0310 - Die RAF und was übrig blieb

Editorial

DonDahlmann
30 Jahre deutscher Herbst. Allerdings ist es gar nicht so einfach, sich mit dem Thema auf einer literarischen Ebene auseinanderzusetzen.
Bücher zu dem Thema gibt es viele, vor allem, wenn es um die Dokumentation dessen geht, was damals passiert ist. Aber die persönlichen oder literarischen Gedanken zur RAF findet man selten. Das mag auch daran liegen, dass zeitgeschichtliche Ereignisse mehr als drei Jahrzehnte zurückliegen müssen, um sich mit ihnen auseinandersetzen zu können.

Als ich die Idee hatte, die RAF zum Thema auf diesen Seiten zu machen, war ich sehr unsicher. Gibt es überhaupt genügend Blogger und Autoren, die sich für das Thema interessieren, und die etwas dazu beitragen wollen? Und sind die meisten Blogger/innen nicht viel zu jung, um von der RAF etwas mitbekommen zu haben?

Am Ende bin ich erstaunt, dass so viele Autoren Texte zum Thema beigetragen haben. Die Spannbreite reicht von einem literarischen Versuch sich einer Figur wie Andreas Baader zu nähern, über eine Recherche zum Thema der Entführung der "Landshut" bis hin zu persönlichen Erinnerungen aus der Zeit der permanenten Ringfahndung. Und es sind mehr Texte geworden, als ich mir habe vorstellen können. Das hat mir gezeigt, dass man in diesem Medium auch schwierige Themen anfassen kann und genau das wird in Zukunft bei "mindestenshaltbar.net" auch immer mal wieder passieren.

Deutlich schwerer war es, vernünftige Bilder zum Thema zu finden. Da wir kein Geld für Bilder haben um uns aus Pressearchiven zu bedienen, hatte ich ein paar Museen angefragt, die mir aber leider auch nicht weiterhelfen konnten. So haben wir uns dann dafür entschieden mittels Tapetenmuster ein wenig 70er Flair auf die Seite zu bekommen. Die Bilder sind gesponsort und wer sein Schlafzimmer demnächst mit psychedelischen Mustern aufpeppen möchte, findet die Links zu den Anbietern auf der Startseite.

Der Dank gilt natürlich den Autorinnen und Autoren, die diese Ausgabe mit ihren Geschichten zum Leben erwecken.

Noch ein Wort in eigener Sache: Wer Interesse hat, seine Geschichten bei "Mindestenshaltbar" zu veröffentlichen, oder als Autor hier mitzuarbeiten, möge einfach eine Mail an folgende Adresse senden:
mindestenshaltbar@dondahlmann.de
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, schreibt er nebenbei ein Blog.

Hinter tausend Stäben keine Welt

Sprachspielerin
Schon im Flur hing eine riesige, blutrote Fahne mit der Abbildung Che Guevaras, natürlich. An seiner Zimmertür, eierschalenweiß, dann der ebenfalls blutrote Stern mit der gekreuzten HK MP5.
Schon im Flur hing eine riesige, blutrote Fahne mit der Abbildung Che Guevaras, natürlich. An seiner Zimmertür, eierschalenweiß, dann der ebenfalls blutrote Stern mit der gekreuzten HK MP5. Er sprach es in einem aus, geübt, Maschinenpistolensalve, "raff", während sie zögerlich und nachdenklich Buchstaben für Buchstaben aneinander reihen musste, "R" ... "A" ... "F". Und über seinem Bett dann schließlich ein Plakat, helleres Rot, handschriftlich mit Edding: "Furchtbar ist es, zu töten. Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist, wie jeder Lebende weiß." Sie bekam Gänsehaut, beruhigte sich erst, als er sagte, dass dies ein Zitat von Brecht sei. Brecht war schon ein halbes Jahrhundert lang tot und harmlos, erst dann ließ sie sich niederziehen auf die Matratze und ließ sich lieben, dort.

Sein Schwanz hart, als er sich von hinten an sie presste. Er packte sie am Haar und sie dachte an seines, dunkel, fast schwarz, an die dichten, buschigen Augenbrauen, die sehr breiten Koteletten, aber am Hinterschädel eine beinahe kahle Stelle schon, jetzt spürte sie seinen Dreitagebart an ihrem Nacken kratzen. Er zog an ihrem Haar, er biss sie in den Hals, drückte sein aufragendes Geschlecht fest gegen ihren Hintern, aber sie dachte an seine strahlenden, blauen Augen, von einer Sonnenbrille verborgen und an seinen geschmeidigen, raubtierhaften Gang. Er ließ sie los, nur um sich seiner eng-eleganten Kleidung zu entledigen, sein Hemd gebügelt, er roch nach Waschmittel, Rasierwasser, Kosmetika. Zog auch sie aus, das Reißen der Stoffe störte ihn nicht, zwischen Leidenschaft und Brutalität, er klapste ihr auf den nackten Hintern. Überhaupt hatte er auch etwas prolliges, etwas von einem Zuhälter, einem Kleinkriminellen, einem Gangsterboss. Er faszinierte sie. Er drang hinten in sie ein, wie ein Tier, es brannte, aber er hielt sie fest an der Taille, seine Fingernägel in ihrem Fleisch, und als er kam, schrie er, laut und kehlig, dass sie beinahe erschrak.

Er war 34 und sie mehr als zehn Jahre jünger. Er beeindruckte und beängstigte sie zugleich. Immer wenn er sich an sie drückte, war sein Schwanz steif. Was auch daran liegen mochte, dass er sich sonst nie an sie kuschelte. Sonst redete er. Er war ein Arsch und ein Angeber. Sie wusste nicht, was er tat, wenn sie nicht zusammen waren. Sie wusste, dass er ihr nicht allein gehörte, aber in seinem Fall machte ihr das nichts aus. Er liebte andere Frauen und andere Frauen ließen sich von ihm lieben, weil er auf seltsame Art anziehend wirkte. Weil er andere sofort betatschte, wenn er mit ihnen sprach, seine Hand auf ihrem Arm, wie er es bei ihr gemacht hatte und weil viele das mochten, wie sie es gemocht hatte. Wenige fanden dies bei dem Mann mit der Raubkatzen-Eleganz zu aufdringlich. Manchmal nahm er sie mit auf Partys und stellte sie als seine Freundin vor, dafür war sie schön und jung genug. Meistens ging er dann auch mit ihr wieder nach Hause. Oft, nachdem er sich maßlos betrunken und daneben benommen hatte, bis sie ihn rausschmissen. Manchmal ging er als Frau, er schminkte sich mit Lidschatten und noch mehr Puder als er sonst verwendete, brachte mit Haarspray seine Frisur in Form. Auf einer Party pisste er mitten auf den Teppich, weil das Buffet leer war und der Gastgeber sich weigerte, nur für ihn Nachschub zu bestellen. Einmal verprügelte er einen Studenten, weil der sie angesprochen hatte. Er redete viel und gern, ob er betrunken war oder nicht. Er gab sogar vor ihr an mit seinen Frauengeschichten. Und mit Autodiebstählen.

Manchmal holte er sie ab, in einem neuen Wagen, einem Alfa, einem weißen Mercedes, einem lila Porsche, sie fragte nie, sie sagte nie etwas, wenn sie nachts viel zu schnell durch die Stadt rasten. Das Rasen gefiel ihr, die Ledersitze gefielen ihr, er gefiel ihr, mit der Sonnenbrille hinter dem Lenkrad in der Nacht. Gemeinsam ergab das ein Prickeln und Ruckeln unter ihren Schenkeln, das Vibrieren der Autositze erregte sie, durch das fliegende Auto übertrug sich seine Potenz auf ihren Schoß und wenn sie aufstand, nach dem nächtlichen, ziellosen Schnellen durch die Stadt, dann waren die Ledersitze manchmal feucht von ihr.

Sie wusste wenig von ihm, darüber sprach er selten. Sie wusste, dass sein Vater Historiker oder Archivar oder etwas ähnliches gewesen war und seine alleinerziehende Mutter Sekretärin, dass er keinen Schulabschluss hatte, weil er immer wieder geflogen war und das glaubte sie sofort. Sie wusste nicht, wovon er lebte, einmal erzählte er etwas von Schlafwagenschaffner. Richtig arbeiten ging er wohl nicht. Irgendwo hing ein Foto seiner Tochter, er hatte sie lange nicht gesehen, kein Vater, er. Worüber er sonst redete, wusste sie ebenfalls nur ungenau, sie konnte ihm da nicht immer folgen und sie wusste auch nicht, ob sie es wollte. Es fielen Begriffe wie Gesellschaft, Kapitalismus, Faschismus, Revolution, Terrorismus, Gewalt und Bullen, Schweine, Arschlöcher und Fotzen. Er sprach vulgär, bemüht vulgär und ereiferte sich, mit weitausholenden, vereinnahmenden, manchmal bedrohlich wirkenden Gesten, blitzenden Augen und tiefer Stimme, dazwischen ein zynisches Lachen.

Sie mochte seine Stimme, sie mochte das Glühen in seinen Augen, wie bei einer vom Scheinwerferlicht angestrahlten Katze. Seiner Stimme lauschte sie, wenn er sprach, seine Worte vergaß sie darüber. Seine Worte kamen ihr nur entfernt bekannt vor, ihr Vater benutzte manchmal ähnliche Begriffe, wenn er von früher erzählte und davon, wie Ohnesorg damals erschossen worden war. Von ihm kamen diese Worte mindestens dreißig Jahre zu spät, er war zu spät. Und er war schon zu alt, um jung zu sterben, als Rebell, als Legende. Seine wütenden Worte blieben ohne Konsequenzen, dahingesagt, wie viele andere Worte. Er drehte sich nur im Kreise, wie ein Tier hinter Gittern, der Bezug zur Welt war ihm verloren gegangen.

Manchmal blieben sie auch einfach zu Hause bei ihm, sie vögelten, sie hörten Janis Joplin, rauchten, sie tranken viel Bier oder weißen Rum, er redete, er las Comics, Asterix, während sie schlief, sie sahen sich die "Schlacht um Algier" auf Video an, sie fickten wieder oder machten irgendein Tiefkühlgericht im Backofen warm. Sie sah ihm zu, wie er mit seinem Tigergang durch die Wohnung schlich, weich und kraftvoll, sie hörte ihm zu, wenn er sprach wie ein Irrer mit schöner Stimme und wildem Blick, sie spürte seine Bewegungen wie die eines Raubtiers in sich. Sie mochte seinen Körper, sein hübsches Gesicht, seinen muskulösen Torso, die Sicherheit, die ihm sein Körper gab, das Blitzen in seinen Augen und die Selbstverständlichkeit seines Selbstbewusstseins.

