
Besser mal die Klappe halten
von Florian Zinnecker
Der Tag, an dem mein Chef grundsätzlich wurde, war ein Montag. Na, wenn Se sich da mal nich verheben. Sie warn damals noch nich mal auffer Welt, wie wollnse denn da was Vernünftiges über die RAF schreiben? Geht nicht, müssense akzeptieren.
Musste ich akzeptieren, klar. Als Volontär - vulgo: als der Stift - in der Nachrichtenredaktion einer Tageszeitung, irgendwo in der Provinz. Keine Minute war vergangen, seitdem die Agenturmeldung, Brigitte Mohnhaupt komme frei, in die Redaktion getickert wurde. Brigitte Mohnhaupt. Frei. War klar, sagte der Feuilletonchef. Verdammt, sagte der Wirtschaftsredakteur, der seit diesem Moment im Februar 2007 dem Onliner einen Kasten Bier schuldete. Ich sagte nichts. Und kürzte weiter meinen Text über, ich weiß nicht mehr, es ging vermutlich um den Borkenkäfer. Brigitte Mohnhaupt. Frei. Das genaue Datum der Freilassung sei zwar nicht bekannt und würde andernfalls unter Verschluss gehalten, aber: Lange könne es nicht dauern bis zum Vollzug des gerichtlichen Beschlusses, das, was nach 24 Jahren von fünfmal Lebenslang übrig bleibt, zur Bewährung auszusetzen.
Bis hierher las ich. Den Rest schenkte ich mir. Weil ich wusste, die übrigen Zeilen waren - wie alle Mohnhaupt-Meldungen - nichts als die Versatzstücke NEUNFACHER MORD und MEHRFACHER MORDVERSUCH, außerdem FÜNFMAL LEBENSLANG, BESONDERE SCHWERE DER SCHULD, 25 JAHRE MINDESTHAFTZEIT und FÜNF JAHRE AUF BEWÄHRUNG. Ferner ZWEITE GENERATION, DUTZENDE ANSCHLÄGE, DEUTSCHER HERBST, UNTERGRUND und so weiter. Und natürlich: RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF. Ende der Meldung.
Mohnhaupt kommt frei, rief Chef vom Dienst, und: Blitzkonferenz. Anreißertext mit Bild auf die Eins, wurde angeordnet, am besten nochmal dieses schwarzweiße, bei dem sie in Handschellen abgeführt wird und den Kopf so auf die Arme legt, sie wissen schon, das kennen die Leut'. Bericht mit Bildern dann hinten, natürlich mit Zeitstrahl und Hintergrund zur RAF. Und, klar, Kommentärchen auch. Volle Breite, wie besprochen. Is' ja auch der Hammer irgendwie.
"Die Eins" steht im Zeitungsjargon für die Titelseite, "hinten" sind jene Seiten, worum sich auch mal der Volontär kümmert. Zurzeit war das ich. Und keine Frage, dass Mohnhaupt hier heute nicht zum ersten Mal auftauchte.
Wer kommentiert, fragte der Chef vom Dienst schon über dem Aufstehen. Chefsache, murmelte jemand. Nö, wurde erwidert, nicht schon wieder, hab' doch erst gestern, kann doch nicht schon wieder dasselbe schreiben. Es heißt DAS GLEICHE, nicht DASSELBE, piesackte jemand. Schließlich hob ich die Hand. Ob man das Thema vielleicht auch aus einem anderen Blickwinkel angehen könne, schlug ich fragend vor. Wie?, hörte ich. Nicht wie sonst mit War-krass-und-darf-man-nie-vergessen- obwohl-es-lange-her-ist-jaja-das-waren- Zeiten-Brille, sagte ich nicht. Sondern sinngemäß: Mit den Augen eines Spätgeborenen, der einen Bezug zu den Geschehnissen von einst und seiner heutigen Gegenwart herzustellen sucht. Sprich: Ich, der ich 1984 geboren bin, würde mir Gedanken über eine Zeit machen, da sich meine Eltern noch nicht kannten, aber bald kennen würden. Immerhin - so hätte ich argumentiert, sofern ich zum Argumentieren Gelegenheit gehabt hätte - immerhin haben wir zur RAF zurzeit täglich was im Blatt, also betrifft mich das ja auch irgendwie.
