0311 - November Musik
Editorial
Don Dahlmann
Diese Ausgabe ist ein echtes Experiment. Der Gedanke, dass man eigene Texte mit einem Soundtrack unterlegen kann, schwirrte mir schon länger durch den Kopf. Nicht wenige Texte von mir sind entstanden, als mich irgendein Stück Musik inspiriert hat. Zur Musik entstanden Bilder oder Emotionen im Kopf, die ich versucht habe in Worte zu fassen. Wirklich bedauerlich ist, dass man selten genau die Musik, die mitverantwortlich für einen Text ist, nicht zusammen mit dem Text veröffentlichen darf. Deswegen habe ich für diese Ausgabe die Idee gehabt, dass man den Text zur Stücke schreibt, die unter einer CC Lizenz liegen. Das ist nicht so ganz leicht, aber es haben doch wieder viele Autoren mitgemacht und sich auf das Wagnis eingelassen.
Ein paar Worte zu Handhabung. Die Musik kann man hören, wenn man über dem Text den kleinen blauen Pfeil anklickt. Wer keinen blauen Pfeil sieht, muss Javaskript aktivieren. Anders geht es leider nicht.Nach dem Klick streamt die Datei automatisch los. Klickt man auf den Namen der Band, lädt automatisch das mp3 und wird im eigenen Player auf dem Rechner abgespielt. Leider kann man wegen der Formatierungen im Kopf der Texte die Links nicht sehen. Ich habe alle Links zu den Webseiten der Musiker (wenn vorhanden) ins letzte Wort gepackt. Meist findet man dort mehr Infos und vor allem auch noch mehr Musik.
Wer keine Lust hat, sich die Sachen einzeln runterzuladen, der kann die Musik der gesamten Ausgabe bei Rapidshare in einem zip File
runterladen(64 MB)
Der Dank geht diesen Monat an
Opsound, die mir viele Tipps zu Thema CC Musik gegeben haben und die sehr viele unbekannte Künstler vorstellen. Ein Blick auf die Seite lohnt allemal. Weiterer Dank geht an twoday.net, die das dauerhafte Hosting der Stücke übernommen haben, so dass den Musikern keine Kosten entstehen. Und zu guter Letzt geht der Dank natürlich wieder an die Autoren und vielen Helfer im Hintergrund.
Viel Spaß also mit den Texten und der Musik. Und nicht vergessen: manche Musiker verkaufen ihre CDs im Selbstvertrieb und freuen sich über eine Bestellung.
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, schreibt er nebenbei ein
Blog.
Um fünf schon dunkel und andere Ungeheuerlichkeiten
ichichich
Ist man gezwungen, sich seinen Stadtteil mit einer Vielzahl von Bewohnern zu teilen, dann kommt man nicht umhin, gelegentlich Menschenansammlungen zu passieren, aus deren Mitte ein aufgeregtes Schnattern tönt. Ein solches Grüppchen wärmte sich kürzlich bei meinem Konditor auf, so dass ich in der glücklichen Lage war, bei Kaffee und Gebäck Studien zu betreiben, um die mich Konrad Lorenz beneidet hätte. Das Schnattern entpuppte sich nämlich als Gespräch, und ich erfuhr Erstaunliches. Dass es "um fünf schon dunkel" sei, stellte ein schmächtiger kleiner Opa erbost fest. Eine beigefarbene Dame wies darauf hin, dass sie schon gezwungen sei, Handschuhe zu tragen, was die Umstehenden mit entrüsteten Ausrufen quittierten. Vollends machte sich Entsetzen breit, als eine weitere Dame bemerkte, sie habe ihre Heizung gestern "auf drei" stellen müssen. Ach Herbst, dachte ich, bei denen hast du es dir aber endgültig verschissen.
Ich kann das nicht verstehen. Die Menschen tun so, als zwänge man sie, bei funzligem Lichte in kalten Hütten zu kauern und an schimmligen Brotkrusten zu nagen. Doch dies trifft nicht zu, denn ein gütiger Gott hat bereits vor geraumer Zeit die Glühbirne erschaffen und den Nachtspeicherofen obendrein. Offenbar hat sich das noch nicht genügend herumgesprochen, denn anders kann ich mir das Gejammer nicht erklären. Ich muss gestehen, dass ich von beiden Erfindungen ordentlich Gebrauch mache, und ich schäme mich dessen nicht. Wenn es im Herbst knallt im Atomkraftwerk, dann sind es vermutlich nicht die Reaktoren oder Trafohäuschen, die in die Luft fliegen, sondern die Champagnerkorken, die man steigen lässt, nachdem ich Licht und Heizung angestellt habe.
Heute Abend geschah etwas Bemerkenswertes. Als ich nach Hause kam, lungerte ein betont unauffälliger Mann vor meinem Hauseingang herum. Kaum hatte ich den Schlüssel ins Schloss gesteckt, holte er sein Telefon heraus und flüsterte: "Er ist da. Schiebt schnell einen Brennstab rein!" "Besser zwei!" rief ich ihm schmunzelnd zu und betrat frohgemut meine Wohnung, glücklich darüber, von einer zu Unrecht am Pranger stehenden Industrie so liebevoll umsorgt zu werden. Mögen die Uranvorkommen nie versiegen.
Kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, klingelte das Telefon. Es war mein alter Freund Al. Er sagte: "Hör mal, ich sitze gerade in meinem Weltklimaschutzzentrum und registriere so ein merkwürdiges Zucken in meiner Weltklimazustandsmesskurve. Hast du etwa wieder die Heizung..." Ich legte sofort auf. Im Herbst kann man mit Al Gore nicht reden, ohne ein schlechtes Gewissen verpasst zu bekommen. Im Sommer dagegen ist er der umgänglichste Kerl, mit kleinen Einschränkungen. Oft sitzen wir gemeinsam im Straßencafe, nehmen unsere Toupets ab und lassen uns die Sonne auf die blanken Köpfe scheinen. Früher trank ich dazu gerne ein Mineralwasser, aber nachdem mich Al darauf aufmerksam gemacht hatte, dass zukünftig Kriege um Wasser geführt würden, traue ich mich das nicht mehr. Die Furcht davor, vermummte Freischärler könnten aus den umliegenden Büschen springen, um mir wegen 0,33l Staatlich Fachinger die Kehle aufzuschlitzen, ließ mich zu alternativen Durstlöschern wechseln. Kurzzeitig war Cola das Getränk meiner Wahl, bis ich erfuhr, dass Samuel P. Huntington gerade an "The Clash of Civilizations Part 2: Coke vs. Pepsi" schreibt. Meine Besorgnis, in diesem Konflikt unversehens auf der falschen Seite zu stehen, war groß. Nun trinke ich Kräutertee. Von Kriegen um Kräutertee habe ich noch nichts gehört und ich halte auch ihre zukünftige Wahrscheinlichkeit für gering. Kräuterteetrinker sind keine Mörder.
Aber eigentlich wollte ich ja vom Herbst erzählen. Den Herbst muss man nämlich einfach lieb haben. Während der Frühling aufdringlich mit seinen blauen Bändern rumwedelt, der Sommer uns heißblütig umschwänzelt und der Winter, ach reden wir nicht vom Winter; während diese Jahreszeiten uns also eher lästig auf die Pelle rücken, kommt der Herbst angenehm dezent daher. Man stelle sich eine Party vor, die sich langsam dem Ende zuneigt und bei der die interessantesten Gäste bereits aufgebrochen sind. Da stehen plötzlich zwei attraktive Damen vor einem. Es sind Frau Wärme und Frau Licht und sie sagen "So, wir ziehen uns dann mal zurück. Ihr kommt doch auch ohne uns klar, Jungs", und weil man etwas unglücklich dreinschaut ob dieser Bekanntmachung, ergänzen sie: "Grämt euch nicht. Schaut lieber mal da hinten, zu dem brünetten Wirbelwind und der kühlen Lady daneben, die sind doch auch ganz bezaubernd." Und so sagt man Licht und Wärme frohgemut Ade und verbringt seine Tage fürderhin mit den beiden anderen Damen, um gemeinsam mit ihnen, in Pelze gehüllt, durch den herbstlichen Mischwald zu mäandern, in den einen oder anderen gülden schimmernden Laubhaufen zu treten und sich am bunten Blattgestöber zu ergötzen.
Nun will ich nicht so tun, als hätte der Herbst nur Schokoladenseiten. Tatsächlich führt auch er eine hässliche Fratze in der Innentasche seines Übergangsmantels mit sich, die er gelegentlich mal rausholt und aufsetzt. In diesem Fall vermeide der Mensch tunlichst Sichtkontakt, denn andernfalls droht ihm ein gewaltiges Heulen und Zähneklappern. Durch vehement geschlossene Fenster und Türen kann man sich dem entziehen. Des Weiteren halte man ausreichend heiße Schokolade und einen Kamin bereit. Oft kommen Menschen zu mir und erzählen davon, wie wunderbar es sich vor einem prasselnden Kaminfeuer gemüteln ließe, während draußen vor der Thermoverglasung fröstelnmachende Winde tobten. Dieses Wissen hätten sie aus einer Pro7-Vorabendserie oder einem Calvin & Hobbes-Cartoon bezogen. Ich bezweifle das nicht. Mit Bedauern muss ich allerdings kundtun, dass sich mein Leben bislang weitgehend kaminfrei gestaltet. Ich besitze keinen, besaß nie einen und kenne auch niemanden näher, der einen besäße und mich davor residieren lassen könnte. Ich sollte meinen Freundeskreis vielleicht einmal einer kritischen Überprüfung unterziehen.
Es ist allerdings auch so eine Sache mit den Kaminen. So ist der Gebrauch von ehrlichen Holzscheiten offenbar völlig aus der Mode gekommen. Flaniert man wochenends durch die Vorstadt, sieht man nirgendwo mehr schwitzende Familienväter mit freien Oberkörpern in den Vorgärten stehen, um mit blitzenden Äxten Bäume zu spalten und die Scheite zu imposanten Stapeln aufzuschichten. Stattdessen heizt man mit sogenannten "Pellets", den Fischstäbchen der Heizmittelbranche, die man sich im nächstgelegenen Baumarkt aus dem Regal nimmt, bei einer leicht adipösen Kassiererin namens "Frau Wolters" mit seiner Kundenkarte bezahlt und im Kofferraum des geleasten Nissan Kombi nach Hause fährt, zusammen mit einer Packung vierlagigen Toilettenpapiers und sechs Flaschen Merlot (halbtrocken). Ich finde das nicht gut. Wer mit Pellets heizt, der isst auch Spanferkel aus Dosen, statt sich das kross gebräunte Fleisch direkt aus dem rotierenden Tier zu schneiden.
