Wie der Herbstwind

von Benjamin Reichstein

Vor sich hin alternd saß der dürre Mann hoch oben auf dem Rand des kalten Felsvorsprung. Sein Gesicht war gezeichnet von der Kälte und dem Regen, doch es störte ihn nicht. Geistesabwesend starrte er hinunter ins Tal und beobachtete den Windstoß, der vor ihm ein paar braune Blätter aufwirbelte. "Carmen", sagte er zaghaft und lies die Worte ungehört in der kalten Luft erfrieren.
Hier hatte Sie ihn zum ersten Mal geküsst. Damals, vor zwei Jahrzehnten.
Sie stand ganz nah neben ihm - genau so wie jetzt. Der kühle Herbstwind liess ihr langes Haar sanft in der Luft schweben und ihr Gesicht passte in diese Landschaft als wäre alles in seinem Blickfeld ein einziges, meisterhaftes Gemälde. Jeder ihrer Gesichtszüge erhaben wie ein Pinselstrich von Michelangelo, alle ihre Konturen wie von Rembrandts Hand selbst geschaffen. Anmutig drehte sie ihren Kopf und lächelte den alten Mann an. Sie war seit ihrem ersten Kuss keinen einzigen Tag gealtert und noch immer glänzten ihre Rehaugen verträumt, wenn sich ihre Blicke trafen und ihr Mund die schönsten drei Worte der Welt formten.
Ihre Seelen waren fest miteinander verbunden, davon war er überzeugt.
Denn seit sie ihn verlassen hatte fühlte er das klaffende Loch in seinem Herzen, wo einst ihr Platz gewesen war. Kein Gefühl drang mehr zu ihm durch, sondern wurde unbarmherzig in dieses kalte Nichts gezogen und kein noch so schöner Gedanke konnte ihn auch nur zu einem einzigen, ehrlichen Lächeln bewegen. Er war eiskalt und rau geworden, genau wie der scharfkantige Fels, auf dem er so gerne saß.
Kaum erhoben sich in ihm diese Gedanken, begann ihre Erscheinung zu verblassen und mit ihr auch das Lächeln aus seinem Gesicht. Sie war nun schon zwanzig Jahre tot, doch er konnte sie immer noch nicht loslassen. Also erhob er sich langsam und ging auf Carmen zu um sie endlich wieder in seine Arme zu schliessen und für immer bei ihr zu sein.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.
mindestens haltbar 11/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Benjamin Reichstein
Titel: Wie der Herbstwind
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am 11. Nov, 19:03

...Gänsehaut, Deine Wendung. Kompliment (ganz und gar nicht als Revanche zu verstehen..)


am 12. Nov, 23:11

wow. ich bin sprachlos. ganz grosses kino, herr reichstein. ganz grosses kino. und dann die musik dazu - gänsehaut pur. da bleibt einem nur zu hoffen, dass deine ernste seite in zukunft öfter mal zum vorschein kommt ;-) rock on, dude!


am 14. Nov, 15:59

Also die Idee und die Thematik der Geschichte gefällt mir sehr gut. Allerdings empfinde ich sie als zu schnell "abgearbeitet" und ab und an wackelts im Stil - manche Bilder sind irgendwie angestaubt.
Die Geschichte liest sich deutlich anders, als wenn man hört wie Du sie vorliest, was Du wirklich klasse hinbekommen hast. Mit der Musik zusammen erzeugt das Gänsehaut.
Keine schlechte Sache, aber Du bist zu mehr fähig. Für alle die das nicht wissen, einfach mal in Bennys Blog rumstöbern (2006 gibts einige Schmankerl.) ;)


am 20. Nov, 10:21

ein einziges, meisterhaftes Gemälde. is wundevoll betont

aber Rehaugen
oder ,davon war er überzeugt

passen für mich nicht zu der ausdruckweise im rest vom text...

stell doch mal das oberflächenkratzen irgendwohin den würd ich gern nochmal lesen

am 7. Dez, 11:31

Den kannst du am Sonntag in der Langfassung in Fürth hören :)


am 29. Nov, 09:40

Hallo Benny,

ich kam endlich dazu, deinen Beitrag hier anzuhören und zu lesen. Wirklich Klasse geworden!

Sorry, das ich gestern nicht im Podium aufgekreutzt bin. Hab' den Termin total verschlafen :(

Gruß
Thomas aka The Oper@tor