Diesen Satz hatte ich noch gar nicht zu denken begonnen, da war meine Initiative schon von Schweigen ausgebremst. Na, wenn Se sich da mal nich verheben, äußerte dann der Chef vom Dienst, Sie warn damals noch nich auffer Welt, wie wollnse denn da was Vernünftiges über die RAF schreiben? Geht nich, müssense akzeptieren. Er kommentierte dann doch selbst. Ansatzweise genauso wie am Vortag. Und ich ärgerte mich - so, wie sich nur Auszubildende ärgern, wenn sie in jene Situation kommen, in der ich mich befand. In einem Wort: Grmpf.
Mag sein, dass mein Nachgeben von Vorteil war. Auch, weil in einem Blatt, dessen Durchschnittsleser dringend über die Planung seines unmittelbar bevorstehenden 50. Geburtstags nachdenken sollte, der Blick eines Greenhorns auf jene Ereignisse, die mehrfach Menschenleben kosteten, naja, womöglich nicht die bequemste Lösung gewesen wäre (andererseits soll Bequemlichkeit ja nicht eben die oberste Maxime für Zeitungsmacher sein). Der eigentlich ausschlaggebende Punkt passt in einen Satz, der viel kürzer ist als der eben zu lesende. Nämlich: Ich habe keine Ahnung von der RAF.
Okay, ich weiß, was RAF heißt und was sie ist, beziehungsweise wer sie ist, beziehungsweise wer sie war. Sofern das überhaupt jemand weiß. Mir ist durchaus bewusst, was es mit Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer auf sich hat, ich kann erklären, was Schleierfahndung ist und was Isolationshaft.
Nur: Dieses Gefühl, dass sich in den Magen schleicht, wenn Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer in der Tagesschau auftauchen, nicht zu irgendeinem Jahrestag oder weil Brigitte Mohnhaupt frei kommt, sondern tagesaktuell, direkt am Abend, mit heißer Nadel gestrickt und trotz aller Tagesschau-Attitüde atemlos; das Gefühl zu wissen, das sind Leute wie du und ich mit einer streitbaren Ansicht dessen, was Recht ist und was nicht; die angstvolle Ahnung, jene Leute könnten überall sein und das, was sich die übrige Nation unter dem Begriff Innere Sicherheit sehnlichst wünscht, zerstören: Dieses Gefühl können die gerade gelesenen Sätze ebenso wenig nachempfinden wie Bücher, Dokus, Meldungen. Was bedeutet: Ich kann es auch nicht nachempfinden. Das SPIEGEL-Sonderheft, das ich als Neunjähriger auf Papas Schreibtisch gefunden habe, kann es nicht. Und der Beitrag der Zeitschrift NEON, worin heute die Tatorte von einst fotografiert sind, die Straße mit den zerschossenen Autos, das Versteck der Schleyer-Entführer, die Gefängniszelle - der Beitrag kann es auch nicht. Wissen kann funktionieren. Aber nicht Verstehen.
Natürlich: Objektiv betrachtet ist es alles andere als bedauerlich, besagtes Gefühl nicht zu kennen. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen statt sich um anderes zu kümmern, ist nichts als ein Luxusproblem. Zeitgeschichte bleibt trotzdem Zeitgeschichte. Und Wissensdurst bleibt Neugierde.
Möglich sind allenfalls vage Vergleiche. Etwa mit dem 11. September: Was Al-Qaida ist, beziehungsweise wer es ist, beziehungsweise wer es damals war, lässt sich nachvollziehen. Auch der Gedankengang eines Innenministers, der auf die Idee kommt, im Notfall Flugzeuge abschießen zu wollen, lässt sich (ohne damit die Idee selbst gut zu finden, nicht im Entferntesten) angesichts der damaligen Ereignisse, naja, nicht verstehen, aber analysieren. Dass es damals Leute gab, die in den Tagen danach jedes Flugzeug am Himmel angstvoll beäugten, warum jeder noch weiß, was er tat, als er's erfahren hat - das kann keine Doku vermitteln.
Gut, dass ich damals nicht kommentiert habe. Auch, weil ich den Beigeschmack meiner Worte im Kopf der Dabeigewesenen nicht abschätzen kann. "Isolationshaft" bei Wikipedia zu suchen ist schlicht nicht dasselbe wie abends in der Kneipe oder noch während der Tagesschau darüber zu diskutieren, nachdem das Wort gerade zum ersten Mal überhaupt in den Medien aufgetaucht ist. Die These von Ulrike Meinhof, "Protest ist, wenn ich sage das oder das passt mir nicht; Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht", klingt dann anders. Die Bauernregel "Wer im Frühling nicht sät, wird im Herbst nicht ernten" auch. Wie? Keine Ahnung.
Nein, nein, klar: Gut, dass ich nachgegeben habe. Man verhebt sich leicht bei solchen Themen. Lieber mache ich mir schon mal Gedanken, wie ich meinen Kindern den 11. September erkläre. Ist zwar nicht dasselbe. Aber vielleicht das Gleiche.
