Heißer Herbst 77

von Susanne Englmayer
Menschen werden in ihrer Jugend geprägt, davon bin ich überzeugt. Es sind die Dinge dieser kurzen Zeit - die Filme und Bücher, auch die Begegnungen, die Freunde und die Lehrer sogar - die in gewisser Weise für immer bleiben. Deutlich mehr als alles andere, was danach noch kommen mag. Das verblaßt, da bleiben nur die Höhenflüge, hier und da. Und die Härten vielleicht. Alles andere ist, wie man heute in vielen Blogs sehr schön nachlesen kann, Alltag.

Ich erinnere mich nicht gern, das gebe ich zu. Die 70er, das ist meine Zeit, Doch es war keine gute Zeit, nicht für mich. Aber darum geht es ja hier nicht, zum Glück. Also.

Meine Eltern, Kriegskinder und Nachkriegsjugendliche, finden unter Adenauer zusammen. Wirtschaftswunderlinge, während im fernen Vietnam bereits ein neuer Krieg reift. Die Amtszeit des alten Rhöndorfers neigt sich dem Ende zu, als ich geboren werde. Ich bin ein Kleinkind, als sich Herr Dr. Kiesinger öffentlich ohrfeigen lassen muß. Beate Klarsfeld bekommt daraufhin von einem bekannten deutschen Schriftsteller, der später den Nobelpreis erhalten wird, einen Strauß Rosen, und ein anderer bekannter deutscher Schriftsteller, der später ebenfalls den Nobelpreis erhalten wird, äußert sich abfällig darüber. Kurz bevor mein kleiner Bruder geboren wird, stirbt Benno Ohnesorg, ohne daß ich davon weiß. Im Jahr darauf wird Rudi Dutschke niedergeschossen. Ich bin noch nicht einmal in der Schule. Selbst daß es andere Länder und sogar andere Sprachen gibt, in Paris zum Beispiel, habe ich noch nicht wirklich begriffen. Das alles läßt sich zwar nachlesen, aber es gehört nicht zu mir. Bis heute nicht.

Ich bin ein Kind der 70er. Krieg und Diktatur ist allgegenwärtig. Man redet über Vietnam, über Chile, Mexiko und Argentinien, über den Nahen Osten. Auch in den Schulen, so tickt der Geist der Zeit. Und es ist eine heiße Zeit, die heute seltsamerweise mit einer großen, umfassenden Kälte in Zusammenhang gebracht wird. Rex Gildo singt dazu von der Fiesta Mexicana, während meine Mutter den Flokati kämmt. Hossa! Daneben sind die Blumenkinder hip und werden deshalb Hippies genannt. Auch meine Mutter nennt mich so, als es ihr nicht mehr gelingt, mich sonntags in weiße Kniestrümpfe zu zwingen. Ich weiß nicht genau, was sie damit meint. Doch spüre eine gewisse Verachtung.

Später, in den 80ern, nähere ich mich dann dem Punk. Meine Mutter sagt dazu nichts. Wir reden kaum mehr ein Wort miteinander. Andere sind längst friedensbewegt, was mich vorwiegend amüsiert. Auch wenn ich hier und da dabei bin, das will ich nicht verschweigen. Mein Ding ist das nicht. Doch das soll das ja hier nicht das Thema sein.

