
Die Schrecken der Roxana
von Glamourdick
...also beschlossen, aus der Therapiegruppe auszusteigen."
Erst wird sie blass, dann lindgrün, dann setzt das rosa ein und intensiviert sich zu O'Hara-würdigem scharlach.
"Dit JLOB ick nich, dit KANNSTE nich machn! Wat JLOBSTE eijntlich wer de bist, verdammteSCHEISSEnochma. Hältst dir woll für watt bessret oder wie? Mit dene Dulci und Gabana-Täschken und deen Jlanzhaarspräh. ICK SEH DOCH DESSDE SPLISS HAST!"
Der Dick starrt entsetzt den befehlhabenden Therapeuten an, der muss doch EINGREIFEN, verdammt. Doch der betrachtet ganz interessiert und auch irgendwie beleidigt seine Fingernägel.
Zwischen Mandys Augen entsteht eine Sorgenfalte. Mit großer Vorsicht legt sie Roxana die Hand auf den Unterarm.
"NimmdieflossenweckschlampeabersowattvonZACKICH!"
Mandy gehorcht und fängt an zu weinen.
"Der einzje Mann hier und zieht den Schwanz ein, so hab ick mir dit vorjestellt."
Der traurige Joachim schaut traurig und verletzt.
"Aber Roxana - ich habe doch-"
"Ruhe, Schwuchtel, jetz red ICK! Jrad wo ick mir an dir jewöhnt hab machste dir vom Acker? Verjisset! So leicht kommste mir nich davon, det kann ick dir vasichan-"
"Frau Roxana, merken sie es? Merken sie es? Halten Sie diesen Moment fest. Was sehen Sie? Ihr Verhalten auf die Kündigung von Herrn Dick, würden sie das als angemessen bewerten? Ist Ihre Gefühlsexplosion nicht schon bei ihrem Exmann und Sandro, dem LKW-Fahrer aus Zieh-äsar auf taube Ohren gestoßen? Glauben Sie, dass sie Herrn Dick halten können, wenn sie ihn als Schwuchtel bezeichnen?"
"Fresse Fettsack, dir nehmickma später vor."
Fettsack chucklt, es gibt kein deutsches Wort dafür. Er chucklt auf Wienerisch.
Mandy springt auf und verlässt den Raum. Hans-Joachim zögert, steht schwankend auf und folgt ihr mit einer Packung Zewa-Softis.
"Hastedir EINMAL überlecht, dassde hier vielleicht ne wichtje Rolle spielst, Schwuchtel? Mann, ick fand dir irjendwann richtje schau! Und dit obwohlde dir in Arsch -"
"Bitte Frau Roxana, das muss nun wirklich-"
Die traurige Trina holt das Handy raus und ruft den Notarzt an. Fettkloß liegt auf dem Boden und reibt sich den schmerzenden Magen. Es hat sich ausgechucklt. Vom Flur dröhnt ein Geräusch, als schlüge jemand seinen Schädel wiederholt gegen eine Rigips-Wand. Das liegt daran, dass jemand wiederholt seinen Schädel gegen die Rigipswand schlägt (Hans-Joachim), dann hören wir Mandy draußen brechen während Roxana wie ein Tiger durch den Raum tigert und sich an den Haaren zieht. Annalena mit dem Waschzwang hält sich die Augen zu und Monika, die Manische lacht glockenhell.
"Und die Beiträje von dir, dit hatte immer Haut und Haar und du hast dit hier immer so richtje aufjelockert mit diese lockere Art und die kesse Sprüche. Sollick jetzt hier mit die Frustköppe alleene sitzen und mir dit Jejammer anhärn? Dit kannste vajessen, Schwuchtel, abschminken, vastehste! Nichmitmir, nich MIT MMIIRR!"
Herr Dick nickt und schluckt. Dann fliegt der Stuhl durch den Raum, knallt an die Wand und stürzt auf Fettsack. Er jault auf. Esther, die klaustrophobische Fleischereifachverkäuferin aus Kladow, geistesgegenwärtig!, hechtet los, erwischt Roxana von hinten und bringt sie zu Fall.
"OOOOUUUUARRRRGGGGHHHH! Ick brech dir die Beene du schlabbrige Altweiberf-"
Als die Polizei und der Notarzt ankommen und ihn böse anschauen, merkt Herr Dick, dass er sich eine Zigarette angezündet hat. Er drückt sie auf einer Wick Hustenbonbonschachtel aus, wirft einen Blick auf die Entgleisung und fühlt sich stark und gesund. Nur noch einmal, sagt er sich. Nur noch einmal.