Einmal wollte er auf eine Party gehen und sie hatte keine Lust, keine Lust, ihm wieder dabei zuzusehen, wie er einen Skandal machte. Sie weigerte sich. Er begann zu reden. Er machte ihr die absurdesten Vorwürfe, er beschimpfte sie, er redete sich selbst in Wut, drehte sich im Kreise, er wurde lauter, er schlug auf die Matratze neben ihr und sie bekam Angst vor ihm und dem wilden Blitzen in seinen Augen, das sie gemocht hatte, vor den Muskeln, die sie bewundert hatte. Sie stand auf und wollte gehen, sie hatte ihm nichts zu sagen. Da sprang auch er auf, plötzlich, tigergleich, packte sie, drückte sie fest, hilflos, er wollte nicht, dass sie ging, und er biss zu, in ihre Nase, bis es blutete, wie ein hungriges Tier. Dann ging sie trotzdem. Sie wollte ihn nicht wiedersehen.
Zwei, drei Monate vergingen, sie hatte jetzt einen neuen Freund, einen richtigen, einen netten, der sie gut behandelte, sie war glücklich. Doch er fragte sie, ob sie sich nicht wiedersehen könnten, einmal, er wolle sie in die Oper einladen. Sie sagte ja. Er holte sie ab, in einem neuen Wagen, ein blutroter Alfa Romeo und sie fuhren viel zu schnell zur Oper. Sie sagte nichts. Sie saßen in der Königsloge, erste Empore, genau in der Mitte, er hatte keine anderen Karten mehr bekommen, sagte er, sie wusste nicht, was sie dazu hätte sagen können, es gefiel ihr. Die Oper war schön und rührend, wie Opern sind, und sie hatte noch Tränen in den Augen, als sie wieder in den blutroten Alfa stieg.

Stille, nur das Geräusch des Motors und des viel zu schnellen Rollens der Reifen auf der Straße. Dann begann er zu reden. Er habe eine fixe Vorstellung gehabt während der Oper, unablässig habe er daran denken müssen. Er habe sie nehmen und über die Brüstung der Königsloge lehnen wollen, habe ihr das Kleid heben und hinten in sie eindringen wollen, vor all den Leuten, mit musikalischer Begleitung, habe sie zum Stöhnen bringen wollen an diesem Ort. Er wusste, dass sie einen neuen Freund hatte. Sie sagte nichts. Er fuhr noch schneller, nervöser, sie wusste nicht, wohin. Er sah sie nicht an, er sah durch seine Sonnenbrille starr auf die Straße. Sie spürte seine Anspannung und Wut, seine Unberechenbarkeit und seinen Wahnsinn, übertragen durch die Ledersitze des Alfas und sie hatte Angst. Er war wie ein Raubtier hinter Gittern, um sich selbst kreisend, gefährlich, kurz vor dem Ausbrechen. Sie schüttelte nur den Kopf, "Nein", sagte sie, "nein." An einer Ampel stieg sie aus, mitten in der Stadt, mitten in der Nacht. Sie sah Andreas nie wieder.
Die Sprachspielerin beschäftigt sich mit Literatur sowohl wissenschaftlich als auch leidenschaftlich, ist Münchnerin, kann sich aber zwischen Frankreich und Italien nicht entscheiden, denn beide waren für sie entscheidend. Den da- und woandersher rührenden Trennungsschmerz versucht sie schreibend zu bewältigen und hat deshalb auch ein Blog.

Besser mal die Klappe halten

Florian Zinnecker
Der Tag, an dem mein Chef grundsätzlich wurde, war ein Montag. Na, wenn Se sich da mal nich verheben. Sie warn damals noch nich mal auffer Welt...
Der Tag, an dem mein Chef grundsätzlich wurde, war ein Montag. Na, wenn Se sich da mal nich verheben. Sie warn damals noch nich mal auffer Welt, wie wollnse denn da was Vernünftiges über die RAF schreiben? Geht nicht, müssense akzeptieren.
Musste ich akzeptieren, klar. Als Volontär - vulgo: als der Stift - in der Nachrichtenredaktion einer Tageszeitung, irgendwo in der Provinz. Keine Minute war vergangen, seitdem die Agenturmeldung, Brigitte Mohnhaupt komme frei, in die Redaktion getickert wurde. Brigitte Mohnhaupt. Frei. War klar, sagte der Feuilletonchef. Verdammt, sagte der Wirtschaftsredakteur, der seit diesem Moment im Februar 2007 dem Onliner einen Kasten Bier schuldete. Ich sagte nichts. Und kürzte weiter meinen Text über, ich weiß nicht mehr, es ging vermutlich um den Borkenkäfer. Brigitte Mohnhaupt. Frei. Das genaue Datum der Freilassung sei zwar nicht bekannt und würde andernfalls unter Verschluss gehalten, aber: Lange könne es nicht dauern bis zum Vollzug des gerichtlichen Beschlusses, das, was nach 24 Jahren von fünfmal Lebenslang übrig bleibt, zur Bewährung auszusetzen.
Bis hierher las ich. Den Rest schenkte ich mir. Weil ich wusste, die übrigen Zeilen waren - wie alle Mohnhaupt-Meldungen - nichts als die Versatzstücke NEUNFACHER MORD und MEHRFACHER MORDVERSUCH, außerdem FÜNFMAL LEBENSLANG, BESONDERE SCHWERE DER SCHULD, 25 JAHRE MINDESTHAFTZEIT und FÜNF JAHRE AUF BEWÄHRUNG. Ferner ZWEITE GENERATION, DUTZENDE ANSCHLÄGE, DEUTSCHER HERBST, UNTERGRUND und so weiter. Und natürlich: RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF, RAF. Ende der Meldung.
Mohnhaupt kommt frei, rief Chef vom Dienst, und: Blitzkonferenz. Anreißertext mit Bild auf die Eins, wurde angeordnet, am besten nochmal dieses schwarzweiße, bei dem sie in Handschellen abgeführt wird und den Kopf so auf die Arme legt, sie wissen schon, das kennen die Leut'. Bericht mit Bildern dann hinten, natürlich mit Zeitstrahl und Hintergrund zur RAF. Und, klar, Kommentärchen auch. Volle Breite, wie besprochen. Is' ja auch der Hammer irgendwie.
"Die Eins" steht im Zeitungsjargon für die Titelseite, "hinten" sind jene Seiten, worum sich auch mal der Volontär kümmert. Zurzeit war das ich. Und keine Frage, dass Mohnhaupt hier heute nicht zum ersten Mal auftauchte.
Wer kommentiert, fragte der Chef vom Dienst schon über dem Aufstehen. Chefsache, murmelte jemand. Nö, wurde erwidert, nicht schon wieder, hab' doch erst gestern, kann doch nicht schon wieder dasselbe schreiben. Es heißt DAS GLEICHE, nicht DASSELBE, piesackte jemand. Schließlich hob ich die Hand. Ob man das Thema vielleicht auch aus einem anderen Blickwinkel angehen könne, schlug ich fragend vor. Wie?, hörte ich. Nicht wie sonst mit War-krass-und-darf-man-nie-vergessen- obwohl-es-lange-her-ist-jaja-das-waren- Zeiten-Brille, sagte ich nicht. Sondern sinngemäß: Mit den Augen eines Spätgeborenen, der einen Bezug zu den Geschehnissen von einst und seiner heutigen Gegenwart herzustellen sucht. Sprich: Ich, der ich 1984 geboren bin, würde mir Gedanken über eine Zeit machen, da sich meine Eltern noch nicht kannten, aber bald kennen würden. Immerhin - so hätte ich argumentiert, sofern ich zum Argumentieren Gelegenheit gehabt hätte - immerhin haben wir zur RAF zurzeit täglich was im Blatt, also betrifft mich das ja auch irgendwie.
Diesen Satz hatte ich noch gar nicht zu denken begonnen, da war meine Initiative schon von Schweigen ausgebremst. Na, wenn Se sich da mal nich verheben, äußerte dann der Chef vom Dienst, Sie warn damals noch nich auffer Welt, wie wollnse denn da was Vernünftiges über die RAF schreiben? Geht nich, müssense akzeptieren. Er kommentierte dann doch selbst. Ansatzweise genauso wie am Vortag. Und ich ärgerte mich - so, wie sich nur Auszubildende ärgern, wenn sie in jene Situation kommen, in der ich mich befand. In einem Wort: Grmpf.
Mag sein, dass mein Nachgeben von Vorteil war. Auch, weil in einem Blatt, dessen Durchschnittsleser dringend über die Planung seines unmittelbar bevorstehenden 50. Geburtstags nachdenken sollte, der Blick eines Greenhorns auf jene Ereignisse, die mehrfach Menschenleben kosteten, naja, womöglich nicht die bequemste Lösung gewesen wäre (andererseits soll Bequemlichkeit ja nicht eben die oberste Maxime für Zeitungsmacher sein). Der eigentlich ausschlaggebende Punkt passt in einen Satz, der viel kürzer ist als der eben zu lesende. Nämlich: Ich habe keine Ahnung von der RAF.
Okay, ich weiß, was RAF heißt und was sie ist, beziehungsweise wer sie ist, beziehungsweise wer sie war. Sofern das überhaupt jemand weiß. Mir ist durchaus bewusst, was es mit Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer auf sich hat, ich kann erklären, was Schleierfahndung ist und was Isolationshaft.
Nur: Dieses Gefühl, dass sich in den Magen schleicht, wenn Baader-Meinhof-Mohnhaupt-Klar und Buback-Ponto-Schleyer in der Tagesschau auftauchen, nicht zu irgendeinem Jahrestag oder weil Brigitte Mohnhaupt frei kommt, sondern tagesaktuell, direkt am Abend, mit heißer Nadel gestrickt und trotz aller Tagesschau-Attitüde atemlos; das Gefühl zu wissen, das sind Leute wie du und ich mit einer streitbaren Ansicht dessen, was Recht ist und was nicht; die angstvolle Ahnung, jene Leute könnten überall sein und das, was sich die übrige Nation unter dem Begriff Innere Sicherheit sehnlichst wünscht, zerstören: Dieses Gefühl können die gerade gelesenen Sätze ebenso wenig nachempfinden wie Bücher, Dokus, Meldungen. Was bedeutet: Ich kann es auch nicht nachempfinden. Das SPIEGEL-Sonderheft, das ich als Neunjähriger auf Papas Schreibtisch gefunden habe, kann es nicht. Und der Beitrag der Zeitschrift NEON, worin heute die Tatorte von einst fotografiert sind, die Straße mit den zerschossenen Autos, das Versteck der Schleyer-Entführer, die Gefängniszelle - der Beitrag kann es auch nicht. Wissen kann funktionieren. Aber nicht Verstehen.
Natürlich: Objektiv betrachtet ist es alles andere als bedauerlich, besagtes Gefühl nicht zu kennen. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen statt sich um anderes zu kümmern, ist nichts als ein Luxusproblem. Zeitgeschichte bleibt trotzdem Zeitgeschichte. Und Wissensdurst bleibt Neugierde.
Möglich sind allenfalls vage Vergleiche. Etwa mit dem 11. September: Was Al-Qaida ist, beziehungsweise wer es ist, beziehungsweise wer es damals war, lässt sich nachvollziehen. Auch der Gedankengang eines Innenministers, der auf die Idee kommt, im Notfall Flugzeuge abschießen zu wollen, lässt sich (ohne damit die Idee selbst gut zu finden, nicht im Entferntesten) angesichts der damaligen Ereignisse, naja, nicht verstehen, aber analysieren. Dass es damals Leute gab, die in den Tagen danach jedes Flugzeug am Himmel angstvoll beäugten, warum jeder noch weiß, was er tat, als er's erfahren hat - das kann keine Doku vermitteln.
Gut, dass ich damals nicht kommentiert habe. Auch, weil ich den Beigeschmack meiner Worte im Kopf der Dabeigewesenen nicht abschätzen kann. "Isolationshaft" bei Wikipedia zu suchen ist schlicht nicht dasselbe wie abends in der Kneipe oder noch während der Tagesschau darüber zu diskutieren, nachdem das Wort gerade zum ersten Mal überhaupt in den Medien aufgetaucht ist. Die These von Ulrike Meinhof, "Protest ist, wenn ich sage das oder das passt mir nicht; Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht", klingt dann anders. Die Bauernregel "Wer im Frühling nicht sät, wird im Herbst nicht ernten" auch. Wie? Keine Ahnung.
Nein, nein, klar: Gut, dass ich nachgegeben habe. Man verhebt sich leicht bei solchen Themen. Lieber mache ich mir schon mal Gedanken, wie ich meinen Kindern den 11. September erkläre. Ist zwar nicht dasselbe. Aber vielleicht das Gleiche.
Florian Zinnecker kann zwar nicht tippen, aber mit dem Schreiben klappt's schon ganz gut. Laufen kann er auch. Nicht sehr schnell, aber lange. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Darüber (naja, darüber nicht unbedingt) denkt er nach, wenn er gelegentlich um die Hamburger Außenalster trabt. Was, seit er von Hamburg aus operiert, schon mal passieren kann. Ist aber okay - er ist ja noch jung.