Musste ich akzeptieren, klar. Als Volontär - vulgo: als der Stift - in der Nachrichtenredaktion einer Tageszeitung, irgendwo in der Provinz. Keine Minute war vergangen, seitdem die Agenturmeldung, Brigitte Mohnhaupt komme frei, in die Redaktion getickert wurde. Brigitte Mohnhaupt. Frei. War klar, sagte der Feuilletonchef. Verdammt, sagte der Wirtschaftsredakteur, der seit diesem Moment im Februar 2007 dem Onliner einen Kasten Bier schuldete. Ich sagte nichts. Und kürzte weiter meinen Text über, ich weiß nicht mehr, es ging vermutlich um den Borkenkäfer. Brigitte Mohnhaupt. Frei. Das genaue Datum der Freilassung sei zwar nicht bekannt und würde andernfalls unter Verschluss gehalten, aber: Lange könne es nicht dauern bis zum Vollzug des gerichtlichen Beschlusses, das, was nach 24 Jahren von fünfmal Lebenslang übrig bleibt, zur Bewährung auszusetzen.
Bis hierher las ich. Den Rest schenkte ich mir. Weil ich wusste, die übrigen Zeilen waren - wie alle Mohnhaupt-Meldungen - nichts als die Versatzstücke NEUNFACHER MORD und MEHRFACHER MORDVERSUCH, außerdem FÜNFMAL LEBENSLANG, BESONDERE SCHWERE DER SCHULD, 25 JAHRE MINDESTHAFTZEIT und FÜNF JAHRE AUF BEWÄHRUNG. Ferner ZWEITE GENERATION, DUTZENDE ANSCHLÄGE, DEUTSCHER HERBST, UNTERGRUND und so weiter. Und natürlich: RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF. Ende der Meldung.
Mohnhaupt kommt frei, rief Chef vom Dienst, und: Blitzkonferenz. Anreißertext mit Bild auf die Eins, wurde angeordnet, am besten nochmal dieses schwarzweiße, bei dem sie in Handschellen abgeführt wird und den Kopf so auf die Arme legt, sie wissen schon, das kennen die Leut'. Bericht mit Bildern dann hinten, natürlich mit Zeitstrahl und Hintergrund zur RAF. Und, klar, Kommentärchen auch. Volle Breite, wie besprochen. Is' ja auch der Hammer irgendwie.
"Die Eins" steht im Zeitungsjargon für die Titelseite, "hinten" sind jene Seiten, worum sich auch mal der Volontär kümmert. Zurzeit war das ich. Und keine Frage, dass Mohnhaupt hier heute nicht zum ersten Mal auftauchte.
Wer kommentiert, fragte der Chef vom Dienst schon über dem Aufstehen. Chefsache, murmelte jemand. Nö, wurde erwidert, nicht schon wieder, hab' doch erst gestern, kann doch nicht schon wieder dasselbe schreiben. Es heißt DAS GLEICHE, nicht DASSELBE, piesackte jemand. Schließlich hob ich die Hand. Ob man das Thema vielleicht auch aus einem anderen Blickwinkel angehen könne, schlug ich fragend vor. Wie?, hörte ich. Nicht wie sonst mit War-krass-und-darf-man-nie-vergessen- obwohl-es-lange-her-ist-jaja-das-waren- Zeiten-Brille, sagte ich nicht. Sondern sinngemäß: Mit den Augen eines Spätgeborenen, der einen Bezug zu den Geschehnissen von einst und seiner heutigen Gegenwart herzustellen sucht. Sprich: Ich, der ich 1984 geboren bin, würde mir Gedanken über eine Zeit machen, da sich meine Eltern noch nicht kannten, aber bald kennen würden. Immerhin - so hätte ich argumentiert, sofern ich zum Argumentieren Gelegenheit gehabt hätte - immerhin haben wir zur RAF zurzeit täglich was im Blatt, also betrifft mich das ja auch irgendwie.
Diesen Satz hatte ich noch gar nicht zu denken begonnen, da war meine Initiative schon von Schweigen ausgebremst. Na, wenn Se sich da mal nich verheben, äußerte dann der Chef vom Dienst, Sie warn damals noch nich auffer Welt, wie wollnse denn da was Vernünftiges über die RAF schreiben? Geht nich, müssense akzeptieren. Er kommentierte dann doch selbst. Ansatzweise genauso wie am Vortag. Und ich ärgerte mich - so, wie sich nur Auszubildende ärgern, wenn sie in jene Situation kommen, in der ich mich befand. In einem Wort: Grmpf.
