, wir mussten in der Kindheit damit leben, ob wir wollten oder nicht. Diese Ausgabe befasst sich mit vielen Bereichen des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung und der Religion. Mal sind es sehr persönliche Auseinandersetzungen, mal gibt es eine philosophischen Analyse, was Religion heute eigentlich noch ist.
In der letzten Ausgabe im Jahr, muss man auch mal ein paar Leute erwähnen, die sonst nur hinter den Kulissen arbeiten:
Sandra, Grafik, die trotz des kurzen Vorlauf es immer geschafft hat, eine wunderschöne Startseite zu bauen.
Kristina, knallgrau, die meine vielen, vielen Fragen immer in aller Ruhe beantwortet und alle Probleme gelöst hat
Dieter, knallgrau, für das Vertrauen.
Cassandra/Kopfkino, für die vielen Fotos
Natürlich geht ein ganz besonderer Dank an alle Autoren, die ihre Geschichten für "mindestenshaltbar" zur Verfügung stellen. Ohne sie ginge hier gar nichts. Deswegen: Ihr seid die Größten!
Da wir alle viel gearbeitet haben und das Jahr mit vielen Feiertagen zu Ende geht, haben wir beschlossen, diese Ausgabe als Doppelausgabe zu gestalten. Das heißt, die nächste Ausgabe erscheint Ende Januar.
Ich danke den Lesern für das Interesse, die Kritik und vor allem fürs Wiederkommen!
Don Dahlmann
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein
Blog.
Schweres Schaf
Miriam von K.
Um mich herum Zettel,Zettel,Zettel mit in alle Richtungen hingeworfenem kryptischen Krempel. Ausrufezeichen.Durchgestrichenes.UN-TERRR-STRRRRICHENES.
Mir,ach SO wichtiges.
WELT,komm' und lies'. Schlag' dir mit Einsicht vor die Stirn.
Erkenne,was Gut und was Böse ist.
Ich will nicht lange um den heissen Brei reden:
Ja,es gibt IHN.
Spätestens ICH habe IHN erschaffen.
Und ich mag ihn nicht.
40 jahre zogen nicht nur die Israeliten durch die Wüste,40 Jahre denke ich über IHN nach.
so sehr,dass ER geworden ist,-wahrhaftige Existenz hin oder her.
Ab dem Tag meiner Geburt gab es keine andere Chance,denn während meine Mutter mit mir schwanger ging,
fand sie ihre persönliche Erleuchtung und wurde die gläubigste Zeugin Jehovas unter der Sonne.
Ich schlüpfte aus ihr unter Gebet und natürlich bekam ich einen biblischen Namen:Miriam,zu deutsch
'die Widerspenstige',aber das wusste meine Mutter damals noch nicht,hauptsache Moses' Schwester.
Sie überredete meinen Vater,dem Verein beizutreten;er tat es halbherzig,
2Jahre später flog erwieder raus,sie trennten sich
und ich blieb bei meiner Mutter und ihrer feurigen Überzeugung.
[Mein Vater scharwenzelte sich 20 Jahre durch sämtliche anderen Sekten und ist seit
10 Jahren überzeugter Sannyassin.(k.w.K.)(kein weiterer Kommentar)]
Zuhause gabs Glauben,Liebe,Hoffnung bergeweise.Rund um die Uhr.
Frei nach Watzlawick:"man kann nie nicht zeuge jehovas sein,wenn mans ist."
So lernte ich also den 1a Drill,das volle Programm:
Gottes Wort studieren,sich von der Welt fernhalten,beten,Gehorsam,
evangelisieren,sündigen,bereuen,beten,hoffen,nochmal beten,und nochmal,
nicht hinterfragen,stattdessen beten,Worte nicht deuten-sie wörtlich nehmen,
an anderen Stellen dann merkwürdigerweise DOCH deuten,bei 'nicht-begreifen' noch mehr beten.
Mit ungefähr 9 oder 10 Jahren begann ich mich schliesslich zu wundern.
Statt das erleichternde Antworten bei dem ganzen gebete herauskamen,wurde das Leben immer unstimmiger.
Es gab inzwischen ZJ-Stiefvater Nr.2 und sowohl er,als auch meine Mutter waren kreuzunglücklich.
Entweder wurde geschrien oder geheult,aber auf jeden Fall danach massenhaft bereut und gebetet.
Und des wunderbaren ewigen Lebens gedacht,welches Gott dem Menschen,
-dem gehorsamen wohlgemerkt!-in Aussicht gestellt hat.
"Aber wann soll das sein?Und warum hilft er den Menschen jetzt nicht?"fragte ich naiv.
"Weil das jetztige Leben eine Prüfung ist und wir ausharren müssen bis ans Ende.
Und DANN wird Gott uns belohnen."
Mittlerweile 13 Jahre alt sprang ich lieber vom 10meter Brett.Ohne Wasser im Becken.
Die Stimmung zuhause WAR die feurige Gehenna,
-sogenannte 'Älteste' gingen bei
uns ein und aus,um mit Bibelstellen ,Gebet und Strenge die lächerliche 4.Ehe meiner Mutter zu retten.
Dadurch blieb keine Zeit,mich im Auge zu behalten,
-so wurde ich von einem Tag auf den anderen Punkrockerin.
Was anderes ging nicht.
Ich hatte die wenigen Punkrocker in unserer Schule beobachtet,
-die waren für mich die
einzig wahre entschiedene Kampfansage und wenn ich dickbebrillt mit Pottschnitt hinter ihnen die Treppe
hochschlich und auf ihren Jacken las:
"macht kaputt,was euch kaputt macht!"dachte ich:
"JA!!!!"
Das war Offenbarung.
HAPPY END?
fuck you,NO!!!
Hatten Schuld-und Sühnedenke erstmal 13 jahre Zeit,sich breitzumachen,
wurde Logik ersetzt durch unreflektiertes Geglaube,
bzw sogar als "satanische Gedanken" bezeichnet,
die nur durch Gebet und Gottes Hilfe und aufrichtigem Bereuen zu kurieren seien,
braucht es Zeit.Viiiiel Zeit.
Der liebe,liebe,liebe Gott.
Der so lieb ist,dass er ALLES erschaffen hat. Und angeblich 2 erwachsene Menschen in eine
noch angeblichere Vollkommenheit setzte.
Wäre ja völlig in Ordnung gewesen.
Und was macht der liebe Gott als erstes?
Er hat kein Vertrauen in seine Kreation.Er weiss im Vorfeld,dass er Murks baut,
-aber ihm war halt langweilig,
all die vielen Millionen Jahre...
nix zu gucken.
So wird von Anfang die Sollbruchstelle eingebaut-noch nichtmal heimlich-
nein,-so subtil ist der liebe Gott nicht. Als Narziss durch und durch weist
er mit Pauken und Trompeten darauf hin,dass Todesstrafe auf Erkenntnis steht.
Adam und Eva,die bis dahin völlig unbeleckt nackt durch die Büsche tollten,
-woher sollen die eigentlich gewusst haben,was Tod,Schmerz,Trauer,Erkenntnis,
geschweige denn Verlust bedeuteten?
Lebten,bzw starben ihnen die Tiere etwas vor?Waren die schon weiter,also voll Erkenntnis?
Oder war bei Tieren von Anfang an Tod in Vollkommenheit inclusive?
Gottes Plan sich neverending entertainment zu garantieren ging jedenfalls auf.
Wir leben so unsere Leben,mal besser mal schlechter.
Von gerechter Verteilung,-sowohl geistig,als auch materiell-kann nicht die
Rede sein,aber seien wir dochmal ehrlich: ein Narr,der anderes erwarte.
Und in unseren kleinen Herzchen tragen wir als Erinnerung die Sehnsucht nach
selbstbestimmter Vollkomenheit,die sich in sich selber gegenseitig ausschliesst.
Ts.Eine Crux,die ganze Chose.
Hinkt hinten und vorne.
Wie auch immer es sich zugetragen haben mag,
einen Kreator und Intendanten des Lebensspiels gibt es.
Wie auch immer der sich nennt.
Ich denke viel über ihn nach.
Und ich mag ihn nicht.
Aber seis drum.
Irgendwann muss auchmal Schluss sein.
Obwohl ich gerade erst anfange.
tobecontinued.
Aurelius Augustinus
Modeste
Schon etwas abgeblüht ist das Römische Reich, schon etwas welk seine Kraft, und filigran sind die Hände geworden, die das Reich regieren.
Die nervöse Üppigkeit des Orients hat sich schon so lange vermischt mit den derben Instinkten der Bauern, die vor Jahrhunderten ein Weltreich eroberten, und bringt nun Generationen hervor, die statt zu erobern - oder auch nur zu regieren ? vergeblich etwas suchen, was jenseits der purpurroten, faulig-irisierenden Üppigkeit jener Jahre liegt, die wir die Spätantike nennen: Nur noch wenige Generationen, und die verästelte, spannungsreiche Hinfälligkeit dieser Welt wird unter den Schwertstreichen der Germanen verenden, und jener, der Mitte des 4. Jahrhunderts im Süden des im wesentlichen intakten Reichs geboren wird, wird am Ende seines Lebens in Hippo unter der Belagerung der Vandalen seine Augen schließen.
Die Jahre sind vorbei, in denen es die Fischer, die Armen, diejenigen vom Rande der Gesellschaft waren, die an die Geschichte von Kreuzestod und Auferstehung ihre Hoffnung hefteten. Längst schon hat der sterbende Kaiser Kontantin die Taufe genommen, das Konzil von Nicäa ist bereits Geschichte, aber noch ist das Christentum eine Religion unter anderen und noch sind es zumeist die Massen aus den Städten, die auf das Herabsteigen des Christus Salvator warten.
Aurelius Augustinus ist keiner von ihnen, aus der Provinz Numidien gebürtig hat er den Bildungsgang eines jungen Mannes aus gutem Hause durchlaufen. Christ ist er nicht. Seine Mutter Monica ist getauft, betet für ihn und seine Bekehrung, und das Denkmal, dass er der Monica im neunten Buch seiner Confessiones errichtet, ist wahrhaft monumentum aere perennius, das von seiner Lebendigkeit und Wärme nichts verloren hat über den Graben der Jahrhunderte.
Lange betet die Monica für die Bekehrung, denn jene lässt auf sich warten. Augustinus ist ein guter Schüler, ein begabter Student, dem die Erfolge zufallen, und der in dem dünnen, duftenden Blut des Zeitalters doch nicht findet, was er sucht. Die Säulen der Welt sind zweifelhaft geworden, der Glaube an die altrömischen Götter hat einer ihrerseits bereits ehrwürdigen Skepsis Platz gemacht, deren Gelassenheit und maliziöse Eleganz erst die Renaissance wieder erreichen wird. Die Schulen der griechischen Lehrer sind gleichfalls Jahrhunderte alt, und ob es der Müßiggang ist oder die Erkenntnissehnsucht, die Roms Jünglinge durch Griechenland treibt: Auch dieser Weg zu Wahrheit und Erkenntnis ist schon so lange beschritten worden, dass auch sein Scheitern bereits patiniert ist von denen, die Generationen zuvor zu Füßen der griechischen Lehrer saßen. Das Überraschende ist Kanon geworden, die Antinomien der Schulen zur Gewohnheit verkommen, und der Mund der Wahrheit spricht mit Greisenstimme zu seinen Jüngern. Eine große Klugheit liegt in jenem Achselzucken, mit dem die damalige Welt der Frage nach ihrem Innersten, nach Seinsgrund und Ziel allen Seins begegnet, aber brausende Wahrheit und Leidenschaft wohnt nicht dort, wo Augustinus sie sucht: Weder bei Cicero noch bei den Manichäern. Am Ende seiner Ausbildung in Karthago und Mailand ist er Hochschullehrer, hat in vielen Schulen die Erlösung von den Zweifeln gesucht, die ihn immer wieder überkommen, ist angesichts der Lücken und Brüche der Lehren stets weitergezogen, und hat die Wahrheit nicht gefunden.