Betroffenheit

.meike
Es war meine erste politische Diskussion. Und wie es sich für die 70er Jahre gehörte, war ich ordentlich betroffen.
Klar kannte ich als Kind die RAF. Nicht persönlich, aber vertraut waren sie mir. Schließlich hatte ich oft genug Zeit, mir ihre Gesichter gründlich anzuschauen. Meine Mutter stand in der üblichen Warteschlange der Post, um Briefmarken zu kaufen und ich jedes Mal fasziniert vor dem Fahndungsplakat. Die waren berühmt! Ganz schön grimmige Gestalten waren das! Doch unsympathisch fand ich sie nicht. Sie machten mir auch keine Angst, denn Bedrohung ging in meiner kleinen Welt eher von bösen Wölfen wie im Märchen oder von Männern mit Süßigkeiten, mit denen wir nicht reden durften, aus. Die Bilder der Terroristen faszinierten mich. Ich wusste nicht, was diese Menschen gemacht hatten oder weswegen sie gesucht wurden. Doch was ein Terrorist ist, war mir sonnenklar: Mein kleiner Bruder machte oft genug Terror.
Ich gebe zu, ich hatte Lieblinge. Manche Menschen auf den Bildern erschienen mir netter als andere. Es traf mich gewaltig, als so ein Bild eines Tages durchgestrichen wurde. Mein Liebling wurde einfach weggekreuzt! Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Wäre ich heutzutage Kind, würde ich wahrscheinlich denken, dass eine Jury meinen Favoriten "rausgevotet" hatte.
Als Schleyer entführt wurde, war ich auf Klassenfahrt. Ich war neun Jahre alt und unheimlich betroffen. Wir stapften in Cordhosen und gelben Regenmänteln durch den Wald. Meine Freundin Andrea und ich diskutierten über die Entführung. Wir fanden es ganz schön gemein, dass Terroristen den Mann entführt hatten. Keine Ahnung, woher wir von der Entführung wussten. Irgendwie hatten wir es mitbekommen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass meine Eltern ein pädagogisch wertvolles Gespräch mit mir über das Thema geführt hätten. Aber wir waren ja auch auf Klassenfahrt.
In unseren Kinderspielen gab es auch Entführungen. Doch das war etwas anderes. Wenn wir Indianer spielten, wussten wir, dass das eigentlich nichts mit der Welt, in der wir lebten, zu tun hatte. Wir nahmen Gefangene, banden sie an den Marterpfahl und hüpften tanzend und singend um sie herum. Spätestens wenn wir zum Essen gerufen wurden, gaben wir die Geiseln wieder frei und aus dem verfeindeten Bleichgesicht wurde wieder der doofe Wolfgang.

Dass man einen Menschen entführt und ihn anschließend erschießt, fanden wir fies. Das ist doch gemein! Wir bedauerten seine Kinder und fragten uns, wie es ihnen geht. Uns hätte es gar nicht gefallen, wenn man unsere Väter entführt und erschossen hätte. Wir fragten uns, warum Terroristen so etwas taten und fanden keine Antwort. Am Ziel unserer Wanderung angekommen, vergaßen wir unsere Lehrerin zu fragen.
Meine Erinnerungen sind nebulös. Leider kann ich mich nicht an unsere Diskussion erinnern. Aber ich weiß, dass es ein ernstes, gewichtiges Gespräch war. Ich habe deutlich vor Augen, wie wir durch den regennassen Wald stapften, um uns herum die Welt vergaßen, weil uns das, was wir besprachen so sehr beschäftigte. Es war meine erste politische Diskussion. Und wie es sich für die 70er Jahre gehörte, war ich ordentlich betroffen.
Diese Betroffenheit ist mir abhanden gekommen. Während 9/11 war ich in Urlaub und zu allem Überfluss auch noch krank. Mit fieberndem Kopf sah ich die Bilder im Fernsehen. Es berührte mich nicht, unterschieden sich die Bilder doch nicht wesentlich von einem Actionfilm. Unser Urlaub ging weiter. Mich beschäftigte damals mehr, ob ich noch ein paar gesunde Tage ohne Fieber am Strand verbringen könnte, als mich um den Zustand der Welt zu sorgen. Das Fieber verschwand und wir hatten noch eine Woche Spaß. Aus unsere Parallelwelt zurück gekommen, fanden wir große Betroffenheit vor. Mit Grabesstimme wurden wir darüber aufgeklärt, dass unsere Welt fortan ein Ort der Bedrohung sei. Ich zuckte mit den Achseln und machte mich daran, hunderte von Mails aufzuarbeiten, die sich während meines Urlaubs angesammelt hatten.
Damals, in Cordhosen und gelbem Regenmantel, hatte ich es herbeigesehnt, groß und erwachsen zu sein, um die Welt zu retten. Heute weiß ich, dass mein Einfluß nur marginal ist. Ich bilde mir ein, die Macht der Medien zu durchschauen - und schaue weg. Manchmal frage ich mich, ob das, was in der Tagesschau läuft, nicht genauso irreal sein könnte wie unsere Indianerspiele. Immer seltener lese, schaue oder höre ich Nachrichten. Ich bin zu bequem und zu resigniert für Betroffenheit und Diskussionen. Da schaue ich doch lieber Popstars. Die sind auch ein bisschen berühmt.
.meike ist seit 1996 in das Internet verliebt. Morgens wird als erstes der Rechner eingeschaltet und abends ist es das letzte, das - außer dem Gatten - Aufmerksamkeit bekommt. Schreiben ist ihre Berufung aber nicht immer Passion. Seit dem Sommer 03 bloggt .meike in ihrem Blog "wundervolles Leben", doch manchmal fragt sie sich, ob das Leben wirklich derart gestaltet ist. Allerdings steckt es immer wieder voller Wunder - mal mehr, mal weniger.

Brauchen wir eine neue RAF

Björn Grau
Baader, Meinhof und Co. waren überzeugt, gegen einen autoritären und faschistischen Polizeistaat zu kämpfen
1. Die RAF hat um sich selbst gekämpft und dabei ohne erkennbares Wimpernzucken gemordet. Über die Mordanschläge, die eine Befreiung der inhaftierten RAF-Mitglieder erzwingen sollten, und die diese Aktionen vorbereitende Beschaffungskriminalität ging das Tun der RAF eigentlich nie hinaus. Eine solche RAF ist nicht revolutionär, sie ist egoman. Egomanen Terror braucht niemand niemals.

2. So schlimm die Taten der RAF waren, sie sollten doch zu einer gerechten Welt führen, in der alle Menschen freie Individuen sind. So oder so ähnlich wurden in linken Kreisen vielfach viele Augen zugedrückt, wenn es um die Bewertung der RAF-Taten ging. Tun wir einen Moment so, als hätte die RAF dieses Ziel ernsthaft verfolgt und fragen uns:
Kann eine kleine radikale Minderheit die Mehrheit in die richtige Gesellschaftsform zwingen?
Sie kann vielleicht, wie die Bolschewiki vor 90 Jahren in Russland, eine kriselnde Elite ersetzen. Aber solange die Menschen nicht an das Heilsversprechen der Revolutionäre glauben, werden sie sich nicht freiwillig ändern. In den 1970ern gab es wohl mehr Freunde des Eigenheims als Freunde einer RAF-Welt in der BRD. Hätte die RAF den Laden übernommen, sie hätte Belegschaft und Kunden zur neuen Welt zwingen müssen. Das führt zu autoritären Maßnahmen, Unterdrückung und Polizeistaat. Eine Revolution der Wenigen ist keine Revolution.

3. Baader, Meinhof und Co. waren überzeugt, gegen einen autoritären und faschistischen Polizeistaat zu kämpfen. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ehrt genau diese Art politischer Gewalt. Einer der postnazistischen Nationalhelden ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der hatte 1944 versucht, den elf Jahre zuvor durch Wahlen an die Macht gekommenen Führer Nazideutschlands, Adolf Hitler, mit einer Bombe zu töten. Sowohl die Taten der RAF als auch der Stauffenbergsche Attentatsversuch wurden in ihrer Zeit von offizieller Seite als Terrorismus verurteilt.
Es liegt immer auch in der späteren Deutung, ob politische Gewalt legitim und verehrenswert ist und wann sie auch im Nachhinein noch abgelehnt wird. Stauffenberg ist heute trotz aller nationalistischen, militaristischen und antidemokratischen Verstrickungen ein Held des offiziellen Deutschlands. Bei aller nötigen Kritik an der Verehrung Stauffenbergs in der BRD, es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen ihm und der RAF: Deren Taten richteten sich trotz aller Altnazis mit hohen politischen Ämtern in der jungen BRD nicht gegen einen totalitären Vernichtungsstaat und sie bleiben unabhängig davon schon allein wegen der oben gestreiften Punkte weiterhin nicht zu akzeptieren.
Aber: Wenn ein Staat seine Bürger unterdrückt oder gar vernichtet, kann es zu einem Punkt kommen, an dem terroristische Mittel legitim werden.