Apropos gebräuntes Fleisch: Eine brennende Sorge des Menschen im Herbst gilt offenbar seiner Oberflächenbeschaffenheit. Immer wieder stelle ich fest, dass nur derjenige gesellschaftliche Akzeptanz zu genießen scheint, dem es gelingt, auch in dunklen Jahreszeiten seine Epidermis zu einer gewissen Mindestpigmentproduktion anzuregen. Gegebenenfalls muss dem nachgeholfen werden. Karotten sollen diesem Ziel dienlich sein, sind aber in den benötigten Mengen allergologisch bedenklich. Gottlob gibt es Sonnenstudios. Ein Sonnenstudio ist ein Raum, in dem Menschen ohne eigene Sonne für kurze Zeit und gegen ein geringes Entgelt der Zugriff auf künstliche Fremdsonnen gestattet wird (vergl. auch "Tonstudio"). Das Sonnenstudio in meiner Straße ("Hier werden Sie garantiert braun!") liefert sich mit dem gegenüberliegenden Restaurant ("Hier werden Sie immer satt!") ein unerbittliches Rennen um Börse und Barschaft der Bürger. Müsste ich mich entscheiden für eines der Etablissements, fiele mir die Wahl nicht schwer, denn ein gegrilltes Steak ist einem gegrillten Selbst unbedingt vorzuziehen. Mit dieser Einstellung scheine ich jedoch einer Minderheit anzugehören, denn gerade im Herbst sieht man die Menschen in die Sonnenstudios strömen, wie Süchtige auf der verzweifelten Jagd nach legalen Pigmentstimulanzien. "Was wollen Sie denn dort? Sie sind doch schon braun!", rufe ich einer Dame der Gattung "Gut durch" hinterher. "Nicht braun genug! Nicht braun genug!" erwidert sie und eilt dem verheißungsvollen Lichte entgegen.
Mir soll es recht sein. Ich werde heute Abend das gegenüberliegende Restaurant aufsuchen, ein knuspriges Spanferkel bestellen und dem Herbst bei seinem arttypischen Verhalten zuschauen. Vielleicht kann ich den Wirt zum Einbau eines Kamins überreden? Beim Holzhacken würde ich ihn tatkräftig unterstützen.
Später werde ich noch Al zurückrufen. War ja wirklich etwas unhöflich von mir.
ichichich
lebt in Hamburg und
bloggt. Wenn er mal nicht bloggen mag, hat er stattdessen keine Lust, sich ein originelles Autorenporträt auszudenken. Lieber bloggt er.
In der Hölle spielt Musik
Susanne Englmayer
Es ist Herbst. Es ist Zeit, auch wenn sie wiegt. Wie Blei, diese Zeit. Wie der Blues, manchmal. Ich mag keinen Blues. Ich bin im Herbst nicht zu gebrauchen, im Gegenteil. Herbst ist eine üble Zeit. Die übelste überhaupt. Jeden Abend, schon in der Dämmerung. Da hilft nichts, mir nicht. Auch nicht Musik. Nicht mehr. Dunkles Blau wiegt durch die Nächte. Endlos, bis zum April. Sind alle Nächte, lang.
Es ist Zeit, mahnt Master Don. Redaktionsschluß. Mindestens haltbar, doch eigentlich nicht mehr zu halten. So ist das eben. So ist das immer. Autoren kommen zu spät, und das nicht nur im Herbst. Wenn sie den Blues haben. Doch das Thema paßt, diesmal. Depression und Musik. Schreibt der Don, ganz lapidar.
Depression und Musik, das muß man sich einmal vor Augen führen. Depression UND Musik! Also nicht nur das eine. Oder das andere. Als würde eines von beiden nicht vollkommen ausreichen. Um einen Autor ins Grab zu bringen. Nein, es muß beides sein. Zur gleichen Zeit. Sagt der Don, einfach so. Und das im tiefsten Herbst.
Also wirklich? Also los!
Musik entsteht nicht im Kopf, wie ein Text. Nein, so ist das nicht. Das könnte man meinen, und das wäre schön. Wenn man Musik einfach hinschreiben könnte, und dann wäre sie fertig. Wie die Buchstaben hier, einer nach dem anderen. Nichts steht ihnen im Weg. Und die Worte, immer schön folgerichtig. Oder auch nicht folgerichtig, das ist ziemlich egal. Meistens jedenfalls, wenn es gut läuft. Und wenn nicht, dann eben nicht. Wen kümmert das? Das leere Blatt vielleicht?
Doch es ist ein Trugschluß, daß es mit Musik auch so ginge. Mehr noch, das ist blanker Unsinn. Was immer andere auch behaupten mögen, Musik ist etwas anderes. Etwas grundlegend anderes. Ich weiß das.
Musik entsteht in Proberäumen. In engen, verdreckten, verraucht- und verrotteten Löchern, irgendwo am Rand der Stadt. Abgelegen, wegen der kaum zu vermeidenden Lärmentwicklung. Wegen möglicher Nachbarn, die sich unter Umständen gestört fühlen könnten. Die sich mit Sicherheit gestört fühlen werden, denn sie sind überall. So werden die Fenster im Proberaum nicht geöffnet, niemals. (Wenn es überhaupt Fenster gibt.) Wegen des einen Nachbarn, den es dann doch gibt. Den es immer gibt. Am anderen Ende der Straße, 800 Meter Luftlinie entfernt. Ein Schulhausmeister vielleicht, oder ein Forstverwalter. Ein einziger nur, das ist genug. Und nichts ist mit Musik. Wenn der sich beschwert, regelmäßig, nach spätestens zehn Minuten.
Diese Bullenhitze im Sommer. Diese Enge. Probeläufe im Pumakäfig, stundenlang. Immer hin und her und hin und her. Immer dasselbe, immer im Takt. Oder daneben, das kommt vor. Zwischendrin die Kriege. Raucher und Nichtraucher. Säufer und Nichtsäufer. Pünktlichkeit und Geld. Und das ist längst nicht alles. Miteinander und gegeneinander, wie es eben kommt. Jeder hängt für sich an seiner Strippe. Die mit dem Mikro, der mit dem Baß und - bloß nicht zuletzt, nur das nicht - der mit der Gitarre. Der Schlagzeuger klemmt in seiner Maschinerie, in eine Raumecke gezwängt. Das Piano, gleich daneben, kaum zu hören. Die Pianistin verzweifelt, wie immer. Auch sie hört sich nicht. Dann noch eine Perkussionistin. Ohne Kabel bei den Proben, ist sowieso überflüssig. Warum sich Max nicht endlich ein bißchen Schnickschnack ans Schlagzeug bastelt, das weiß kein Mensch. Meint Robbie. Der, mit der Gitarre.
Dieser dauernde Kampf. Diese Hitze, dieser Gestank. Und dieser Lärm, nicht zuletzt.
Im Winter dann das Gegenteil. Die Heizung im Proberaum bleibt immer kalt. (Wenn es überhaupt eine Heizung gibt.) Es lohnt nicht, den durchgekühlten Raum hochzufahren. Für einen Abend in der Woche, die paar Stunden, diese kalte Mischung aus Schweiß, Bier und Rauch aufzukochen. Das muß nicht sein, da sind sich alle einig. Ute müßte zwar nur am Abend vorher kurz vorbeikommen und das Nachtspeichergerät aufdrehen. Sie wohnt gleich um die Ecke. Aber sie tut es nicht, selbst wenn man sie fragt. Also fragt niemand mehr. Sie hat schließlich schon den Schlüssel. Sie muß da sein, immer. Auch wenn auf ihr Piano niemand hört.
So geht Musik! So, und nicht anders.
Winter, es liegt Schnee. Wir stehen vor dem Proberaum, seit über einer halben Stunde. Die Tür ist zu. Die Kälte kriecht, wir frieren. Es ist Zeit. Daggi, die, mit dem Mikro, ist noch nicht da. Das wundert niemanden, das ist normal. Die hat es gut, die macht es richtig. Alles. Noch nie hat Daggi beim Aufbau geholfen. Das Mischpult geschleppt, die Verstärker verkabelt, die Trommeln gestimmt. Oder mit Ute das Piano getragen. Niemals.
"Was ist los", fragt Walter. Der, mit dem Baß. So, als ob nichts wäre. Der kommt auch immer später.
Max zuckt mit den Schultern. Robbie mault rum, während er sich die vierte oder fünfte Zigarette ansteckt. Er äußere sich jetzt mal besser nicht. Ich bin die Perkussionistin, die braucht kein Mensch. Da muß ich wohl auch nichts sagen, denke ich.
Nur Ute, die ist ganz offensichtlich nicht da.
"Hat sie wen angerufen?" fragt Walter.
Robbie lacht. Ich zucke mit den Schultern, weil ich ja nichts sagen will. Daggi ist immer noch nicht da, aber das ist ja normal. Max schüttelt den Kopf. Er spielt mit seinem Handy, die ganze Zeit schon. Immer hat er das neueste Modell. Nie lernt er damit umzugehen. Schließlich hält er es sich doch ans Ohr.
"Sie kann heute nicht, einer soll den Schlüssel holen", sagt er. "Hat sie mir auf die Mailbox gesprochen."
"Wann denn?" fragt Walter.
Max hebt beide Schultern.
"Hab ich grad erst gesehen, ist wohl ne Weile her. Ich hab gestern die neueste Software aufgespielt. Da muß was durcheinandergeraten sein."
Robbie schnipst die Kippe weg und lacht laut los. Lustig klingt das nicht.
"Und ich bin extra früher aus dem Seminar, das darf doch nicht wahr sein. Leute, wir haben nen Auftritt nächste Woche. Wie soll denn das gehen? Was denkt die sich?"