Zum Grübler und Sucher jedoch wird Augustinus nicht, denn die damalige Welt mag auf schwankendem Grunde stehen, Genuss bietet sich einem, der Essen und Wein, Frauen und dem Theater zugetan ist, in reichem Maße, und so ist es auch die Forderung nach Keuschheit, die Augustinus lange von der Konversion abhält, als er, zermürbt schon von den Zweifeln und der Komplexität der Gedankengebäude, schon überzeugt auf die Taufe zuschreitet.
Von einer geisterhaften Kinderstimme schreibt Augustinus, die ihn zum Buch der Bücher hingezogen habe, und ob dies nun ein Bild sein mag, oder einer jener Zufälle, von denen die Welt lebt. Stimmig erscheint es in hohem Maße. Mehr als ein Jahrzehnt hat Augustinus nun nach Wahrheit gesucht, Komplexität gefunden, und er mag der Vielfalt der Wahrheit überdrüssig sein und müde des Suchens gleich den Tangenten, die Grund und Maß nie berühren. Augustinus wirft die Suche von sich: Das Lehramt. Die Suche nach dem wahren Wesen des Seins in immer feineren Differenzierungen. Der Glaube, dem Wesen der Welt mit den Mitteln des Verstandes nahe zu kommen. Ob er die in ihrer Schlichtheit fast rührende Geschichte vom toten Sohn des Zimmermanns glaubt? Ob er seine Wahrheit findet, und die Zweifel zerstieben?
Ob in jener Fama vom reinen Tor, der im unruhigen Jerusalem zwischen die Parteien gerät und umkommen muss, die Wahrheit des Augustinus liegt oder nur der entschlossene Wunsch, die Wahrheit gefunden zu haben: Augustinus entsagt, kehrt der unruhigen, grellen Welt des Altertums den Rücken zu und wird jenes Monument, als das er in den Hallen der una et sancta steht, die ohne ihn nicht wäre, was sie ist.
Die Nervosität jenes Saeculums am Ende einer Epoche, seine Farben und Menschen, seine Zerrissenheit, von der Augustinus sich abgewandt hat, wenden sich indes nicht ab vom Augustinus. In seinen Confessiones, viel gedruckt und zu wenig gelesen, steht sie noch einmal auf, die verwesende Welt des ausgehenden Altertums, die sich in jenem Geist konserviert hat, den sie enttäuschte, der sie von sich stieß, und der ihrem Zauber noch ex negativo nicht entkam in Sphären, die den Geist nichts nötig haben.
Modeste
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht sie unter
Melancholie Modeste.
außer mir
Susanne Englmayer
ich will mich nicht wiederfinden, irgendwann ? zerschmettert! - am rand der großen straße. vom zufall übersehen, und bald schon vergessen. unvermutet vernichtet.
ich will nicht enden, wie sie alle enden, die dichter und die diebe, was keinen unterschied macht. diebe! und dichter...! das ist bekannt, oder? - daß ich ein dieb bin, daß ich stehle, wo es nur geht. unterwegs. gedanken und träume und hoffnungen massenhaft. meine!? oder deine!? darauf kommt es nicht an, nicht wahr? das ist dasselbe!
für die armseligkeit von ein paar worten, achtlos auf meinen weg gestreut, augenblicklich verklungen, verweht sogar ? so sinnlos das alles! - verkaufe ich meine seele. nicht die deine! keine angst! das nicht, niemals! aber sonst verstoße ich ahnungslos gegen jedes gebot. rücksichtslos, wenn es sein muß. und es muß sein!!!
merkur! kleinster aller teufel, der der sonne am nächsten steht.
das versprechen, wenn ich mich recht erinnere... es ist ein traum, mehr nicht. der traum vom leben! ein kleiner klang, vielleicht, ganz am ende erst, wenn es fast schon vorbei ist. und ein langer..., langer... nachhall, wenn es besonders gut geht. ab und an. so etwas wie erinnerung. oder aber zukunft. wer weiß das schon? möglich wäre es! aber das ist auch alles! danach ist der tod und nicht einmal umsonst.
doch vorerst geht es weiter, denke ich... brennen! (bis ich ausgebrannt bin.) eine abmachung, der ich bislang gewissenhaft nachkomme. und das ende, das ist immer deutlich. immer sichtbar.
und doch nicht zu erreichen...
allzu oft schon hab ich mich um mich selbst gebracht, hab mich wortlos umgebracht. mich verschwiegen. und wo bist du? bleibst du noch? ein bißchen nur, bis ich tot bin vielleicht. mehr ist nicht verlangt.
zugrunde gehen, wie sie alle zugrunde gehen. die dichter wie die diebe. gefangen im eigenen wort, in der eigenen lüge, in dem, was sich doch nicht ändern läßt. nicht von mir zumindest. von dir vielleicht... aber das ist illusion!
oder?
ich will mich nicht so finden ? irgendwann! ? zerschmettert, am rand der großen straße, und rasend vor schmerz, weil ich den weg verloren habe.
weil ich das wort nicht mehr weiß.
(die liebe.)
Die ewigen Kinder
Herr Paulsen
Im November werden die ewigen Kinder langsam nervös. Sie telefonieren mehr als sonst und planen genau.
" Also, ich würde gerne möglichst früh verduften.", sage ich.
"Peter sagt, er macht sofort am zweiten Weihnachtsfeiertag die Biege, da sollten wir uns dann auch vom Acker machen.", schlägt Julia vor und erzählt: "obwohl Papa meint wir sollten doch Silvester mal wieder zusammen feiern".
"Vergiss es, ich bin spätestens am 27sten wieder in Hamburg", rufe ich hysterisch in den Hörer.
Geschwister im Weihnachtsstress. Es ist extrem wichtig zusammen zu kommen und zusammen zu gehen. Nicht nur der von Mutter stets beschworenen Geschwistergeist ("Versprecht mir, das Ihr Euch immer lieb habt!"), auch der Geist der Weihnachtszeit verpflichtet, niemanden alleine mit den Eltern zurück zu lassen. Es gilt eine Schlacht zu schlagen und wir lassen keinen zurück.
23.12.
Sind Julia und Peter schon da? Nein die kommen später. Erster. Mist.
Ich sitze in der Küche, die jedes Jahr ein bisschen kleiner zu werden scheint. Mutter kneift mir in die Backen, " bist ein bisschen dicker geworden, joggst Du den gar nicht mehr? Und Deine Haare, so lang, das steht Dir doch gar nicht, wie ein Hibbi siehst Du aus." Mutter sagt immer Hibbi. Mit Doppel-B. Ich bin stolz auf mich, bis vor zwei Jahren bin ich an diesem Punkt immer das erste Mal ausgeflippt, heute ergreift mich nur noch leichte Nervosität bei diesem ersten traditionellen Weihnachtsdialog der Wiedersehensfreude. Bis die Geschwister kommen gehe ich meine zurechtgelegte Liste der Lebens-Erfolgsmeldungen durch und präsentiere friedensstiftend den Lachs, den ich noch morgens in Hamburg am Hafen gekauft habe.
Ich schaue kurz im Bad nach, ob Mutter vielleicht doch Recht hat und ja, im Badezimmer meines Elternhauses sehe ich immer fett und verquollen aus. Die Geschwister treffen ein und werden ebenfalls aufs herzlichste begrüßt: Peters Haare sind zu kurz, sein Pullover zu groß und Julia steht ihre neue Haarfarbe nicht. Findet Mutter. Papa freut sich auch, dass alle Kinder mal wieder da sind.
24.12., morgens
Papa ist schon früh wach, er macht viel Krach im Keller, da wo seine alten Bergsteigersachen lagern. Ich schlafe im Gästezimmer nebenan und stehe dann auch mal auf. Es ist Neun, ich habe einen Kater, Mutter steht schon im Mantel in der Küche. "Junge, sag mal, was habt ihr gestern viel getrunken, also ich könnte das nicht, wie Du aussiehst, nimm mal eine Vitamintablette, wir wollen doch heute Abend schön feiern, ich muss jetzt noch einkaufen, so viele Menschen im Haus, da reicht das Essen ja nie, hilf mal Papa mit dem Baum."
Papa erklimmt in kompletter Bergsteigermontur mit Helm die Kellertreppe hinauf in die Wohnung. Papa ist früher gerne zum Bergsteigen. Am Wochenende war ich dann immer mit Mutter alleine, es gab Chips und Götterspeise, ich durfte Frankensteinfilme kucken, gleich nach dem Wort zum Sonntag. Irgendwann ist Papa dann in eine Gletscherspalte gefallen. Hat er natürlich damals nicht erzählt. Erst beim Alpenvereinstreffen, kurz vor der Hütte, hat er sich zu Mutter umgedreht und gesagt: " Schatz ich muss Dir noch was erzählen, bevor wir da reingehen." Er ist dann nie wieder in die Berge gefahren. Weihnachten schlägt seine große Stunde. Mit alten Bergseilen und antiken Karabinerhaken hieft er den Weihnachtsbaum aus dem Garten auf den Balkon im zweiten Stock. Wenn der Baum oben ist, schwingt er sich über die Brüstung und seilt sich ins Blumenbeet ab. Das sind ca. vier Meter. Seine Augen leuchten.
24.12. - 25.12.
Noch eine Stunde bis zur Kirche. Seit zwei Jahren gehen wir ohne Diskussionen mit. Weil wir alt geworden sind. Und müde. War nicht immer so. Früher war ab 15:00 Uhr Kaffee, Kuchen, Glaubenskrieg. Über gemischtes Gebäck gebeugt, eröffnete Mutter klassisch:
Mutter: "oooh, gleich ist Kirche, los, Peter, du ziehst Dir bitte noch was Ordentliches an!"
Vom Kirchturm schlägt es helle.
Ich: "geht ihr nur, ich bereite dann schon mal den Lachs vor."
Peter: "ich helfe Dir!"
Julia: "ich auch!"
Mutter: "das ist jetzt nicht Euer Ernst, Vater sag doch auch mal was dazu!"
Vater, mit Christstollen im Mund: "mipff ist das egapff."
Mutter fällt in sich zusammen, kopfschüttelnd mit feuchten Augen.
Alle gehen in die Kirche.
Einmal, während meiner Buddhistischen Phase, habe ich den Text verändert und Nachmittags gesagt: "Vorschlag! Wir machen alle eine von mir geführte Karmapa-Meditation, gleich hier auf dem Teppich, das geht elf Minuten, dann gibt es Lachs und dann Geschenke." So gegen Mitternacht haben wir damals angefangen auszupacken.
In der Kirche haben die ewigen Kinder immer viel Spaß. Julia singt super, sie kann während des Singens die Tonhöhe verändern, Peter und ich versuchen das auch. Zuhause gibt es dann Räucherlachs und Sekt. Wir trinken immer unanständig viel an Weihnachten. Alle. Julia schmeißt sich dann ans Klavier, den Eltern wird ganz feierlich, aber nur kurz, weil, mein Bruder und ich haben herausgefunden, dass Weihnachtslieder viel dynamischer klingen wenn man sie im Duett singt, mit lustig verstellten Stimmen. Zum Beispiel brumme ich wie Johny Cash und Peter gibt knödelnd den Bob Dylan. Und Julia legt auch gerne mal einen Zahn zu, beim spielen. Das klingt dann insgesamt wie: a Technoversion of "es ist ein Ros entsprungen", feat. Johnny Cash und Bob Dylan.
Spätestens um Zwei bringen wir die Eltern ins Bett, wir sind da sehr fürsorglich, wir wissen, morgen früh steht Mutter ab acht in der Küche, wegen der Gans, die muss doch um 17:00 Uhr fertig sein. 9 Stunden schließt sich meine Mutter in der Küche ein. Mein Einwand, die Gans und der Ofen würden das Garen doch recht selbstständig hinbekommen, wurde mit einem Hinweis auf die komplizierten Klöße und das äußerst pflegebedürftige Rotkraut vom Küchentisch gewischt. Papa räumt ab 6:30 Uhr das Weihnachtszimmer auf, bringt die Bergsteigersachen in den Keller und tauscht die Kerzen am Baum aus. Für die festliche Stimmung, wenn die Gans gegessen wird. Denn die Kinder, die fahren ja auch immer schon so schnell wieder.
Wenn die Gans Geschichte ist, und der Wein getrunken, wird es leiser.