Deutschland leistet sich 2007 einen Innenminister, der den Menschen die Intimsphäre rauben und der der Armee Polizeiaufgaben übertragen will. Gleichzeitig regt der Verteidigungsminister gegen geltendes Recht an, im Notfall Menschenleben gegen Menschenleben aufzurechnen und entführte Zivilflugzeuge vorsorglich abzuschießen, wenn sie zur Bombe werden könnten. Weiter reden 2007 Politiker offen und unbehelligt davon, bestimmte Bevölkerungsgruppen vorsorglich zu registrieren und zu überwachen, weil sie (die zum Islam Konvertierten) potentielle Gefahren für den Staat sein könnten. Gerade werden in der öffentlichen Debatte und in Gesetzesbeschlüssen massiv die Bürgerrechte kastriert. Aus dem Souverän Bürger wird so ein immer unfreieres, dauerüberwachtes Subjekt.

Wir sind noch fern von einem autoritären und antidemokratischen Regime. Aber wir bewegen uns in diese Richtung. Wenn wir rechtzeitig umkehren, braucht es vielleicht nie eine neue RAF, die sich gegen einen neuen deutschen Polizeistaat bewaffnen muss.
Björn Grau gibt's in echt, nur andersrum. Das hindert ihn nicht daran, in alle Richtungen zu schreiben, seit er vor einem Jahr viel zu spät entdeckt hat, dass es einen Garten für seine Neurosen gibt: Blogs. Neben den Neurosen züchtet er Stilblüten und Gedanken zu Mensch und Umwelt. Und ihn erfüllt das Backen: Mit seinem Graubrot versucht er, den Menschen ein gesundes Grundnahrungsmittel zu bieten.

Landshut liegt in Afrika

Frau Klugscheisser
Mein Hauptinteresse gilt seit jeher den Menschen. Was geschah damals in der Landshut zwischen Mallorca und Mogadischu? Was fühlten Besatzung und Passagiere?
Die Bilder vom Deutschen Herbst sind vielen noch in Erinnerung, nicht zuletzt weil sie jetzt - 30 Jahre später - wieder durch die Medien wandern. Auch ich erinnere mich an die Bilder aus der Tagesschau. Bilder vom entführten Hanns Martin Schleyer, die in meiner kindlichen Auffassung denen auf den Fahndungsplakaten ähnelten. Bilder von einem Flugzeug in Afrika und Reporter, die Landshut und Somalia im selben Satz nannten. Als die Bilder von Mogadischu um die Welt gingen, ahnte ich nicht, dass ich einmal Angestellte einer Fluggesellschaft sein würde. Viele Jahre später beschäftigte ich mich, nicht zuletzt berufsbedingt, eingehender mit den damaligen Geschehnissen. Da wusste ich bereits, dass Landshut nicht in Afrika liegt. Was ich noch nicht wusste, waren politische Zusammenhänge und die Rolle der Medien.

Mein Hauptinteresse gilt seit jeher den Menschen. Was geschah damals in der Landshut zwischen Mallorca und Mogadischu? Was fühlten Besatzung und Passagiere? Und wie verarbeiteten die Opfer ihre Erlebnisse? Es existieren unzählige Artikel zur Entführung der Landshut im Oktober 1977. Über Souhaila Andrawes, der einzig überlebenden Entführerin, die schwer verletzt die Hand zum Siegeszeichen hebt, wurde ausführlich berichtet. Ebenso über die Besatzungsmitglieder Gabriele von Lutzau geb. Dillmann, die damals 23-jährige Stewardess, und Jürgen Vietor, den Copiloten, der die Maschine alleine von Aden nach Mogadischu flog. Um die Geschehnisse zu rekonstruieren, griff man vorwiegend auf die Erinnerungen dieser beiden Opfer zurück. Fast entsteht der Eindruck, von Lutzau und Vietor seien neben dem ermordeten Kapitän Jürgen Schumann die einzigen Besatzungsmitglieder an Bord der entführten Maschine gewesen.

Tatsächlich waren aber außer ihnen noch zwei weitere Besatzungsmitglieder an Bord: Die damals 28-jährige norwegische Stewardess Anna Maria Staringer und die österreichische Chefstewardess Hannelore Piegler, 33 Jahre, die kurz danach das Buch "Entführung - Hundert Stunden zwischen Angst und Hoffnung" verfasste. Eher detaillierter Erfahrungsbericht als literarisches Meisterwerk, wurde der Druck wegen geringer Nachfrage nach der ersten Auflage eingestellt. Erstaunlich bleibt jedoch die Tatsache, dass sich die Medien sowohl über das Buch, als auch die Existenz beider Besatzungsmitglieder mehr oder weniger ausschweigen. Journalisten benötigen mitteilungsfreudige Betroffene, und dieses Attribut scheint zumindest auf Gabriele von Lutzau zuzutreffen. Ob sich Frau Staringer vor der traumatischen Erinnerung durch Schweigen schützt, kann nur spekuliert werden. Frau Piegler hingegen schweigt, weil man sie vermutlich zum Schweigen gebracht hat. Jemand der mit einem Buch an die Öffentlichkeit geht, ist bereit zu erzählen. Möglicherweise sah sie die Notwendigkeit, nach der Entführung ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Möglicherweise war jedoch diese Sicht nicht im Sinne von Gabriele von Lutzau oder derer, die sie anders sehen wollten. Ein kurzer Auszug aus Pieglers Buch:

"Die temperamentvolle Gabriele wollte mit ihrer Meinung nie gerne zurückstehen. [Gabi ging] gerne über die Grenzen hinaus. Es war wohl auch die immerwährende Angst und dazu das Bedürfnis, schwierige Situationen zu entspannen, die sie zu ihren einsamen Entscheidungen brachten.[...] Dabei war es aber auch wichtig, die Spielregeln der Terroristen nicht zu vergessen und genau das war es, was Gabriele manchmal fast in Teufels Küche brachte.?

Und weiter:

"Mia sagte einmal ganz verzweifelt: 'Hannelore, tu etwas, sie darf nicht politisieren!' Ich versuchte Gabriele klarzumachen, dass ausgerechnet Politik wohl zu den heißesten Themen in unserer Situation gehörte. Mia hatte große Angst vor Gabrieles kleinen Extratouren und auch mir war es manchmal reichlich flau im Magen, wenn ich die Konsequenzen bedachte, die dadurch entstehen konnten."

In ihrem Buch beschreibt Hannelore Piegler die Kollegin Gaby Dillmann als naive, exaltierte Person, deren unbedachtes Verhalten alle Beteiligten in Gefahr bringen konnte, während sich Gabriele von Lutzaus Erinnerungen eher wie ein großes Abenteuer anhören, das sie zu bestehen hatte. In einem Bericht des ZDF sagt von Lutzau beispielsweise:

"Mich hat er auch gequält. Mich hat er ja auch zum Schein erschossen. Ich kniete auch an der Tür. Und ich habe ihn so wütend angeguckt, ihn so angefunkelt und habe mich nicht einschüchtern lassen. Und dann hat er gelacht und gesagt, okay, get up." (Zitat Quelle)

Kritische Stimmen unterstellten Hannelore Piegler verletzte Eitelkeit. Als Chefstewardess hatte sie die führende Position in der Kabinencrew. Doch es war Gaby Dillmanns Stimme, die Captain Martyr Mahmud, dem Anführer der Geiselnehmer, als Übersetzerin und Sprachrohr in der Kabine diente. Es war Gaby Dillmann, die die Bitte um Hilfe aus dem Cockpit an die Außenwelt vortrug. Über die Verhandlungen mit einem Vertreter der deutschen Botschaft in Somalia per Funk schreibt Piegler:

"Ich bat Gabriele, den Bericht zu verfassen, da es ihr auf englisch leichter fallen würde als mir. Ich besprach mit ihr, was sie sagen sollte und warnte sie noch einmal eindringlich vor der Verwendung falscher Worte, wie Terrorist oder Jude. Dafür standen die Bezeichnungen Freiheitskämpfer und Zionist. "Sei vorsichtig, versprich dich nicht! Ich bleibe hier, falls man mich persönlich sprechen will", sagte ich. Im selben Moment ertönte aus dem Lautsprecher eine Stimme mit unverkennbar deutschem Akzent: "Is it possible to speak with the purserette Mrs. Piegler, please!" Gabriele holte tief Luft und begann zu sprechen. Sie stellte sich vor und erklärte, dass ich neben ihr stünde, aber sie für mich sprechen würde."

Das Bild vom Eintreffen der Befreiten in Frankfurt geht um die Welt. Man sieht die am Bein verletzte Gaby Dillmann, von Copilot Vietor gestützt, das Flugzeug verlassen. Hinter Vietor folgt Hannelore Piegler, einen Blumenstrauß haltend. Das Bild, das Hannelore Piegler von ihrer Kollegin zeichnet, passt nicht zu einer, die in den Medien zur Heldin avanciert. Ein Bericht der FAZ tituliert sie fälschlicherweise gar als Chefstewardess. Schließlich wird Gaby Dillmann in der Öffentlichkeit als Engel von Mogadischu gefeiert. Wie könnte Frau Piegler anders reagieren als mit Schweigen, da jede ihrer Aussagen mit dem Argument niederer Motive in einem völlig neuen Licht erscheint?

Auch Jürgen Vietor hielt seine Erlebnisse kurz nach der Befreiung schriftlich fest. Anlässlich der Hamburger Gerichtsverhandlung gegen Andrawes 1996 vertiefte er sich erstmals wieder in seine Aufzeichnungen. Er selbst bezeichnet sich als ein "großer Verdränger". Schon wenige Wochen nach der Befreiung flog er wieder als Pilot für Lufthansa, sogar mit der Landshut. "Die war ja kaum beschädigt, nur ein paar Haarrisse im Fahrwerk", so Vietor. Wie oft er noch über die Stelle schritt, an der sein Kollege Jürgen Schumann durch einen Kopfschuß exekutiert wurde und was er dabei fühlte, bleibt sein Geheimnis. Während er, heute Pensionär, eher ungern Rede und Antwort steht, scheint sich Gabriele von Lutzau, inzwischen Bildhauerin, im Rampenlicht wohl zu fühlen.

Es obliegt mir nicht, über die Opfer der Entführung und deren individuelle Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses zu urteilen. Keiner kann mit Gewissheit sagen, wie er sich in einer ähnlichen Extremsituation verhalten würde. Ob nun Jürgen Vietor die Geschehnisse stark rationalisiert oder Gabriele von Lutzau das Erlebte zum persönlichen Abenteuer verklärt, aus psychologischer Sicht ist jegliche Reaktion nachvollziehbar. Trotz allem sind die Stimmen der Opfer wichtige Zeitdokumente.