"Vor ner Stunde hab ich dich aber gemütlich mit Sammy in der Cafeteria sitzen sehen", sage ich. Obwohl ich doch eigentlich nichts sagen will.
Robbie glotzt mich blöd an. Ihm fehlen die Worte, das ist selten. Walter nimmt seinen Baß und will gehen. Wortlos. Das macht er manchmal. Max hält ihn nicht fest, diesmal. Robbie auch nicht. Er glotzt noch immer, aber weniger blöd. Eher ein bißchen böse. Dann kommt Daggi um die Ecke. Endlich, denke ich. Walter bleibt noch einmal stehen. Der Schnee knirscht unter seinen Schuhen, als er sich umdreht.
In der Hölle, da spielt die Musik. Und es liegt Schnee. Oder so ähnlich. Da bin ich auf einmal ganz sicher.
"Ich muß euch was sagen", ruft Daggi schon von weitem. "Sammy hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm einsteigen will. Jungs, das ist die Chance, das kann ich nicht absagen. Tut mir echt leid, aber? Das müßt ihr verstehen. Ich muß dann auch gleich los."
Herbstschmerz; süß
Sprachspielerin
Hingebreitet über den Fluss liegt die Brücke, quer zur Strömung, die nicht so reißend ist, wie der Name des Flusses verheißen mag. Aus dem Vogelblick ein grauer Streifen Beton über das Grüngrau des Wassers gelegt und darunter der Flusslauf, an den Wellenbruchstellen weiß bekrönt, vergilbte Wiese, von braunen Trampelpfaden durchzogen, und rostige Bäume, farbenfroh vergehend; darüber, im herbstlichen Schräglicht, das tiefe Dunkelblau des spätnachmittäglichen Herbsthimmels.
Auf der Brücke rollende Gefährte, von einer Seite des Flusses auf die andere und zurück, Autos, Busse, drängelnde Mopeds, eilige Fahrradfahrer, Fußgänger mit oder ohne Kinderwagen, mit oder ohne trottenden Hund. In der Mitte der Brücke ein Kommen und Gehen, ein Motorenlärmen und Kinderrufen, ein Geschwätz und Fahrradglockengeläut, Musikfetzen aus einem Autoradio, ein Hundebellen und Menschenlachen, Menschenstimmen, Menschenküssen; das Rauschen von Fluss und Herbstlaub übertönend.
Dort, an den Beton des Brückengeländers gelehnt, direkt über dem Wasser und starr darauf blickend, sie - und ihr Haar fällt rostrot wie Herbstblätter auf ihre Schultern, vom Herbstwind bewegt, sanft. Sie sieht beängstigend konzentriert auf den Fluss, sich an die Wärme des von der tiefstehenden Sonne aufgeheizten Geländers drängend, aber niemand zupft sie am Ärmel, niemand spricht sie an und heiratet sie, um zu verhindern, dass sie springt; das geschieht nur im Film. Unberührt steht sie und ihr Blick sieht den Fluss nicht und ihr Ohr hört die Menschen nicht, hört nichts, inmitten des Lärms, inmitten der Farbpracht der Herbstschönheit ist es dunkel und leer in ihrem Kopf.
Es ist kein Schrei der Verzweiflung, der ihre, es ist leiser, sanfter und beständiger; ein Winseln und Wispern der Sehnsucht. Es ist kein stechender Schmerz, es ist ein süßliches, zähflüssiges Fließen einer nie versiegenden Quelle der Qual. Es ist ihr nicht nur verhasst, es ist eine süße Sucht, wie das wollüstige Kratzen des Schorfs von der eben verheilenden Wunde, pochendes Leid durchtränkt von stiller Befriedigung. Und sie flüstert fast lautlos, zur Erinnerung, nur ihre Lippen formen die Worte:
Mein Herz blutet Dir nach. Mein Herz ist ganz klein und mager in mir und es weiß nicht, wohin es pochen soll, es weiß nicht mehr, ob es pochen soll und wofür; mein Herz wird leer und leblos in mir, denn es weiß nicht mehr, wem es angehört. Mein Herz liegt in Deiner Hand, die es presst und auswringt und bluten macht, nach Dir. Mein Herz ist unruhig, es ängstigt sich, es zittert, ohne Dich. Mein Herz verhungert und verdurstet, vor Sehnsucht nach Dir, es krampft sich zusammen vor Angst, was werden soll. Mein Herz schlägt, klein und mager und leer. Mein Herz ist sprachlos, wenn Du ihm nicht zuhörst, Du bist die Stimme, ohne die mein Herz immer schweigen muss und Du bist fort. Mein Herz ruft und weint nach Dir, mein Herz schreit und schluchzt, mein Herz will Blut spucken, wegen Dir. Denn Du bist ihm alles. Du bist ihm alles und es selbst, mein Herz schlägt um Dich und wegen Dir und in Dir. Mein Herz hält den Atem an, denn Du bist der Atem meines Herzens, du bist sein Leben und bist sein Tod. Mein Herz blutet Dir nach.
Ihre Lippen schließen sich, ihre Hände lassen das von der Herbstsonne erwärmte Geländer der Brücke los, ihr Körper löst sich und sie geht davon, unberührt; ihre Gesichtszüge bleiben unverändert, ihr Blick starr zu Boden gerichtet. Der Herbstwind weht durch ihr rostrotes Haar, vergilbte Blätter fallen, der Fluss rauscht dahin, die Brücke liegt darüber hingebreitet; ein Vogel durchstreift in den Schrägstrahlen des Herbstlichts den tiefblauen Abendhimmel.
Sprachspielerin
Die Sprachspielerin beschäftigt sich mit Literatur sowohl wissenschaftlich als auch leidenschaftlich, ist Münchnerin, kann sich aber zwischen Frankreich und Italien nicht entscheiden, denn beide waren für sie entscheidend. Den da- und woandersher rührenden Trennungsschmerz versucht sie schreibend zu bewältigen und hat deshalb auch ein
Blog.
Die Schrecken der Roxana
Glamourdick
...also beschlossen, aus der Therapiegruppe auszusteigen."
Erst wird sie blass, dann lindgrün, dann setzt das rosa ein und intensiviert sich zu O'Hara-würdigem scharlach.
"Dit JLOB ick nich, dit KANNSTE nich machn! Wat JLOBSTE eijntlich wer de bist, verdammteSCHEISSEnochma. Hältst dir woll für watt bessret oder wie? Mit dene Dulci und Gabana-Täschken und deen Jlanzhaarspräh. ICK SEH DOCH DESSDE SPLISS HAST!"
Der Dick starrt entsetzt den befehlhabenden Therapeuten an, der muss doch EINGREIFEN, verdammt. Doch der betrachtet ganz interessiert und auch irgendwie beleidigt seine Fingernägel.
Zwischen Mandys Augen entsteht eine Sorgenfalte. Mit großer Vorsicht legt sie Roxana die Hand auf den Unterarm.
"NimmdieflossenweckschlampeabersowattvonZACKICH!"
Mandy gehorcht und fängt an zu weinen.
"Der einzje Mann hier und zieht den Schwanz ein, so hab ick mir dit vorjestellt."
Der traurige Joachim schaut traurig und verletzt.
"Aber Roxana - ich habe doch-"
"Ruhe, Schwuchtel, jetz red ICK! Jrad wo ick mir an dir jewöhnt hab machste dir vom Acker? Verjisset! So leicht kommste mir nich davon, det kann ick dir vasichan-"
"Frau Roxana, merken sie es? Merken sie es? Halten Sie diesen Moment fest. Was sehen Sie? Ihr Verhalten auf die Kündigung von Herrn Dick, würden sie das als angemessen bewerten? Ist Ihre Gefühlsexplosion nicht schon bei ihrem Exmann und Sandro, dem LKW-Fahrer aus Zieh-äsar auf taube Ohren gestoßen? Glauben Sie, dass sie Herrn Dick halten können, wenn sie ihn als Schwuchtel bezeichnen?"
"Fresse Fettsack, dir nehmickma später vor."
Fettsack chucklt, es gibt kein deutsches Wort dafür. Er chucklt auf Wienerisch.
Mandy springt auf und verlässt den Raum. Hans-Joachim zögert, steht schwankend auf und folgt ihr mit einer Packung Zewa-Softis.
"Hastedir EINMAL überlecht, dassde hier vielleicht ne wichtje Rolle spielst, Schwuchtel? Mann, ick fand dir irjendwann richtje schau! Und dit obwohlde dir in Arsch -"
"Bitte Frau Roxana, das muss nun wirklich-"
Die traurige Trina holt das Handy raus und ruft den Notarzt an. Fettkloß liegt auf dem Boden und reibt sich den schmerzenden Magen. Es hat sich ausgechucklt. Vom Flur dröhnt ein Geräusch, als schlüge jemand seinen Schädel wiederholt gegen eine Rigips-Wand. Das liegt daran, dass jemand wiederholt seinen Schädel gegen die Rigipswand schlägt (Hans-Joachim), dann hören wir Mandy draußen brechen während Roxana wie ein Tiger durch den Raum tigert und sich an den Haaren zieht. Annalena mit dem Waschzwang hält sich die Augen zu und Monika, die Manische lacht glockenhell.
"Und die Beiträje von dir, dit hatte immer Haut und Haar und du hast dit hier immer so richtje aufjelockert mit diese lockere Art und die kesse Sprüche. Sollick jetzt hier mit die Frustköppe alleene sitzen und mir dit Jejammer anhärn? Dit kannste vajessen, Schwuchtel, abschminken, vastehste! Nichmitmir, nich MIT MMIIRR!"
Herr Dick nickt und schluckt. Dann fliegt der Stuhl durch den Raum, knallt an die Wand und stürzt auf Fettsack. Er jault auf. Esther, die klaustrophobische Fleischereifachverkäuferin aus Kladow, geistesgegenwärtig!, hechtet los, erwischt Roxana von hinten und bringt sie zu Fall.
"OOOOUUUUARRRRGGGGHHHH! Ick brech dir die Beene du schlabbrige Altweiberf-"
Als die Polizei und der Notarzt ankommen und ihn böse anschauen, merkt Herr Dick, dass er sich eine Zigarette angezündet hat. Er drückt sie auf einer Wick Hustenbonbonschachtel aus, wirft einen Blick auf die Entgleisung und fühlt sich stark und gesund. Nur noch einmal, sagt er sich. Nur noch einmal.
