
Der Grundschulguerilla
von Benjamin Reichstein
Im Jahr 1989, als die 47 Häftlinge der RAF in den Hungerstreik traten, saß ich vermutlich gerade in meinem Kinderzimmer und spielte mit He-Man Figuren, die ich meinem reichen Kindergartenfreund aus Neid geklaut hatte.
Der kleine Amerikaner war für mich damals das reichste Kind der Welt und lebte in einem Palast aus Spielzeug, das mir meine Eltern nicht einmal unter Androhung von Hungerstreik gekauft hätten. Actionfiguren und abgefahrene Zeichentrickserien waren also das Einzige, was mich damals interessiert hat. Aber auch wenn ich nicht aktiv von den Ereignissen rund um die Rote Armee Fraktion erfahren habe, muss es dennoch einen unterbewussten Einfluss auf mich gehabt haben. Denn spätestens ein Jahr nach meiner Einschulung wurde mir klar - ich werde Widerstandskämpfer! Dieses System der Noten und Arschkriecherei war mir, dem selbsterklärten Rebellen der 1A, schon immer zuwider und die aufgestaute Abneigung gegenüber der tyrannischen Klassenlehrerin gipfelte schlussendlich in einem lautstarken Herausbrüllen meiner politischen Forderungen - inklusive theatralischem Weinkrampf. Dieser brachte mich jedoch leider nicht viel weiter als bis vor die Tür der Klasse für mein erstes Verhör inklusive Verurteilung zu mehrseitiger Strafarbeit.
Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben und so trat ich als einsamer Kämpfer meinen Feldzug durch zwei Grundschulen, ein Gymnasium und eine Wirtschaftsschule an. Von Verweisen wegen Vergessen des Turnbeutels über mehrstündigen Diskussionen meines Rechts, eine Schirmmütze zu tragen - ich durchlief das volle Programm. Zuletzt verlor ich an der Berufsschule die Lust am Widerstandskampf und quittierte dies mit konsequenter Resignation und lautstarkem Schnarchen. Der soziale Aufstieg war somit unwiderruflich vorprogrammiert. Mittlerweile arbeite ich in einem großen Versicherungsunternehmen und alles, was von meinem Rebellendasein übrig ist, sind ein paar Rage against the machine CDs und das stille Feuer in meinen Augen, das nur noch auflodert, wenn ich betrunken darüber philosophiere, warum die Deutschen nicht aufstehen und sich wehren oder was ich am liebsten alles besser, gerechter - utopischer machen würde.
Was ist geblieben von der RAF und der Ideologie des Widerstands des Volkes?
In Zeiten der Informationsflut, angeblicher und realer Bedrohungen, sind wir Deutschen müde geworden, reagieren mit Entsetzen, wenn in Paris die Autos brennen und möchten uns nicht mehr einmischen, sondern uns nur noch zurücklehnen und beschützen lassen. Ob man die Gewalt gutheißen mag oder nicht - wo früher Steine flogen und Menschen zu Massen gegen den Imperialismus protestierten, schweigt heute das Volk, wenn Politiker über eine Änderung des Grundgesetzes, gezielte Tötung und Bundeswehreinsätze innerhalb Deutschlands diskutieren, Festplatten von Privatpersonen durchsuchen und Passagierflugzeuge ohne eindeutige rechtliche Grundlage abschiessen wollen.
Die Meinungen über die Taten der RAF gehen weit auseinander: von sinnlosen Morden bis zur Glorifizierung wurden schon sehr viele Ansichten vertreten. Aber auch wenn sie die Geschichte Deutschlands definitiv beeinflusst haben, habe ich davon doch recht wenig mitbekommen. Doch dass ich dem verhätschelten, amerikanischen Kapitalistenkind seine He-Man Actionfigur abgenommen habe, das finde ich auch heute noch mehr als gerecht.
Der kleine Amerikaner war für mich damals das reichste Kind der Welt und lebte in einem Palast aus Spielzeug, das mir meine Eltern nicht einmal unter Androhung von Hungerstreik gekauft hätten. Actionfiguren und abgefahrene Zeichentrickserien waren also das Einzige, was mich damals interessiert hat. Aber auch wenn ich nicht aktiv von den Ereignissen rund um die Rote Armee Fraktion erfahren habe, muss es dennoch einen unterbewussten Einfluss auf mich gehabt haben. Denn spätestens ein Jahr nach meiner Einschulung wurde mir klar - ich werde Widerstandskämpfer! Dieses System der Noten und Arschkriecherei war mir, dem selbsterklärten Rebellen der 1A, schon immer zuwider und die aufgestaute Abneigung gegenüber der tyrannischen Klassenlehrerin gipfelte schlussendlich in einem lautstarken Herausbrüllen meiner politischen Forderungen - inklusive theatralischem Weinkrampf. Dieser brachte mich jedoch leider nicht viel weiter als bis vor die Tür der Klasse für mein erstes Verhör inklusive Verurteilung zu mehrseitiger Strafarbeit.
Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben und so trat ich als einsamer Kämpfer meinen Feldzug durch zwei Grundschulen, ein Gymnasium und eine Wirtschaftsschule an. Von Verweisen wegen Vergessen des Turnbeutels über mehrstündigen Diskussionen meines Rechts, eine Schirmmütze zu tragen - ich durchlief das volle Programm. Zuletzt verlor ich an der Berufsschule die Lust am Widerstandskampf und quittierte dies mit konsequenter Resignation und lautstarkem Schnarchen. Der soziale Aufstieg war somit unwiderruflich vorprogrammiert. Mittlerweile arbeite ich in einem großen Versicherungsunternehmen und alles, was von meinem Rebellendasein übrig ist, sind ein paar Rage against the machine CDs und das stille Feuer in meinen Augen, das nur noch auflodert, wenn ich betrunken darüber philosophiere, warum die Deutschen nicht aufstehen und sich wehren oder was ich am liebsten alles besser, gerechter - utopischer machen würde.
Was ist geblieben von der RAF und der Ideologie des Widerstands des Volkes?
In Zeiten der Informationsflut, angeblicher und realer Bedrohungen, sind wir Deutschen müde geworden, reagieren mit Entsetzen, wenn in Paris die Autos brennen und möchten uns nicht mehr einmischen, sondern uns nur noch zurücklehnen und beschützen lassen. Ob man die Gewalt gutheißen mag oder nicht - wo früher Steine flogen und Menschen zu Massen gegen den Imperialismus protestierten, schweigt heute das Volk, wenn Politiker über eine Änderung des Grundgesetzes, gezielte Tötung und Bundeswehreinsätze innerhalb Deutschlands diskutieren, Festplatten von Privatpersonen durchsuchen und Passagierflugzeuge ohne eindeutige rechtliche Grundlage abschiessen wollen.
Die Meinungen über die Taten der RAF gehen weit auseinander: von sinnlosen Morden bis zur Glorifizierung wurden schon sehr viele Ansichten vertreten. Aber auch wenn sie die Geschichte Deutschlands definitiv beeinflusst haben, habe ich davon doch recht wenig mitbekommen. Doch dass ich dem verhätschelten, amerikanischen Kapitalistenkind seine He-Man Actionfigur abgenommen habe, das finde ich auch heute noch mehr als gerecht.
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