"Man sieht's jetzt gerade wieder an der Mohnhaupt, die wird ja jetzt entlassen. Komischerweise wird da mehr Gedöns drum gemacht um die Täterin als um die Opfer", so Vietor in einem Interview Anfang des Jahres. Opfer wie Jürgen Schumann oder auch Hannelore Piegler und Anna Maria Staringer. Sie haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Ebenfalls sollte man nicht vergessen, dass Meinungen durch die Medien maßgeblich geformt werden. Das Feld zwischen richtig und falsch, zwischen schwarz und weiß ist jedoch unendlich groß. Wer sich der Wahrheit annähern möchte, muss alle Facetten berücksichtigen. Letztlich liegt sie nämlich im Auge des Betrachters und Landshut manchmal doch in Afrika.

Frau Klugscheisser

Smartass klingt freundlicher als das deutsche Klugscheißer und weniger verbissen. Dennoch hat Frau Klugscheisser diesen Namen gewählt, weil deutsch ihre Muttersprache ist. In ihrem Blog verbeißt sie sich in Nebensächlichkeiten, verschluckt sich an widrigen Umständen und verdaut so Alltägliches. Sie hat wenig Ahnung von Politik, dafür umso mehr von Menschen, die sie studiert. Ob die nun typisch deutsch sind, ist schwer zu beurteilen. Zumindest sind sie typisch menschlich, genau wie sie selbst.

Mein Deutscher Herbst

Christian Fischer
Der deutsche Herbst war bei uns ein kombiniert belgisch-deutscher - wir lebten damals seit 1975 im flämischen Nachbarland.
Rund um die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt erinnerte ich mich neulich an diese Geschichte aus meiner Kindheit:

Der deutsche Herbst war bei uns ein kombiniert belgisch-deutscher - wir lebten damals seit 1975 im flämischen Nachbarland. Aber das Ende unseres kleinen Auslandsaufenthaltes war absehbar - April 1978 sollten wir aufs Dorf ziehen und so pendelten wir häufig zwischen Out Turnhout und Sauerland hin und her. So ein Neubau will ja schließlich beim Wachsen beobachtet werden.

Für das weitere Verständnis meiner kleinen Geschichte ist es noch wichtig zu wissen, dass wir in Belgien keine regulären, sondern nur Zollkennzeichen bekommen hatten. Außerdem - Bewohner der grenznahen Gebiete werden es bestätigen können - die Flamen im allgemeinen nehmen es ja mit einigem nicht so genau. Und so bekamen wir jeweils zu Beginn eines Jahres ein Kennzeichen - und das andere musste man sich selbst malen.

Sauerländer Polizisten - vor allem welche, die äußerst nervös nach den Jungs und Mädels auf den Fahndungsplakaten Ausschau hielten, wussten von all dem natürlich nichts.

Die sahen eines Freitag nachmittags erstmal ein komisches selbstgemaltes Nummernschild am roten BMW. Keines das sie kannten noch dazu - recht logisch, wer kennt schon Zollkennzeichen?
Auch der zweite Wagen, der auf einmal vor uns auftauchte, konnte offensichtlich nichts mit gemalten weißen Ziffern auf rotem Grund anfangen und so waren es auf einmal vier Wagen um uns herum.

Sie geleiteten uns deutlichst zum nächsten Rastplatz und dort saß ich dann zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben vor dem falschen Ende einer Maschinenpistole.

Wir konnten das dann alles einigermaßen schnell erklären und durften weiterfahren - aber die geneigte Leserin kann sich vielleicht vorstellen, dass unser aller Adrenalinspiegel erst einmal oben war.

Darunter leiden mussten dann die Insassen des nächsten Streifenwagens, der uns eine halbe Stunde später anhielt. Dass wir alle nur hysterisch kicherten, als sie mit einem mehr oder weniger freundlichen "Guten Tag, Ihre Papiere bitte" ans Fenster traten, fanden sie nicht gut. Dass wir kein deutsches Geld bei uns hatten erst recht nicht
Meine Eltern konnten sie dann nur mit Mühe davon abhalten, uns den Wagen auf der Stelle stillzulegen und uns mitzunehmen. Immerhin war mein Vater 60 in der Ortschaft gefahren.
Fanden sie nicht so lustig wie wir.
Christian Fischer wurde gezwungen, seine Jugend auf dem Dorf zu verbringen. So vorgebildet wurde er fast zum Lehrer, dann Kurierfahrer, Jugendamtsfuzzi, kurz CallCenter-Anrufer und dann Webdesigner. Jetzt seit zehn Jahren ans Internet gestöpselt steht er fast nur auf, um neue Alltagsgeschichten für sein Blog zu erleben. Aber nur fast.

Sicht eines Spätgeborenen

Christian "plomlompom" Heller
Dabei war die Katastrophe der RAF keine Frage der quantitativen, sondern der qualitativen Differenz zur Wirklichkeit.
Frage: "Zukunft: Ab wann gibt es eine Legitimierung für RAF? Kann es sowas überhaupt geben? "

"Ab wann" impliziert für mich, dass wir uns schon längst auf einer Bahn befinden, die die RAF legitimierbar macht; wir müssten nur noch einen bestimmten Punkt auf dieser Bahn erreichen. Das wäre dann keine Frage der Qualität -- was ist die RAF, wie sind die Umstände --, sondern nur noch der Quantität: Sind die Umstände inzwischen so schlimm oder revolutionär erfolgsversprechend, oder werden sie in absehbarer Zeit so schlimm oder revolutionär erfolgsversprechend sein, dass man die Strategien der RAF vertretbar nennen kann?

Dabei war die Katastrophe der RAF keine Frage der quantitativen, sondern der qualitativen Differenz zur Wirklichkeit. Man kann nicht mit Stadtguerilla die kapitalistische Totalität, mit Geiselnahmen den Staat, mit Autobomben einen vermeintlichen US-Imperialismus stürzen. Das Konzept war damals in beängstigend lächerlichem Maße mit der Realität
inkompatibel, ist es heute weiterhin und wird es auch morgen noch sein.

Bei aller Sympathie mit sozialen und politischen Utopien: Im Fall der RAF braucht die Frage, ob Gewalt nicht vielleicht im Sinne der Revolution oder im Angesicht der schlimmen Zustände legitimierbar wäre, nicht einmal gestellt zu werden. Selbst der gewaltfreudigste Revoluzzer würde zustimmen, dass Gewalt einer Revolution nicht zielgerichtet dienen
kann, wenn sie strategisch voll daneben liegt. So kann ich mir keinen auch nur halbwegs in der Realität unserer Welt fußenden Maßstab vorstellen, nach dem die RAF jemals, unter welchem gesellschaftlichen Extremalwert auch immer, legitimierbar wäre.

Frage: "Rückblick: Hat das alles was gebracht? Kann sich einer eigentlich noch an die Ziele der RAF erinnern?"

Die 68er im Ganzen haben beträchtliche gesellschaftliche Emanzipationsgewinne mit sich gebracht, die RAF für sich allein aber hat keinen einzigen gesellschaftlichen Emanzipationsgewinn in ihrem Sinne erzielt.

Ein gesellschaftlicher Nutzen der RAF, den man herbei spekulieren könnte, wäre ihr Ausstrapazieren der Toleranzschwellen des Rechtsstaats. Die RAF wollte, dass der Rechtsstaat an ihr zusammenfalle. Und tatsächlich hat sie einige unangenehme Irritationen in ihm ausgelöst. Aus diesen mag der Rechtsstaat reicher an Erfahrungen und Stabilität hervorgegangen sein, oder reicher an paranoischen Kontroll-Instrumenten, zu unserem Vor- oder Nachteil. Nur kollabiert ist er ganz gewiss nicht.

Vielleicht war die RAF einfach eine notwendige Feuerprobe der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie? Wie erst sähe der politische Umgang mit Gefahren des Terrorismus heute ohne diese Vorerfahrungen aus?

Ich schreibe das alles als arg Spätgeborener, Jahrgang '84 (Ost). Aber ich war in meiner Jugendzeit sehr stark links geprägt, in meinen Assoziationen sogar tendenziell linksradikal. In diesem Umfeld rezipierten wir die RAF rückblickend enorm und auch recht sympathisierend. Nicht selten lief bei uns dieses "WIZO"-Lied rauf und runter:

Rote Armee Fraktion, /
Ihr wart ein geiler Haufen! /
Rote Armee Fraktion, /
mit euch ist was gelaufen! /
Rote Armee Fraktion, /
ich fand euch immer spitze! /
Leider war ich noch zu klein /
um bereits bei euch dabei zu sein ...

Auch im Schulunterricht konnten wir unseren Interessen fröhnen. Wir hatten breite Gelegenheit, linke Autoren zu lesen, mit besonderen Interesse-Schwerpunkten auf den heißen, aufregenden Zeiten in Westdeutschland in den 60ern und 70ern. Zwischen Unmengen Erich Fried, Heinrich Böll und anderen rutschte dann auch immer mehr Zeitgeschichtskontext in die Deutsch-Stunden hinein, bis hin zu mehrteiligen TV-Dokumentationen über die RAF, die wir begeistert und romantisch verschlangen.

Der logische Höhepunkt jeder individuellen RAF-Begeisterung war aber stets der Erwerb von Stefan Austs roter Bibel "Der Baader Meinhof Komplex", die sich scheinbar so gut als Vorzeigeobjekt in der S-Bahn-Lektüre oder in der Regalzeile machte. Wenn man allerdings ein Weilchen drin gelesen hatte, setzte ruppige Desillusionierung ein, die detaillierte Zergliederung der RAF in einen Haufen psychisch verkorkster Bürgerkinder als Gewalttätern mit ganz besonders verwirrter
Ideologieverbohrtheit.

Es tat sein Übriges, bei Antifa-Aktivitäten eine auf den ersten Blick so irritierende und auf den zweiten Blick eigentlich ganz konsequente RAF-Lebenslauffortsetzung wie Horst Mahler auf der Gegenseite zu wissen.
Der gebürtige Berliner schreibt seit zehn Jahren gerne Sachen ins Internet. Vor einiger Zeit entdeckte er dabei die Ausdrucksform des Bloggens für sich und führt inzwischen unter seiner Heim-Domain www.plomlompom.de gleich mehrere Blogs, zum Beispiel eines über die Zukunft, eines über das Kino und eines spezifisch über die tägliche Filmauswahl im deutschen Fernsehprogramm. Wenn er mal nicht bloggt, liest er H.P. Lovecraft oder spielt Civilization.