*
"Ach, jetzt ist es schon wieder sehr spät geworden, da müssten wir die Abschieds-Feedbackrunde für Herrn Dick vielleicht mit dem Schlussblitzlicht zusammenlegen, wenn das für Sie okay ist."
Als ob wir das jetzt noch ändern kännten. Sylvia aus Pankow hat 73 Minuten lang von dem Verhältnis zu ihrem Vater berichtet. Wie schon letzte Woche. Und zwei Wochen davor. Aber ich steh eh nicht so gern im Mittelpunkt - deshalb bin/war ich ja hier. Werde gewesen sein. Gott sei Dank sind wir heute nur zehn und nicht neunzehn, wie neulich.
"Tja Herr Dick." Der Wiener Therapeut chucklt.
Ich lächele in die Runde.
"Soll ich jetzt sagen, wie ich das ganze hier erlebt habe?"
Der Wiener lächelt ein wenig mystisch zurück.
"Also, ich möchte mich bei allen bedanken, dass sie immer so nett und so ehrlich waren und ich bin etwas aufgeregt, denn in Zukunft kann ich Donnerstags zum Beispiel ins Kino gehen anstatt mir traurige Geschichten anzuhören, aber ich möchte niemanden verletzen, das ist schon okay, wenn man seine traurigen Geschichten hier loswerden mächte."
Die Runde schut mich an. Manche lächeln. Mandy schaut nach unten und nestelt an einem Zewa-Softi. Der traurige Hans-Joachim starrt aus dem Fenster.
"Sie haben enorme Fortschritte gemacht, Herr Dick. Und Sie haben eine echte Bereicherung für die Gruppe dargestellt."
"Dankeschön."
"Ick finde, Du hast hier immer frischen Wind reinjebracht. Und jute Laune."
"Ick wünsch Dir allet jute für die Zukunft."
"Du wirstma fehln. Und ick hoff, det es Dir weiterhin juut jeht."
Ich starre zwischendurch an den Zettel an der Wand, auf dem eine Selbsthilfegruppe für Austherapierte um Mitglieder wirbt. Das ist was für die Therapiejunkies, die selbst nach Klinik und Einzel und Gruppentherapie noch immer mit ihrem Elend verheiratet bleiben wollen. Einige der Anwesenden hüten ihre Gemütskrankheit wie einen teuren Schatz. Sekundärer Krankheitsgewinn nennt man das.
"Du hast immer allet aufn Punkt jebracht."
"Für Dein Weiterleben nach der Gruppe wünsche ich Dir alles Gute."
"Wat soll ick sagen? Ick kenn Dir ja nich. Na ja. Allet Jute."
"Ick - ick ick kann nich." Mandy legt mir die Hand aufs Knie und schluchzt. Seit Roxana wieder auf Bonnies Ranch ist hat die Depression sie wieder voll im Griff. Erst gestern musste sie nach einer Fress-Attacke wieder brechen.
Der traurige Hans-Joachim sagt als letzter Adieu. "Es macht mich - - - traurig, dass Du gehst, Glämma. Es macht mich traurig."
Und in seinen immer noch nicht leergeweinten Augen blitzen Tränen.
Mandy und Sylvia nehmen mich in den Arm. Das erste mal, dass eine Geste des Vertrauens und der Zuneigung physische Form annimmt. Kurz überlege ich, ob ich nicht vielleicht doch meine Telefonnummer da lasse. Nä.
"Vielleicht läuft man sich ja mal über den Weg?"
"Ich wollte grad nochmal dem Therapeuten Danke sagen."
Gehe zum Therapeute, reiche ihm die Hand, sage: "Danke!"
Im Lift lächeln wir uns alle zuversichtlich an. Hans-Joachim ist schon weg. Ich halte den Damen die Tür auf, wir winken uns noch einmal zu und dann verschwinden sie im Dunkeln.
GlamourDick
betreibt seine Informationskunst unter
Glamourdick seit zwei Jahren. Bevor das ganze ein Blog war hat er einfach nur so geschrieben und veröffentlicht oder auch nicht. Er lebt als Bloggger und (Geister-)Schreiber in Berlin."
Jaco und Nina
Christian Fischer
Barefoot Brothers - Genocide
Klingt wie Musik aus dem mittleren Westen der USA, aber die Band stammt aus Tokio. Allerdings stammt der Sänger tatsächlich aus New Orleans. Mehr Infos gibt es hier.
So mit 16 las ich in einem Musik-Magazin, das mir Freunde in mein Dorf importiert hatten etwas über Jaco Pastorius. Einen Jazz-Bassisten, der wohl manisch-depressiv war. Jazz war damals eine fremde neue Welt, Bassist war ich auch, "manisch" sagte mir nichts, es gab kein Internet zum Nachschauen aber das alles klang viel aufregender als die ewig gleichen Geschichten von zerstörten Hotelzimmern, Groupies und Drogen, die der Rock'n'Roll so lieferte.
Und auch "depressiv" klang spannend. Das klang so als gäbe es einen Namen für meine Traurigkeit, für mein Verzweifeln an der Welt, über das ich mit niemandem reden konnte. So, als wäre ich nicht alleine.
Und es kam sogar noch besser: Es war nicht nur ein Wort, nicht nur ein Name, es hatte auch noch den größten Bassisten der damaligen Zeit kreativ beflügelt. So las es sich.
Ich beschloss: Ich wollte auch manisch-depressiv werden.
In meinem Kopf verwirbelte Depression mit Weltschmerz, mit Hesse und "Still got the Blues", mit Werthers Leiden und einsamen Abenden auf dem Dorf, an denen mich wieder niemand zur Jahrgangsparty gefahren hatte.
Ich hörte jede traurige Schallplatte die jemals veröffentlicht wurde, las aus jedem Text den Schmerz der ganzen Welt und wusste zum ersten mal seit Jahren, dass das alles einen Sinn machen würde: Ich würde ein wahrer, echter Künstler werden. Tiefgründig und bewundert.
Jahre später lernte ich Nina kennen. Nina war ein eher muffiger Typ, ruppig, aber nicht ohne eine gewisse Herzlichkeit. Ich mochte sie irgendwie.
Nina verschwand alle paar Monate für ein paar Wochen. Niemand der anderen, die sie alle schon länger kannten sprach darüber und auch wenn sie dann eines abends wieder in der Kneipe stand fragte niemand. Ich also auch nicht.
Hinter vorgehaltener Hand erzählte mir dann jemand, sie sei "wieder in der Klinik". Hinter vorgehaltenen Händen sprechen war noch nie mein Ding und ich fragte sie mal, als sich die Gelegenheit ergab.
Seitdem hatten wir so etwas wie einen besonderen Draht. Wenn sie mich wieder einmal anpflaumte, schob sie ein "Weisst doch wie ich bin" hinterher, knuffte mir einen Moment später die Schulter und murmelte "bin schlecht eingestellt".
Und wenn es ihr auf einmal wieder auffallend gut ging, wenn sie auf einmal Pläne zur Übername der Weltherrschaft in die Kneipe posaunte, dann konnte ich damit umgehen, dann wusste ich, sie würde wohl bald wieder ein paar Wochen weg sein.
Jetzt ist sie schon lange mehr als ein paar Wochen weg. Als sie merkte, dass sie den Kampf nicht mehr gewinnen konnte, fuhr sie zur lange vorher ausgewählten Brücke und hörte einfach auf zu kämpfen.
Es gibt kaum einen Tag, den ich mich seitdem nicht für meinen jugendlichen Wunsch geschämt habe.
Christian Fischer
Christian Fischer wurde gezwungen, seine Jugend auf dem Dorf zu verbringen. So vorgebildet wurde er fast zum Lehrer, dann Kurierfahrer, Jugendamtsfuzzi, kurz CallCenter-Anrufer und dann Webdesigner. Jetzt seit zehn Jahren ans Internet gestöpselt steht er fast nur auf, um neue Alltagsgeschichten für sein
Blog zu erleben. Aber nur fast.
Wintervorboten
Denise
Macroform - Cold day
Hinter "Macroform" steckt Paul Shuler, der nicht nur selber Musik macht, sondern auch Musik unter CC Lizenz sammelt. Man findet jede Menge Stücke in seinem Blog.
Es ist immer noch da. Hab dich lange nicht mehr gesehen, eigentlich lange genug. Aber wenn ich Bilder von dir sehe, zufällig, wenn man so will, dann ist es unbestreitbar noch da. Kein Kribbeln, das wäre zu viel, nach all der Zeit mit all ihren Inhalten. Aber es bewegt sich was, irgendwo da, wo mal irgendwann ein Kribbeln war. Ich denke nicht besonders oft an dich, eigentlich nie, dachte ich. Erinnerungen, ja, da sind noch viele da, an damals, als ich noch oft an dich gedacht habe. Eine ziemlich verrückte Zeit. Aber das sagen vermutlich alle über ihre erste Liebe. Du warst meine, unbestreitbar. Das werde ich nicht mehr wettmachen können, egal was noch kommt und das ist ein bisschen schade, denn eigentlich hast du das nicht verdient. Du warst der erste, der mir wehtun konnte und hast die Chance genutzt. Eine ziemlich lange Zeit dachte ich, dass du mich damit für alles, was danach kommt, versaut hast. Das hast du nicht geschafft, tut mir leid. Tut mir leid, das hast du damals auch gesagt zu mir, mehrmals, und ich war jung genug, um dir zu glauben. Aber auch verletzt genug, um gegenteilig zu handeln. Ich bin damals nicht wieder zurück zu dir. Ja, ich weiß, ich war darin über einige Jahre nicht besonders konsequent, hab dich sogar sehr lange zu meiner Liebeslebensversicherung gemacht. Topf und Deckel, ja das waren wir, außer, dass du nicht treu sein konntest. Aber darüber würde ich hinwegsehen können, bevor ich alt, einsam und verbittert sterben würde. Das habe ich dir gesagt, du hast zugestimmt, dein Grübchen-Lächeln gelacht und aus deinem Weinglas getrunken. Wein, den hast du schon immer gerne getrunken, auch, als du mich zum ersten Mal zu dir nach Hause eingeladen hast. Deine Eltern waren nicht da, ganz klassisch. Und du hast irgend so einen Maggi-Nudel-Auflauf gemacht und einen Rotwein auf. Schon während des Essens bekam ich Bauchschmerzen, denn du hattest Kerzen angezündet. Ich war zwar nie besonders romantisch und du auch nicht, aber ich wusste was das hieß, um es nicht zu wissen, hätte ich weniger Daily Soaps sehen müssen. Du hast dann gesagt, ich müsse keine Angst haben, auch ganz klassisch. Deswegen hatte ich dann zwar nicht weniger Angst, aber ich war verliebt in dich und du warst der Richtige.
