
Wintervorboten
von Denise
Es ist immer noch da. Hab dich lange nicht mehr gesehen, eigentlich lange genug. Aber wenn ich Bilder von dir sehe, zufällig, wenn man so will, dann ist es unbestreitbar noch da. Kein Kribbeln, das wäre zu viel, nach all der Zeit mit all ihren Inhalten. Aber es bewegt sich was, irgendwo da, wo mal irgendwann ein Kribbeln war. Ich denke nicht besonders oft an dich, eigentlich nie, dachte ich. Erinnerungen, ja, da sind noch viele da, an damals, als ich noch oft an dich gedacht habe. Eine ziemlich verrückte Zeit. Aber das sagen vermutlich alle über ihre erste Liebe. Du warst meine, unbestreitbar. Das werde ich nicht mehr wettmachen können, egal was noch kommt und das ist ein bisschen schade, denn eigentlich hast du das nicht verdient. Du warst der erste, der mir wehtun konnte und hast die Chance genutzt. Eine ziemlich lange Zeit dachte ich, dass du mich damit für alles, was danach kommt, versaut hast. Das hast du nicht geschafft, tut mir leid. Tut mir leid, das hast du damals auch gesagt zu mir, mehrmals, und ich war jung genug, um dir zu glauben. Aber auch verletzt genug, um gegenteilig zu handeln. Ich bin damals nicht wieder zurück zu dir. Ja, ich weiß, ich war darin über einige Jahre nicht besonders konsequent, hab dich sogar sehr lange zu meiner Liebeslebensversicherung gemacht. Topf und Deckel, ja das waren wir, außer, dass du nicht treu sein konntest. Aber darüber würde ich hinwegsehen können, bevor ich alt, einsam und verbittert sterben würde. Das habe ich dir gesagt, du hast zugestimmt, dein Grübchen-Lächeln gelacht und aus deinem Weinglas getrunken. Wein, den hast du schon immer gerne getrunken, auch, als du mich zum ersten Mal zu dir nach Hause eingeladen hast. Deine Eltern waren nicht da, ganz klassisch. Und du hast irgend so einen Maggi-Nudel-Auflauf gemacht und einen Rotwein auf. Schon während des Essens bekam ich Bauchschmerzen, denn du hattest Kerzen angezündet. Ich war zwar nie besonders romantisch und du auch nicht, aber ich wusste was das hieß, um es nicht zu wissen, hätte ich weniger Daily Soaps sehen müssen. Du hast dann gesagt, ich müsse keine Angst haben, auch ganz klassisch. Deswegen hatte ich dann zwar nicht weniger Angst, aber ich war verliebt in dich und du warst der Richtige.
Nun sitze ich hier und schreibe dir, nein, eigentlich kratzt nur der Stift über das Papier. Denn auch wenn sowas im normalen Leben eigentlich nicht passiert, so kommt das alles ganz von allein aus mir heraus. Und ich dachte auch nicht, dass ich Sätze wie diese im normalen Leben jemals denken würde, aber ich schreibe dir einen Brief, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn abschicke. Eigentlich sollte ich es nicht tun, denn dann ist es wie jeden Herbst, seit dem Jahr, als ich dich damals kurz vor Weihnachten verlassen hatte. Jeden Herbst hast du irgendwie Kontakt zu mir aufgenommen, eine kleine Nachricht über den kitschigen Liebesfilm, den wir damals zusammen im Kino gesehen hatten oder ob es deinem Bernd, mir, gut ginge. Bernd, das war ziemlich lange dein Zauberwort und Bernd heißt auch der Teddy, den du mir damals zu Weihnachten schenken wolltest, der mit den Kugeln im Bauch, der echt weich und flauschig ist und den ich bekommen habe, obwohl ich dich verlassen hatte. Den ich behalten habe, obwohl ich dich verlassen hatte. Ich glaube, jetzt ist Bernd in irgendeiner Kiste, nach dem letzten Umzug ist er nicht wieder ausgepackt worden und ich musste jetzt sehr lange überlegen, wo er überhaupt ist. Trotzdem habe ich, als du dich diesen Herbst wieder wie jedes Jahr gemeldet hast - du scheinst also doch irgendwo ein Faible für Romantik oder eher Sentimentalität zu haben ? kurz daran gedacht, wie es wäre, wenn es ablaufen würde, wie jedes Jahr, seit du meine erste Liebe warst. Wie es wäre, wenn wir uns wieder irgendwo, halb heimlich, halb offiziell, dir war das ja schon immer egal, treffen würden. Wenn wir das gleiche Spiel spielen würden, wie jedes Jahr: Topf und Deckel, nur kochen die Kartoffeln eben noch nicht. Hitze haben wir trotzdem jedes Jahr zugefügt, ganz genauso, wie es auf unserem Lebensrezept stand. Es hat nie funktioniert und irgendwie haben wir beide wohl schon immer geahnt, dass es das wohl auch nie tun würde. Dieses Jahr wird, es nicht so laufen, das war mir sehr schnell nach meiner Irritation über dein plötzlich-regelmäßiges Auftauchen klar. Zum ersten Mal hab auch ich was zu verlieren. Das hast du nicht verhindern können, tut mir leid.
Meine Finger sind inzwischen kalt, das hier ist inzwischen auch schon ein sehr langer Brief. Ähnlich lang, wie der, den du mir damals geschrieben hast und mir mein Herz, nachdem du es erst gebrochen hast, fast wieder geflickt hättest. Ein rotes Blatt fällt vom Baum auf mein weißes Blatt, natürlich passiert das! Es ist Herbst, es weht Wind und ich sitze auf einer Parkbank unter einem Ahorn-Baum. Und schreibe einen Brief, von dem ich nicht dachte, dass ich ihn jemals schreiben würde. Und den ich nicht abschicken werde. Ich werde ihn nicht mal mit nach Hause nehmen, denn ich brauche ihn nicht. Es ist endgültig Herbst geworden und ich weiß, dass es zum ersten Mal nach Jahren auch einen Winter geben wird. Ich freue mich darauf, dann kann ich endlich nach Hause gehen, mir dein Foto anschauen und dabei merken, dass es immer noch da ist. Aber auch, dass ich es nicht mehr brauche.


lantzschi
am 12. Nov, 09:33
im zweiten teil dachte ich: mann, wie persönlich du sein kannst.
im dritten teil dachte ich: naja, das hätte sie noch ein bisschen weniger vorhersehbar machen können.
eine 2+ für den anfang.
trotzdem stolz.
am 12. Nov, 11:32
erhlicherweise hab ich an dem text nicht viel gemacht. beim durchlesen dachte ich mir: man, wie kitischig. gleichzeitig aber auch: na gut, dann soll es eben so sein.
danke für die benotung. :)