Glaube ist, was bei mir im Herbst passiert

von Florian Zinnecker

Andere backen jetzt Apfelkuchen, ziehen Winterreifen auf oder kümmern sich um ihre Steuererklärung. Ich nicht. Ich muss jetzt dran glauben - an Gott. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, wie andere Apfelkuchen backen: im Herbst. Aus einer Laune heraus. Wie immer schon. Und zwar vielleicht nicht nachhaltig - aber es fühlt sich gut an.
Am Anfang ist da bloß ein vages Kribbeln. Erst zwischen den Schulterblättern, dann im Magen und dann im Kopf. Vor allem im Kopf. Wobei der Magen bei der Geschichte, so gesehen, keine unwesentliche Rolle spielt. Konkret wird das Kribbeln allerdings nur im Kopf, mittendrin, irgendwo zwischen dem Langzeitgedächtnis und dem gesunden Menschenverstand. Letzterer macht, wenn's soweit ist, erstmal Pause. Komfffme gleich wieder.
Hausmittel helfen nicht dagegen. Los kriegt man's nur, wenn es von selbst verschwindet - frühestens nach ein paar Tagen, spätestens nach zwei, drei Wochen. Bis Weihnachten jedenfalls war ich mit der Geschichte bis jetzt jedesmal wieder durch. Gottseidank gewissermaßen. Weihnachten hat meinen Glauben schon immer kaputt gekriegt. Okay, in die Kirche gehe ich trotzdem am Heiligen Abend, so viel Widerspruch muss sein. Aber: Wirklich gläubig bin ich nur, wenn die Blätter fallen und der Nebel steigt. Immer dann.
Und immer läuft es gleich: Ein Spaziergang, ein Gespräch, ein unbedachter Gedanke, und zack! - hat's mich erwischt. Ob ich will oder nicht. Wobei ich, ganz tief in mir drin, wahrscheinlich doch irgendwie will. Sonst wäre mein Immunsystem resistent.
Mein Arzt sagt, die Sache sei harmlos. Reine Kopfsache. Meine Ex-Freundin sagt das Gleiche, nicht ohne anzumerken, da zeige sich mal wieder, wie hammermäßig egozentrisch ich doch sei. Mein bester Kumpel hat, als ich ihm davon erzählte, eine Viertelstunde lang gelacht. Meinen Therapeuten kann ich nicht fragen, weil es ihn nicht gibt. Meine Mutter beginnt, sobald ich das Thema auf den Tisch bringe, von ihren Blumenkästen zu erzählen.
Nur ein mir gut bekannter Pfarrer hat eine differenziertere Meinung: Interessanter Ansatz, steckt allerhand drin, äußerte er einst beim gemeinsamen Fußballgucken (wir kannten uns schon, als er noch kein Pfarrer war und ich frisch konfirmiert). Eigentlich sei das ja christlich durch und durch, am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und so. Dass unser Gespräch an dieser Stelle ein abruptes Ende fand, lag daran, dass Lehmann einen entscheidenden Elfmeter hielt und Deutschland im WM-Halbfinale stand - auch ein Wunder, so gesehen.
Dass andere im Stadion gläubig werden, immer nur sonntagvormittags, vor dem Staatsexamen, im Stau, beim Marathon-Zieleinlauf oder nach sieben Bier - ihre Sache. Bei mir ist's der Herbst.
Ohne Rituale am Sonntagmorgen kann aber auch ich nicht. Morgens sind, um zwischendurch wieder die Parallelen zur Herbstgrippe zu ziehen, die Symptome generell am schlimmsten. Und auch die Ansteckungsgefahr ist am größten: Aufgehende Sonne. Nebel. Morgenröte. Eiseskälte. Vielleicht ein paar Bäume. Dampfender Atem. Wunderbar - und zack!, ist sie da, die Frage, ob das alles - jene Szenerie, der ich in diesem Moment den Stempel WUNDERBAR aufdrücke - wirklich nur evolutionärer Zufall sein kann. Die Sonne scheint zufällig golden durch zufällig verdunstendes Wasser, bricht sich zufällig an zufällig hier gewachsenen Bäumen, und ich, der ich zufällig geboren bin und zufällig das hier sehe, finde all das zufällig fantastisch? Na, ich weiß ja nicht. Ich glaube nur. Und glauben heißt nicht wissen. Zumal mein gesunder Menschenverstand, wie gesagt, ja außer Betrieb ist.
Zu Weihnachten, wie gesagt, bin ich mit der Geschichte längst wieder durch. Kein Ding, Glaube ist bei uns ja gottseidank Privatsache. Fast. Das Finanzamt wird mir das alles nie abnehmen.
Florian Zinnecker kann zwar nicht tippen, aber mit dem Schreiben klappt's schon ganz gut. Laufen kann er auch. Nicht sehr schnell, aber lange. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Darüber (naja, darüber nicht unbedingt) denkt er nach, wenn er gelegentlich um die Hamburger Außenalster trabt. Was, seit er von Hamburg aus operiert, schon mal passieren kann. Ist aber okay - er ist ja noch jung.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Florian Zinnecker
Titel: Glaube ist, was bei mir im Herbst passiert
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Suche

 


am 10. Nov, 14:50

Hehe schöner Beitrag, echt.
Allein durch den Satz "Weihnachten hat meinen Glauben schon immer kaputt gekriegt" kann man das alles sofort nachvollziehn.