Nun sitze ich hier und schreibe dir, nein, eigentlich kratzt nur der Stift über das Papier. Denn auch wenn sowas im normalen Leben eigentlich nicht passiert, so kommt das alles ganz von allein aus mir heraus. Und ich dachte auch nicht, dass ich Sätze wie diese im normalen Leben jemals denken würde, aber ich schreibe dir einen Brief, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn abschicke. Eigentlich sollte ich es nicht tun, denn dann ist es wie jeden Herbst, seit dem Jahr, als ich dich damals kurz vor Weihnachten verlassen hatte. Jeden Herbst hast du irgendwie Kontakt zu mir aufgenommen, eine kleine Nachricht über den kitschigen Liebesfilm, den wir damals zusammen im Kino gesehen hatten oder ob es deinem Bernd, mir, gut ginge. Bernd, das war ziemlich lange dein Zauberwort und Bernd heißt auch der Teddy, den du mir damals zu Weihnachten schenken wolltest, der mit den Kugeln im Bauch, der echt weich und flauschig ist und den ich bekommen habe, obwohl ich dich verlassen hatte. Den ich behalten habe, obwohl ich dich verlassen hatte. Ich glaube, jetzt ist Bernd in irgendeiner Kiste, nach dem letzten Umzug ist er nicht wieder ausgepackt worden und ich musste jetzt sehr lange überlegen, wo er überhaupt ist. Trotzdem habe ich, als du dich diesen Herbst wieder wie jedes Jahr gemeldet hast - du scheinst also doch irgendwo ein Faible für Romantik oder eher Sentimentalität zu haben ? kurz daran gedacht, wie es wäre, wenn es ablaufen würde, wie jedes Jahr, seit du meine erste Liebe warst. Wie es wäre, wenn wir uns wieder irgendwo, halb heimlich, halb offiziell, dir war das ja schon immer egal, treffen würden. Wenn wir das gleiche Spiel spielen würden, wie jedes Jahr: Topf und Deckel, nur kochen die Kartoffeln eben noch nicht. Hitze haben wir trotzdem jedes Jahr zugefügt, ganz genauso, wie es auf unserem Lebensrezept stand. Es hat nie funktioniert und irgendwie haben wir beide wohl schon immer geahnt, dass es das wohl auch nie tun würde. Dieses Jahr wird, es nicht so laufen, das war mir sehr schnell nach meiner Irritation über dein plötzlich-regelmäßiges Auftauchen klar. Zum ersten Mal hab auch ich was zu verlieren. Das hast du nicht verhindern können, tut mir leid.
Meine Finger sind inzwischen kalt, das hier ist inzwischen auch schon ein sehr langer Brief. Ähnlich lang, wie der, den du mir damals geschrieben hast und mir mein Herz, nachdem du es erst gebrochen hast, fast wieder geflickt hättest. Ein rotes Blatt fällt vom Baum auf mein weißes Blatt, natürlich passiert das! Es ist Herbst, es weht Wind und ich sitze auf einer Parkbank unter einem Ahorn-Baum. Und schreibe einen Brief, von dem ich nicht dachte, dass ich ihn jemals schreiben würde. Und den ich nicht abschicken werde. Ich werde ihn nicht mal mit nach Hause nehmen, denn ich brauche ihn nicht. Es ist endgültig Herbst geworden und ich weiß, dass es zum ersten Mal nach Jahren auch einen Winter geben wird. Ich freue mich darauf, dann kann ich endlich nach Hause gehen, mir dein Foto anschauen und dabei merken, dass es immer noch da ist. Aber auch, dass ich es nicht mehr brauche.
Denise
ist besessen vom Glauben ans Glück. Zumindest die meiste Zeit. Sie mag Texte. Mag es, Texte zu lesen, sie zum Kotzen zu finden oder hervorragend. Dazwischen ist nicht viel, bei Texten. Sie mag auch Eigenarten und Assoziationen, weil sie so kreativ machen und ein Dazwischen haben. Für das Dazwischen hat sie ein
Blog.
Müde, so müde
Axel Wegner
Nines - Tiredness
Nines besteht aus einer schon fast unübersichtlich vielen Musiker, die sich für dieses Projekt ab und an zusammenschliessen. Mehr Musik findet man in ihrem Blog
Eigentlich sind die Pflanzen auf der Dachterrasse die Sache von H. Aber es gibt zwei Zeitpunkte im Jahr, an denen ich mich darauf einrichten muss, hinzugezogen zu werden. Am Wochenende war es mal wieder soweit. Irgendwie ist das immer wie ein kleiner Umzug, schleppen ist angesagt, Oleander, Fuchsien, Blumenkästen reinholen, auf die Lagerplätze im Treppenhaus. Umpflanzen, die Rosen in frostfeste Töpfe. Ungewohnte körperliche Tätigkeit, trotz der Hilfe von Nachbarn. Als Höhepunkt wird der Klimakiller samt Gasflasche, der Heizpilz, auf die Terrasse verfrachtet. Ausruhen, nur ausruhen. Ich bin müde.
Richtig müde bin ich am Montag eigentlich immer, die Woche türmt sich wie eine Wand und der schwere Körper muss gezwungen werden, sich auf den Weg zu machen. Fünf Tage in der anderen Stadt, arbeiten fern vom Klimakiller, warten auf Freitag. Müde bin ich immer noch, halb verschlafen und doch wach geht es zum Bahnhof. Viel matschig-verkümmertes Laub auf den Straßen, aus den Augenwinkeln beobachte ich unlustig die Umgebung. Es ist anders, Autofahrer sind zu Gange, kratzen die Scheiben, ganz ungläubig, eine Handlung schon fast vergessen.
Die S-Bahn ist voll wie immer am Montag morgens. Viele lesen, die Pendlerprofis haben ein dickes Buch in der Hand. Kopfhörer blasen die Weckmelodie in die Ohrmuscheln, iPods und andere werden hervorgefummelt, um die Wachmachmusik auszuwählen. Schwarze Finger drehen am Gerät. Schwarze Finger? Dass es Wollhandschuhe gibt, hatte ich vergessen, es ist soweit, sie bleiben auch in der S-Bahn auf den Fingern.
Die letzte Zigarette am Hauptbahnhof vor der Fahrt mit dem Nichtraucherzug. Die Leute sind die gleichen, der weiße Rauch steigt auf vor dem Gesicht. Da sind aber welche, die keine Zigarette haben in der Hand. Der weiße Rauch ist keiner. Kalter Atem steigt auf und verflüchtigt sich in der Luft. Die Abluft vom Kraftwerk in Spandau steht waagerecht. Inversionswetterlage.
Im Zug sich der Müdigkeit hingeben. Schlafen. Aus den Augenwinkeln einen Blick nach draußen. Die Sonne über der Mark Brandenburg lässt den Reif auf den Wiesen glitzern. Warum weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll?
Der Zug kommt zum Stehen. Er steht und steht und steht. Aus dem Lautsprecher knarrt eine Stimme und redet von Signalstörung. Das gab es lange nicht mehr, ist es das Wetter? Sicher nicht, die Bahn redet nicht vom Wetter, ist es eine neue Form von Streik?
Endlich am Arbeitsort. Wach bin ich nicht gerade. Die Kollegin macht sich Sorgen, ob der Hausigel die Kälte noch aushält, ohne im Winterschlaf zu sein. Der Tag zieht sich hin, es wäre schön, den Kopf auf die Tastatur zu legen, zu schlafen, zu schlafen.
Der Kühlschrank ist leer. Auf dem Weg zum Supermarkt fallen die Frauen auf, die Schaftstiefel tragen. Im Laden gibt es nichts als Lebkuchen. Es wird dunkel. Endlich darf ich ins Bett.
Anders als vorher ist es dunkel als ich aufwache. Dienstag, ich freue mich auf das Wochenende. Und ich bin, frisch aus dem Bett, müde. Meine Stimmung ist mies, ich weiß nicht, warum. Langsam zieht sich die Woche, endlich ist es Freitag, ab geht es nach Hause. Auf der Hausantenne versammeln sich die Stare, der Oleander ist geklaut, verschwunden aus dem Winterquartier.
Nein, es ist noch nicht Weihnachten, aber es wird Zeit für den Winterschlaf.
Axel Wegner
Axel Wegner, Mathematiker, Alt-Hamburger und (nicht mehr so Ganz-)Neu-Berliner. Fand einen Job und Frau in Berlin, verlor ersteren und hat nun wieder einen in Hamburg. Das gibt die Gelegenheit, wöchentlich mehrere Stunden in den internetlosen Salonwagen der Deutschen Bahn über Formeln zu brüten oder kleine Geschichten zu schreiben.
Der Zugang zur Welt
Sofastar
Meine Freude ist die Melancholie, meine Ruhe sind die Qualen. Die Liebesflamme ist erloschen, die Seele ist kahl.
Es ist wieder so weit. Kaum ist die Blütezeit für Pollenallergiker vorüber, erlebt die nächste Volkskrankheit Konjunktur: die Depression. Eine ernst zu nehmende Sache! Weltweit gibt es 121 Millionen Prozac-Kandidaten, sagt die WHO. Der Neurotransmitter Serotonin spielt eine wichtige Rolle, sagt die Wissenschaft. Ist aber alles nichts Neues. Schon vor 460 Jahren beschrieb der 71-jährige Michelangelo Buonarotti mit den oben genannten Worten seinen Gemütszustand, und König Saul soll sich ja bereits ca. 1000 v.Chr. an Depressionen leidend ins Schwert gestürzt haben.