Durchgeknallte Bürgerkinder und paranoide Staatsmacht

Axel Wegner
Allenthalben wird zur Zeit vom "Deutschen Herbst" berichtet, den Aktivitäten der RAF von den 70er bis zur Auflösung in den 90er Jahren.
Wie so vieles liegen die Wurzeln in der 68er-Bewegung, die erste große Koalition hatte die linke Opposition geeint und mit dem Ende der Koalition zerfiel auch die Studentenbewegung. Der SDS löste sich auf, die Leute gingen in Kaderorganisationen wie DKP oder ihre Studentenorganisation, den MSB Spartakus, sie schlossen sich maoistischen Grüppchen an oder wurden apolitische Hippies.

Ein paar Leute mit durchaus bürgerlichem Hintergrund meinten aber, die Revolution in Deutschland erreichen zu müssen und wollten das zunächst mit eher harmlosen Aktionen wie der Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus erreichen. Den Vertretern des deutschen Volkes gefiel das nun ganz und gar nicht und sie reagierten mit aller Härte. Zunächst überharte Urteile, die eine Gefangenenbefreiung nach sich zogen, die RAF-Leute in den Untergrund trieben und sie zu absolut sinnlosen Aktionen antrieben, worauf der Staat usw. usw.

Ich selbst war für die 68er ein wenig zu jung, auch wenn wir an der Schule eine Politik AG gegründet hatten und dort von SDS-Aktivisten begleitet (oder indoktriniert?) wurden. Bei mir standen die üblichen Bände von Marx und Engels im Regal und wie fast alle Linken in der Anfangszeit der RAF hatte ich durchaus einige Sympathien für Baader, Meinhof und Co. Allerdings war mir die Gewalt durchaus fremd, als theoretischer Revolutionär dachte ich immer, dass eine Revolution als Umsturz gegen "die Herrschenden" nur vom Volk ausgehen konnte und das stand den Ideen der RAF total ablehnend gegenüber. Also war ich so ein richtiger "scheißliberaler" Halblinker, wie die Hardliner damals gesagt hätten: manchen Ideen gegenüber offen, ein wenig sympathisierend, aber im Grunde des Herzens mit Unverständnis gegenüber diesen Bürgerkindern.

Die gegenseitige Gewaltspirale kumulierte dann vor 30 Jahren in der Schleyer-Entführung und der Entführung der Landshut nach Mogadischu. Der Staat reagierte in keiner Weise gelassen und wurde immer paranoider und das war dann durchaus im täglichen Leben zu spüren. Dabei folgten die Vertreter der deutschen Exekutive einfach alten Vorurteilen: während die RAF-Leute längst in Mittelklassewagen mit Anzug und Krawatte unterwegs waren, waren den Durchschnittspolizisten immer noch bärtige Langhaarige verdächtig.

Und ich war damals noch vollbärtig und langhaarig und so habe ich diese vorherrschende Paranoia in einigen Momenten hautnah gespürt. Ich hatte 1977 im Deutschen Herbst gerade angefangen, in einer Computerfirma zu arbeiten und "genoss" meine ersten Dienstreisen.

Einmal fühlte ich mich richtig in Lebensgefahr. Ich war auf dem Weg nach Düren, um einen von mir programmierten frühen Kontoauszugsdrucker zu demonstrieren. Ich saß alleine in einem Erste-Klasse-Abteil des Intercitys, als plötzlich ein junger Mann im Jeansanzug in mein Abteil stürmte, mit (entsicherter?) Maschinenpistole unterm Arm und nach meinem Ausweis verlangte. Mit zitternden Fingern kramte ich den aus meiner Tasche hervor und bemerkte erst nach der Prüfung, dass dieser Bewaffnete eine Armbinde trug mit der Aufschrift "Kriminalpolizei".

Ein anderes Mal war ich abends privat mit unserem Firmenwagen unterwegs. Dieser Firmenwagen war ein weißer VW-Bully, ein VW-Bus wie er auch bei der Schleyerentführung verwendet wurde. Ich war mit meiner Begleiterin auf dem Weg nach Hause, als uns plötzlich ein Zivilwagen folgte. Als ich in unserer Sackgasse parkte, standen die zivil gekleideten Insassen des Wagens plötzlich neben uns, erklärten, sie seien von der Polizei und verlangten nach unseren Papieren. Wie es so ganz normal ist, hatte meine Begleiterin ihren Ausweis natürlich in ihrer etwas größeren Handtasche. Sie griff nach dieser und wollte nach dem Ausweis kramen, da stürzte einer der Polizisten vor, griff sich die Tasche und sagte: "Ich mach das!" Und dann durchwühlte er die Handtasche, ganz offensichtlich auf der Suche nach Faustfeuerwaffen. Hinter uns hergefahren sind sie übrigens, weil ein Rücklicht nicht funktionierte im Dunkeln.

Ein Rekord aus dieser Zeit wird wohl für mich immer bestehen bleiben: Innerhalb von zwölf Stunden an einem Tag ist mein Ausweis neunmal von der Polizei kontrolliert worden!

Eines Tages nach der so genannten Wiedervereinigung erklärte sich die RAF dann für aufgelöst. Die paranoiden Gesetze blieben, genauso wie alle jetzt verabschiedeten Gesetze wegen der neuen "Terrorgefahr" bleiben werden, auch wenn die Gefahr vorbei sein sollte.
(www.hannaxel.de), Mathematiker, Alt-Hamburger und Neu-Berliner. Fand einen Job und Frau in Berlin, verlor ersteren und hat nun wieder einen in Hamburg. Das gibt die Gelegenheit, wöchentlich mehrere Stunden in den internetlosen Salonwagen der DB über Formeln zu brüten.

Heißer Herbst 77

Susanne Englmayer
Menschen werden in ihrer Jugend geprägt, davon bin ich überzeugt. Es sind die Dinge dieser kurzen Zeit - die Filme und Bücher, auch die Begegnungen, die Freunde und die Lehrer sogar - die in gewisser Weise für immer bleiben. Deutlich mehr als alles andere, was danach noch kommen mag. Das verblaßt, da bleiben nur die Höhenflüge, hier und da. Und die Härten vielleicht. Alles andere ist, wie man heute in vielen Blogs sehr schön nachlesen kann, Alltag.

Ich erinnere mich nicht gern, das gebe ich zu. Die 70er, das ist meine Zeit, Doch es war keine gute Zeit, nicht für mich. Aber darum geht es ja hier nicht, zum Glück. Also.

Meine Eltern, Kriegskinder und Nachkriegsjugendliche, finden unter Adenauer zusammen. Wirtschaftswunderlinge, während im fernen Vietnam bereits ein neuer Krieg reift. Die Amtszeit des alten Rhöndorfers neigt sich dem Ende zu, als ich geboren werde. Ich bin ein Kleinkind, als sich Herr Dr. Kiesinger öffentlich ohrfeigen lassen muß. Beate Klarsfeld bekommt daraufhin von einem bekannten deutschen Schriftsteller, der später den Nobelpreis erhalten wird, einen Strauß Rosen, und ein anderer bekannter deutscher Schriftsteller, der später ebenfalls den Nobelpreis erhalten wird, äußert sich abfällig darüber. Kurz bevor mein kleiner Bruder geboren wird, stirbt Benno Ohnesorg, ohne daß ich davon weiß. Im Jahr darauf wird Rudi Dutschke niedergeschossen. Ich bin noch nicht einmal in der Schule. Selbst daß es andere Länder und sogar andere Sprachen gibt, in Paris zum Beispiel, habe ich noch nicht wirklich begriffen. Das alles läßt sich zwar nachlesen, aber es gehört nicht zu mir. Bis heute nicht.

Ich bin ein Kind der 70er. Krieg und Diktatur ist allgegenwärtig. Man redet über Vietnam, über Chile, Mexiko und Argentinien, über den Nahen Osten. Auch in den Schulen, so tickt der Geist der Zeit. Und es ist eine heiße Zeit, die heute seltsamerweise mit einer großen, umfassenden Kälte in Zusammenhang gebracht wird. Rex Gildo singt dazu von der Fiesta Mexicana, während meine Mutter den Flokati kämmt. Hossa! Daneben sind die Blumenkinder hip und werden deshalb Hippies genannt. Auch meine Mutter nennt mich so, als es ihr nicht mehr gelingt, mich sonntags in weiße Kniestrümpfe zu zwingen. Ich weiß nicht genau, was sie damit meint. Doch spüre eine gewisse Verachtung.

Später, in den 80ern, nähere ich mich dann dem Punk. Meine Mutter sagt dazu nichts. Wir reden kaum mehr ein Wort miteinander. Andere sind längst friedensbewegt, was mich vorwiegend amüsiert. Auch wenn ich hier und da dabei bin, das will ich nicht verschweigen. Mein Ding ist das nicht. Doch das soll das ja hier nicht das Thema sein.

In den 70ern hängen Postämtern, Telefonzellen und an Straßenbahnhaltestellen über Jahre hinweg, wie mir scheint, die Fahndungsblätter mit den rot umrahmten Paßbildern der Terroristen. Ab und zu werden die Bilder durch neuere Aufnahmen ersetzt. Immer häufiger sind auch einzelne Gesichter per Hand dick und schwarz ausgeixt. Morgens auf dem Weg zur Schule lese ich immer wieder die Namen an der Haltestelle. Sie prägen sich ein, das läßt sich nicht vermeiden. Auch wenn mir das alles unendlich weit weg erscheint. In der Schule sind zwar Bombendrohungen an der Tagesordnung. Das ist in dieser Zeit einfach effektiver als der althergebrachte Feueralarm, um sich und alle anderen vor dem Unterricht zu drücken. (Vielleicht ist es ja derzeit gerade wieder genauso? Eine wiederkehrende Mode? Keine Ahnung, aber passen würde es.) Regelmäßig stehe ich mit dem Rest der Schülerschaft hinten auf dem Sportplatz und warte darauf, daß wir wieder eingelassen werden. Das ist wie ein Ritual, das von vorne bis hinten durchgeführt werden muß. Daran führt kein Weg vorbei, aber ernst nimmt das niemand. Alle wissen Bescheid. Denke ich. Bis eine Mitschülerin Angst und Abscheu bekundet und darüber spekuliert, ob die Terroristen nicht vielleicht gleich hinten über die Hecke auf uns schießen würden. Ein absurder Gedanke, das ist sofort mir klar. Obwohl ich mir plötzlich mehr sicher bin. Ich weiß, noch im selben Moment, daß da mehr ist. Daß da mehr sein muß.

