Um fünf schon dunkel und andere Ungeheuerlichkeiten

von ichichich

Ist man gezwungen, sich seinen Stadtteil mit einer Vielzahl von Bewohnern zu teilen, dann kommt man nicht umhin, gelegentlich Menschenansammlungen zu passieren, aus deren Mitte ein aufgeregtes Schnattern tönt. Ein solches Grüppchen wärmte sich kürzlich bei meinem Konditor auf, so dass ich in der glücklichen Lage war, bei Kaffee und Gebäck Studien zu betreiben, um die mich Konrad Lorenz beneidet hätte. Das Schnattern entpuppte sich nämlich als Gespräch, und ich erfuhr Erstaunliches. Dass es "um fünf schon dunkel" sei, stellte ein schmächtiger kleiner Opa erbost fest. Eine beigefarbene Dame wies darauf hin, dass sie schon gezwungen sei, Handschuhe zu tragen, was die Umstehenden mit entrüsteten Ausrufen quittierten. Vollends machte sich Entsetzen breit, als eine weitere Dame bemerkte, sie habe ihre Heizung gestern "auf drei" stellen müssen. Ach Herbst, dachte ich, bei denen hast du es dir aber endgültig verschissen.

Ich kann das nicht verstehen. Die Menschen tun so, als zwänge man sie, bei funzligem Lichte in kalten Hütten zu kauern und an schimmligen Brotkrusten zu nagen. Doch dies trifft nicht zu, denn ein gütiger Gott hat bereits vor geraumer Zeit die Glühbirne erschaffen und den Nachtspeicherofen obendrein. Offenbar hat sich das noch nicht genügend herumgesprochen, denn anders kann ich mir das Gejammer nicht erklären. Ich muss gestehen, dass ich von beiden Erfindungen ordentlich Gebrauch mache, und ich schäme mich dessen nicht. Wenn es im Herbst knallt im Atomkraftwerk, dann sind es vermutlich nicht die Reaktoren oder Trafohäuschen, die in die Luft fliegen, sondern die Champagnerkorken, die man steigen lässt, nachdem ich Licht und Heizung angestellt habe.

Heute Abend geschah etwas Bemerkenswertes. Als ich nach Hause kam, lungerte ein betont unauffälliger Mann vor meinem Hauseingang herum. Kaum hatte ich den Schlüssel ins Schloss gesteckt, holte er sein Telefon heraus und flüsterte: "Er ist da. Schiebt schnell einen Brennstab rein!" "Besser zwei!" rief ich ihm schmunzelnd zu und betrat frohgemut meine Wohnung, glücklich darüber, von einer zu Unrecht am Pranger stehenden Industrie so liebevoll umsorgt zu werden. Mögen die Uranvorkommen nie versiegen.

Kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, klingelte das Telefon. Es war mein alter Freund Al. Er sagte: "Hör mal, ich sitze gerade in meinem Weltklimaschutzzentrum und registriere so ein merkwürdiges Zucken in meiner Weltklimazustandsmesskurve. Hast du etwa wieder die Heizung..." Ich legte sofort auf. Im Herbst kann man mit Al Gore nicht reden, ohne ein schlechtes Gewissen verpasst zu bekommen. Im Sommer dagegen ist er der umgänglichste Kerl, mit kleinen Einschränkungen. Oft sitzen wir gemeinsam im Straßencafe, nehmen unsere Toupets ab und lassen uns die Sonne auf die blanken Köpfe scheinen. Früher trank ich dazu gerne ein Mineralwasser, aber nachdem mich Al darauf aufmerksam gemacht hatte, dass zukünftig Kriege um Wasser geführt würden, traue ich mich das nicht mehr. Die Furcht davor, vermummte Freischärler könnten aus den umliegenden Büschen springen, um mir wegen 0,33l Staatlich Fachinger die Kehle aufzuschlitzen, ließ mich zu alternativen Durstlöschern wechseln. Kurzzeitig war Cola das Getränk meiner Wahl, bis ich erfuhr, dass Samuel P. Huntington gerade an "The Clash of Civilizations Part 2: Coke vs. Pepsi" schreibt. Meine Besorgnis, in diesem Konflikt unversehens auf der falschen Seite zu stehen, war groß. Nun trinke ich Kräutertee. Von Kriegen um Kräutertee habe ich noch nichts gehört und ich halte auch ihre zukünftige Wahrscheinlichkeit für gering. Kräuterteetrinker sind keine Mörder.