Das ist der Moment vor dem sich die ewigen Kinder fürchten. Sie fangen an, Koffer zu packen, erst in Gedanken und am nächsten Morgen packen sie wirklich.
Sie tun das aus Erfahrung. Und weil sie nächstes Jahr wiederkommen wollen und feiern, gemeinsam und mit ihren geliebten Eltern, deren Liebe grenzenlos, aber nur begrenzt zu ertragen ist.
Herr Paulsen
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem
Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
Er war froh
Ben
Er war froh, wollte reden, wollte mir erzählen, wie es ihm geht. Besser auf jeden Fall, besser als früher vielleicht.
Seine Freundin hätte ihm ne Menge gebracht, seine Eltern sprechen wieder mit ihm und er zieht in eine neue Wohnung, die alte sei? naja in keinem guten Zustand.
Ich hatte die Wohnung einmal gesehen, es war im Sommer wir saßen auf dem Flachdach und tranken, erzählten uns Geschichten. Er erzählte und ich trank. Er hatte Menschen kennen gelernt, die wichtige Sachen machen, also persönlich wichtig. "verstehst du?" immer wieder "verstehst du?". Ich verstand ihn irgendwie. Als ich dann auf die Toilette wollte musste ich seine Wohnung betreten, also durch das Fenster in das Treppenhaus, den langen Flur mit den Neonröhren und dem braunen Teppich. Die Tür war angelehnt, Abschließen hätte sich nicht gelohnt. Hier hatte er sich versteckt, Monate lang, vor seinen Eltern, vor den Menschen, vor der Welt. Er hatte Dinge an die Wand geschrieben, um sich selbst zu bestätigen, Dinge die ihm sagen, dass es richtig ist, was er tut. Er hatte Vorräte angelegt. Zeitungen, Zigarettenhülsen, Konserven; dafür musste erimmer samstags früh raus, oder nachts an die Tankstelle. Als ich wieder draußen bin sagt er: "Ich muss hier weg, dass ist wie ne alte Haut, aus der man raus muss."
Er sagt also das von dem Zustand der Wohnung und ich denke an den Sommer und das Flachdach; er wolle sich auch nicht mehr betäuben, hat gemerkt wie es ihn einschnürt, die Gedanken raubt und er sich ständig fühlt, als hätte er Watte in den Socken und den Schuhen. Ich frage ihn, ob er denkt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Er nickt heftig, wieder die Freundin, die Wohnung, der neue Job, seine Eltern. Ich war sowieso nicht da, um ihn zu bestätigen oder ihm etwas auszureden. ichhabe immer nur versucht, mit ihm klarzukommen, so wie es die anderen nicht konnten. Nicht aus Mitleid, sondern wegen der anderen Dinge, er hatte Humor undeinen scharfen Verstand,bisweilen zu scharf. Er braucht diesen Kram nicht mehr. Er will endlich leben, ohne Watte in den Socken und Schuhen.
Zwei Wochen später ein Anruf er habe gemerkt, dass ermit seinen Gedanken Dinge geschehen lassen kann, auf der Straße, im Fernsehen, bei sich zu Hause. Er fühle sich wie Gott, das Problem sei nur,er könne nicht mehr schlafen, wenn er schliefe würden Dinge geschehen. Er müsse sich doch um die Menschen kümmern, könne sie nicht alleine lassen. Er müsse aus dem Fenster gucken, in der Stadt herumlaufen, die Menschen beschützen. Ich weiß, dass sein Vater Pfarrer ist. Er wisse nicht, was von ihm erwartet würde. Was mir denn so einfalle."Seid wann kannst du das?" "Seid 4 Tagen und ich werde immer besser!"
Nächstes Jahr ist er wohl wieder da, im Sommer, mit Watte in den Socken und Schuhen.
Ein philosophischer Schaukampf
Christian "plomlompom" Heller
Der Atheismus-Bestseller "Der Gotteswahn" erklärt Religion und Wissenschaft zu zwei miteinander unvereinbaren Welterklärungsmodellen.
Die Kunst des ironischen Weihnachtsgeschenks könnte dieses Jahr unter so manchen Weihnachtsbaum die deutsche Übersetzung von Richard Dawkins' Bestseller "The God Delusion" zaubern: "Der Gotteswahn". Evolutionswissenschaftler Dawkins bemüht sich seit Jahrzehnten über Bücher, öffentliche Debatten und Fernsehsendungen um Verbreitung von
Leidenschaft für die wissenschaftliche Methode und Faszination für die Komplexitäten der Natur. Seit einer Weile betreibt er auch einen Generalangriff auf Religion.
Die Überzeugung, dass die Welt ohne Religion eine bessere wäre, vertritt Dawkins respektlos und in Ablehnung selbst solcher religiöser Strömungen, die sich moderat und tolerant geben. Für ihn ist religiöser Glaube ein geistiges Virus der Irrationalität, das sich Selbsterhalt und Verbreitung über erhebliche psychologische Kosten für seine menschlichen
Wirte erkauft: Es fördert Leid und Terror, Selbstpeinigung und Hass. Es fördert aber vor allem auch Ignoranz. Der Gläubige akzeptiert die Autorität der unbezweifelbaren heiligen Schrift, des unfehlbaren Hohepriesters, des unergründlichen Mysteriums. Religiöser Glaube, so Dawkins, suspendiert kritisches Denken, Neugier nach Erklärungen und
Offenheit für neue Denkansätze. Er untergräbt Prinzipien der Hinterfragbarkeit, Plausiblität und Logik.
Daher können für Dawkins wissenschaftliche und religiöse Welterklärung nicht friedlich koexistieren.
Ein Schaukampf
Vielleicht hat er damit recht. Ich stelle mir also Wissenschaft und religiösen Glauben als zwei um einen Platz in den Köpfen der Menschen konkurrierende Welterklärungssysteme vor. Ich bin Atheist. Ich hoffe auf den Sieg der Wissenschaft.
Dawkins dürfte die Wissenschaft schon deshalb für den verdienten Gewinner halten, weil er die Ergründung der Wirklichkeit als einen hohen Wert an sich erachtet. Fraglos ist die wissenschaftliche Methode ein geeigneteres Mittel, zur Wirklichkeit vorzudringen, als der religiöse Glaube, der sein Weltbild aus Quellen zweifelhaften Wahrheitswertes wie
Erziehung, Halluzinationen, Drogenerfahrungen oder selbsternannten Autoritäten -- Koran, Papst -- bezieht.
Aber es drängt sich mir auf, Dawkins' Maßstab nicht als allgemeinen Maßstab der Menschen anzunehmen. Aus seinen Schriften spricht eine mitreißende Faszination für die wissenschaftliche Ergründung des Unergründeten und zugleich ein kopfschüttelndes Unverständnis gegenüber jenen, die diese Faszination nicht teilen. Dawkins ist passionierter
Wissenschaftler; aber wieviele Menschen wollen Wissenschaftler sein? Sind im psychologischen Haushalt der meisten Menschen nicht andere Forderungen drängender als die nach der Erforschung der Wirklichkeit?
Die Hoffnung
Glauben wir der Welterklärung der Wissenschaft, erwartet uns nach dem Tod das Verrotten. Glauben wir der Welterklärung der Religion, erwartet uns nach dem Tod das ungebrochene Weiterexistieren unserer unsterblichen Seele. Nun soll ich mich zwischen beiden entscheiden. Lässt sich mein Bewusstsein von der Erforschung der Wirklichkeit leiten, werde ich wohl zähneknirschend und hoffnungslos das Modell der Wissenschaft wählen müssen. Aber käme es nicht gelegen für mein inneres Wohlbefinden, den Tod nicht fürchten zu müssen?
Ein außenstehender Beobachter würde mir zurecht Wunschdenken attestieren, wenn ich mich entgegen der Wirklichkeit dafür entschiede, eine unsterbliche Seele zu haben. Aber kann er es mir auch vorwerfen? Sicher kann ich dem Erlangen von Glückseligkeit eine große Bedeutung für meine Wahl zurechnen. Die Gewissheit von Unsterblichkeit verschafft mir Glückseligkeit. Wenn ich fähig bin (und das menschliche Gehirn ist zu den sonderbarsten Tricks und Selbsttäuschungen fähig), mir überzeugend einzureden, eine unsterbliche Seele zu haben, wäre diese Handlung dann nicht für meinen
psychologischen Haushalt die rationale Entscheidung? Schließlich gibt es keine Enttäuschung zu befürchten: Ein Bewusstsein, das nicht mehr ist, kann sich nicht enttäuscht fühlen. In der Frage der Hoffnung auf
Unsterblichkeit kann ich mit der Wahl der Religion scheinbar nur gewinnen und nichts verlieren.
Dawkins findet ein solches Wunschdenken kindisch und propagiert wie auch manch anderer Atheist die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit als etwas Erwachsenes und damit irgendwie Überlegenes. Man kann auch noch weitergehen: Derlei Wunschdenken ist nicht nur kindisch, es kann auch sehr gefährlich für die Mitmenschen sein. Denken wir nur an die
Selbstmordattentäter, die im Glauben an die Unsterblichkeit der eigenen Seele Massenmord begehen.
Aber aus Sicht des individuellen, egoistischen Bewusstseins ist und bleibt die realitätsferne Gewissheit, unsterblich zu sein, eine attraktivere und damit rationalere Entscheidung als die realitätsnahe Gewissheit, zum Tode verurteilt zu sein. Selbst wenn der dafür notwendige Glaube ein paar erhebliche Qualen, Entbehrungen oder Selbstkasteiungen im Diesseits mit einfordert, ist das immer noch ein sehr günstiger Preis für die glückselig stimmende Gewissheit der eigenen Unsterblichkeit. Ist die Entscheidung für die Wissenschaft also vielleicht irrationaler als der religiöse Glaube, gegen den sie einst aufbegehrte?
Die Verwirklichung der Hoffnung
Nun ja. Es gibt einen -- zugegeben etwas waghalsigen -- Hoffnungsschimmer für die Wissenschaft. Hierzu bedarf es einer größeren historischen Perspektive auf den Kampf zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlicher Methode um die Köpfe der Menschen. Der religiöse Glaube war das erste Welterklärungsmodell, um den psychologischen Haushalt des Menschen in Anbetracht seiner Ohnmacht gegenüber der allmächtigen grausamen Natur zu beruhigen. Vor allem der
Glaube an die eigene Unsterblichkeit -- sei sie nun in Form einer unsterblichen Seele, Anteil an einem Weltgeist oder kannibalistischer Integration in die eigenen Nachfahren -- erwies sich bis heute als konkurrenzloses Erfolgsrezept.
Um dem religiösen Glauben beim Umwerben des menschlichen Bewusstseins zumindest punktuell Konkurrenz machen zu können, musste die wissenschaftliche Methode sich fähig erweisen, auf einem bestimmten Spielfeld einen größeren Glückseligkeitsgewinn für den Menschen zu erwirtschaften als der religiöse Glaube auf demselben. Das konnte zum
Beispiel durch Erkenntnisse über die Natur und ihre Gesetze geschehen, um ihre Grausamkeit und Allmacht mit größerer Erfolgsquote zu zähmen, mittels Vorhersagbarkeit und Maschinerie statt Gebet und Opfer.
Allerdings musste die wissenschaftliche Methode vorsichtig sein, dem religiösen Glauben nicht in wesentlichen Spielfeldern auf die Füße zu treten -- denn die großen Versprechungen der Religion waren dort immer noch psychologisch einflussreicher auf das menschliche Bewusstsein als die vergleichsweise geringfügigen realen Verbesserungen durch die
Wissenschaft. Im Zweifel musste das Start-up Wissenschaft dem marktbeherrschenden Riesen Religion weichen und nicht umgekehrt.
Erst wo Wissenschaft das Leben so radikal verbessert, dass sie die Versprechungen der Religion überrumpelt, kann sie sie restlos austreiben. Es muss selbst für einen Gläubigen ergiebiger erscheinen, auf ein Problem eine bestimmte wissenschaftlich erzeugte Lösung anzuwenden, als für eine übernatürlich bewirkte Lösung des Problems zu beten. Damit die Wissenschaft die Religion vom Spielfeld vertreiben kann, bedarf es also der Eroberung ihrer Kernfelder, zum Beispiel des Versprechens der Unsterblichkeit.