Seit damals wurde angeblich alles besser, die Menschheit deswegen aber anscheinend nicht glücklicher. Allein in Großbritannien stiegen die Verschreibungen von Prozac von 1994 bis 2004 von 9 Millionen auf 24 Millionen. Was dazu führte, dass die Rückstände dieses Psychopharmakons, die in Kläranlagen nicht gefiltert werden können, mittlerweile im Trinkwasser nachweisbar sind. Immerhin wird Teetrinken somit auch fernab der traditionellen chinesischen Medizin zu einem psychischen Wellness-Zeremoniell.
Depressionen können die Ursache für psychotische Reaktionen wie zum Beispiel Wahngedanken, Schuldgefühle, Krankheitsängste, Verarmungsängste, oder ein stark mangelndes Selbstwertgefühl sein. Patienten, die nach Jahrelanger Erkrankung aus der Depression heraus finden, müssen einen neuen Zugang zu dieser Welt erlernen. Jaja, la vita è bella, schon klar, aber wie sieht der Zugang zu einer medial vermittelten Welt ohne Prozac im Hirn aus?
Selbst wenn meine Neurotransmitter nicht verrückt spielen, und ich von jahrelangen Depressionen so viel Ahnung habe, wie Britney Spears von Kindererziehung, kann mir die Lust auf ein Leben im Schoß dieser Welt schon manchmal vergehen. Davon ausgehend, dass es sich bei der miesen Laune nicht um eine genetische Prädisposition handelt, finden sich überall Ursachen für eine umfassende Gemütsverstimmung.
Bereits der Blick in den Spiegel sorgt für ein gewisses Unbehagen. Ich sehe eine einzige Problemzone. Falten, Ausfallserscheinungen am Haaransatz, zum Six-Pack fehlen noch fünf Hubbel. Laut Gentlemen's Quarterly dürfte ich so nicht mal auf die Straße. Mal abgesehen davon, dass mein Anzug nicht von einem Designer stammt, dessen Name irgendwie italientisch klingt, und meine Schuhe weder handgemacht noch rahmengenäht sind. Äußerlich stinke ich also in Bezug auf das medial verbreitete hegemoniale Männerbild ziemlich ab. So viel zum Thema Selbstwertgefühl. Und nein, ich habe noch nie innere Werte in einem Hochglanzmagazin gesehen! Und im Fernsehen sind die Guten doch auch immer die Schönen. Mal abgesehen von Quasimodo. Aber der war doch sicher auch depressiv! Oder?
Was die Verarmungsängste anbelangt, punkte ich auf ganzer Linie. Ich zähle nämlich nicht zu jenen, die ihr Taschengeld seit dem 8. Lebensjahr in eine Altersvorsorge investieren. Naja, immerhin habe ich Arbeit. Noch. Und mein Kontostand? Sprechen wir nicht davon. Ich habe keine finanzielle Probleme. Für Banken gibt es auch keine Immobilienkrise. Alles in allem sieht meine Zukunft zwar nicht gerade rosig aus, will man all den Nachrichten über die Entwicklung des Sozialstaates und den Anzeigen der Versicherungen und Banken Glauben schenken, das ist aber eigentlich scheißegal.
Als Raucher sterbe ich nämlich sowieso früher. Womit wir auch schon bei den Krankheitsängsten angelangt wären. Mittlerweile dürfte wohl der Großteil der von mir konsumierten Lebensmittel krebserregend sein. Beim Gedanken an spanische Paprikas bekomme ich hektische Flecken. Die Umwelt ist eine einzige Katastrophe. Feinstaub. Abgase. Elektrosmog. Vogelgrippe. Klimawandel. Ozonloch. Lungenkrebs. Hautkrebs. Prostatakrebs. Gebärmutterhalskrebs. Sie finden meine Angst vor Gebärmutterhalskrebs übertrieben? Schon möglich - wer weiß!? Am meisten jedoch fürchte ich mich vor der Depression, vor der man sich gerade zu dieser Jahreszeit angeblich besonders fürchten muss. Mit dem Wetter kippt auch das Gemüt ins Trübe, und Depressionen können psychotische Reaktionen auslösen, wie zum Beispiel Krankheitsängste, Verarmungsängste, ein mangelndes Selbstwertgefühl, Wahnvorstellungen und Schuldgefühle...
Schuldgefühle hab ich eigentlich keine. Außer wenn ich mit dem Auto fahre. Wenn ich Musik aus dem Internet lade. Wenn ich eine Thunfischpizza esse. Wenn ich Kleidungsstücke bei H&M kaufe. Wenn ich CO2 ausatme. Wenn ich nicht für eine französische Kinderhilfsorganisation spende. Wenn ich... Wahrscheinlich bin ich doch an allem schuld!
Vielleicht handelt es sich nur um Wahngedanken. Vielleicht von einer Depression verursacht. Vielleicht ist aber auch diese medial vermittelte Welt in der wir leben mittlerweile ein einziger Wahngedanke, und die Depression nicht Ursache, sondern Folge...
sofastar
Der
sofastar lebt in Klagenfurt genau so hart wie er arbeitet. Er predigt als Gott der Unentschlossenheit das 11. Gebot: Du sollst dich nicht täuschen! Ansonsten hat er zum Leben nur eines zu sagen: Oh my god, it is full of stars. Und wenn die Dinge mal nicht so gut laufen? Sit down.
Relax.
Enden
Björn Schwede
Farblosigkeit, der Verlust von Farben zeigt sich so bunt in dieser Jahreszeit. Überall gibt es Kürbisse zu kaufen. Und die Sachen der Leute, die dafür anstehen, tragen den ersten klammen Geruch des Jahres in sich. Auf den Feldern stehen Strohballen, die auch zu Treckern, zu Puppen gestapelt werden für das Erntedankfest.
Der Wind fegt über die Felder und drückt gegen mein Auto. Die Felder, die in meiner Kindheit so endlos schienen. Und mit Stoppeln übersäht waren, dass ich beim Rennen aufpassen musste, nicht u fallen.
Wenn ich dann mit aufgekratzten Händen und Rissen in der Hose zu meinem Großeltern ins Haus lief, in die gute, warme Stube kam, lachten sie. Bis ich auch lachte.
- Du brauchst nicht so zu eilen, sagte mein Opa, das Leben wartet überall und immer auf dich.
Auch, als mein Drachen vom Wind fortgerissen wurde, versuchte er mich zu trösten.
- So ist das Leben, und vielleicht findest du deinen Drachen eines Tages wieder und er erzählt dir von der Welt. Dinge gehen verloren, werden gefunden.
So ist das Leben. Vielleicht ist das Leben nur so im Herbst, wenn sich die Farben verlieren. So bunt.
Der Wind drückt gegen das Auto bis ich in den Windschatten der Häuser gelange. Ich bremse ab. Werde langsamer, als ich in meine Heimatstadt einfahre. Den Berg ein Stück hinunter. Vor dem Blitzer noch etwas abbremsen und dann die Anhöhe hinauf. Einparken, über den Platz vor dem Haus. Die Schiebetür öffent sich automatisch. Ich grüße eine Schwester, klopfe an und öffne die Zimmertür.
Er hat mich nicht gehört, sieht verträumt aus dem Fenster. Seine Hände ruhen auf dem Armlehnen. Der Fernsehen ist immer noch defekt. Die Zeitung stapelt sich ungelesen. Ist das ein Lächeln auf seinem Gesicht?
Ich folge seinem Blick.
Bei jedem kleinen Windstoß tanzen die Blätter vom Baum. Bei grobem Wind werden sie abgerissen. Ich folge seine Blick hinauf zu dem obersten Blatt an diesem Baum. An den anderen Ästen weit oben ist schon kein anders Blatt mehr. Dieses eine hat sein Blick fixiert. Hält es fest im Auge, während die anderen fallen.
Fast erscheint es, als ob dieses Blatt dort viel zu lange hängt. Viel zu lange, um einfach nur vom Wind gerissen zu werden. Als müsse es selbst entscheiden, wann es Zeit ist. Wie lange mag es dort oben noch ausharren?
Er dreht seinen Kopf zu mir. Er lächelt. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, spricht er zu ihnen.
- Alles wird gut.
Ja, alles wird gut.
Alles wird gut.
Enden.
Björn Schwede
erfindet Farben wie cornflakesblau, obwohl er tagesformabhängig manchmal farbenblind ist. Er weiß, dass man mit dem Rauchen endgültig aufhören kann. Immer wieder und wieder. Als Placebo fürs Rauchen versucht er gelegentlich schreibsüchtig zu sein. Therapieerfolge werden
veröffentlicht.
Das ewige Wochenende
St.Burnster
Cold Elf - No sad singing
Hinter Cold Elf steckt Mark Shepard, der mit verschiedenen Instrumenten experimentiert. Seine Webseite, auf der es mehr Musik zu hören gibt, findet man
hier
Es beginnt an einem Freitagabend nach der Arbeit in Berlin, Prenzlauer Berg und wird nicht mehr aufhören. Es beginnt mit ein paar Ouzo, aufgehellt mit Eiswasser, ein bisschen Musik von den Red House Painters, ein paar Zigaretten über der Christinenstraße. Es setzt sich in einer dieser Kneipen fort, die eng und unrenoviert sind, in denen laute Musik aus schlechten Anlagen läuft, in denen Joy Division läuft. Du sitzt ganz eng am Tresen, weil kein Platz ist, du sitzt ganz eng an den Mädchen. Du trinkst Bier und weißt irgendwann gar nicht mehr was du noch trinken sollst. Du wechselst zum Schnaps, bevor dich die Vampire anfallen. Die Mädchen neben dir beginnen zu reden und du redest zurück. Es wird voll in der Bar, dann wieder leer, dann wieder voll, dann burlesk, dann wieder leer.
Irgendwann liegen Hände in meinen, irgendwann bezahle ich Taxis und irgendwo tanze ich und fühle mich alt und schwer. Irgendwo wache ich auf und irgendwann sitze ich in einem Cafe und schweige und rede. Irgendwo wartet jemand auf meinen Anruf und irgendwann trinke ich wieder mein erstes Bier. Irgendwer sitzt mir gegenüber. Irgendwer ruft an. Irgendwer bricht mir das Herz. Irgendwem breche ich den Stolz. Irgendwer vermisst mich. Irgendwen vermisse ich. Irgendetwas habe ich vergessen, irgendetwas muss ich trinken.
