Enden

von Björn Schwede

Farblosigkeit, der Verlust von Farben zeigt sich so bunt in dieser Jahreszeit. Überall gibt es Kürbisse zu kaufen. Und die Sachen der Leute, die dafür anstehen, tragen den ersten klammen Geruch des Jahres in sich. Auf den Feldern stehen Strohballen, die auch zu Treckern, zu Puppen gestapelt werden für das Erntedankfest.

Der Wind fegt über die Felder und drückt gegen mein Auto. Die Felder, die in meiner Kindheit so endlos schienen. Und mit Stoppeln übersäht waren, dass ich beim Rennen aufpassen musste, nicht u fallen.
Wenn ich dann mit aufgekratzten Händen und Rissen in der Hose zu meinem Großeltern ins Haus lief, in die gute, warme Stube kam, lachten sie. Bis ich auch lachte.
- Du brauchst nicht so zu eilen, sagte mein Opa, das Leben wartet überall und immer auf dich.
Auch, als mein Drachen vom Wind fortgerissen wurde, versuchte er mich zu trösten.
- So ist das Leben, und vielleicht findest du deinen Drachen eines Tages wieder und er erzählt dir von der Welt. Dinge gehen verloren, werden gefunden.
So ist das Leben. Vielleicht ist das Leben nur so im Herbst, wenn sich die Farben verlieren. So bunt.

Der Wind drückt gegen das Auto bis ich in den Windschatten der Häuser gelange. Ich bremse ab. Werde langsamer, als ich in meine Heimatstadt einfahre. Den Berg ein Stück hinunter. Vor dem Blitzer noch etwas abbremsen und dann die Anhöhe hinauf. Einparken, über den Platz vor dem Haus. Die Schiebetür öffent sich automatisch. Ich grüße eine Schwester, klopfe an und öffne die Zimmertür.
Er hat mich nicht gehört, sieht verträumt aus dem Fenster. Seine Hände ruhen auf dem Armlehnen. Der Fernsehen ist immer noch defekt. Die Zeitung stapelt sich ungelesen. Ist das ein Lächeln auf seinem Gesicht?

Ich folge seinem Blick.

Bei jedem kleinen Windstoß tanzen die Blätter vom Baum. Bei grobem Wind werden sie abgerissen. Ich folge seine Blick hinauf zu dem obersten Blatt an diesem Baum. An den anderen Ästen weit oben ist schon kein anders Blatt mehr. Dieses eine hat sein Blick fixiert. Hält es fest im Auge, während die anderen fallen.
Fast erscheint es, als ob dieses Blatt dort viel zu lange hängt. Viel zu lange, um einfach nur vom Wind gerissen zu werden. Als müsse es selbst entscheiden, wann es Zeit ist. Wie lange mag es dort oben noch ausharren?

Er dreht seinen Kopf zu mir. Er lächelt. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, spricht er zu ihnen.
- Alles wird gut.

Ja, alles wird gut.
Alles wird gut.
Enden.
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden veröffentlicht.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Björn Schwede
Titel: Enden
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am 17. Nov, 16:33

Sehr schöne Geschichte. Hat mich ordentlich zum Nachdenken gebracht.