Landshut liegt in Afrika

von Frau Klugscheisser
Die Bilder vom Deutschen Herbst sind vielen noch in Erinnerung, nicht zuletzt weil sie jetzt - 30 Jahre später - wieder durch die Medien wandern. Auch ich erinnere mich an die Bilder aus der Tagesschau. Bilder vom entführten Hanns Martin Schleyer, die in meiner kindlichen Auffassung denen auf den Fahndungsplakaten ähnelten. Bilder von einem Flugzeug in Afrika und Reporter, die Landshut und Somalia im selben Satz nannten. Als die Bilder von Mogadischu um die Welt gingen, ahnte ich nicht, dass ich einmal Angestellte einer Fluggesellschaft sein würde. Viele Jahre später beschäftigte ich mich, nicht zuletzt berufsbedingt, eingehender mit den damaligen Geschehnissen. Da wusste ich bereits, dass Landshut nicht in Afrika liegt. Was ich noch nicht wusste, waren politische Zusammenhänge und die Rolle der Medien.

Mein Hauptinteresse gilt seit jeher den Menschen. Was geschah damals in der Landshut zwischen Mallorca und Mogadischu? Was fühlten Besatzung und Passagiere? Und wie verarbeiteten die Opfer ihre Erlebnisse? Es existieren unzählige Artikel zur Entführung der Landshut im Oktober 1977. Über Souhaila Andrawes, der einzig überlebenden Entführerin, die schwer verletzt die Hand zum Siegeszeichen hebt, wurde ausführlich berichtet. Ebenso über die Besatzungsmitglieder Gabriele von Lutzau geb. Dillmann, die damals 23-jährige Stewardess, und Jürgen Vietor, den Copiloten, der die Maschine alleine von Aden nach Mogadischu flog. Um die Geschehnisse zu rekonstruieren, griff man vorwiegend auf die Erinnerungen dieser beiden Opfer zurück. Fast entsteht der Eindruck, von Lutzau und Vietor seien neben dem ermordeten Kapitän Jürgen Schumann die einzigen Besatzungsmitglieder an Bord der entführten Maschine gewesen.

Tatsächlich waren aber außer ihnen noch zwei weitere Besatzungsmitglieder an Bord: Die damals 28-jährige norwegische Stewardess Anna Maria Staringer und die österreichische Chefstewardess Hannelore Piegler, 33 Jahre, die kurz danach das Buch "Entführung - Hundert Stunden zwischen Angst und Hoffnung" verfasste. Eher detaillierter Erfahrungsbericht als literarisches Meisterwerk, wurde der Druck wegen geringer Nachfrage nach der ersten Auflage eingestellt. Erstaunlich bleibt jedoch die Tatsache, dass sich die Medien sowohl über das Buch, als auch die Existenz beider Besatzungsmitglieder mehr oder weniger ausschweigen. Journalisten benötigen mitteilungsfreudige Betroffene, und dieses Attribut scheint zumindest auf Gabriele von Lutzau zuzutreffen. Ob sich Frau Staringer vor der traumatischen Erinnerung durch Schweigen schützt, kann nur spekuliert werden. Frau Piegler hingegen schweigt, weil man sie vermutlich zum Schweigen gebracht hat. Jemand der mit einem Buch an die Öffentlichkeit geht, ist bereit zu erzählen. Möglicherweise sah sie die Notwendigkeit, nach der Entführung ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Möglicherweise war jedoch diese Sicht nicht im Sinne von Gabriele von Lutzau oder derer, die sie anders sehen wollten. Ein kurzer Auszug aus Pieglers Buch:

"Die temperamentvolle Gabriele wollte mit ihrer Meinung nie gerne zurückstehen. [Gabi ging] gerne über die Grenzen hinaus. Es war wohl auch die immerwährende Angst und dazu das Bedürfnis, schwierige Situationen zu entspannen, die sie zu ihren einsamen Entscheidungen brachten.[...] Dabei war es aber auch wichtig, die Spielregeln der Terroristen nicht zu vergessen und genau das war es, was Gabriele manchmal fast in Teufels Küche brachte.?