Na, das sollte ja wohl machbar sein -- mit den zu erwartenden Fortschritten etwa der Biotechnologie in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren. Schon jetzt reihen sich die Propheten aneinander: Der Biogerontologe Aubrey de Grey hat gerade mit seinem Buch "Ending Aging"die Zeit für gekommen erklärt, die Disziplin der Erforschung des
biologischen Alterns in eine Ingenieursdisziplin zum Bremsen oder Umkehren desselben umzuwidmen. Futurist und Erfinder Ray Kurzweil dagegen sieht uns in exponentiell beschleunigter technologischer Entwicklung auf eine sogenannte "Technologische Singularität" in nächster Zeit zusteuern, die neben vielen anderen interessanten Sachen zu einer Entrückung menschlichen Bewusstseins in unsterbliche Maschinengehirne führen wird, wie der Untertitel "When Humans Transcend Biology" seines apokalyptisch betitelten Buches "The Singularity Is Near" andeutet. Wer Angst hat, ein paar Jahrzehnte zu früh auf die Welt gekommen zu sein, um das Zeitfenster in die wissenschaftlich bewirkte Unsterblichkeit noch zu erwischen, kann sich indes gegen moderate Geldbeträge von der Kryonik-Firma "Alcor Life Extension Foundation"
einfrieren lassen, die schon jetzt siebenundsiebzig Kunden in Tiefkühlung hält -- eine Praxis des Erkaufens von Lebenssicherheit nach dem Tod, die Richard Dawkins gegen Ende von "The God Delusion" mit der
mittelalterlichen Stiftung von Klöstern und Universitäten durch reiche Adelige vergleicht, die so über erkaufte Gebete ihre Chancen für ein erfreulicheres Dasein im Jenseits verbessern wollten.
Sollte es der Wissenschaft dagegen nicht gelingen, die Hoffnungen derReligion einzulösen, werden wir letztere wohl noch ein ganzes Weilchen mit uns rumschleppen müssen.
Christian Heller
Der gebürtige Berliner schreibt seit zehn Jahren gerne Sachen ins Internet. Vor einiger Zeit entdeckte er dabei die Ausdrucksform des Bloggens für sich und führt inzwischen unter seiner Heim-Domain www.plomlompom.de gleich mehrere Blogs, zum Beispiel
eines über die Zukunft,
eines über das Kino und
eines spezifisch über die tägliche Filmauswahl im deutschen Fernsehprogramm. Wenn er mal nicht bloggt, liest er H.P. Lovecraft oder spielt Civilization.
Es ist ein Kreuz
Axel Wegner
Die eigene religiöse Überzeugung wird in der Kindheit implantiert, die Kirche weiß das sehr genau und nutzt das bis heute mit der Taufe an Kindern, ob sie wollen oder nicht.
Die eigene religiöse Überzeugung wird in der Kindheit implantiert, die Kirche weiß das sehr genau und nutzt das bis heute mit der Taufe an Kindern, die noch nicht selbst für sich entscheiden können, ob sie wollen oder nicht. So wird dann eine Tradition von Generation zu Generation weiter gegeben.
Ein Blick zurück in meine eigene Kindheit bestätigt das. Schon früh wurde ich in den Kindergottesdienst geschickt. Es wurden einem Heftchen in die Hand gedrückt, für die man an jedem Sonntag, an dem man im Gottesdienst erschien, ein Bildchen erhielt, religiös natürlich, das man in das Heft einkleben konnte. Da ich musikalisch war, wurde sehr bald der Kirchenchor, seine Auftritte und Proben zum Pflichttermin. In der Schule gab es Religionsunterricht, von dem mich meine Eltern natürlich nicht befreit haben, ich war ja nicht religionsmündig.
Diese Termine wurden schlimmer mit dem Nahen der Konfirmationszeit. Dann gab es Indoktrinationstermine, die Pflicht waren, denn sonst wäre die Konfirmation gefährdet gewesen. Ja, ich gebe es zu, sie war für mich wichtig, es gab ein Fest, bei dem ich im Mittelpunkt stand, ich bekam viele Geldgeschenke und konnte mir danach für sagenhafte 220 DM ein Transistorradio kaufen, wie sie gerade damals das letzte Gadget waren, wie man heute sagen würde.
Für mich war es dann mit 14 aber vorbei. Ich war nicht überzeugt und machte danach nur noch Gefälligkeitsbesuche in den Kirchen, zu Hochzeiten, Trauerfeiern oder Taufen. Bis auf einmal, während meines ersten Weihnachtens weg von zu Hause, als ich in London studierte, da war ich in der Westminster Abbey, um die Stimmung mitzubekommen. Da war ich 21, und in gewisser Weise geheilt, bis auf einen halben Heiligen Abend habe ich an diesem Tag die Familie danach vermieden. Irgendwann bin ich dann auch aus der Kirche ausgetreten.
Apropos Taufe: meine Schwester hat mir eine Sache sehr übel genommen. Nach der Geburt meiner Nichte V. hat sie mir angetragen, Taufpate zu werden. Ich musste nicht lange nachdenken und habe abgelehnt. So weit hatte meine religiöse Erziehung gewirkt, um zu erkennen, dass ein Pate kein Geschenkautomat ist, sondern dazu, um eventuell für die Eltern bei der religiösen Erziehung des Taufkindes einzuspringen. Wie kann ich religiös erziehen, wenn ich nicht (mehr) religiös bin?
Alles in allem hat sich das bei mir in den Gegenprotest verwandelt. Was ich aber nicht verstehe, ist dass die Religion so präsent ist in unserem doch angeblich so freien Staat, der so frei sein sollte von jeder Weltanschauung und sich stark abgrenzt von den bösen muslimischen Gottesstaaten.
November, Dezember und ein wenig Januar sind schon merkwürdige Monate. Staatsvertreter und Politiker in Deutschland treffen sich in Kirchen am Volkstrauertag, es ist der Buß- und Bettag (in diesem Fall ist der Segen der neuen Rechtschreibung klar erkenntlich, jetzt kann ich ausdrücken, was er immer für mich war, ganz unzweideutig, nämlich ein Buß- und Betttag, als er noch Feiertag war), und es kommt der Totensonntag, an dem, wieder in Kirchen, der Toten gedacht wird.
Dann wird plötzlich von Trauer auf Freude umgeschaltet, es ist nahe am Weihnachtsfest, dem Wintersonnenwendenfest, ein Termin, auf den aus opportunistischen Gründen die Geburt des später an das Kreuz geschlagenen Mannes gelegt wurde. Und wie üblich gibt es dann Weihnachtsansprachen von hochrangigen Politikern
Wie heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland?
Artikel 4
[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Ich interpretiere es so, dass der Staat nicht von der Religion bestimmt wird, es gibt keine Staatsreligion. Was soll also die Staatspräsenz in Kirchen zu dieser Jahreszeit? Geht der Bundestag in eine Moschee zum islamischen Opferfest? Oder ist Jom Kippur ein staatlicher Feiertag in Deutschland so wie viele christliche Feste? Warum berichten alle Medien darüber, dass die Kirchen gegen die Öffnung der Läden an Adventssonntagen klagen, da spricht doch nichts gegen, dass die Nichtchristen einkaufen können, und die Christen sind sicher so religiös, dass sie zu Hause bleiben. Warum klagt der Rat der Juden nicht gegen die Öffnung der Läden am Sabbat, oder die Muslims gegen die am Freitag?
Ich möchte ausdrücklich klar stellen: jeder soll mit seiner eigenen Religion glücklich werden, egal ob der Papst, Buddha, Mohammed, eine Synagoge, eine Moschee, ein goldenes Kalb oder sogar ein Spaghettimonster Teil des Glaubens sind. Oder eben wie bei mir keiner vorhanden ist. Der Glauben ist die Privatsache jedes Einzelnen, genauso wie sexuelle Vorlieben, bevorzugtes Fernsehprogramm, Lieblingsfußballclub oder die Wohnungseinrichtung. Im Gegenteil, manchmal beneide ich sogar Leute, die glauben (können), denn sie haben es sicher oft einfacher, weil sie den Glauben haben, wenn andere an Zweifeln und Unsicherheiten manchmal zerbrechen.
Aber das entscheidende Wort für mich ist das Wort ?Privatsache?. Also: jeder kann in seinem Kämmerlein glauben, was er will. Aber:
* der Staat sollte sich jeglicher Religion enthalten, auch beim christlichen Glauben, nicht nur beim Wettern gegen den islamischen Gottesstaat, sondern auch beim Verbannen zum Beispiel von christlichen Kreuzen aus staatlichen Schulzimmern. Das gibt es immer noch in Deutschland!
* Politiker sollten sich offiziell aus Gottesdiensten fernhalten oder alle Religionen bedenken (da hätten sie aber zu tun!).
* Kirchen und Religionen sollten sich jeglicher Missionierung und Mission auf offizieller Ebene enthalten. Um provokativ zu sein, das Problem mit Scientology ist nicht die Religion, sondern die manipulative Mission.
* Ansonsten soll wirklich jeder nach seiner Façon selig werden, insofern hat das (in den letzten Tagen gefallene Wort) vom christlichen Abendland in unserem Staat nichts zu suchen.
Und um es ganz deutlich zu machen: ich selber bin kein Atheist, denn dann würde ich mich durch Gott definieren. Nennt mich Agnostiker, Gott ist mir egal.
Aber eine gute Freundin ist sehr katholisch, damit habe ich kein Problem, sie kennt übrigens die besten antikirchlichen Witze. Vielleicht einigen wir uns darauf: persönliches Recht und Freiheit ist etwas Anderes als institutionelle Dogmen, Verfahren oder das Auftreten des Staates.
Axel Wegner
Axel Wegner, Mathematiker, Alt-Hamburger und (nicht mehr so Ganz-)Neu-Berliner. Fand einen Job und Frau in Berlin, verlor ersteren und hat nun wieder einen in Hamburg. Das gibt die Gelegenheit, wöchentlich mehrere Stunden in den internetlosen Salonwagen der Deutschen Bahn über Formeln zu brüten oder kleine Geschichten zu schreiben.
Organon
Sprachspielerin
Es ist nicht leicht, zu denken, wenn die Orgel spielt. Es ist nicht einfach, nachzudenken, wenn die Orgel Dich bezaubert und bezirzt mit ihren Läufen.
wenn sie Dich einwickelt mit ihrem säuselnd sanften Singen, wenn sie Dir Honig ums Maul schmiert, süß, wenn sie Dich lockt und verführt mit ihrem Sirenengesang, sich einschmeichelt bei Dir mit betörendem Klang. Es ist schwer, zu denken, wenn der Orgelklang anschwillt, die Orgel laut atmet, zu dröhnen beginnt und die Kirchenbänke zum Vibrieren bringt und Dein Herz gleich dazu. Es ist sehr schwer, zu denken, wenn die Orgel von dem Menschen gespielt wird, den Du liebst
Es ist nicht leicht, einen Menschen zu lieben, der glaubt, während Du nie einen Glauben hattest. Manchmal sitzt Du bei ihm auf der Empore und beobachtest seine schlanken Hände, wie sie über die Tasten wehen und die Füße, die die Pedale treten und wie er laut und heftig ein Register zieht. Und Du denkst an seine fliegenden oder heftigen Finger auf Deiner Haut, aber wagst es nicht, Dich ihm zu nähern im Spiel. Du denkst daran, diesen Menschen, den Du liebst, dort auf der Orgelbank zu lieben, auf die Manuale gestützt, eines Nachts, wenn draußen stiller Schnee fällt. Er hat die Schlüssel, doch er küsst Dich in der Kirche nicht einmal auf den Mund.
Es ist nicht einfach, seiner Musik zu lauschen, süß und mächtig, unten im Kirchenraum, wenn der Boden unter Deinen Fußsohlen zu zittern beginnt und der Orgelklang Deine Sinne weckt, Deinen Körper mit Gänsehaut überzieht und Du kannst Dich nicht einfach wehren gegen die Verführungskraft, die Betäubungsmacht der Orgel. Denn die Orgel ist ein Werkzeug, wie der berauschende Weihrauch, wie die Höhe des gotischen Kirchenschiffs, wie das Gold am Altar und der schläfrige Singsang der Pfarrer, die Orgel ist ein Werkzeug, um den Menschen das Opium des Glaubens zu verabreichen. Und dennoch kannst Du die Orgel nicht hassen.