Es hört nicht auf, es wird niemals aufhören, wenn ich nicht damit aufhöre. Von selbst hört es nicht auf. Da bin ich, da vorne bin ich. Könnt ihr mich sehen, wie ich den Fremden zuproste, wie ich an der Häuserwand lehne, wie ich mitten auf der Lottumstraße am Boden liege, wie ich mitten zwischen den Beinen dieses Mädchens liege und sie lecke und sie sich windet? Könnt ihr mich sehen, wie ich in einer Badewanne aus Blut liege und eine Zigarette rauche und weine? Ich weine Blut, ich schwitze Wasser, ich trinke und trinke bis der ganze Alkhol aus mir hinausläuft und kleine Rinnsale auf der Christinenstraße bildet. Es hört nicht auf. Ich gehe raus, ich gehe aus, es geht sich nicht aus, es wird knapp, aber ich schaffe es nicht, ich gehe weiter und bleibe doch für die nächsten acht Monate stehen. Es hört nicht auf. Es beginnt an einem verregneten Tag im Januar, irgendwo in einer kleineren Stadt im Süden des Landes. Es beginnt in der Küche mit einem Kasten Starkbier, billigen Zigaretten und schlechtem Dope. Irgendwann sitzt du am Tresen dieser Kellerbar und würdest du vom Barhocker aufstehen, dir würde auffallen, dass du viel zu betrunken bist, um nochmals aufzustehen. Du gehst mit der Frau von der gegenüberliegenden Seite der Bar nach Hause und lässt dir einen blasen, während ihr Kind und die eigene Freundin nichtsahnend schlafen und die Essensreste von dem nächtlichen Currygericht noch in den Zähnen der Frau hängen. Zuhause wirfst du mit Gläsern nach der Freundin und lange wirst du sie nicht mehr haben, aber lange wirst du noch hinaus gehen in die Nebellandschaft großer Städte. Es hört nicht auf. Es hat gerade erst angefangen.
St.Burnster
Berni Mayer ist St. Burnster aus Berlin. Eigentlich aus Bayern. Und eigentlich alles andere als ein Heiliger. Nach einer Bilderbuchkarriere als passionierter Trinker, Nachtlebemann und seinem daraus resultierenden Dahinscheiden ist er wiedergeboren als überwiegend nüchterner Beobachter und Reflektorfalke des Lebens und seiner Widerwärtigkeiten in Bayern und Berlin. Aber machen Sie keinen Fehler: Er ist noch genauso grantig und pathetisch wie früher. Er schreibt
hier
Die fette Kerbe
Don Dahlmann
I
Wie oft hatte mich irgendetwas wach werden lassen, meinen unruhigen Schlaf beendet, in dem mich immer wieder eine Bilderflut knapp an der Grenzen der Erschöpfung hielt. Die ersten Lichtstrahlen, die sich selbst noch müde durch die Feuchtigkeit arbeiteten, sorgten für Klarheit zumindest in der Angelegenheit des Schlafs. An Ruhe war nicht mehr zu denken, nur noch an vergangenes. Ich konnte mich noch dunkel daran erinnern, wie früher meine Hand sanft auf einer Hüfte lag und ich spürte, wie sich ihr Körper mit den leichten Atemzügen hob. Immer im gleichen Rhythmus, immer mild und leise, den Kopf ein wenig nach unten gedrückt, die Knie angezogen, so dass man sich einfügen konnte wie ein lange vermisstes Puzzlestück. Manchmal drängte ich in solchen Momenten meinen Körper an den ihrigen, drückte meinen Unterleib gegen sie und wartete darauf, dass ich eine Erektion bekam. Ich umfasste eine Brust, die ich sanft streichelte, küsste kaum merklich ihren Nacken, wischte das Haar aus ihrem Gesicht und ließ die Phantasie kreisen. Wenn die Erektion da war, hörte ich auf, wartete, bis die Lust sich wieder aus meinem Kopf verabschiedete und lauschte ihrem Atem, der in der ganzen Zeit nur ein bisschen schwerer geworden war. Ich sagte ihr nie etwas davon, ich vollendete das Spiel nicht ein einziges mal. Ich wusste selber nicht, warum ich das tat. Vielleicht um nach zu sehen, ob sie mich auch dann liebte, wenn sie gar nicht bei sich war.
II
Es war kindisch, aber ich hatte eine wahnsinnige Angst davor, dass sie mich nicht lieben könne. Das dies alles nur ein Spiel sei, dass ich nicht verstehen würde. Das sie eines Tages einfach nicht mehr kommen würde, weil ich sie langweilte, weil es sowieso doch nur für den Übergang war. Lag vielleicht daran, dass ich selber oft bei diesen Gedanken ertappte, dass ich oft selber Liebe so abgestreift hatte. Wie eine Verpackung, die man nicht mehr braucht, weil einem der Inhalt schon lange abhanden gekommen ist. Ich glaube, so habe ich mehr Liebe verbrannt, als manche Menschen in ihrem ganzen Leben bekommen. Und natürlich ist es eine Sucht. Am Ende will man auch gar nicht mehr die Liebe, sondern nur noch die Insignien. Ich will die Hingabe, ich will die Blicke, ich will das Denken. Von wem ist mir egal. Das ist kalt und dumm, das weiß ich. Aber wie die innere Blockade überwinden, die eigenen Barrikaden, die man sich im Laufe der Zeit aufgebaut hat? Ich war ja froh, wenn ich es überhaupt schaffte mich so für einen Menschen zu interessieren, dass ich ihn in mein Leben lassen konnte.
III
Das war früher leichter. Aber da ging es auch nur um Sex. Da waren die Begegnungen in verrauchten Küchen so zielgerichtet und einfach, dass sich die üblichen Fragen einfach stellen mussten. Da reichten Schlüsselreize wie eine Lackhose, zwei blitzende Augen und ein sarkastisches Gemüt um nicht nur einen Abend, sondern auch die nächsten Monaten zu füllen. Solange der Sex neu war, solange man nicht jeden Quadratzentimeter Haut erkundet, solange man die Grenzen der Lust und des Schmerz nicht gesehen hatte, solange blieb das spannend. Danach wurde es vorhersehbar, ein wenig fad, wie eine Mahlzeit, die man zu oft eingenommen hatte. Der Zauber des Nichtnachdenkens war verflogen und dann fingen die kleinen Dinge an zu stören, die vorher nicht da zu sein schienen. Und diese plötzlich auftretenden Kritik macht mich wahnsinnig, weil sie ein Zeichen für Distanz ist. Dann sieht man den Schmutz, die Art wie jemand aufsteht und wie schlampig sie plötzlich in Fragen der Unterwäsche geworden ist und beginnt zu hassen. Nicht diesen Menschen persönlich, aber doch soweit, dass sie verantwortlich dafür ist, dass das der Zauber verflogen ist, dass der Alltag mit seiner Gartenzwergmentalität gewonnen hat. Die Lust an der gemeinsamen Entdeckung ist vorbei und was folgt ist der Abstieg in die Niederungen des Beziehungsleben.
IV
Am Ende wird der Ton giftiger, weil man nicht mehr damit beschäftigt ist, den anderen zu entdecken, oder gemeinsam neue Sphären zu durchqueren, sondern nur noch damit beschäftigt ist, den eigenen, immer kleiner werdenden Freiraum zu beschützen. Im Grunde ist die Liebe ein ewig andauerndes Rückzugsgefecht. Da gibt es weder einen Status Quo, noch einen Status quo ante über den verhandelt wird, sondern nur den Rückzug auf einen immer kleiner werdenden Raum, den man immer verbissener verteidigt. Der Gedanke ist mir schon zu anstrengend und wenn ich Zeuge solcher Gefechte bin, dann warte ich erschrocken, bis sich der Rauch wieder legt und warte unangenehm berührt darauf, dass ich mit einbezogen werde, dass die böse Frage "Oder hab ich etwas nicht Recht?" fällt. Dabei will ich gar keinen Rat geben, außer einem, aber den will keiner hören. Sie bleiben lieber in einander verbissen, als sich zu überlegen, wie es war als sie noch nicht zusammen waren. Das ist wie mit dem Rauchen. Ich habe in einem Seminar mal den Tipp bekommen, dass ich mir einfach mal vorstellen soll, wie es war, als ich noch nicht geraucht habe. Ich habe das Seminar daraufhin sofort abgebrochen, weil ich mich nicht mehr erinnern konnte und mir war klar, dass ein Nichtraucher Seminar, dass auf einer solchen Prämisse aufgebaut ist, bei mir auf keinen Fall erfolgreich sein würde. Aber vielleicht ist es ja bei diesen Paaren genau wie mit meiner Raucherei. Vielleicht können sie sich auch nicht mehr erinnern, wie es vorher war und liegen lieber Tage,- Wochen-, Monate,- und Jahrelang in einem ebenso stummen wie verbissenen Ringkampf, der niemals einen Sieger haben wird. Da wird dann die Lust an der Entdeckung mit der Angst vor Verlust getauscht. Jedenfalls habe ich Angst vor diesen Dingen, weil sie immer passieren, weil man ihnen nicht entgehen kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man feststellt, dass man nicht mehr anders kann, als mit diesem Menschen zusammen zu leben und dann hat man den Salat. Wer hat also Angst vor Virginia Wolff? Ich.
V
Also bleibt die nur die ewige Flucht, aber je älter ich werde, desto schwieriger wird es, weil ich mich nun selber fragen muss, was ich eigentlich will. Ich weiß, dass ich das leise Atmen einer Frau im Nebenzimmer hören möchte, während ich in der Küche sitze und meinen ersten Tee trinke. Ich will dann später wieder unter die Decke, zu ihr, ihren schlafweichen Körper spüren, meine ausgekühlte Haut an ihrer wärmen. Ich will, dass sie sich umdreht und ihren Kopf in die mein Schultertal legt.
