In der Hölle spielt Musik

von Susanne Englmayer

Es ist Herbst. Es ist Zeit, auch wenn sie wiegt. Wie Blei, diese Zeit. Wie der Blues, manchmal. Ich mag keinen Blues. Ich bin im Herbst nicht zu gebrauchen, im Gegenteil. Herbst ist eine üble Zeit. Die übelste überhaupt. Jeden Abend, schon in der Dämmerung. Da hilft nichts, mir nicht. Auch nicht Musik. Nicht mehr. Dunkles Blau wiegt durch die Nächte. Endlos, bis zum April. Sind alle Nächte, lang.

Es ist Zeit, mahnt Master Don. Redaktionsschluß. Mindestens haltbar, doch eigentlich nicht mehr zu halten. So ist das eben. So ist das immer. Autoren kommen zu spät, und das nicht nur im Herbst. Wenn sie den Blues haben. Doch das Thema paßt, diesmal. Depression und Musik. Schreibt der Don, ganz lapidar.

Depression und Musik, das muß man sich einmal vor Augen führen. Depression UND Musik! Also nicht nur das eine. Oder das andere. Als würde eines von beiden nicht vollkommen ausreichen. Um einen Autor ins Grab zu bringen. Nein, es muß beides sein. Zur gleichen Zeit. Sagt der Don, einfach so. Und das im tiefsten Herbst.

Also wirklich? Also los!

Musik entsteht nicht im Kopf, wie ein Text. Nein, so ist das nicht. Das könnte man meinen, und das wäre schön. Wenn man Musik einfach hinschreiben könnte, und dann wäre sie fertig. Wie die Buchstaben hier, einer nach dem anderen. Nichts steht ihnen im Weg. Und die Worte, immer schön folgerichtig. Oder auch nicht folgerichtig, das ist ziemlich egal. Meistens jedenfalls, wenn es gut läuft. Und wenn nicht, dann eben nicht. Wen kümmert das? Das leere Blatt vielleicht?

Doch es ist ein Trugschluß, daß es mit Musik auch so ginge. Mehr noch, das ist blanker Unsinn. Was immer andere auch behaupten mögen, Musik ist etwas anderes. Etwas grundlegend anderes. Ich weiß das.

Musik entsteht in Proberäumen. In engen, verdreckten, verraucht- und verrotteten Löchern, irgendwo am Rand der Stadt. Abgelegen, wegen der kaum zu vermeidenden Lärmentwicklung. Wegen möglicher Nachbarn, die sich unter Umständen gestört fühlen könnten. Die sich mit Sicherheit gestört fühlen werden, denn sie sind überall. So werden die Fenster im Proberaum nicht geöffnet, niemals. (Wenn es überhaupt Fenster gibt.) Wegen des einen Nachbarn, den es dann doch gibt. Den es immer gibt. Am anderen Ende der Straße, 800 Meter Luftlinie entfernt. Ein Schulhausmeister vielleicht, oder ein Forstverwalter. Ein einziger nur, das ist genug. Und nichts ist mit Musik. Wenn der sich beschwert, regelmäßig, nach spätestens zehn Minuten.

Diese Bullenhitze im Sommer. Diese Enge. Probeläufe im Pumakäfig, stundenlang. Immer hin und her und hin und her. Immer dasselbe, immer im Takt. Oder daneben, das kommt vor. Zwischendrin die Kriege. Raucher und Nichtraucher. Säufer und Nichtsäufer. Pünktlichkeit und Geld. Und das ist längst nicht alles. Miteinander und gegeneinander, wie es eben kommt. Jeder hängt für sich an seiner Strippe. Die mit dem Mikro, der mit dem Baß und - bloß nicht zuletzt, nur das nicht - der mit der Gitarre. Der Schlagzeuger klemmt in seiner Maschinerie, in eine Raumecke gezwängt. Das Piano, gleich daneben, kaum zu hören. Die Pianistin verzweifelt, wie immer. Auch sie hört sich nicht. Dann noch eine Perkussionistin. Ohne Kabel bei den Proben, ist sowieso überflüssig. Warum sich Max nicht endlich ein bißchen Schnickschnack ans Schlagzeug bastelt, das weiß kein Mensch. Meint Robbie. Der, mit der Gitarre.