Du sitzt dort unten auf der hintersten Holzbank, deren Lehne sich Dir in den Rücken bohrt, Du frierst, weil sie diese Kirche nie heizen und alles in Dir sträubt sich gegen den Anblick des angenagelten Leichnams, übergroß vor Dir am Kreuz, es ekelt Dich, es würgt Dich, aber Du gehst nicht. Es ist schwer, den Menschen, den Du liebst, Orgel spielen, das Werkzeug bedienen zu hören und trotzig sitzen zu bleiben, wenn der Pfarrer zum Aufstehn oder Niederknien aufruft. Es ist seltsam, die anderen Menschen vor Dir zu beobachten, die so gut wissen, was sie tun müssen, was sie sagen müssen, im Gottesdienst, die es eingeübt haben von Kindheit an, nur Du nicht, und die Dir wie Marionetten erscheinen, von unbekannten Befehlen bewegt.
Du kannst an Nietzsche denken, an Feuerbach und Marx und dennoch übermannt Dich die Macht der Orgel, verscheucht jeden Gedanken, macht Dich zittern und beten zu dem Menschen, den Du liebst und der die Orgel spielt. Seinetwegen kommst Du in die Kirche, seinetwegen sitzt Du auf der kalten Bank, seinetwegen möchtest Du die Hände falten, nur seinetwegen würdest Du niederknien. Manchmal neidest Du dem Menschen, den Du liebst, den Gott, den er hat, denn er gibt ihm Halt, den Du nie finden wirst. Und manchmal neidest Du seinem Gott ihn, denn er gibt seinem Gott Liebe, die er Dir vorenthält und Du willst nicht teilen und Du willst frei sein vom Glauben.
Es ist noch Jahre später schwer, wenn Du das Orgelspiel eines anderen hören möchtest, in der Kirche zu sitzen und dem Atem der Orgel zu lauschen, wie er durchs Kirschenschiff weht, wenn der letzte Ton verhallt ist und nicht zu weinen. Zu schwer war es, jemanden zu lieben, der glaubt, während Du nie einen Glauben hattest.
Sprachspielerin
Die Sprachspielerin beschäftigt sich mit Literatur sowohl wissenschaftlich als auch leidenschaftlich, ist Münchnerin, kann sich aber zwischen Frankreich und Italien nicht entscheiden, denn beide waren für sie entscheidend. Den da- und woandersher rührenden Trennungsschmerz versucht sie schreibend zu bewältigen und hat deshalb auch ein
Blog.
Happy Clappy in der fränkischen Diaspora
Kaltmamsell
Wie so viele Religionsgegner habe ich eine aktive religiöse Vergangenheit. Und zwar ziemlich aktiv.
Eine dieser Aktivitäten: Im Alter von 15 bis 17 tingelte ich sonntags mit einer Kirchenklampfenband über vor allem fränkische Dörfer und machte Musik. Dauerhafte Folge: Ich kenne mich in der katholischen Liturgie aus (das Drehbuch für katholische Zeremonien). Und ich kriege Krampfanfälle beim Erklingen ökumenischer Gassenhauer wie "Ins Wasser fällt ein Stein" oder "Liebe ist nicht nur ein Wort" (Sie kennen Michael Mittermeiers" Kumbaya"-Nummer?).
Im Nachhinein weiß ich ja auch nicht so recht, wie ich da mit 15 reingeraten bin. Einflussfaktoren, die mir einfallen:
- Ich war bei den Pfadfindern meiner Pfarrei, und der Bassist sowie der Gitarrist der Band waren Pfadfinder eines befreundeten Stammes - doch, das heißt so.
- Der Leiter der Band war Pater bei den örtlichen Redemptoristen und Religionslehrer in meiner Schule. Seinem Kloster war ein Internat angeschlossen, in dem regelmäßig Besinnungstage für Jugendliche stattfanden, an denen wiederum ich mit Freundinnen teilnahm. Außerdem rekrutierte die Band aus dem Internat den Schlagzeuger, einen hin-und-wieder Saxofonisten sowie die Knabenschola.
- Ich war in den Keyboarder verliebt, der zwei Klassen höher in dieselbe Schule wie ich ging.
- Der Redemptoristenpater hatte mich als Querflötistin und Sängerin hinzugebeten.
- Für meine superbehüteten Ohren klangen "Bandprobe" und sonntägliche Fahrten auf die Därfer nach verlockenden Abenteuern. (I was born uncool.)
Mit unserer Musik mischten wir kleine Landgemeinden auf, viele davon im diasporischen, weil überwiegend evangelischen Franken. In den meisten waren bis in die 80er Jahre noch nie Jugendgottesdienste gehalten worden. Wir spielten immer zur besten Sendezeit, sprich vormittags zur Sonntagsmesse. In meiner Erinnerung waren diese Kirchen allesamt barock, unbeheizt und eine akustische Katastrophe. "Nicht zu laut!" war der wichtigste Hinweis des Pfarrers, weswegen das Schlagzeug ausschließlich mit Besen bedient wurde. Im Anschluss luden uns entweder der Pfarrer oder Gemeindemitglieder zum Mittagessen ein; es gab immer Schweinsbraten mit Glöß (fränkisch für "Knödel").
Doch erst mal mussten wir ja in die zu beschallenden Gemeinde kommen. Da keiner von uns Musikanten ein Auto hatte, fuhren wir gemeinsam im VW-Bus des Internats, der Pater am Steuer. Der Mann hatte möglicherweise seinen Führerschein in der Weihnachtslotterie des Vatikans gewonnen, fuhr auf jeden Fall wie eine gesengte Wildsau. Eine Mitfahrt auf dem vorderen Mittelsitz war eine echte Mutprobe: Da ein VW-Bus keine Motorhaube hat, sah man der Stoßstange des Vorderwagens, der knapp verpassten Hauswand, der Leitplanke, kurz: dem Tod direkt ins Auge. Zudem betete der Pater gerne mit uns weiteren Insassen während der Fahrt Rosenkranz oder hob zu singen an, die meiste Zeit mit Blick nach hinten, um seinen Mitfahrern herzerfrischend und beseelt zuzulächeln. Ich hatte auf jeder Fahrt die Vision einer himmlischen GSG9 aus gepanzerten Engeln, die losgeschickt wurde, sobald sich der VW-Bus in Bewegung setzte. Anders konnte ich mir nicht erklären, dass der Pater nie verunfallte.
In der Gastkirche angekommen, bauten wir zusammen "die Anlage" auf; Strom gab's meistens aus der Sakristei (der Umkleide). Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich meine Begabung, über Kabel zu stolpern, selbst wenn ich sie selbst gezogen hatte. Was schlecht war, denn diese Kabel waren teuer. Als mein Vater, Elektriker und damit Kabel-Heavy-User, erfuhr, wie viel diese Anlagenkabel kosteten, war er sicher, dass man uns über den Tisch zog. Er ließ sich von mir eines mitbringen, besorgte meterweise Billigkabel sowie Stecker und baute uns welche nach. In der darauf folgenden Jugendmesse, ich glaube im idyllischen Roßtal, lernten wir dann alle, warum die Kabel sonst so teuer waren: Die handgemachten spielten uns Radiosender auf unsere Verstärker. Wir traten an diesem Sonntag lieber unplugged auf (und wussten noch nicht mal, dass das so hieß).
Ein paar Mal nahm mich der Pater auch einzeln zu so genannten Besinnungsabenden in irgendwelche entlegenen Gemeindehäuser mit, bei denen ich ihn und seine Wandergitarre mit Flöte und Stimme unterstützte. Wenn ich mich recht erinnere, versuchte ich ihn auf einer dieser Fahrten zu einer Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der katholischen Kirche zu bringen. Doch bereits meine Beobachtung, dass den Frauen in der Kirche nur die Drecksjobs überlassen würden und keine in irgend einer Weise entscheidende Position, brachte ihn derart aus der Fassung, dass ich es bleiben ließ.
Mein Engagement in Sachen Happy Clappy tröpfelte aus, als ich zum einen aufs Abitur zusteuerte, zum anderen Mitglied eines sehr rührigen Jugendchores wurde.
Kaltmamsell
Geboren 1967 in Zentralbayern, Lebensmittelpunkt München, Interessen Geschichten, Broterwerb durch Geschichten über Unternehmen. Manchmal gehässig.
Vorspeisenplatte - Weblog von Kaltmamsell
Woran ich glaube
René Walter
Mit der Religion und mir, das ist ja so eine Sache. Im Religionsunterricht hatte ich mal eine Fünf, und das ist schon eine Leistung. Konfirmiert wurde ich ausschließlich des Geldes wegen.
Ich will ja glauben, irgendwie, aber weiter als: ?Jesus war ein Revolutionsführer und wurde als politischer Gefangener umgebracht, sein Vater war Dingsbums und Maria garantiert keine Jungfrau? komme ich nicht. Ich glaube nicht an den heiligen Geist, an den Vater im Himmel und ich glaube auch nicht daran, dass er einen Sohn hatte. Gott ist nichteinmal ein Furz im Wind, denn selbst Nietzsche hatte Unrecht. Um tot zu sein hätte Gott ja irgendwann leben müssen. Hat er aber nicht.
All dieses Rumgemache um Himmel und Hölle, Gott und die Sünde und Teufel und Mohammed und Allah, all das basiert auf der Einbildungskraft des Menschen, was ja erstmal irgendwie gut ist. Ich stelle mir manchmal vor, wie das damals gewesen sein muss, vor ungefähr sechs Millionen Jahren. Da hockten da so ein paar
Millennium-Männer und -Frauen herum, das Feuer hatten sie noch nicht bezwungen, da krachte es irgendwo in der Ferne und es blitzte und donnerte und es schiffte ohne Ende. Wenn ich damals ein haariger Menschenaffe gewesen wäre, verdammt, ich hätte mir auch in meine nicht vorhandenen Hosen gekackt und angenommen, dass da oben irgendso ein Super-Affe ziemlich sauer wäre wegen irgendetwas. Wahrscheinlich weil ich der Millennium-Frau da nebenan grade auf die Brüste gestarrt habe, womit unsere Vorfahren damals neben Gott auch gleichzeitig noch die Scham erfanden. Ganz schön praktisch für die ganzen guten Christen heute.
Und ist so eine Idee von einem Gott erstmal in der Welt, dann geht sie auch so schnell nicht wieder weg. Im Gegenteil, wie man sieht, hat sie sich, neben so ein paar anderen urmenschlichen Eigenschaften wie Mord und Totschlag, ziemlich gut gehalten. Man muss aber auch wirklich mal anerkennen: dieses Konzept - unsichtbarer Mann im Himmel, der alles sieht und alles weiß und der letztlich derjenige sein soll, der über uns richtet - ist ganz und gar wunderbar, in sich schlüssig, logisch und klar und einfach und: ganz, ganz großer Bullshit. Deshalb muss man ja daran glauben, denn wissen kann man all das nicht. Und genau das ist ja der Trick bei der Sache. Wir haben hier ein Konzept, das, um so unsinnigeren Blödsinn es verbreitet - geteiltes Meer, Wasser in Wein, Auferstehung, brennender Busch -, desto besser funktioniert das Ganze. Das ist quasi eine Art philosophisches Bullshit-Perpetuum Mobile, was wir damals als Affen erfunden haben: ein Selbstläufer, der mit Blödsinn nur so um sich wirft. Da können aber auch wirklich nur Menschen drauf kommen.
Nun wurden mittlerweile die Menschenaffen zu Menschen, die Götter, die sie erfunden hatten für Donner, Blitz, Regen, Feuer und was da noch alles keucht und fleucht, wurden zu einem Überdings eingedampft, es wurden Regeln aufgestellt, Verwaltungen hochgezogenen, die uns das Geld aus der Tasche ziehen sollten um es für Popanz und Kriege auszugeben, die ganze Idee wurde organisiert, bürokratisiert, und exportiert, kurz gesagt: sie evolutionierte sich genauso vom Affen zum Menschen wie wir.