Aber eigentlich wollte ich ja vom Herbst erzählen. Den Herbst muss man nämlich einfach lieb haben. Während der Frühling aufdringlich mit seinen blauen Bändern rumwedelt, der Sommer uns heißblütig umschwänzelt und der Winter, ach reden wir nicht vom Winter; während diese Jahreszeiten uns also eher lästig auf die Pelle rücken, kommt der Herbst angenehm dezent daher. Man stelle sich eine Party vor, die sich langsam dem Ende zuneigt und bei der die interessantesten Gäste bereits aufgebrochen sind. Da stehen plötzlich zwei attraktive Damen vor einem. Es sind Frau Wärme und Frau Licht und sie sagen "So, wir ziehen uns dann mal zurück. Ihr kommt doch auch ohne uns klar, Jungs", und weil man etwas unglücklich dreinschaut ob dieser Bekanntmachung, ergänzen sie: "Grämt euch nicht. Schaut lieber mal da hinten, zu dem brünetten Wirbelwind und der kühlen Lady daneben, die sind doch auch ganz bezaubernd." Und so sagt man Licht und Wärme frohgemut Ade und verbringt seine Tage fürderhin mit den beiden anderen Damen, um gemeinsam mit ihnen, in Pelze gehüllt, durch den herbstlichen Mischwald zu mäandern, in den einen oder anderen gülden schimmernden Laubhaufen zu treten und sich am bunten Blattgestöber zu ergötzen.

Nun will ich nicht so tun, als hätte der Herbst nur Schokoladenseiten. Tatsächlich führt auch er eine hässliche Fratze in der Innentasche seines Übergangsmantels mit sich, die er gelegentlich mal rausholt und aufsetzt. In diesem Fall vermeide der Mensch tunlichst Sichtkontakt, denn andernfalls droht ihm ein gewaltiges Heulen und Zähneklappern. Durch vehement geschlossene Fenster und Türen kann man sich dem entziehen. Des Weiteren halte man ausreichend heiße Schokolade und einen Kamin bereit. Oft kommen Menschen zu mir und erzählen davon, wie wunderbar es sich vor einem prasselnden Kaminfeuer gemüteln ließe, während draußen vor der Thermoverglasung fröstelnmachende Winde tobten. Dieses Wissen hätten sie aus einer Pro7-Vorabendserie oder einem Calvin & Hobbes-Cartoon bezogen. Ich bezweifle das nicht. Mit Bedauern muss ich allerdings kundtun, dass sich mein Leben bislang weitgehend kaminfrei gestaltet. Ich besitze keinen, besaß nie einen und kenne auch niemanden näher, der einen besäße und mich davor residieren lassen könnte. Ich sollte meinen Freundeskreis vielleicht einmal einer kritischen Überprüfung unterziehen.

Es ist allerdings auch so eine Sache mit den Kaminen. So ist der Gebrauch von ehrlichen Holzscheiten offenbar völlig aus der Mode gekommen. Flaniert man wochenends durch die Vorstadt, sieht man nirgendwo mehr schwitzende Familienväter mit freien Oberkörpern in den Vorgärten stehen, um mit blitzenden Äxten Bäume zu spalten und die Scheite zu imposanten Stapeln aufzuschichten. Stattdessen heizt man mit sogenannten "Pellets", den Fischstäbchen der Heizmittelbranche, die man sich im nächstgelegenen Baumarkt aus dem Regal nimmt, bei einer leicht adipösen Kassiererin namens "Frau Wolters" mit seiner Kundenkarte bezahlt und im Kofferraum des geleasten Nissan Kombi nach Hause fährt, zusammen mit einer Packung vierlagigen Toilettenpapiers und sechs Flaschen Merlot (halbtrocken). Ich finde das nicht gut. Wer mit Pellets heizt, der isst auch Spanferkel aus Dosen, statt sich das kross gebräunte Fleisch direkt aus dem rotierenden Tier zu schneiden.

