
Der Zugang zur Welt
von Sofastar
Meine Freude ist die Melancholie, meine Ruhe sind die Qualen. Die Liebesflamme ist erloschen, die Seele ist kahl.
Es ist wieder so weit. Kaum ist die Blütezeit für Pollenallergiker vorüber, erlebt die nächste Volkskrankheit Konjunktur: die Depression. Eine ernst zu nehmende Sache! Weltweit gibt es 121 Millionen Prozac-Kandidaten, sagt die WHO. Der Neurotransmitter Serotonin spielt eine wichtige Rolle, sagt die Wissenschaft. Ist aber alles nichts Neues. Schon vor 460 Jahren beschrieb der 71-jährige Michelangelo Buonarotti mit den oben genannten Worten seinen Gemütszustand, und König Saul soll sich ja bereits ca. 1000 v.Chr. an Depressionen leidend ins Schwert gestürzt haben.
Seit damals wurde angeblich alles besser, die Menschheit deswegen aber anscheinend nicht glücklicher. Allein in Großbritannien stiegen die Verschreibungen von Prozac von 1994 bis 2004 von 9 Millionen auf 24 Millionen. Was dazu führte, dass die Rückstände dieses Psychopharmakons, die in Kläranlagen nicht gefiltert werden können, mittlerweile im Trinkwasser nachweisbar sind. Immerhin wird Teetrinken somit auch fernab der traditionellen chinesischen Medizin zu einem psychischen Wellness-Zeremoniell.
Depressionen können die Ursache für psychotische Reaktionen wie zum Beispiel Wahngedanken, Schuldgefühle, Krankheitsängste, Verarmungsängste, oder ein stark mangelndes Selbstwertgefühl sein. Patienten, die nach Jahrelanger Erkrankung aus der Depression heraus finden, müssen einen neuen Zugang zu dieser Welt erlernen. Jaja, la vita è bella, schon klar, aber wie sieht der Zugang zu einer medial vermittelten Welt ohne Prozac im Hirn aus?
Selbst wenn meine Neurotransmitter nicht verrückt spielen, und ich von jahrelangen Depressionen so viel Ahnung habe, wie Britney Spears von Kindererziehung, kann mir die Lust auf ein Leben im Schoß dieser Welt schon manchmal vergehen. Davon ausgehend, dass es sich bei der miesen Laune nicht um eine genetische Prädisposition handelt, finden sich überall Ursachen für eine umfassende Gemütsverstimmung.
Bereits der Blick in den Spiegel sorgt für ein gewisses Unbehagen. Ich sehe eine einzige Problemzone. Falten, Ausfallserscheinungen am Haaransatz, zum Six-Pack fehlen noch fünf Hubbel. Laut Gentlemen's Quarterly dürfte ich so nicht mal auf die Straße. Mal abgesehen davon, dass mein Anzug nicht von einem Designer stammt, dessen Name irgendwie italientisch klingt, und meine Schuhe weder handgemacht noch rahmengenäht sind. Äußerlich stinke ich also in Bezug auf das medial verbreitete hegemoniale Männerbild ziemlich ab. So viel zum Thema Selbstwertgefühl. Und nein, ich habe noch nie innere Werte in einem Hochglanzmagazin gesehen! Und im Fernsehen sind die Guten doch auch immer die Schönen. Mal abgesehen von Quasimodo. Aber der war doch sicher auch depressiv! Oder?
Was die Verarmungsängste anbelangt, punkte ich auf ganzer Linie. Ich zähle nämlich nicht zu jenen, die ihr Taschengeld seit dem 8. Lebensjahr in eine Altersvorsorge investieren. Naja, immerhin habe ich Arbeit. Noch. Und mein Kontostand? Sprechen wir nicht davon. Ich habe keine finanzielle Probleme. Für Banken gibt es auch keine Immobilienkrise. Alles in allem sieht meine Zukunft zwar nicht gerade rosig aus, will man all den Nachrichten über die Entwicklung des Sozialstaates und den Anzeigen der Versicherungen und Banken Glauben schenken, das ist aber eigentlich scheißegal.
Als Raucher sterbe ich nämlich sowieso früher. Womit wir auch schon bei den Krankheitsängsten angelangt wären. Mittlerweile dürfte wohl der Großteil der von mir konsumierten Lebensmittel krebserregend sein. Beim Gedanken an spanische Paprikas bekomme ich hektische Flecken. Die Umwelt ist eine einzige Katastrophe. Feinstaub. Abgase. Elektrosmog. Vogelgrippe. Klimawandel. Ozonloch. Lungenkrebs. Hautkrebs. Prostatakrebs. Gebärmutterhalskrebs. Sie finden meine Angst vor Gebärmutterhalskrebs übertrieben? Schon möglich - wer weiß!? Am meisten jedoch fürchte ich mich vor der Depression, vor der man sich gerade zu dieser Jahreszeit angeblich besonders fürchten muss. Mit dem Wetter kippt auch das Gemüt ins Trübe, und Depressionen können psychotische Reaktionen auslösen, wie zum Beispiel Krankheitsängste, Verarmungsängste, ein mangelndes Selbstwertgefühl, Wahnvorstellungen und Schuldgefühle...
Schuldgefühle hab ich eigentlich keine. Außer wenn ich mit dem Auto fahre. Wenn ich Musik aus dem Internet lade. Wenn ich eine Thunfischpizza esse. Wenn ich Kleidungsstücke bei H&M kaufe. Wenn ich CO2 ausatme. Wenn ich nicht für eine französische Kinderhilfsorganisation spende. Wenn ich... Wahrscheinlich bin ich doch an allem schuld!
Vielleicht handelt es sich nur um Wahngedanken. Vielleicht von einer Depression verursacht. Vielleicht ist aber auch diese medial vermittelte Welt in der wir leben mittlerweile ein einziger Wahngedanke, und die Depression nicht Ursache, sondern Folge...


KWentin
am 12. Nov, 14:59
aber zum thema schuldgefühle eine buchempfehlung:
http://www.amazon.de/Anleitung-Unschuldigsein-%C3%9Cbungsbuch-schlechtes-Gewissen/dp/3596156963/ref=pd_bbs_1/303-4384198-9001831