Gott basiert aus der Angst des Menschen vor dem Unerklärlichen und ist nichts weiter als eine Projektion menschlicher Eigenschaften an Orte, an denen die Ursachen unerklärlicher natürlicher Phänomene (Erdbeben, Vulkane - die Hölle, Regen, Donner, Blitz und Schnee - der Himmel) verortet wurde.
Die Zweiteilung des menschlichen Charakters, den das Konzept Religion zu einem Fantasy-Abenteuer weiterspinnt, basiert auf der Möglichkeit des Menschen zur Wahl zwischen zwei Handlungen. Entweder ich tue dies oder ich tue das. Engelchen, Teufelchen, Gut, Böse, Himmel und Hölle, all diese Erfindungen basieren darauf und wurzeln im Menschen und damit im Tier und damit in der Natur, und nichts vom restlichen Unsinn ist wahr. Es gibt kein ewiges Leben und
keinen heiligen Geist, Gott ist nicht tot, denn er hat nie existiert und wenn ich eines Tages sterbe, komme ich für diesen Satz nicht in die Hölle.
Das ist es, woran ich glaube, machen wir also gleich einen Test: Sollte Gott existieren, soll er mich hier und jetzt auf der Stelle niederstreck?

Rene Walter
René Walter blogt bei
Nerdcore,
Spreeblick und
Fuenf-Filmfreunde, ist nebenbei noch Webdesigner und Grafiker. Er hat eine popkulturelle Bandbreite von Mashups bis Metall, von B-Film bis Dokumentation, von den 50er Jahren bis 2057.
Kernkompetenzen liegen bei Musik, Film und Design, am liebsten gepoppten Punk oder gepunkteten Pop. Und Reggea ist eine Seifenmarke auf Norderney, oder nicht?
Katholisch Masturbieren
Björn Grau
"Die Masturbation kann Ausdruck von Unreife, aber auch von falscher Ichbezogenheit sein"
"Wo sie bewußt angestrebt und an ihr festgehalten wird, ist sie ein sittliches Fehlverhalten. "Der Jugendliche, der damit zu ringen hat, muß erkennen, daß er über dieses Stadium hinauswachsen muß, wenn seine Sexualität nicht infantil bleiben soll" (Die Deutschen Bischöfe, Zu Fragen der menschlichen Geschlechtlichkeit, 11)."*
"Ihr habt euch noch nie selbstbefriedigt?" Wir schwiegen. Ich für meinen Teil traute mich nicht zuzugeben, dass ich sehr wohl schon mal hatte. Ich hatte zu diesem Zweck eine Anzeige mit ein paar nackten Oberkörpern diverser Playboy-Bunnies aus einem anderen Magazin ausgeschnitten und bewahrte dieses Kleinod in der Nachttischschublade in meinem Kinderzimmer auf. Regelmäßig zog ich den reizend bebilderten Fetzen Papier hervor und ich erfreute mich meiner, ohne ernsthaft Angst vor Verdummung, Fehlbildungen der Wirbelsäule oder ähnlichen Dingen zu verspüren. Nichtmal den Zorn Gottes fürchtete ich. Aber ich war mir nicht sicher, wie meine Kumpels jetzt wohl reagierten, gäbe ich zu, das ich... Ich wollte ja nicht der einzige perverse 13-Jährige im Zimmer sein.
Da wir auf seine Frage nicht antworteten, redete Andi weiter: "Das kann doch nicht sein, dass ihr euch noch nie selbstbefriedigt habt. Ich erklär euch mal wie das geht!" Andi war 17 damals. Er war einer der Jugendgruppenleiter, mit denen wir zwecks Durchführung der Sommerfreizeit unserer katholischen Kirchengemeinde in eine Jugendherberge im Schwarzwald gefahren waren. Jetzt saß er im Jungszimmer und tat so, als sei Masturbation das selbstverständlichste der Welt. Und aus der Lehrstunde in Masturbation wurde ein kompletter Doktor-Sommer-Nachmittag. Danach kannte ich neue Wichstechniken und war über so manches sexuelle Detail ernsthaft aufgeklärt. Lange noch war ich mir sicher, dass es Erregung gewesen sein musste, als ich an dem ein oder anderen Nachmittag während der Freizeit auf meinem Rücken Feuchtigkeit spürte, nachdem Vicky auf demselben sitzend meine schmächtigen Schultern massiert hatte. Heute glaube ich, es war nur Schweiß. Denn eins war es auf jeden Fall: Sommer.
"Von der Schöpfungsordnung und vom Schöpfungsauftrag Gottes an Mann und Frau her kann Homosexualität nicht als eine der Heterosexualität gleichwertige sexuelle Prägung angesehen werden. Der eigentliche Raum der vollen Geschlechtsgemeinschaft ist nach dem Verständnis der Bibel die Ehe zwischen Mann und Frau, und die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft ist die Ehe."**
Andi war nicht nur für die Hinleitung zur Masturbation in unserer Kirchengemeinde zuständig, er versuchte uns jahrelang auch davon zu überzeugen, dass Michael Cretus Pseudosubdommönchspopprojekt "Enigma" geil sei. Unabhängig davon war er auch der einzige der älteren Jugendlichen, der sich außerhalb unseres Sprengels krichlich engagierte und regelmäßig Kontakt hielt zu den Funktionären des Bunds der katholischen Jugend auf Dekanatsebene. So überredete Andi mich, der ich mittlerweile ein wenig älter und selbst schon Leiter einer Jugendgruppe war, einige Jahre nach der theoretischen Einführung ins Wichsen mit ihm auf eine Tagung der katholischen Jugend zu gehen, die sich mit aktuellen Strömungen in der Kirche beschäftigen sollte. Ich weiß nicht mehr, was es alles an Workshops gab. Irgendwas mit Batik, Meditation und so wird sicher dabei gewesen sein. Auch einen Theater- und oder Tanzworkshop halte ich für wahrscheinlich. Ich kann mich nur noch an den von uns gewählten Programmpunkt erinnern. Wir landeten in einem kleinen Sitzungszimmer des Dekanats, in dem ein berufsjugendlicher, Schnauzbart und Lederhose tragender Mittvierziger uns von dem Spagat erzählte, gläubiger Katholik und selbstbewusster Schwuler zu sein, und Werbung für die Arbeitsgruppe "Homosexualität und Kirche" machte.
Wir jungen Katholiken waren so weltoffen, dass wir ihm zuhörten. Wahnsinn.
Heute erinnert mich das irgendwie an die Jusos. Große klassenkämpferische Show, aber gleichzeitig die Karriere als künftiger Genosse der Bosse planen. Süß. Andi, der einst Mutter Kirche von innen modernisieren wollte, ist heute Mitte 30 und ein frustrierter und konservativer Sack geworden. Vielleicht aus dem Frust heraus, das er nie ernst genommen wurde. Und da bin ich ein wenig mit Schuld dran. Auf der letzten Sommerfreizeit unserer Kirchengemeinde, an der ich teilnahm, hatte seine ehemalige Klassenkameradin Sonja furchtbaren Liebeskummer. Andi hätte sie gern getröstet. Aber sie heulte sich lieber in den Armen eines Jüngeren aus...
Heute tut es mir ein wenig leid, dass Andi und ich damals so unschön auseinander gingen, denn er hat seinen Anteil daran, dass katholisch zu sein für mich bis heute viel zu wenig zu tun haben will mit Mixa, Lehmann, Ratzinger und so. Katholisch sein war wie Bravo-Lesen. Es war ne gute Zeit. Wir hatten jede Menge Spaß. Danke, Andi. Aber irgendwann wurde es langweilig.
*Katholischer Erwachsenen-Katechismus. Hrsg. v. d. Deutschen Bischofskonferenz. Freiburg, Basel, Wien 1995, S. 379.
** Ebd., S. 386.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.
Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort
.meike
Als Kind wäre ich viel lieber Katholikin gewesen, als evangelisch getauft.
Wie habe ich die Mädchen in meiner Klasse beneidet, die mit acht Jahren herzallerliebste Lackschuhe trugen, als ich zu hässlichen Sandalen verdammt war, die für die orthopädischen Einlagen aber nicht für meinen Kleinmädchenstolz geschaffen waren. Die Konfirmation fiel leider in eine Lebensphase, in der ich meinen Körper merkwürdig fand. Genauso sehe ich auf den Fotos aus. Mein Hochzeitskleid trug ich dann ohne Altar. Man merkt, mein Verhältnis zur Kirche ist ein wenig gestört. Also bin ich Anfang der Neunziger ausgetreten. Die Dame auf dem Amt in Ostberlin lobte mich dafür. Das hatte ich nun nicht erwartet.
In den letzten Jahren hatte ich mit der Kirche nicht mehr viel am Hut, doch ein Gedanke ließ mir keine Ruhe. Wie schön wäre es doch, eine Katholikin zu sein, fröhlich sündigen zu können und anschließend durch Beichte und Buße wieder strahlend schön und gereinigt einfach so aus der unangenehmen Sache - dem schlechten Gewissen - herauszukommen. Ich hatte keine Ahnung, wie das Ritual von Statten ging, doch ich stellte mir die katholische Kirche diesbezüglich effizient vor: Rein-Beichten-Absolution-Raus und weiter gehts mit dem lustigen Leben.
Nicht, dass ich sonderlich sündig lebte, aber das eine oder andere schlechte Gewissen hat man doch hin und wieder. Es wäre zu schön, eine einfache Möglichkeit zu finden, die kleinen Sünden einfach zu entsorgen. Dafür würde ich sogar den betäubenden Weihrauch in Kauf nehmen. Doch so richtig zum Katholizismus konvertieren wollte ich aber auch nicht. Eine Freundin von mir, trat studentisch, ledig, umtriebig aus der Kirche aus und wollte entweder zur kirchlichen Hochzeit oder spätestens zur Taufe ihrer Erstgeborenen wieder eintreten. Was sie erzählte, bestürzte mich: mußte Sie doch bei dem obligatorischen Einstellungsgespräch mit dem Pfarrer allen Ernstes dem Teufel abschwören!
Meine Mutter hat für vieles eine Lösung, also fragte ich sie, was ich mit meinen kleinen Sünden, dem schlechten Gewissen und dem Wunsch nach Erlösung machen könnte. Meine Mutter weiß nicht nur, warum die Fastnacht jedes Jahr an einem anderen Tag beginnt, sie hatte auch auf meine Frage zur Beichte eine interessante Antwort. "Kind," sagte sie, "mach dir keine Sorgen. Für uns Evangelischen ist das alles ganz anders. Er ist für uns gestorben - damit ist die Sache erledigt." Ob das auch für Leute gilt, die keinen Mitgliedsbeitrag zahlen?
.meike ist seit 1996 in das Internet verliebt. Morgens wird als erstes der Rechner eingeschaltet und abends ist es das letzte, das - außer dem Gatten - Aufmerksamkeit bekommt. Schreiben ist ihre Berufung aber nicht immer Passion. Seit dem Sommer 03
bloggt .meike in ihrem Blog "wundervolles Leben", doch manchmal fragt sie sich, ob das Leben wirklich derart gestaltet ist. Allerdings steckt es immer wieder voller Wunder - mal mehr, mal weniger.
Verfluchen
Anke Gröner
Für zwei Sekunden die christliche Tradition des Abendmahls verfluchen, die einen dazu zwingt, sich 20 Minuten früher als sonst aus den Armen des Kerls zu schälen.