Apropos gebräuntes Fleisch: Eine brennende Sorge des Menschen im Herbst gilt offenbar seiner Oberflächenbeschaffenheit. Immer wieder stelle ich fest, dass nur derjenige gesellschaftliche Akzeptanz zu genießen scheint, dem es gelingt, auch in dunklen Jahreszeiten seine Epidermis zu einer gewissen Mindestpigmentproduktion anzuregen. Gegebenenfalls muss dem nachgeholfen werden. Karotten sollen diesem Ziel dienlich sein, sind aber in den benötigten Mengen allergologisch bedenklich. Gottlob gibt es Sonnenstudios. Ein Sonnenstudio ist ein Raum, in dem Menschen ohne eigene Sonne für kurze Zeit und gegen ein geringes Entgelt der Zugriff auf künstliche Fremdsonnen gestattet wird (vergl. auch "Tonstudio"). Das Sonnenstudio in meiner Straße ("Hier werden Sie garantiert braun!") liefert sich mit dem gegenüberliegenden Restaurant ("Hier werden Sie immer satt!") ein unerbittliches Rennen um Börse und Barschaft der Bürger. Müsste ich mich entscheiden für eines der Etablissements, fiele mir die Wahl nicht schwer, denn ein gegrilltes Steak ist einem gegrillten Selbst unbedingt vorzuziehen. Mit dieser Einstellung scheine ich jedoch einer Minderheit anzugehören, denn gerade im Herbst sieht man die Menschen in die Sonnenstudios strömen, wie Süchtige auf der verzweifelten Jagd nach legalen Pigmentstimulanzien. "Was wollen Sie denn dort? Sie sind doch schon braun!", rufe ich einer Dame der Gattung "Gut durch" hinterher. "Nicht braun genug! Nicht braun genug!" erwidert sie und eilt dem verheißungsvollen Lichte entgegen.

Mir soll es recht sein. Ich werde heute Abend das gegenüberliegende Restaurant aufsuchen, ein knuspriges Spanferkel bestellen und dem Herbst bei seinem arttypischen Verhalten zuschauen. Vielleicht kann ich den Wirt zum Einbau eines Kamins überreden? Beim Holzhacken würde ich ihn tatkräftig unterstützen.

Später werde ich noch Al zurückrufen. War ja wirklich etwas unhöflich von mir.
lebt in Hamburg und bloggt. Wenn er mal nicht bloggen mag, hat er stattdessen keine Lust, sich ein originelles Autorenporträt auszudenken. Lieber bloggt er.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: ichichich
Titel: Um fünf schon dunkel und andere Ungeheuerlichkeiten
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am 12. Nov, 08:42

Spanferkel am Kaminfeuer? Ich wähnte Sie unterm Heizpilz.


am 12. Nov, 12:19

Sehen Sie, bei mir waren das imemr echte Holzscheite, die musste ich schleppen bis fast zum Herzinfarkt (ganz im Ernst) und dann aufstapeln hoch und höher. Aber Pellets? Das Wort ist schon häßlich.
Aber ja doch, der Herbst ist mein Freund, bei mir sind Sie da richtig.
Ich kenne im Freundeskreis nur einen Solariummenschen. Ich dachte diese Buden gäbs schon gar nicht mehr, das ist doch zu sehr letztes Jahrtausend.


am 13. Nov, 14:54

Ein wundervoller Text.
Und vielen Dank für die Verwendung des Wortes "mäandern".

am 15. Nov, 11:33

Gerne.


am 16. Nov, 13:37

Wunderbar geschrieben!

(Zum Winter ist Ihnen nix eingefallen, stimmt's?)

Mit einem Kamin kann ich auch nicht dienen, aber ich würde Ihnen jederzeit eine Kachel aus meinem Ofen schenken.

am 4. Jul, 11:15

oder geh nach Afrika, dort ist's immer warm.


am 16. Nov, 15:08

Bei uns auf dem Dorf ist Holzmachen gerade richtig trendy. Jeder kauft sich da einen Trecker und einen Holzspalter und natürlich einen Kaminofen fürs Wohnzimmer.


am 17. Nov, 14:35

Hätte ich im Studi-Wohnheim die Möglichkeit dazu, würd ich mir sofort einen Kamin oder schönen Kachelofen besorgen. Und natülich mit selbstgespaltenen Holzscheiten befeuern, nicht mit solchen Pellets.

Die gut durchgebrutzelten Damen wollen sich für ihre Männer dadurch vielleicht einfach nur attraktiver machen als ein leckeres gegrilltes Steak, damit die auch mal wieder an ihnen rumknabbern ;-)


am 26. Jan, 01:51

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