Und weiter:

"Mia sagte einmal ganz verzweifelt: 'Hannelore, tu etwas, sie darf nicht politisieren!' Ich versuchte Gabriele klarzumachen, dass ausgerechnet Politik wohl zu den heißesten Themen in unserer Situation gehörte. Mia hatte große Angst vor Gabrieles kleinen Extratouren und auch mir war es manchmal reichlich flau im Magen, wenn ich die Konsequenzen bedachte, die dadurch entstehen konnten."

In ihrem Buch beschreibt Hannelore Piegler die Kollegin Gaby Dillmann als naive, exaltierte Person, deren unbedachtes Verhalten alle Beteiligten in Gefahr bringen konnte, während sich Gabriele von Lutzaus Erinnerungen eher wie ein großes Abenteuer anhören, das sie zu bestehen hatte. In einem Bericht des ZDF sagt von Lutzau beispielsweise:

"Mich hat er auch gequält. Mich hat er ja auch zum Schein erschossen. Ich kniete auch an der Tür. Und ich habe ihn so wütend angeguckt, ihn so angefunkelt und habe mich nicht einschüchtern lassen. Und dann hat er gelacht und gesagt, okay, get up." (Zitat Quelle)

Kritische Stimmen unterstellten Hannelore Piegler verletzte Eitelkeit. Als Chefstewardess hatte sie die führende Position in der Kabinencrew. Doch es war Gaby Dillmanns Stimme, die Captain Martyr Mahmud, dem Anführer der Geiselnehmer, als Übersetzerin und Sprachrohr in der Kabine diente. Es war Gaby Dillmann, die die Bitte um Hilfe aus dem Cockpit an die Außenwelt vortrug. Über die Verhandlungen mit einem Vertreter der deutschen Botschaft in Somalia per Funk schreibt Piegler:

"Ich bat Gabriele, den Bericht zu verfassen, da es ihr auf englisch leichter fallen würde als mir. Ich besprach mit ihr, was sie sagen sollte und warnte sie noch einmal eindringlich vor der Verwendung falscher Worte, wie Terrorist oder Jude. Dafür standen die Bezeichnungen Freiheitskämpfer und Zionist. "Sei vorsichtig, versprich dich nicht! Ich bleibe hier, falls man mich persönlich sprechen will", sagte ich. Im selben Moment ertönte aus dem Lautsprecher eine Stimme mit unverkennbar deutschem Akzent: "Is it possible to speak with the purserette Mrs. Piegler, please!" Gabriele holte tief Luft und begann zu sprechen. Sie stellte sich vor und erklärte, dass ich neben ihr stünde, aber sie für mich sprechen würde."

Das Bild vom Eintreffen der Befreiten in Frankfurt geht um die Welt. Man sieht die am Bein verletzte Gaby Dillmann, von Copilot Vietor gestützt, das Flugzeug verlassen. Hinter Vietor folgt Hannelore Piegler, einen Blumenstrauß haltend. Das Bild, das Hannelore Piegler von ihrer Kollegin zeichnet, passt nicht zu einer, die in den Medien zur Heldin avanciert. Ein Bericht der FAZ tituliert sie fälschlicherweise gar als Chefstewardess. Schließlich wird Gaby Dillmann in der Öffentlichkeit als Engel von Mogadischu gefeiert. Wie könnte Frau Piegler anders reagieren als mit Schweigen, da jede ihrer Aussagen mit dem Argument niederer Motive in einem völlig neuen Licht erscheint?

Auch Jürgen Vietor hielt seine Erlebnisse kurz nach der Befreiung schriftlich fest. Anlässlich der Hamburger Gerichtsverhandlung gegen Andrawes 1996 vertiefte er sich erstmals wieder in seine Aufzeichnungen. Er selbst bezeichnet sich als ein "großer Verdränger". Schon wenige Wochen nach der Befreiung flog er wieder als Pilot für Lufthansa, sogar mit der Landshut. "Die war ja kaum beschädigt, nur ein paar Haarrisse im Fahrwerk", so Vietor. Wie oft er noch über die Stelle schritt, an der sein Kollege Jürgen Schumann durch einen Kopfschuß exekutiert wurde und was er dabei fühlte, bleibt sein Geheimnis. Während er, heute Pensionär, eher ungern Rede und Antwort steht, scheint sich Gabriele von Lutzau, inzwischen Bildhauerin, im Rampenlicht wohl zu fühlen.