Obwohl ich durchaus nicht verbildet bin. Zu Hause gibt es zwar überhaupt keine Zeitung, also auch keine Bildzeitung. Immerhin. Im roten Ruhrgebiet hat man dafür den vermeintlich roten Stern. Eine Illustrierte, wie es damals heißt. Also ebenfalls mit übertrieben vielen Bildern versehen. Das ist trotzdem gar nicht so schlecht. Ich zumindest schaue immer öfter da hinein. Nicht nur die Bilder, ich lese auch. Trotzdem wird zu Hause, wie fast überall, von der "Baader-Meinhof-Bande" gesprochen, nicht etwa von der "Roten-Armee-Fraktion". Eine "Bande", das ist mir irgendwie vertraut. Das hat zum einem etwas spielerisch, kindliches. Darüber hinaus ist es natürlich verrucht. Banden bilden, so etwas tun doch nur Verbrecher. Mein Vater wagt es, ein einziges Mal, davon zu reden, daß er Texte von Ulrike Meinhof gelesen hat, denen er durchaus zustimmen konnte. Frühere Texte natürlich, vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt im Stern veröffentlich. Wo sonst hätte er darauf stoßen können? Aber das will niemand hören.

Im Herbst 1977 wird alles anders. Die Menschen kleben an den Nachrichten, wochen-, monatelang. Überall laufen die Radios und Fernsehgeräte. Ich bin vierzehn und habe andere Sorgen. Eigentlich. Doch das, was nun geschieht, geht auch an mir nicht spurlos vorüber. Ich werde in die Welt hineingezogen, ohne daß ich es merke. Ohne, daß ich es will. Die Toten davor haben mich wenig interessiert. Doch auf einmal gibt es Zusammenhänge. Es geschieht Geschichte, das weiß ich heute. Damals ist es nur eine eigenartige Verdichtung der Zeit. Hanns Martin Schleyer wird entführt und ermordet, die Landshut wird entführt und irrt in der Welt umher. Die Selbstmorde. Selbstmorde? Alles ist schief, hängt irgendwie daneben. Nichts funktioniert in diesem Herbst. Fast nichts. Die Befreiung der Passagiere in Mogadischu immerhin. Das ist beinah eine Überraschung. Die Erleichterung ist deutlich zu spüren, überall. In den Medien, wie auf der Straße. Doch wer weiß schon, was und wie genau. Die Details, die Gründe. Und die Abgründe. Bis heute nicht.

Später lese ich die Reportage im Stern. Ich sehe auch die Bilder. Doch vor allem sind es wieder die Namen von Menschen und von Orten, die sich tief in mich einprägen. Darunter der des Flugkapitäns Jürgen Schumann, dessen Leiche über eine Notrutsche aufs Rollfeld geworfen wurde, als sie in der Hitze der Maschine allzu schnell zu stinken begann.

Buchhinweis: Butz Peters: "Tödlicher Irrtum, Die Geschichte der RAF", Argon Verlag GmbH
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.

Die geballte Kraft der Revolution

DonDahlmann
Eine deutsche Revolution? Guter Witz.
Was die RAF dazu bewogen haben mag, trotz der deutlichen geschichtlichen Vorzeichen zu glauben, man könne mittels eines bewaffneten Kampfes die Bevölkerung dazu bringen, die Politik zu ändern, ist mir bis heute verborgen geblieben. Und vielen der damals aktiven RAFler sicher auch. Auch fragt man sich in der Rückschau, gegen was für einen Terror sich die Protagonisten eigentlich wehren wollten? Sicher, die Gemütslage, was heute und was damals als Terror empfunden wurde, ist nicht vergleichbar. Damals reichte eine gesprengte Demo, um den Hass auf den Staat zu schüren, heute wird selbst die lückenlose Überwachung des Privaten klaglos hingenommen. Das damalige System kannte noch klare Feindbilder, die man heute, ausser bei der diffusen Angst vor den Islamisten, vergeblich sucht. Ich habe aber ehrlich gesagt keine Ahnung, warum die Akteure des Terrors der 70er Jahre den Weg in die Gewalt gewählt haben. Vielleicht war es so eine Art "Che Guevara" Haltung, so eine romantisierte Vorstellung vom Kampf im Untergrund und so weiter. Mir fehlt da vielleicht die Phantasie.

Eine Frage wäre, wann die Deutschen eigentlich so weit wären, dass sie auf die Barrikaden gehen. Oder in den Untergrund. Wenn das Fernsehen zu teuer wird? Man nicht mehr reisen darf? Der Gesetzesdschungel, bestehend aus Terror,- Notstand,- Steuer,- und Abmahnungsrecht ist so dicht geworden, dass selbst dann mit einem Bein vorm Gericht steht, wenn man glaubt sich ans Gesetz gehalten zu haben. Verwundert stellt man fest, dass man verdächtig ist, wenn man sich als guter Bürger beim BKA darüber informiert, wer denn so auf der Fahndungsliste steht. Wer das macht, darf damit rechnen, dass sich das BKA die Adresse des neugiergen Bürgers besorgt und ihn mal durch den Computer laufen lässt. Und dieser Vorfall ist innerhalb der letzten 15 Jahre nur der letzte gewesen. Wir haben den "großen Lauschangriff", die Finanz- und Sozialbehörden können nach Belieben Konten überprüfen, man unterliegt einem ominösen Finanzscoring, das einen in Schwierigkeiten bringen kann, wenn man in der falschen Straße wohnt, Internetprovider filtern schon jetzt das Netz, sämtliche Telefondaten, Mails und Netzbewegungen werden aufgezeichnet. Es ist ein Eingriff ins Persönlichkeitsrecht eines Polizisten, wenn man diesen auf einer Demo filmt, aber die Polizei darf mit Videokameras überwachen. Und wehe man wird arbeitslos. Da kann einem schon der Gedanke kommen, was alles noch passieren muss, damit sich so etwas wie eine neue APO bildet.

Wahrscheinlich liegt es am Terror der Ökonomie. Man lässt sich jahrelang als willenloser Lohnsklave für irgendwelche Firmen in den von Krankenkassen prognostizierten Herztod schicken. Der Job als die ultimative Selbstbestätigung, mit größtmöglicher Fachidiotie. Die Spezialisierung als Individualisationsmaßnahme um die eigene Existenz zu rechtfertigen, da draußen, auf dem harten Arbeitsmarkt. Beschäftigt man sich eben mit Powerpoint-Programmierung, dem Texten von Talkshowmanuskripten mit dem Titel "Hilfe, ich habe meine Tage!" oder dem Design einer neuen Erdnussflipstüte. Und wenn man ehrlich ist, weiß man das auch schon ganz lange, dass man da irgendeinen Murks fabriziert, dessen Existenz für das eigene Wohlergehen unwichtig ist. Und man wunderte sich auch hier und da, dass so ein Scheiß, den man da produziert, tatsächlich auch noch bezahlt wird.

Wir sind bequem geworden. Faul und Bequem. Altruismus ist was für Weicheier und nach rechts und links schauen ist unbequem. Nur schnell die Leiter hoch, den eigenen Besitzstand wahren und um noch einen DVD Player erweitern. Man wundert sich nicht, wenn man vor Erschöpfung und psychischer Belastung mal zusammenklappt oder durch die gesunde Ernährung aus abwechselnd Burger King, Cola-Light und Hungerkuren mager- oder fettsüchtig wird. Immer noch nicht, wenn die Geschwüre im Magen eine große Party werfen, die Leber sich, dank der allabendlichen Abtötung durch diverse Alkoholika, mal einen Ruhepause gönnt, die Libido gefesselt und geknebelt auf dem Boden liegt und röchelt oder der Tinnitus fröhlich weiter pfeift.

Da bleibt wenig Zeit für revolutionäre Gedanken, aber vielleicht ist das auch gut so, denn für den Gang in den Untergrund habe ich heute einfach keine Zeit mehr.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Oh, du lieber Augustin

Barbara Lehner
Sibylle bevorzugte Bestattungen mit sichtbarem, überwältigendem Schmerz. Der wurde am deutlichsten spürbar, wenn Kinder oder junge Menschen begraben wurden.
Wien ist ein Aphrodisiakum für Nekrophile
(André Heller)


Sibylle war gern hier. Der Zentralfriedhof war für sie der schönste Ort in Wien. Sie fühlte sich immer unverstanden, wenn Freunde von auswärts den Kopf schüttelten, weil sie ihnen als eines der Wahrzeichen den Wiener Zentralfriedhof zeigen wollte.
Sie war eine Frau in den besten Jahren, also knapp über vierzig. Dank einer sensationellen Anwältin erfolgreich geschieden, von ihrem Mann großzügig abgefunden und Eigentümerin einer stilvollen Altbauwohnung im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Als Unternehmensberaterin hatte sie einen Beruf, der sie ausfüllte und ihr Spaß machte. Mit ihrem Leben war Sibylle also ganz zufrieden.
Aber neben dem Leben mochte Sibylle auch den Tod. Deshalb zog es sie immer wieder hierher. Bei schönem Wetter, denn sie liebte zwar die Trauer, aber die Kälte und Nässe hasste sie.
Am liebsten war sie am Friedhof, wenn Beerdigungen stattfanden. An diesen Tagen zog sie ihren schwarzen Rock, eine schwarze Bluse und schwarze Strümpfe an und mischte sich unter die Hinterbliebenen.

Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist ein Nachsinnen über das Leben.
(Spinoza)


Sibylle bevorzugte Bestattungen mit sichtbarem, überwältigendem Schmerz. Der wurde am deutlichsten spürbar, wenn Kinder oder junge Menschen begraben wurden. Sie bekam Herzklopfen und weiche Knie, wenn eine Mutter von den Totengräbern zurückgehalten werden musste, weil sie ihrem Kind am liebsten in das offene Grab folgen wollte. Oder ein junger Mann am Grab stand, der gerade seine Frau verloren hatte und stumm weinte, während sein Gesicht Fassungslosigkeit, Schmerz und unendliche Liebe spiegelte. Und wenn die Kinder verloren und voller Fragen, die sie nicht zu stellen trauten, selbst gezeichnete Bilder in die Grube warfen.
Es war nicht so, dass sie Freude empfand oder Genugtuung, wenn sie Szenen wie diese beobachtete. Ganz und gar nicht. Auch Sibylle litt. Trotzdem, wenn ihr dann endlich die Tränen über die Wangen liefen, dann war da auch ein warmes, sattes Gefühl, dessen sie sich nicht einmal schämte.

Quem dei diligunt, adulescens moritur - Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben
(Titus Maccius Plautus)


Die anderen Beerdigungen, die Sibylle so liebte, waren die, zu denen kaum Leute kamen. Oder höchstens eine Nachbarin oder eine entfernte Kusine, die völlig abwesend wirkten. Diese Abschiede waren viel einsamer als die Begräbnisse voller ohnmächtiger Verzweiflung der Liebenden. Wenn sie dann so hinter dem Sarg des Verstorbenen herging und das Laub unter ihren Füßen raschelte, entstanden in ihrem Kopf Geschichten. Da sah sie obdachlose Penner, erfroren vor Bahnhöfen, die aus Gründen der öffentlichen Ordnung verschlossen blieben. Die alte Frau, die erst gefunden wurde, als Verwesungsgeruch durch den Briefschlitz drang. Den Studenten vom Land, der dem Tempo der Großstadt und dem Druck der Universität nicht standhielt und sich in seinem Untermietzimmer das Leben nahm.