Denn beim Abendmahl muss man ja nach vorne in den Altarraum, wo einem der Pastor in die Augen schaut oder der schnuffige Vikar, wenn er Leib und Blut verteilt, und da will man ja nicht aussehen wie ein Schlumpf, so wie sonst, wenn man sich einfach in der Mitte der Kirche einkuschelt, um in Ruhe und alleine und
unbehelligt zu singen und zu beten und zu sich selbst zu finden, dafür muss man nicht unbedingt frisch geduscht sein, da reicht auch die Baseballmütze über den verwuschelten Haaren, das merkt ja keiner, weil niemand direkt neben einem steht oder sitzt, die Kirche ist ja sowieso viel zu leer, das merkt man am meisten bei den Liedern, wo man immer dankbar für die Orgel ist, die den Hall etwas mindert, der von den Kirchenbänken aufsteigt, aber heute ist Abendmahl, da würde der
Bettgeruch doch auffallen, der Geruch nach Wärme und Zuhause und einer wunderschönen Nacht, wenn man vorne steht zwischen den Omas, die nach Pralinen oder Staub riechen und den alten Männern, bei denen es eher Old Spice ist oder Einsamkeit und den jungen Müttern mit Anhang, die nach ausgespuckter Milch riechen, nein, da kann man nicht nach Glück
duften, lieber nach Duschgel und Zahnpasta, was ja auch schön ist, aber man verflucht eben doch für zwei Sekunden diese Tradition oder die sich selbst auferlegten Zwänge oder die Zivilisation oder die Uhrzeit, die einen dazu bringt, sich aus dieser wundervollen Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge zu schälen, um in die Kirche zu gehen, und man fragt sich für ebenfalls zwei Sekunden, warum man das überhaupt macht, bevor einem wieder einfällt, dass man das macht, weil es gut
tut, weil es schön ist, weil es einem bewusst macht, wie gut die letzte Woche war, trotz allem, und wie schön die nächste sein wird, trotz allem, weil jemand da ist, der auf einen aufpasst und an den man sich wenden kann, auch wenn der keine Höhle aus Armen, Brust und Halsbeuge hat, aber dafür genau das gleiche Gefühl vermitteln kann, ein Gefühl von Aufgehobensein, von Willkommensein, von Freude und Verlässlichkeit, und so deckt man den Kerl zu und lässt ihn schlafen
und freut sich auf den Gottesdienst und das Abendmahl und die morgendliche Dusche und die Fahrt durch den Schnee und die Sonne und den Sonntag und die Aussicht, in zwei Stunden wieder in der Höhle sein zu dürfen, die immer noch nach Zuhause duftet.
Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarfunktion ist auf Wunsch der Autorin bei diesem Text abgeschaltet.
Von Gott zur Götterspeise
Wortschnittchen
An der Gretchenfrage scheiterten schon berühmtere Geister. Auch Wortschnittchen hadert im Angesicht des Kirchenaustritts- beauftragten mit deren Beantwortung und findet immerhin Vergebung.
10.05 Uhr, Amtsgericht Berlin-Mitte. ?Grüß Gott, ich möchte aus der Kirche austreten.? Die Antwort folgt sogleich in preußisch-trockener Manier: ?Na, wennse austreten, müssen se Ihre Grußformel awa ändern.? Wo der Mensch Recht hat, hat er Recht.
Nun sitze ich auf einem unbequemen Stuhl im Amtszimmer, und während der Beamte in aller Seelenruhe seinen Stempel auf diverse Anträge und Formulare drückt, stelle ich mir doch noch einmal die Gretchenfrage. Sag, wie hältst du?s mit der Religion?
Zunächst: Wer in einer katholisch geprägten Gegend aufwuchs, stellt sich derlei Fragen üblicherweise nicht, sondern befolgt brav christliche Grundregeln und geht an allen wichtigen Feiertagen in die Kirche. Dass ich nun vor einem auch weiterhin penibel stempelnden Beamten sitze, kann daher nur dem Umstand geschuldet sein, aus einer einzig und allein an den schnöden Mammon glaubenden Familie zu entstammen. Doch gerade jetzt sitzen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und debattieren über Sinn und Unsinn meiner Entscheidung.
Der Engel mault: ?Aber dann kannst du nicht mehr romantisch in der Kirche heiraten, so mit Blumenstreumädchen, einer tollen Rede vom Herrn Pfarrer und dem notwendigen, himmlischen Beistand in guten und schlechten Zeiten!? Zack!, zieht ihm der Teufel eine Ohrfeige über. ?He, das ist doch alles Bullshit, Ange! Gute Zeiten, schlechte Zeiten, pah - das ist was fürs Fernsehen. In Deutschland wird ein Drittel aller Ehen wieder geschieden, dagegen hat der alte Herr da oben auch kein Rezept. Und für romantische Hochzeiten gibt?s Hochzeitsplaner und Eventagenturen.? Nun gut, das scheint also nicht die Antwort auf die Gretchenfrage zu sein.
Überhaupt, der alte Herr da oben. Gibt?s den überhaupt? Oder ist er nur eine Idee, eine Hoffnung darauf, dass Jemand Verantwortung für widrige Umstände trägt und nicht der einzelne Mensch. ?Denk doch an die Ablassbriefe?, mischt sich das Teufelchen in meine Gedanken. ?Das war ein Schachern, ein Handel! Und alles nur, weil der Mensch sich von aller Verantwortung und Sünde reinwaschen wollte, um sich nicht bei uns in der Hölle zu wärmen.? Das Engerl zaust an seinen Flügeln herum und zieht eine Schnute: ?Ja, aber das ist doch lange her. Und man sollte doch nicht unterschätzen, dass das Wissen um die Vergebung aller Sünden dem Menschen hilft.?
Ich mische mich in den munteren Dialog ein, obwohl ich finde, dass das Engelchen mittlerweile arg mitgenommen aussieht. ?Für die Vergebung der Sünden muss man aber beichten. Und ich habe Gott geprüft, indem ich im Kommunionsunterricht Geschichten und Streiche erfand. Aber der Beichtpfarrer hat sich weniger für deren Wahrheitsgehalt als für die Hintern der Ministranten interessiert. Gäbe es Gott, er hätte mich doch für meine Lügen gemahnt und den Pastor für seine sündigen Finger bestraft.? Ich erwarte einen Kommentar von Engelchen und Teufelchen, aber die beiden ziehen nur gelangweilt eine Augenbraue hoch.
?He, Ange! Diese Diskussion bringt doch nichts. Die Menschen glauben doch ohnehin nur, was sie wollen. Da ist jegliche Einmischung unsererseits vollkommen sinnlos. Ich habe übrigens noch ein bisschen Götterspeise im Kühlschrank. Lust drauf? Kommst du mit?? Der Engel nickt und mit einem leisen Zischen verschwinden die Beiden. Ohnehin haben sie nur wenig zur Klärung meines Verhältnisses zur Religion beigetragen. Allein, es bleibt meine Entscheidung.
10.15 Uhr. Das Formular ist unterschrieben. Nach § 3 des Regelwerks habe ich keine Verpflichtung und keine Ansprüche mehr gegen meine Kirche und bin nicht mehr Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Der Beamte setzt einen letzten Stempel unter meine Unterschrift und wünscht mir einen schönen Tag. Jetzt den lieben Gott einen guten Mann sein lassen! Ich gehe mir eine Götterspeise kaufen. Grün, Geschmack Waldmeister.
Wortschnittchen
Immer auf der Jagd:
Wortschnittchen erlegt ihre Geschichten überwiegend im nächtlichen Großstadtdschungel Berlins. Neben ihrer schreibenden und treibenden Hauptbeschäftigung ist sie leidenschaftliche Neurosenzüchterin.
weil hoffnung
Ally Klein
in seinen augen: brocken meines schlummernden glaubens. auf den hüftknochen sammelt sich die stille sehnsucht. milchige unschuld leckt die schwächelnden leisten entlang.
auf der warmen, weichen zunge - vergessene worte ohne satzzeichen - schmilzt der gefrorene widerstand in zarte hingabe über.
küsse mich, mein freund. zittriger handschlag war gestern.
diese liebe in der brust grenzt an besessenheit. weil ich meine taschen gierig mit minuten vollgestopft habe. wartend. auf die kapitulation vor der zeit(losigkeit).
hoffnung, spricht er.
hoffnung, spreche ich. die müden, müden leichen meiner hoffnung, die ich all die jahre meiner stärke zugeschrieben habe. leben ohne hoffen. eine heldentat, sage ich. der stolz pocht die menschlichkeit aus der brust heraus.
er sieht mich an. finger passieren über erschöpftes haupt. nein, flüstert er. und lächelt. irgendwie. seine leichtigkeit zwingt mich in die knie.
liebe in zeiten der zeitlosigkeit. hoffnung, beautiful, ist keine illusion. es ist loslassen. es ist kämpfen. es ist bis zur würde kämpfen, flüstert er. weil vertrauen.
weil du bist du bist du. weil ich bin ich bin ich. er lächelt wieder. nirgendwie.
und küsst als wären wir von nachgeborenen bereits vergessen. von ewigkeit gekostet.
meine finger stolpern volltrunken über die verwackelte vernunft. zarte geigen trommeln. ich lege ihm zerknittertes vergangenes in die hand. der mond läuft grün an. glückseligkeit kitzelt nachthimmel: weint sterne. draußen beginnt es leise zu regnen.
feigheit befriedigt die angst. deswegen: keine hoffnung. er sammelt meine verschränkten arme auf und drückt seinen mund sanft auf die blutenden handgelenke. schellenrost und blut. schellenrost und blut.
und ich: kann mich nicht wehren. was bleibt mir anderes übrig? ich habe doch keine wahl. ich habe doch keine wahl.
weil er ist er ist er. und ich bin ich bin ich.
Barmenschen
Don Dahlmann
Barmenschen sind selber die besten Kunden. Sowohl in der eigenen Bar, wie auch in fremden.
Es geziemt sich nach der anstrengenden Schicht gemeinsam zwei bis acht Bier zu trinken und gegebenenfalls weiter zu ziehen. Die Angestellten dieses Pubs waren ein wilder Haufen, eine irisch-kölsche Mischung plus einem Quotenengländer und einem Berliner. Auf jeden Fall alle trinkfest und selten hatte einer was besseres zu tun, als nach getaner Arbeit weiter zu ziehen.
Dafür bot sich zumeist die "Schweizer Tenne" an, ein von außen völlig schwarz verkleidete Kneipe mit Butzenglasscheiben und einer schweren Holztür. Der reine Zufall ließ uns den Laden entdecken, als wir auf der schnellen Suche nach mehr Bier halblaute ABBA Musik aus dem Laden vernahmen, und Kirstin, eine ebenso dünne wie trinkfeste Irin mit dem Satz "This sounds great, come on boys" die Kneipe stürmte.
Es bot sich ein recht desolates Bild. Drinnen war es duster wie in einem Kohlenkeller, zwei Gäste lagen mit den Köpfen auf dem Tisch. Hinter der riesigen, komplett mit Kupfer verkleideten Theke, stand ein Mensch. Ungefähr Ende 30, 2,80 Meter groß, Schulter wie ein Ork nur ungefähr dreimal so breit. Vor sich einen veritablen Bierbauch über den sich ein Traum von verblassten bläulichen Hawaiihemd spannte. Dazu: eine Möchtegern Vokuhila Frisur, Möchtegern deswegen, weil vorne einfach zu wenig Haare übrig geblieben war. Hinter ihm im Regal: Ein abgeranzter Plüschhase. Ein zentrales Element der Kneipe in Babyblau.
Mit mürrischem Blick wurden wir begrüßt. Diese Art von Störung war man offenbar morgens um 2.00 Uhr nicht gewohnt, ein "Ich mach aba gleich zu" bestätigte die Vermutung. Mit einem Wort: Wir waren begeistert, und sogar sehr glücklich als der Riese uns selbst gemachte Gulaschsuppe (es war die Mutter aller Gulschsuppen) anbot und uns dann doch erst morgens um 6.00 Uhr aus dem Laden warf. Der letzte Satz, kurz bevor er die Tür zuwarf: "Kommt ihr morgen wieder?" Zustimmendes Nicken. "Gut."
Am nächsten abend stand neben dem Riese ein alter Zwerg. Ähnliches Hemd, noch größerer Bauch, schlohweiße lange Haare und ein Bart wie von Antje, das Walross, nur größer. Das waren sie also, die beiden Inhaber der "Schweizer Tenne", die von uns intern nur "Gorilla" genannt wurde, eben wegen des Riesen hinter der Theke. Die beiden waren wie Pat und Patachon, wie Dick und Doof. Andauernd beschimpften sie sich, andauernd waren sie aufeinander sauer. Immer wankten sie zusammen raus.
