Herbstschmerz; süß

von Sprachspielerin

Hingebreitet über den Fluss liegt die Brücke, quer zur Strömung, die nicht so reißend ist, wie der Name des Flusses verheißen mag. Aus dem Vogelblick ein grauer Streifen Beton über das Grüngrau des Wassers gelegt und darunter der Flusslauf, an den Wellenbruchstellen weiß bekrönt, vergilbte Wiese, von braunen Trampelpfaden durchzogen, und rostige Bäume, farbenfroh vergehend; darüber, im herbstlichen Schräglicht, das tiefe Dunkelblau des spätnachmittäglichen Herbsthimmels.
Auf der Brücke rollende Gefährte, von einer Seite des Flusses auf die andere und zurück, Autos, Busse, drängelnde Mopeds, eilige Fahrradfahrer, Fußgänger mit oder ohne Kinderwagen, mit oder ohne trottenden Hund. In der Mitte der Brücke ein Kommen und Gehen, ein Motorenlärmen und Kinderrufen, ein Geschwätz und Fahrradglockengeläut, Musikfetzen aus einem Autoradio, ein Hundebellen und Menschenlachen, Menschenstimmen, Menschenküssen; das Rauschen von Fluss und Herbstlaub übertönend.

Dort, an den Beton des Brückengeländers gelehnt, direkt über dem Wasser und starr darauf blickend, sie - und ihr Haar fällt rostrot wie Herbstblätter auf ihre Schultern, vom Herbstwind bewegt, sanft. Sie sieht beängstigend konzentriert auf den Fluss, sich an die Wärme des von der tiefstehenden Sonne aufgeheizten Geländers drängend, aber niemand zupft sie am Ärmel, niemand spricht sie an und heiratet sie, um zu verhindern, dass sie springt; das geschieht nur im Film. Unberührt steht sie und ihr Blick sieht den Fluss nicht und ihr Ohr hört die Menschen nicht, hört nichts, inmitten des Lärms, inmitten der Farbpracht der Herbstschönheit ist es dunkel und leer in ihrem Kopf.

Es ist kein Schrei der Verzweiflung, der ihre, es ist leiser, sanfter und beständiger; ein Winseln und Wispern der Sehnsucht. Es ist kein stechender Schmerz, es ist ein süßliches, zähflüssiges Fließen einer nie versiegenden Quelle der Qual. Es ist ihr nicht nur verhasst, es ist eine süße Sucht, wie das wollüstige Kratzen des Schorfs von der eben verheilenden Wunde, pochendes Leid durchtränkt von stiller Befriedigung. Und sie flüstert fast lautlos, zur Erinnerung, nur ihre Lippen formen die Worte:
Mein Herz blutet Dir nach. Mein Herz ist ganz klein und mager in mir und es weiß nicht, wohin es pochen soll, es weiß nicht mehr, ob es pochen soll und wofür; mein Herz wird leer und leblos in mir, denn es weiß nicht mehr, wem es angehört. Mein Herz liegt in Deiner Hand, die es presst und auswringt und bluten macht, nach Dir. Mein Herz ist unruhig, es ängstigt sich, es zittert, ohne Dich. Mein Herz verhungert und verdurstet, vor Sehnsucht nach Dir, es krampft sich zusammen vor Angst, was werden soll. Mein Herz schlägt, klein und mager und leer. Mein Herz ist sprachlos, wenn Du ihm nicht zuhörst, Du bist die Stimme, ohne die mein Herz immer schweigen muss und Du bist fort. Mein Herz ruft und weint nach Dir, mein Herz schreit und schluchzt, mein Herz will Blut spucken, wegen Dir. Denn Du bist ihm alles. Du bist ihm alles und es selbst, mein Herz schlägt um Dich und wegen Dir und in Dir. Mein Herz hält den Atem an, denn Du bist der Atem meines Herzens, du bist sein Leben und bist sein Tod. Mein Herz blutet Dir nach.

Ihre Lippen schließen sich, ihre Hände lassen das von der Herbstsonne erwärmte Geländer der Brücke los, ihr Körper löst sich und sie geht davon, unberührt; ihre Gesichtszüge bleiben unverändert, ihr Blick starr zu Boden gerichtet. Der Herbstwind weht durch ihr rostrotes Haar, vergilbte Blätter fallen, der Fluss rauscht dahin, die Brücke liegt darüber hingebreitet; ein Vogel durchstreift in den Schrägstrahlen des Herbstlichts den tiefblauen Abendhimmel.
Die Sprachspielerin beschäftigt sich mit Literatur sowohl wissenschaftlich als auch leidenschaftlich, ist Münchnerin, kann sich aber zwischen Frankreich und Italien nicht entscheiden, denn beide waren für sie entscheidend. Den da- und woandersher rührenden Trennungsschmerz versucht sie schreibend zu bewältigen und hat deshalb auch ein Blog.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Sprachspielerin
Titel: Herbstschmerz; süß
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am 14. Nov, 13:02

Hach! Wunderschön.

am 14. Nov, 13:51

Vielen Dank!


am 26. Mrz, 12:42

"Herbstschmerz: süß
Leider gibt es kaum Infos über den Sänger."

Ich wage zwar zu behaupten, dass Du von uns noch nie etwas gehört hast, aber als Sänger der Band Herbstschmerz fühle ich mich jetzt einfach mal geschmeichelt! ;)

Liebe Grüße,
Fraver