
Sicht eines Spätgeborenen
"Ab wann" impliziert für mich, dass wir uns schon längst auf einer Bahn befinden, die die RAF legitimierbar macht; wir müssten nur noch einen bestimmten Punkt auf dieser Bahn erreichen. Das wäre dann keine Frage der Qualität -- was ist die RAF, wie sind die Umstände --, sondern nur noch der Quantität: Sind die Umstände inzwischen so schlimm oder revolutionär erfolgsversprechend, oder werden sie in absehbarer Zeit so schlimm oder revolutionär erfolgsversprechend sein, dass man die Strategien der RAF vertretbar nennen kann?
Dabei war die Katastrophe der RAF keine Frage der quantitativen, sondern der qualitativen Differenz zur Wirklichkeit. Man kann nicht mit Stadtguerilla die kapitalistische Totalität, mit Geiselnahmen den Staat, mit Autobomben einen vermeintlichen US-Imperialismus stürzen. Das Konzept war damals in beängstigend lächerlichem Maße mit der Realität
inkompatibel, ist es heute weiterhin und wird es auch morgen noch sein.
Bei aller Sympathie mit sozialen und politischen Utopien: Im Fall der RAF braucht die Frage, ob Gewalt nicht vielleicht im Sinne der Revolution oder im Angesicht der schlimmen Zustände legitimierbar wäre, nicht einmal gestellt zu werden. Selbst der gewaltfreudigste Revoluzzer würde zustimmen, dass Gewalt einer Revolution nicht zielgerichtet dienen
kann, wenn sie strategisch voll daneben liegt. So kann ich mir keinen auch nur halbwegs in der Realität unserer Welt fußenden Maßstab vorstellen, nach dem die RAF jemals, unter welchem gesellschaftlichen Extremalwert auch immer, legitimierbar wäre.
Frage: "Rückblick: Hat das alles was gebracht? Kann sich einer eigentlich noch an die Ziele der RAF erinnern?"
Die 68er im Ganzen haben beträchtliche gesellschaftliche Emanzipationsgewinne mit sich gebracht, die RAF für sich allein aber hat keinen einzigen gesellschaftlichen Emanzipationsgewinn in ihrem Sinne erzielt.
Ein gesellschaftlicher Nutzen der RAF, den man herbei spekulieren könnte, wäre ihr Ausstrapazieren der Toleranzschwellen des Rechtsstaats. Die RAF wollte, dass der Rechtsstaat an ihr zusammenfalle. Und tatsächlich hat sie einige unangenehme Irritationen in ihm ausgelöst. Aus diesen mag der Rechtsstaat reicher an Erfahrungen und Stabilität hervorgegangen sein, oder reicher an paranoischen Kontroll-Instrumenten, zu unserem Vor- oder Nachteil. Nur kollabiert ist er ganz gewiss nicht.
Vielleicht war die RAF einfach eine notwendige Feuerprobe der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie? Wie erst sähe der politische Umgang mit Gefahren des Terrorismus heute ohne diese Vorerfahrungen aus?
Ich schreibe das alles als arg Spätgeborener, Jahrgang '84 (Ost). Aber ich war in meiner Jugendzeit sehr stark links geprägt, in meinen Assoziationen sogar tendenziell linksradikal. In diesem Umfeld rezipierten wir die RAF rückblickend enorm und auch recht sympathisierend. Nicht selten lief bei uns dieses "WIZO"-Lied rauf und runter:
Rote Armee Fraktion, /
Ihr wart ein geiler Haufen! /
Rote Armee Fraktion, /
mit euch ist was gelaufen! /
Rote Armee Fraktion, /
ich fand euch immer spitze! /
Leider war ich noch zu klein /
um bereits bei euch dabei zu sein ...
Auch im Schulunterricht konnten wir unseren Interessen fröhnen. Wir hatten breite Gelegenheit, linke Autoren zu lesen, mit besonderen Interesse-Schwerpunkten auf den heißen, aufregenden Zeiten in Westdeutschland in den 60ern und 70ern. Zwischen Unmengen Erich Fried, Heinrich Böll und anderen rutschte dann auch immer mehr Zeitgeschichtskontext in die Deutsch-Stunden hinein, bis hin zu mehrteiligen TV-Dokumentationen über die RAF, die wir begeistert und romantisch verschlangen.
Der logische Höhepunkt jeder individuellen RAF-Begeisterung war aber stets der Erwerb von Stefan Austs roter Bibel "Der Baader Meinhof Komplex", die sich scheinbar so gut als Vorzeigeobjekt in der S-Bahn-Lektüre oder in der Regalzeile machte. Wenn man allerdings ein Weilchen drin gelesen hatte, setzte ruppige Desillusionierung ein, die detaillierte Zergliederung der RAF in einen Haufen psychisch verkorkster Bürgerkinder als Gewalttätern mit ganz besonders verwirrter
Ideologieverbohrtheit.
Es tat sein Übriges, bei Antifa-Aktivitäten eine auf den ersten Blick so irritierende und auf den zweiten Blick eigentlich ganz konsequente RAF-Lebenslauffortsetzung wie Horst Mahler auf der Gegenseite zu wissen.


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am 27. Mai, 13:25