Dieser dauernde Kampf. Diese Hitze, dieser Gestank. Und dieser Lärm, nicht zuletzt.

Im Winter dann das Gegenteil. Die Heizung im Proberaum bleibt immer kalt. (Wenn es überhaupt eine Heizung gibt.) Es lohnt nicht, den durchgekühlten Raum hochzufahren. Für einen Abend in der Woche, die paar Stunden, diese kalte Mischung aus Schweiß, Bier und Rauch aufzukochen. Das muß nicht sein, da sind sich alle einig. Ute müßte zwar nur am Abend vorher kurz vorbeikommen und das Nachtspeichergerät aufdrehen. Sie wohnt gleich um die Ecke. Aber sie tut es nicht, selbst wenn man sie fragt. Also fragt niemand mehr. Sie hat schließlich schon den Schlüssel. Sie muß da sein, immer. Auch wenn auf ihr Piano niemand hört.

So geht Musik! So, und nicht anders.

Winter, es liegt Schnee. Wir stehen vor dem Proberaum, seit über einer halben Stunde. Die Tür ist zu. Die Kälte kriecht, wir frieren. Es ist Zeit. Daggi, die, mit dem Mikro, ist noch nicht da. Das wundert niemanden, das ist normal. Die hat es gut, die macht es richtig. Alles. Noch nie hat Daggi beim Aufbau geholfen. Das Mischpult geschleppt, die Verstärker verkabelt, die Trommeln gestimmt. Oder mit Ute das Piano getragen. Niemals.
"Was ist los", fragt Walter. Der, mit dem Baß. So, als ob nichts wäre. Der kommt auch immer später.
Max zuckt mit den Schultern. Robbie mault rum, während er sich die vierte oder fünfte Zigarette ansteckt. Er äußere sich jetzt mal besser nicht. Ich bin die Perkussionistin, die braucht kein Mensch. Da muß ich wohl auch nichts sagen, denke ich.
Nur Ute, die ist ganz offensichtlich nicht da.
"Hat sie wen angerufen?" fragt Walter.
Robbie lacht. Ich zucke mit den Schultern, weil ich ja nichts sagen will. Daggi ist immer noch nicht da, aber das ist ja normal. Max schüttelt den Kopf. Er spielt mit seinem Handy, die ganze Zeit schon. Immer hat er das neueste Modell. Nie lernt er damit umzugehen. Schließlich hält er es sich doch ans Ohr.
"Sie kann heute nicht, einer soll den Schlüssel holen", sagt er. "Hat sie mir auf die Mailbox gesprochen."
"Wann denn?" fragt Walter.
Max hebt beide Schultern.
"Hab ich grad erst gesehen, ist wohl ne Weile her. Ich hab gestern die neueste Software aufgespielt. Da muß was durcheinandergeraten sein."
Robbie schnipst die Kippe weg und lacht laut los. Lustig klingt das nicht.
"Und ich bin extra früher aus dem Seminar, das darf doch nicht wahr sein. Leute, wir haben nen Auftritt nächste Woche. Wie soll denn das gehen? Was denkt die sich?"
"Vor ner Stunde hab ich dich aber gemütlich mit Sammy in der Cafeteria sitzen sehen", sage ich. Obwohl ich doch eigentlich nichts sagen will.
Robbie glotzt mich blöd an. Ihm fehlen die Worte, das ist selten. Walter nimmt seinen Baß und will gehen. Wortlos. Das macht er manchmal. Max hält ihn nicht fest, diesmal. Robbie auch nicht. Er glotzt noch immer, aber weniger blöd. Eher ein bißchen böse. Dann kommt Daggi um die Ecke. Endlich, denke ich. Walter bleibt noch einmal stehen. Der Schnee knirscht unter seinen Schuhen, als er sich umdreht.
In der Hölle, da spielt die Musik. Und es liegt Schnee. Oder so ähnlich. Da bin ich auf einmal ganz sicher.
"Ich muß euch was sagen", ruft Daggi schon von weitem. "Sammy hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm einsteigen will. Jungs, das ist die Chance, das kann ich nicht absagen. Tut mir echt leid, aber? Das müßt ihr verstehen. Ich muß dann auch gleich los."
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Susanne Englmayer
Titel: In der Hölle spielt Musik
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