Nach und nach entwickelte sich eine echte Freundschaft zwischen der Belegschaft des Irish Pubs und des Gorillas. Irgendwann fingen wir an, die notorisch letzten Gäste ins Gorilla rüber zu schicken und gerade am Wochenende machten wir den Laden krachvoll.
Walross und Gorilla waren sehr glücklich, denn der Laden war ihre einzige Einnahmequelle. Die beiden gingen soweit, dass ihre Lebensgewohnheiten nach den unseren ausrichteten und den Laden einfach erst um 1.00 Uhr aufmachten. Sie dankten uns die Gästebeschaffung damit, das nachts um 5.00 Uhr für uns kochten, dass sie den Laden aufließen bis wir gegangen waren. Sie wurden zu Institutionen in unserem Leben, zu Helfern, zu Freunden. Hatte man ein Problem, eine Nacht bei Gorilla an der Theke und man war a) betrunken und hatte b) das Gefühl das einem etwas sehr gutes, warmes und herzliches widerfahren war. Und da saß man und plauderte über das ehemalige Alkoholiker Dasein von Gorilla, und dann wurde Walross immer sehr ruhig, sehr ängstlich, und man musste ihm immer versprechen, das man aufpassen würde, das Gorilla auch nichts trinken würde. Nie mehr Alkohol für Gorilla, der gerne schon mal mitgetrunken hätte, von uns dann aber immer ausgeschimpft wurde.
Die Freundschaft ging so weit, das die beiden uns den Schlüssel zu ihrer Kneipe in die Hand drückten, weil sie mal in den Urlaub fahren wollten. Die? Zusammen in den Urlaub? Überhaupt waren die Familienverhältnisse der beiden wirr. Zunächst schätzte man, dass es sich im Vater und Sohn handeln müsste, später stellte sich heraus, dass die beiden schlicht und ergreifend ein Paar waren. Das vermutlich merkwürdigste Schwulen-Pärchen von Köln. Das zänkischste, das liebevollste, das komischste.
Eines Abends war der Laden zu. Auch am nächsten Abend. Ein Kollege, der mit den beiden sehr eng befreundet war, versuchte sie in ihrer Wohnung zu besuchen, aber niemand machte auf. Erst drei Tage später war das Gorilla wieder auf. Alles war normal, der Riese hinter der Theke, die Gulaschsuppe dampfte. Freundliche Begrüßung. Er schiebt die Teller mit der Suppe über den Tresen und sagt "Esst mal, ist die letzte. Gibt?s jetzt nich mehr" Wie? Was? Und dann wurden seine Augen ganz klein und die riesigen Schultern fingen ganz leicht an zucken, und er sagte "Er hat da einfach gelegen. Die Zigarette noch in der Hand" Walross war tot. Morgens waren die beiden aufgestanden, das übliche Frühstück, dann hatte sich Walross hingelegt, sich eine Zigarette angezündet und war augenblicklich eingeschlafen. "Aber gelitten hat er nicht" sagte Gorilla, unter Tränen wenige Minuten später.
Innerhalb von Minuten klappte dieser riesige Mensch in sich zusammen. Der Tränenstrom wollte nicht mehr aufhören, sein Körper wurde gebeutelt von Schluchzattacken, er winselte vor inneren Schmerzen, vor Angst und Hoffnungslosigkeit. Es kam an Licht, das Walross ihn vor 15 Jahren aus der Gosse geholt hat. Gorilla der Stricher, Alkoholiker, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Geld. Walross nahm ihn auf. Gorilla dankte es ihm, in dem er immer wieder abhaute, nicht ohne Wertgegenstände mitgehen zu lassen. Walross blieb ruhig, wartete, holte ihn wieder aus der Gosse, nahm ihn so lange und immer wieder auf. Er beschenkte ihn, unter anderem eben auch mit jenem abgeranzten Plüschhasen, der immer hinter der Theke im Regal stand, und den er jetzt heulend, wie ein Kind, nach Luft ringend an sich drückte. Warum, warum, warum. Wir wußten es auch nicht.
Von da an hatten wir einen therapeutischen Schichtwechsel. Einer brachte ihn nach Hause, der andere holte ihn morgens samt Frühstück ab. Der nächste machte mit ihm die Kneipe nachts auf, der andere erledigte Einkauf und Buchhaltung. Nach einem Monat hatten wir ihn wieder soweit, er sah endlich wieder gesund aus, er putze alleine die Kneipe, er kaufte ein, er arbeitete und er sagte andauernd: "Wat seid ihr für jute Menschen. Wat hab isch ein Glück"
Eine Woche später war der Laden wieder zu. Erschrocken und alarmiert suchten wir Gorilla, aber der blieb verschwunden. Er war nicht zu Hause, er war nicht "auf der Rolle", er war einfach weg. Nach zwei Tagen verständigten wir die Polizei, die auch nicht weiter kam. Gorilla blieb verschwunden, bis ein Kollege, Franklin, ihn zufällig morgens um 7.00 Uhr im "Roxy" völlig betrunken, stinkend, fertig an der Theke fand. Franklin sah ihm in die Augen, und da wusste er was passieren würde. Er sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab, weil er wusste, das es so oder so passieren würde. Der letzte Satz, den Gorilla sagte war: "Ich kann einfach nicht ohne ihn. Ich will wieder bei ihm sein."
Innerhalb von drei Wochen hat sich Gorilla tot gesoffen. Er hat sich einfach so viel Alkohol in seinem vom Alkoholismus angeschlagenen Körper geschüttet, so lange an seinem Herz gerissen, bis der Körper seinem Wunsch nachgegeben hat. Und wir konnten einfach nichts machen, außer auf seiner Beerdigung in einer leicht pathetischen Handlung den Hasen auf den schmucklosen Sarg zu legen
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, schreibt er nebenbei ein
Blog.
Outro
Björn Schwede
Ich beobachte mich dabei, wie ich mein Urteil langsam fälle. Und ihm immer weniger zuhöre. Oder wieso verwischt mein Blick immer wieder?
Geht an den Bildern an der Wand vorbei, zu den Kerzen im Fenster? Und was ist das da für eine Frage in meinem Kopf, die langsam immer deutlicher wird?
Er erzählt vom Hamburger Blutpogo und der Energie im Publikum, die Band, die Decke läßt die Feuchtigkeit wieder über der Pogomenge sprühen. Und dann verfällt er doch in Geschwafel über die Hallengröße, Eintritts- und Bierpreise und mögliche Gewinne.
Er redet von Johnny Cash, von walk the line und wie er in diesem berühmten Studio das letzte, einzig große Lied singen soll. Tiefe, Kraft, Glauben, sind die Worte, die er verwendet. Und er glaubt, dass diese Tiefe und Kraft die vielen Chartplatzierungen, die er chronologisch aufzählt, das Erbe vom Mann in Schwarz sind. Das er in Dollar und Cent angeben kann.
Er schwärmt vom Auftritt von Roberts Peter im Olympiastadion. Wie die Massen jede Zeile mitsingen, schon beim Eröffnungsinstrumental. Wie er dann von oben auf die Bühne herabschwebt, Ekstase, Lust, Rausch, Offenbarung, sind die Worte, die er fast ergeben flüstert.
Ich seh ihn an, als würde ich darauf warten, dass Schaum aus seinen Mundwinkeln geifert.
Und dann fängt er wieder von vorne an. Von Hamburg. Vom Blutpogo und wie er ihn beobachtet hat. Von den harten Sitzen der Tribüne. Und auch von den Sun-Studios fängt er wieder an ? und dieser Szene, in der das letzte Lied, die letzte Melodie wie die letzte Wahrheit erklingen soll.
Bald klingt er wie diese Werbelieder, die einem ungewollt im Kopf hängen bleiben wie viel zu süßer Honig, wie Kaugummi an der Sohle. Er spricht mit der Melodie eines Klingeltons, wie eine Symphonie aus Handywarntönen. Alles kommt mir so bekannt vor, weil auch ich dieses ganze Zeugs in meinem Kopf habe.
Und ich frage mich, welches Lied werden wir wohl auf den Lippen haben, welche Worte, welches Gebet, was werden wir singen, flüstern, herausschreien oder jubelnd anstimmen, wenn uns die letzte Stunde schlägt?
Björn Schwede
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden
veröffentlicht.
Immer die selben die in der Kirche rauchen
Benjamin Reichstein
Die Kirche war für mich schon immer ein Ort der Folter - sogar noch bevor ich von diesen ganzen Kreuzzügen und Inquisitionsgeschichten gehört hatte.
Für mich, ein recht rastloses Kind das süchtig nach konstanter Unterhaltung ist, war die "ungewisse Wartezeit"-Folter eines der negativen Höhepunkte meines Lebens. Man wusste vorher nie, über was der schläfrig redende Priester da vorne sprach und vor allem wie lange. Also hangelte ich mich von Viertelstunde zu Viertelstunde, dann von Minute zu Minute und irgendwann zwang ich mich nur noch durch einzelne Zehn-Sekunden-Blöcke bis zum Ende durchzuhalten um den begehrten Stempel im Konfirmationsheftchen zu bekommen. Im Kopf klang das dann immer wie in diesen Fitnesssendungen im Fernsehen:
Künstlich lächelnde Fitnessfrau: "Noch zehn! Und neun! Und acht! Noch sieben!"
Generver Konfirmant: "Bald vorbei, bald vorbei, baldvorbeibaldvorbei!"
Niemals transpirierende Aerobicdame: "Und noch mal zehn! Und neun! Und acht!"
Genervter Konfirmant: "Das hast du gerade eben schon mal gesagt du verdammte $%&@!"
"Noch eins! Und nur noch zehn! Und neun!"
"UAAAARRRRRGGGHH!"
Um es auf den Punkt zu bringen: in meinem Kopf war Kirmes aber nach aussen hin musste ich so ruhig bleiben wie die komatöse Oma vor mir, damit ich ja nicht negativ auffalle und mir damit die Chance auf einen weiteren Stempel verspielt hätte.
Die einzig wahre religöse Erlösung die ich je erfahren habe war der Sekundenbruchteil nachdem das Geräusch der Glocken an mein Ohr gedrungen war, und mein Gehirn realisierte: Es ist vorbei!
Leicht benommen taumelte ich nach draußen, starrte in den blauen Himmel und ich sah, das es gut war! Mittlerweile ist es fast schon zehn Jahre her das ich regelmäßig in der Kirche war und das einzige was mich davon abhält aus der Kirche auszutreten ist die chronische Faulheit gegenüber nervigen Amtsangelegenheiten.
Dabei hab ich eigentlich nichts gegen den Glauben an sich, ich sehe das eher so wie mein Vater der immer sagt: "Ich hab nichts gegen die Kirche - nur gegen Ihre Anhänger". Meiner Ansicht nach braucht eine Religion keine ständige Unterwürfigkeit und prunkvolle Gebäude, sondern nur den puren Glauben, den jeder in sich trägt. Selbst ich als Atheist mit stark nihilistischen Zügen habe so etwas in mir. Das Warme Gefühl der Sicherheit, ob einem Gott, sich selbst oder einer anderen Person gegenüber, das in Millionen unterschiedlichen Facetten existiert und all die anderen Gefühle und Gedanken mit denen jeder Mensch persönlich seinen Glauben definiert existieren in jedem einzelnen von uns.
Der eine klebt ein Etikett namens "Religion" darauf, der andere "Liebe" oder vielleicht sogar "Selbstbewusstsein". Doch das spielt im Endeffekt überhaupt keine Rolle. Und Wann immer man geistig einen Schritt zurücktritt und sich selbst aus allen möglichen Perspektiven betrachtet, sollte man die imaginäre Brille einmal abnehmen und Abstand halten. Denn erst wenn man sich selbst einmal verschwommen wahrnimmt, ohne die ganzen Etiketten und das Definitionsgewand das man sich selbst zurechtgeschneidert hat, erkennt man wer man wirklich ist.
Das ist nichts greifbares, nichts fest definiertes, sondern eine sich ständig ändernde Persönlichkeit - mal mehr, mal weniger stark. Ein fliessendes Gebilde, das sich in Wahrheit gar keine beschrifteten Klebezettel anheften lassen will.
Benjamin Reichstein
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005
Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.