*
"Ach, jetzt ist es schon wieder sehr spät geworden, da müssten wir die Abschieds-Feedbackrunde für Herrn Dick vielleicht mit dem Schlussblitzlicht zusammenlegen, wenn das für Sie okay ist."
Als ob wir das jetzt noch ändern kännten. Sylvia aus Pankow hat 73 Minuten lang von dem Verhältnis zu ihrem Vater berichtet. Wie schon letzte Woche. Und zwei Wochen davor. Aber ich steh eh nicht so gern im Mittelpunkt - deshalb bin/war ich ja hier. Werde gewesen sein. Gott sei Dank sind wir heute nur zehn und nicht neunzehn, wie neulich.
"Tja Herr Dick." Der Wiener Therapeut chucklt.
Ich lächele in die Runde.
"Soll ich jetzt sagen, wie ich das ganze hier erlebt habe?"
Der Wiener lächelt ein wenig mystisch zurück.
"Also, ich möchte mich bei allen bedanken, dass sie immer so nett und so ehrlich waren und ich bin etwas aufgeregt, denn in Zukunft kann ich Donnerstags zum Beispiel ins Kino gehen anstatt mir traurige Geschichten anzuhören, aber ich möchte niemanden verletzen, das ist schon okay, wenn man seine traurigen Geschichten hier loswerden mächte."
Die Runde schut mich an. Manche lächeln. Mandy schaut nach unten und nestelt an einem Zewa-Softi. Der traurige Hans-Joachim starrt aus dem Fenster.
"Sie haben enorme Fortschritte gemacht, Herr Dick. Und Sie haben eine echte Bereicherung für die Gruppe dargestellt."
"Dankeschön."
"Ick finde, Du hast hier immer frischen Wind reinjebracht. Und jute Laune."
"Ick wünsch Dir allet jute für die Zukunft."
"Du wirstma fehln. Und ick hoff, det es Dir weiterhin juut jeht."
Ich starre zwischendurch an den Zettel an der Wand, auf dem eine Selbsthilfegruppe für Austherapierte um Mitglieder wirbt. Das ist was für die Therapiejunkies, die selbst nach Klinik und Einzel und Gruppentherapie noch immer mit ihrem Elend verheiratet bleiben wollen. Einige der Anwesenden hüten ihre Gemütskrankheit wie einen teuren Schatz. Sekundärer Krankheitsgewinn nennt man das.
"Du hast immer allet aufn Punkt jebracht."
"Für Dein Weiterleben nach der Gruppe wünsche ich Dir alles Gute."
"Wat soll ick sagen? Ick kenn Dir ja nich. Na ja. Allet Jute."
"Ick - ick ick kann nich." Mandy legt mir die Hand aufs Knie und schluchzt. Seit Roxana wieder auf Bonnies Ranch ist hat die Depression sie wieder voll im Griff. Erst gestern musste sie nach einer Fress-Attacke wieder brechen.
Der traurige Hans-Joachim sagt als letzter Adieu. "Es macht mich - - - traurig, dass Du gehst, Glämma. Es macht mich traurig."
Und in seinen immer noch nicht leergeweinten Augen blitzen Tränen.
Mandy und Sylvia nehmen mich in den Arm. Das erste mal, dass eine Geste des Vertrauens und der Zuneigung physische Form annimmt. Kurz überlege ich, ob ich nicht vielleicht doch meine Telefonnummer da lasse. Nä.
"Vielleicht läuft man sich ja mal über den Weg?"
"Ich wollte grad nochmal dem Therapeuten Danke sagen."
Gehe zum Therapeute, reiche ihm die Hand, sage: "Danke!"
Im Lift lächeln wir uns alle zuversichtlich an. Hans-Joachim ist schon weg. Ich halte den Damen die Tür auf, wir winken uns noch einmal zu und dann verschwinden sie im Dunkeln.


SirDregan
am 10. Nov, 14:43
Doch es ist immer wieder schön zu sehen bzw. zu spüren wieviel Herz und emotionale Details du in deine Beiträge steckst.
am 12. Nov, 10:00
merci monsieur!
am 12. Nov, 11:16
pas de quoi!