In den 70ern hängen Postämtern, Telefonzellen und an Straßenbahnhaltestellen über Jahre hinweg, wie mir scheint, die Fahndungsblätter mit den rot umrahmten Paßbildern der Terroristen. Ab und zu werden die Bilder durch neuere Aufnahmen ersetzt. Immer häufiger sind auch einzelne Gesichter per Hand dick und schwarz ausgeixt. Morgens auf dem Weg zur Schule lese ich immer wieder die Namen an der Haltestelle. Sie prägen sich ein, das läßt sich nicht vermeiden. Auch wenn mir das alles unendlich weit weg erscheint. In der Schule sind zwar Bombendrohungen an der Tagesordnung. Das ist in dieser Zeit einfach effektiver als der althergebrachte Feueralarm, um sich und alle anderen vor dem Unterricht zu drücken. (Vielleicht ist es ja derzeit gerade wieder genauso? Eine wiederkehrende Mode? Keine Ahnung, aber passen würde es.) Regelmäßig stehe ich mit dem Rest der Schülerschaft hinten auf dem Sportplatz und warte darauf, daß wir wieder eingelassen werden. Das ist wie ein Ritual, das von vorne bis hinten durchgeführt werden muß. Daran führt kein Weg vorbei, aber ernst nimmt das niemand. Alle wissen Bescheid. Denke ich. Bis eine Mitschülerin Angst und Abscheu bekundet und darüber spekuliert, ob die Terroristen nicht vielleicht gleich hinten über die Hecke auf uns schießen würden. Ein absurder Gedanke, das ist sofort mir klar. Obwohl ich mir plötzlich mehr sicher bin. Ich weiß, noch im selben Moment, daß da mehr ist. Daß da mehr sein muß.

Obwohl ich durchaus nicht verbildet bin. Zu Hause gibt es zwar überhaupt keine Zeitung, also auch keine Bildzeitung. Immerhin. Im roten Ruhrgebiet hat man dafür den vermeintlich roten Stern. Eine Illustrierte, wie es damals heißt. Also ebenfalls mit übertrieben vielen Bildern versehen. Das ist trotzdem gar nicht so schlecht. Ich zumindest schaue immer öfter da hinein. Nicht nur die Bilder, ich lese auch. Trotzdem wird zu Hause, wie fast überall, von der "Baader-Meinhof-Bande" gesprochen, nicht etwa von der "Roten-Armee-Fraktion". Eine "Bande", das ist mir irgendwie vertraut. Das hat zum einem etwas spielerisch, kindliches. Darüber hinaus ist es natürlich verrucht. Banden bilden, so etwas tun doch nur Verbrecher. Mein Vater wagt es, ein einziges Mal, davon zu reden, daß er Texte von Ulrike Meinhof gelesen hat, denen er durchaus zustimmen konnte. Frühere Texte natürlich, vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt im Stern veröffentlich. Wo sonst hätte er darauf stoßen können? Aber das will niemand hören.

Im Herbst 1977 wird alles anders. Die Menschen kleben an den Nachrichten, wochen-, monatelang. Überall laufen die Radios und Fernsehgeräte. Ich bin vierzehn und habe andere Sorgen. Eigentlich. Doch das, was nun geschieht, geht auch an mir nicht spurlos vorüber. Ich werde in die Welt hineingezogen, ohne daß ich es merke. Ohne, daß ich es will. Die Toten davor haben mich wenig interessiert. Doch auf einmal gibt es Zusammenhänge. Es geschieht Geschichte, das weiß ich heute. Damals ist es nur eine eigenartige Verdichtung der Zeit. Hanns Martin Schleyer wird entführt und ermordet, die Landshut wird entführt und irrt in der Welt umher. Die Selbstmorde. Selbstmorde? Alles ist schief, hängt irgendwie daneben. Nichts funktioniert in diesem Herbst. Fast nichts. Die Befreiung der Passagiere in Mogadischu immerhin. Das ist beinah eine Überraschung. Die Erleichterung ist deutlich zu spüren, überall. In den Medien, wie auf der Straße. Doch wer weiß schon, was und wie genau. Die Details, die Gründe. Und die Abgründe. Bis heute nicht.

Später lese ich die Reportage im Stern. Ich sehe auch die Bilder. Doch vor allem sind es wieder die Namen von Menschen und von Orten, die sich tief in mich einprägen. Darunter der des Flugkapitäns Jürgen Schumann, dessen Leiche über eine Notrutsche aufs Rollfeld geworfen wurde, als sie in der Hitze der Maschine allzu schnell zu stinken begann.

Buchhinweis: Butz Peters: "Tödlicher Irrtum, Die Geschichte der RAF", Argon Verlag GmbH
Menschen werden in ihrer Jugend geprägt, davon bin ich überzeugt.
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.
mindestens haltbar 10/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 10
ISSN 1816-8159
Autor: Susanne Englmayer
Titel: Heißer Herbst 77
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