Mag sein, dass mein Nachgeben von Vorteil war. Auch, weil in einem Blatt, dessen Durchschnittsleser dringend über die Planung seines unmittelbar bevorstehenden 50. Geburtstags nachdenken sollte, der Blick eines Greenhorns auf jene Ereignisse, die mehrfach Menschenleben kosteten, naja, womöglich nicht die bequemste Lösung gewesen wäre (andererseits soll Bequemlichkeit ja nicht eben die oberste Maxime für Zeitungsmacher sein). Der eigentlich ausschlaggebende Punkt passt in einen Satz, der viel kürzer ist als der eben zu lesende. Nämlich: Ich habe keine Ahnung von der RAF.
Okay, ich weiß, was RAF heißt und was sie ist, beziehungsweise wer sie ist, beziehungsweise wer sie war. Sofern das überhaupt jemand weiß. Mir ist durchaus bewusst, was es mit Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer auf sich hat, ich kann erklären, was Schleierfahndung ist und was Isolationshaft.
Nur: Dieses Gefühl, dass sich in den Magen schleicht, wenn Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer in der Tagesschau auftauchen, nicht zu irgendeinem Jahrestag oder weil Brigitte Mohnhaupt frei kommt, sondern tagesaktuell, direkt am Abend, mit heißer Nadel gestrickt und trotz aller Tagesschau-Attitüde atemlos; das Gefühl zu wissen, das sind Leute wie du und ich mit einer streitbaren Ansicht dessen, was Recht ist und was nicht; die angstvolle Ahnung, jene Leute könnten überall sein und das, was sich die übrige Nation unter dem Begriff Innere Sicherheit sehnlichst wünscht, zerstören: Dieses Gefühl können die gerade gelesenen Sätze ebenso wenig nachempfinden wie Bücher, Dokus, Meldungen. Was bedeutet: Ich kann es auch nicht nachempfinden. Das SPIEGEL-Sonderheft, das ich als Neunjähriger auf Papas Schreibtisch gefunden habe, kann es nicht. Und der Beitrag der Zeitschrift NEON, worin heute die Tatorte von einst fotografiert sind, die Straße mit den zerschossenen Autos, das Versteck der Schleyer-Entführer, die Gefängniszelle - der Beitrag kann es auch nicht. Wissen kann funktionieren. Aber nicht Verstehen.
Natürlich: Objektiv betrachtet ist es alles andere als bedauerlich, besagtes Gefühl nicht zu kennen. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen statt sich um anderes zu kümmern, ist nichts als ein Luxusproblem. Zeitgeschichte bleibt trotzdem Zeitgeschichte. Und Wissensdurst bleibt Neugierde.
Möglich sind allenfalls vage Vergleiche. Etwa mit dem 11. September: Was Al-Qaida ist, beziehungsweise wer es ist, beziehungsweise wer es damals war, lässt sich nachvollziehen. Auch der Gedankengang eines Innenministers, der auf die Idee kommt, im Notfall Flugzeuge abschießen zu wollen, lässt sich (ohne damit die Idee selbst gut zu finden, nicht im Entferntesten) angesichts der damaligen Ereignisse, naja, nicht verstehen, aber analysieren. Dass es damals Leute gab, die in den Tagen danach jedes Flugzeug am Himmel angstvoll beäugten, warum jeder noch weiß, was er tat, als er's erfahren hat - das kann keine Doku vermitteln.
Gut, dass ich damals nicht kommentiert habe. Auch, weil ich den Beigeschmack meiner Worte im Kopf der Dabeigewesenen nicht abschätzen kann. "Isolationshaft" bei Wikipedia zu suchen ist schlicht nicht dasselbe wie abends in der Kneipe oder noch während der Tagesschau darüber zu diskutieren, nachdem das Wort gerade zum ersten Mal überhaupt in den Medien aufgetaucht ist. Die These von Ulrike Meinhof, "Protest ist, wenn ich sage das oder das passt mir nicht; Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht", klingt dann anders. Die Bauernregel "Wer im Frühling nicht sät, wird im Herbst nicht ernten" auch. Wie? Keine Ahnung.
Nein, nein, klar: Gut, dass ich nachgegeben habe. Man verhebt sich leicht bei solchen Themen. Lieber mache ich mir schon mal Gedanken, wie ich meinen Kindern den 11. September erkläre. Ist zwar nicht dasselbe. Aber vielleicht das Gleiche.


Sprachspielerin
am 5. Okt, 16:36