Aber wie umgeht man den Rest, den man an einem beliebigen Samstag in jedem Kaufhaus beobachten kann, wenn Männer die ultimative Demütigung erfahren, wenn sie in der Herrenausstatterabteilung von ihren Freundinnen und Frauen in braune Hosen gesteckt, wenn sie in Umkleidekabinen gejagt werden und am Ende den Befehl bekommen "Dreh dich mal um." Man fragt sich unweigerlich: War das vielleicht sogar das erste, was die Frau gedacht hat, als sie ihn kennen lernte? "Wenn ich mit ihm zusammen bin, dann kaufen wir erstmal eine vernünftige braune Hose, die hinten vernünftig sitzt". Deswegen gehe ich nie mit meinen Freundinnen einkaufen. Es ist der einzige Weg, dieser Form der Demütigung zu entgehen. Es ist der einzige Weg dem sinnlosen Kampf um die wenigen Millimeter persönlicher Freiheit zum entgehen, es ist ein Mittel, den Zauber zu bewahren.
VI
Und der Zauber ist das wichtigste. Nichts ist schöner, als der Anblick einer Frau, schlafend, die sich in die Bettdecke gewickelt hat, ein Bein angewinkelt, das andere gestreckt, die Haare als fraktales Schauspiel über das Kissen geworfen, die dort liegt, als würde sie dahin gehören, als würde sie nie etwas anderes tun, als sei sie nur für diesen Augenblick geschaffen worden, für diesen einen Moment und jeder Moment, der darauf folgt ist eine Verschwendung von Zeit, Leben und Sein, denn der Anblick ist genug für ein ganzes Leben und er frisst sich hinein und man merkt, wie er sich in das Gehirn hineinätzt, und das er Halt sein wird, in den vielen dunklen Stunden, den kalten, wenn alles vorbei ist, und die Augen der Frau zu einer traurigen Waffenkammer verkommen sind, und die Mauer da ist und man merkt, dass es nun vorbei ist.
VII
Also gibt es eine Grenze. Oder auch eine Angst. Die Angst Schönheit zu sehen, sie wieder zu verlieren um am Ende mit der Erinnerung alleine zu bleiben. Und mit der Frage, warum es einem schon wieder nicht gelungen ist, etwas zu bewahren, warum man schon wieder etwas nicht aufgehalten hat, sondern im besten Fall nur teilnahmslos zugesehen hat. Warum man lachend die erste Risse gesehen hat, warum man nicht so gut sein kann, wie man es selber gerne wäre. Warum man immer wieder genau bei den Menschen landet, die scheinbar für solche Beziehungen gemacht sind, die eben auch nichts anderes haben wollen, als eine hübsche, fette Kerbe im Herzen, die nur sagt "Ich war da".
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, schreibt er nebenbei ein
Blog.
Glaube ist, was bei mir im Herbst passiert
Florian Zinnecker
Andere backen jetzt Apfelkuchen, ziehen Winterreifen auf oder kümmern sich um ihre Steuererklärung. Ich nicht. Ich muss jetzt dran glauben - an Gott. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, wie andere Apfelkuchen backen: im Herbst. Aus einer Laune heraus. Wie immer schon. Und zwar vielleicht nicht nachhaltig - aber es fühlt sich gut an.
Am Anfang ist da bloß ein vages Kribbeln. Erst zwischen den Schulterblättern, dann im Magen und dann im Kopf. Vor allem im Kopf. Wobei der Magen bei der Geschichte, so gesehen, keine unwesentliche Rolle spielt. Konkret wird das Kribbeln allerdings nur im Kopf, mittendrin, irgendwo zwischen dem Langzeitgedächtnis und dem gesunden Menschenverstand. Letzterer macht, wenn's soweit ist, erstmal Pause. Komfffme gleich wieder.
Hausmittel helfen nicht dagegen. Los kriegt man's nur, wenn es von selbst verschwindet - frühestens nach ein paar Tagen, spätestens nach zwei, drei Wochen. Bis Weihnachten jedenfalls war ich mit der Geschichte bis jetzt jedesmal wieder durch. Gottseidank gewissermaßen. Weihnachten hat meinen Glauben schon immer kaputt gekriegt. Okay, in die Kirche gehe ich trotzdem am Heiligen Abend, so viel Widerspruch muss sein. Aber: Wirklich gläubig bin ich nur, wenn die Blätter fallen und der Nebel steigt. Immer dann.
Und immer läuft es gleich: Ein Spaziergang, ein Gespräch, ein unbedachter Gedanke, und zack! - hat's mich erwischt. Ob ich will oder nicht. Wobei ich, ganz tief in mir drin, wahrscheinlich doch irgendwie will. Sonst wäre mein Immunsystem resistent.
Mein Arzt sagt, die Sache sei harmlos. Reine Kopfsache. Meine Ex-Freundin sagt das Gleiche, nicht ohne anzumerken, da zeige sich mal wieder, wie hammermäßig egozentrisch ich doch sei. Mein bester Kumpel hat, als ich ihm davon erzählte, eine Viertelstunde lang gelacht. Meinen Therapeuten kann ich nicht fragen, weil es ihn nicht gibt. Meine Mutter beginnt, sobald ich das Thema auf den Tisch bringe, von ihren Blumenkästen zu erzählen.
Nur ein mir gut bekannter Pfarrer hat eine differenziertere Meinung: Interessanter Ansatz, steckt allerhand drin, äußerte er einst beim gemeinsamen Fußballgucken (wir kannten uns schon, als er noch kein Pfarrer war und ich frisch konfirmiert). Eigentlich sei das ja christlich durch und durch, am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und so. Dass unser Gespräch an dieser Stelle ein abruptes Ende fand, lag daran, dass Lehmann einen entscheidenden Elfmeter hielt und Deutschland im WM-Halbfinale stand - auch ein Wunder, so gesehen.
Dass andere im Stadion gläubig werden, immer nur sonntagvormittags, vor dem Staatsexamen, im Stau, beim Marathon-Zieleinlauf oder nach sieben Bier - ihre Sache. Bei mir ist's der Herbst.
Ohne Rituale am Sonntagmorgen kann aber auch ich nicht. Morgens sind, um zwischendurch wieder die Parallelen zur Herbstgrippe zu ziehen, die Symptome generell am schlimmsten. Und auch die Ansteckungsgefahr ist am größten: Aufgehende Sonne. Nebel. Morgenröte. Eiseskälte. Vielleicht ein paar Bäume. Dampfender Atem. Wunderbar - und zack!, ist sie da, die Frage, ob das alles - jene Szenerie, der ich in diesem Moment den Stempel WUNDERBAR aufdrücke - wirklich nur evolutionärer Zufall sein kann. Die Sonne scheint zufällig golden durch zufällig verdunstendes Wasser, bricht sich zufällig an zufällig hier gewachsenen Bäumen, und ich, der ich zufällig geboren bin und zufällig das hier sehe, finde all das zufällig fantastisch? Na, ich weiß ja nicht. Ich glaube nur. Und glauben heißt nicht wissen. Zumal mein gesunder Menschenverstand, wie gesagt, ja außer Betrieb ist.
Zu Weihnachten, wie gesagt, bin ich mit der Geschichte längst wieder durch. Kein Ding, Glaube ist bei uns ja gottseidank Privatsache. Fast. Das Finanzamt wird mir das alles nie abnehmen.
Florian Zinnecker kann zwar nicht tippen, aber mit dem Schreiben klappt's schon ganz gut. Laufen kann er auch. Nicht sehr schnell, aber lange. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Darüber (naja, darüber nicht unbedingt) denkt er nach, wenn er gelegentlich um die Hamburger Außenalster trabt. Was, seit er von Hamburg aus operiert, schon mal passieren kann. Ist aber okay - er ist ja noch jung.
Wie der Herbstwind
Benjamin Reichstein
Benjamin Reichstein Podcast
Benjamin hat von einem Musiker die Untermalung für seinen Text bekommen und spricht ihn in diesem Podcast selber. Bei der Band handelt es sich um "Logtone Solutions", deren Seite man hier findet.
Vor sich hin alternd saß der dürre Mann hoch oben auf dem Rand des kalten Felsvorsprung. Sein Gesicht war gezeichnet von der Kälte und dem Regen, doch es störte ihn nicht. Geistesabwesend starrte er hinunter ins Tal und beobachtete den Windstoß, der vor ihm ein paar braune Blätter aufwirbelte. "Carmen", sagte er zaghaft und lies die Worte ungehört in der kalten Luft erfrieren.
Hier hatte Sie ihn zum ersten Mal geküsst. Damals, vor zwei Jahrzehnten.
Sie stand ganz nah neben ihm - genau so wie jetzt. Der kühle Herbstwind liess ihr langes Haar sanft in der Luft schweben und ihr Gesicht passte in diese Landschaft als wäre alles in seinem Blickfeld ein einziges, meisterhaftes Gemälde. Jeder ihrer Gesichtszüge erhaben wie ein Pinselstrich von Michelangelo, alle ihre Konturen wie von Rembrandts Hand selbst geschaffen. Anmutig drehte sie ihren Kopf und lächelte den alten Mann an. Sie war seit ihrem ersten Kuss keinen einzigen Tag gealtert und noch immer glänzten ihre Rehaugen verträumt, wenn sich ihre Blicke trafen und ihr Mund die schönsten drei Worte der Welt formten.
Ihre Seelen waren fest miteinander verbunden, davon war er überzeugt.
Denn seit sie ihn verlassen hatte fühlte er das klaffende Loch in seinem Herzen, wo einst ihr Platz gewesen war. Kein Gefühl drang mehr zu ihm durch, sondern wurde unbarmherzig in dieses kalte Nichts gezogen und kein noch so schöner Gedanke konnte ihn auch nur zu einem einzigen, ehrlichen Lächeln bewegen. Er war eiskalt und rau geworden, genau wie der scharfkantige Fels, auf dem er so gerne saß.
Kaum erhoben sich in ihm diese Gedanken, begann ihre Erscheinung zu verblassen und mit ihr auch das Lächeln aus seinem Gesicht. Sie war nun schon zwanzig Jahre tot, doch er konnte sie immer noch nicht loslassen. Also erhob er sich langsam und ging auf Carmen zu um sie endlich wieder in seine Arme zu schliessen und für immer bei ihr zu sein.
Benjamin Reichstein
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005
Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.