Es obliegt mir nicht, über die Opfer der Entführung und deren individuelle Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses zu urteilen. Keiner kann mit Gewissheit sagen, wie er sich in einer ähnlichen Extremsituation verhalten würde. Ob nun Jürgen Vietor die Geschehnisse stark rationalisiert oder Gabriele von Lutzau das Erlebte zum persönlichen Abenteuer verklärt, aus psychologischer Sicht ist jegliche Reaktion nachvollziehbar. Trotz allem sind die Stimmen der Opfer wichtige Zeitdokumente.

"Man sieht's jetzt gerade wieder an der Mohnhaupt, die wird ja jetzt entlassen. Komischerweise wird da mehr Gedöns drum gemacht um die Täterin als um die Opfer", so Vietor in einem Interview Anfang des Jahres. Opfer wie Jürgen Schumann oder auch Hannelore Piegler und Anna Maria Staringer. Sie haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Ebenfalls sollte man nicht vergessen, dass Meinungen durch die Medien maßgeblich geformt werden. Das Feld zwischen richtig und falsch, zwischen schwarz und weiß ist jedoch unendlich groß. Wer sich der Wahrheit annähern möchte, muss alle Facetten berücksichtigen. Letztlich liegt sie nämlich im Auge des Betrachters und Landshut manchmal doch in Afrika.

Frau Klugscheisser

Smartass klingt freundlicher als das deutsche Klugscheißer und weniger verbissen. Dennoch hat Frau Klugscheisser diesen Namen gewählt, weil deutsch ihre Muttersprache ist. In ihrem Blog verbeißt sie sich in Nebensächlichkeiten, verschluckt sich an widrigen Umständen und verdaut so Alltägliches. Sie hat wenig Ahnung von Politik, dafür umso mehr von Menschen, die sie studiert. Ob die nun typisch deutsch sind, ist schwer zu beurteilen. Zumindest sind sie typisch menschlich, genau wie sie selbst.
mindestens haltbar 10/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 10
ISSN 1816-8159
Autor: Frau Klugscheisser
Titel: Landshut liegt in Afrika
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am 9. Okt, 15:25

Das sind sehr interessante Infos zum Thema. Das Vietor einfach so weitergemacht hat, war mir bisher nicht bekannt. Finde ich ziemlich unglaublich die Vorstellung, dass man sich einfach auf den Platz setzt, auf dem vorher der erschossene Kollege gesessen hat.


am 14. Okt, 00:08

Ein Zeitzeuge äussert sich in meinen Blogkommentaren.


am 17. Okt, 14:48

Da jährt sich zur Zeit ein Kernereignis der dunkelsten Zeit im Nachkriegsdeutschland zum dreissigsten Mal, der Märtyrertod von Flugkapitän Schumann, die kühle Professionalität, mit der er und sein Copilot Vietor die Landshut flogen in einer Situation, in der andere nicht einmal imstande wären, sich die Schnürsenkel ordentlich zu binden, die einzige Überlebende der Mörderbande wurde nie angemessen bestraft, die wenigen Medienberichte sind an diesem dreissigsten Jahrestag aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem islamischen Terror noch weniger als lauwarm, und hier diskutiert ein Hühnerstall ob eine verdammte Stewardess vielleicht zu viel vom Rampenlicht für sich in Anspruch nahm und ob eine Autorin nicht vielleicht mundtot gemacht wurde, weil ihre Kollegin zu schlecht in ihrem Buch wegkam. Bisher haben deutsche Verleger noch jeden Dreck veröffentlicht, wenn er sich nur gut verkaufen ließ.

Manchmal schäme ich mich, eine Frau zu sein.

am 17. Okt, 15:51

Liebe Frau Klugscheisser, jetzt muss ich mich doch zu Wort melden: ich fand Ihren Beitrag sehr lesenswert und interessant (und sehr, sehr, sehr weit weg von jeglichem Hühnerstall), er hat mir Seiten der Geschichte näher gebracht, die ich zuvor so nicht kannte. Anonyme Kommentare sollten Sie einfach ignorieren!


am 26. Okt, 13:19

Liebe Frau Sprachspielerin, ich warte immer noch auf Ihren Klarnamen.

Anonymest
Frau Noch-Klugscheissender

P.S. Das Wort, dass ich jetzt unten eingeben soll lautet "gack". Wie angemessen!