Müde, so müde

von Axel Wegner

Eigentlich sind die Pflanzen auf der Dachterrasse die Sache von H. Aber es gibt zwei Zeitpunkte im Jahr, an denen ich mich darauf einrichten muss, hinzugezogen zu werden. Am Wochenende war es mal wieder soweit. Irgendwie ist das immer wie ein kleiner Umzug, schleppen ist angesagt, Oleander, Fuchsien, Blumenkästen reinholen, auf die Lagerplätze im Treppenhaus. Umpflanzen, die Rosen in frostfeste Töpfe. Ungewohnte körperliche Tätigkeit, trotz der Hilfe von Nachbarn. Als Höhepunkt wird der Klimakiller samt Gasflasche, der Heizpilz, auf die Terrasse verfrachtet. Ausruhen, nur ausruhen. Ich bin müde.
Richtig müde bin ich am Montag eigentlich immer, die Woche türmt sich wie eine Wand und der schwere Körper muss gezwungen werden, sich auf den Weg zu machen. Fünf Tage in der anderen Stadt, arbeiten fern vom Klimakiller, warten auf Freitag. Müde bin ich immer noch, halb verschlafen und doch wach geht es zum Bahnhof. Viel matschig-verkümmertes Laub auf den Straßen, aus den Augenwinkeln beobachte ich unlustig die Umgebung. Es ist anders, Autofahrer sind zu Gange, kratzen die Scheiben, ganz ungläubig, eine Handlung schon fast vergessen.
Die S-Bahn ist voll wie immer am Montag morgens. Viele lesen, die Pendlerprofis haben ein dickes Buch in der Hand. Kopfhörer blasen die Weckmelodie in die Ohrmuscheln, iPods und andere werden hervorgefummelt, um die Wachmachmusik auszuwählen. Schwarze Finger drehen am Gerät. Schwarze Finger? Dass es Wollhandschuhe gibt, hatte ich vergessen, es ist soweit, sie bleiben auch in der S-Bahn auf den Fingern.
Die letzte Zigarette am Hauptbahnhof vor der Fahrt mit dem Nichtraucherzug. Die Leute sind die gleichen, der weiße Rauch steigt auf vor dem Gesicht. Da sind aber welche, die keine Zigarette haben in der Hand. Der weiße Rauch ist keiner. Kalter Atem steigt auf und verflüchtigt sich in der Luft. Die Abluft vom Kraftwerk in Spandau steht waagerecht. Inversionswetterlage.
Im Zug sich der Müdigkeit hingeben. Schlafen. Aus den Augenwinkeln einen Blick nach draußen. Die Sonne über der Mark Brandenburg lässt den Reif auf den Wiesen glitzern. Warum weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll?
Der Zug kommt zum Stehen. Er steht und steht und steht. Aus dem Lautsprecher knarrt eine Stimme und redet von Signalstörung. Das gab es lange nicht mehr, ist es das Wetter? Sicher nicht, die Bahn redet nicht vom Wetter, ist es eine neue Form von Streik?
Endlich am Arbeitsort. Wach bin ich nicht gerade. Die Kollegin macht sich Sorgen, ob der Hausigel die Kälte noch aushält, ohne im Winterschlaf zu sein. Der Tag zieht sich hin, es wäre schön, den Kopf auf die Tastatur zu legen, zu schlafen, zu schlafen.
Der Kühlschrank ist leer. Auf dem Weg zum Supermarkt fallen die Frauen auf, die Schaftstiefel tragen. Im Laden gibt es nichts als Lebkuchen. Es wird dunkel. Endlich darf ich ins Bett.
Anders als vorher ist es dunkel als ich aufwache. Dienstag, ich freue mich auf das Wochenende. Und ich bin, frisch aus dem Bett, müde. Meine Stimmung ist mies, ich weiß nicht, warum. Langsam zieht sich die Woche, endlich ist es Freitag, ab geht es nach Hause. Auf der Hausantenne versammeln sich die Stare, der Oleander ist geklaut, verschwunden aus dem Winterquartier.
Nein, es ist noch nicht Weihnachten, aber es wird Zeit für den Winterschlaf.
Axel Wegner, Mathematiker, Alt-Hamburger und (nicht mehr so Ganz-)Neu-Berliner. Fand einen Job und Frau in Berlin, verlor ersteren und hat nun wieder einen in Hamburg. Das gibt die Gelegenheit, wöchentlich mehrere Stunden in den internetlosen Salonwagen der Deutschen Bahn über Formeln zu brüten oder kleine Geschichten zu schreiben.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Axel Wegner
Titel: Müde, so müde
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am 12. Nov, 13:17

Ja dieses Wetter macht müde und verursacht Muskelschmerzen und gehen nur beim schlafen weg. Schön wäre es Weihnachten zu verschlafen.
...und der Frühling und Sommer sind immer so schnell vorbei.
Gute Nacht!