Ich fürchte, dass mein Tod nicht bemerkt wird, außer durch meine zurückgelassene Unordnung.
(Armin Mueller-Stahl)


Zu Prominentenbegräbnissen ging sie nie und an den Ehrengräbern blieb sie nicht stehen. Sie mochte das einfache Leben und den einfachen Tod. Sibylle wusste von den Toten in der Regel nicht mehr als in den Todesanzeigen stand. Sie wollte auch gar nicht mehr wissen, denn es waren nicht die wahren Geschichten, die sie so aufwühlten, sondern ihre erdachten.
Sie wollte dabei sein, wenn es um den Tod ging. Vielleicht, um sich zu vergewissern, dass es sie selbst wieder einmal nicht getroffen hatte.
Der Hang zur Morbidität floss seit jeher durch ihre Venen. Als kleines Mädchen war sie am liebsten bei der Tochter des Bestatters zum Spielen gewesen, schaurig fasziniert von den Särgen und den ernsten Mienen. Während andere Kinder dem Oster- und Weihnachtsfest entgegenfieberten, wartete sie sehnsüchtig auf Allerheiligen. Und wenn ihre Mitschülerinnen einander "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit´ren Stunden nur" ins Poesiealbum schrieben, so entschied sie sich für Sprüche aus den Todesanzeigen.

Wie ein Blatt vom Baume fällt,
So fällt ein Mensch aus seiner Welt,
Die Vögel singen weiter.
(Matthias Claudius)


Oft malte Sibylle sich ihr eigenes Begräbnis aus. Eine richtig schöne Leich, wie man hier sagte, wollte sie. Alle in Schwarz und ein Kranz mit weißen Rosen auf dem Sarg. Mozarts Requiem. Totengräber mit langen zerfurchten Gesichtern. Die weinerliche Stimme von Pater Gregor, der die "liebe Verstorbene" huldigte und Freunde, die ihr mit feuchten Augen ein Schäuferl Erde ins Grab nachschmissen, während der Geistliche sagte: "Asche zu Asche, Staub zu Staub." Und die Tränen würden in Strömen fließen.
Auf jeden Fall sollte keine kalte Platte aus Marmor auf ihr liegen. Nur feuchte, weiche Erde würde ihren Sarg bedecken. Und darauf wunderschöne Kränze mit rührenden Abschiedsworten auf den Trauerschleifen. "Wir werden dich nie vergessen". Danach würden sie alle beim Wirten sitzen zum Leichenschmaus. Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat. Zur Nachspeise Apfelstrudel. Und viel Wein. Den würden sie auf Sibylle trinken. Die Traurigkeit müsste dann dem Lachen weichen und irgendjemand das Wienerlied "Es wird ein Wein sein, und wir wer´n nimmer sein..." anstimmen. Wahrscheinlich der Onkel Franz.
Eigentlich schade, dass sie das alles nicht mehr erleben konnte.

Rien, je ne regrette rien
(Edith Piaf)


würde auf der Todesanzeige, die hier Partezettel hieß, stehen. Gleich neben dem Foto, das sie an ihrem vierzigsten Geburtstag aufgenommen hatte. Mit Selbstauslöser auf dem Zentralfriedhof. Rien de rien. Ich bereue nichts.
*
"Die Angst vor dem Scheintod veranlasste Manchen anzuordnen, dass nach seinem Tod durch die Vornahme des Herzstichs die Möglichkeit des Lebendig-Begraben-Werdens ausgeschlossen wurde. Der Herzstich durfte jedoch ausschließlich von einem Arzt und erst nach der Totenbeschau vorgenommen werden" , erklärte der Museumsreferent bestimmt schon zum tausendsten Mal.
Sibylle betrachtete gerade ein Stilett mit Holzgriffen und Stahlklinge, entstanden um 1900. Wenn der Spätherbst sich mit seinen feuchten kalten Nebeln über Wien legte, dann wurden Sibylles Besuche auf dem Friedhof seltener und die im Wiener Bestattungsmuseum häufiger.
"Sie sind nicht zum ersten Mal hier, nicht wahr?" flüsterte ihr ein Mann zu, der sie schon eine ganze Zeit von der Seite betrachtet hatte. Erschrocken blickte sie auf.
"Ich?" Sie lächelte verlegen und stammelte: "Nein ... ich ... wieso ... wie kommen Sie darauf?" Sie fühlte sich ertappt.
"Oh!" Er grinste liebenswert. "Ich habe ihre Lippen beobachtet. Und nicht nur, weil sie so schön rot sind, sondern, weil sie gleichzeitig mit dem Museumsführer seinen Text gesprochen haben."
Sie schämte sich. Er würde sie jetzt wahrscheinlich für eine Verrückte halten, die nichts anderes zu tun hatte, als sich in ihrer Freizeit im Bestattungsmuseum herumzutreiben. Dabei stimmte das gar nicht, sie war ja meistens auf dem Friedhof. Die Geschichten hier waren zwar skurriler als die ausgedachten vom Friedhof, aber der Tod draußen fühlte sich lebendiger an.
Der Mann war etwas jünger als sie und sah gut aus. Groß und schlank war er und dunkelblond. Sibylle errötete und überlegte sich gerade eine überzeugende Erklärung, doch er sprach einfach weiter.
"Ein schönes Stilett, nicht wahr? Wussten Sie, dass Arthur Schnitzler und Johann Nestroy den Herzstich testamentarisch verfügt haben?"

Die Doctoren - selbst wenn sie einen umgebracht haben - wissen nicht einmal gewiß, ob man todt ist.
(Nestroy)


Natürlich wusste sie das, sie war ja nicht zum ersten Mal hier.
"Bösendorfer auch", sagte sie und die Faszination am Tod hatte ihre vorübergehende Scham besiegt. "Sie wissen schon, der berühmte Klavierbauer." Er nickte. Er wusste. "Kommen Sie mit, ich zeig Ihnen etwas!? Sibylle nahm den Fremden einfach an der Hand und führte ihn in den Nebenraum.
"Mein Lieblingsstück", sagte sie, als sie vor dem Josephinischen Gemeindesarg standen, einem Holzsarg mit Bodenklappen und einem Öffnungsmechanismus aus Schmiedeeisen.
"Der Verblichene wurde nackt in einen Leinensack genäht und in diesem Sarg deponiert. Dann wurde der Sarg auf das Grab gestellt, der Totengräber klappte den Boden auf und der Leinensack plumpste ins Grab hinein", erklärte Sibylle voller Leidenschaft und er lauschte mit offenem Mund. "Sparpolitik anno 1784", fügte sie noch lächelnd hinzu.
"Ich bin übrigens der August", sagte er, noch immer mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
"Oh, der lieber Augustin!", antwortete sie und sie strahlten einander an. Jeder hier kannte die mythische Figur des Sängers Augustin, der in einer Pestgrube übernachtete, um dann fröhlich weiter zu singen.
"Ich heiße Sibylle." Sie wollte ihm gerade die Hand entgegenstrecken, als sie bemerkte, dass sie die seine während des Monologs die ganze Zeit gehalten hatte.
"Komm, wir gehen wieder zur Gruppe, ja?" Vorsichtig entzog sie sich ihm und schaute auf die Uhr. "Jetzt kommt nämlich gleich die grausige Geschichte von den Pestopfern."
Der Museumsführer erzählte erst von der Pest und später von alten und neuen Beerdigungsriten. Sie lauschten und fühlten, wie ihre Herzen ein bisschen heftiger pochten als noch eine halbe Stunde zuvor. Und das lag nicht nur an den makabren Geschichten.

Stirbt ein Bediensteter während einer Dienstreise, so ist damit die Dienstreise beendet.
(Bundesreisekostengesetz 1973)


Draußen regnete es in Strömen. Sie standen da und sahen einander an. "Gehen wir noch auf einen Kaffee?" fragte sie fast ein bisschen scheu.
"Nur, wenn du mich an der Hand nimmst."
"Ich glaub, das geht", sagte sie, griff nach seiner Hand und sie rannten zum Kaffeehaus um die Ecke und sangen dabei:

"Rock ist weg, Stock ist weg
Augustin liegt im Dreck,
Oh du lieber Augustin, alles ist hin"

Sibylle war nicht bloß zufrieden. Dies war einer der wenigen Momente, in denen Sibylle glücklich war.
"Hast du eigentlich Angst vor dem Tod?" fragte August, während sie ihm durchs nasse dunkle Haar strubbelte und die Tropfen in ihren Kaffee spritzen.
"Nein. Hab ich nicht." Ihre Antwort kam schnell, aber wenig überzeugend. In Wahrheit mischte Angst davor sich mit der Sehnsucht danach.
"Magst du Friedhöfe?" fragte sie und er nickte.
"Ich bin oft auf dem Grinzinger Friedhof draußen", sagte August. "Meine Eltern sind dort begraben. Möchtest du mitkommen nächste Woche?" Ja. Sie mochte.
Sie tranken ihren Kaffee und dachten nach. Und redeten. Über den Tod hauptsächlich. Aber, weil der Tod ein Teil vom Leben war, auch übers Leben. Und über den Sinn.

Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.
(Antoine de Saint-Exupéry)


Sie waren oft in dem Kaffeehaus. Meistens an Freitagen, an denen das Wetter ihren Friedhofsbesuchen einen Strich durch die Rechnung machte.

Irgendwann, der Winter war längst vorbei, saßen sie wieder hier.
"Hast du Angst vor dem Tod?" Diesmal war es Sibylle, die diese Frage stellte. August fütterte sie mit Topfenstrudel und sagte zärtlich:
"Ja. Hab ich.
Vor deinem."
steht mitten im Leben, manchmal am Rand und oft daneben. Weil sie weder singen noch stricken kann, schreibt sie. Trifft dabei immer wieder den falschen Ton und lässt Maschen fallen. Als Sozialarbeiterin immer auf der Seite der Verlierer, gewinnt sie selbst auch manchmal. Schwangerschaftstest schon zweimal und einmal die Testrunde in der Millionenshow. In ihrem Blog gewährt sie Einblicke in das Leben einer Testsiegerin.

Der Grundschulguerilla

Benjamin Reichstein
Die Meinungen über die Taten der RAF gehen weit auseinander: von sinnlosen Morden bis zur Glorifizierung wurden schon sehr viele Ansichten vertreten.
Im Jahr 1989, als die 47 Häftlinge der RAF in den Hungerstreik traten, saß ich vermutlich gerade in meinem Kinderzimmer und spielte mit He-Man Figuren, die ich meinem reichen Kindergartenfreund aus Neid geklaut hatte.

Der kleine Amerikaner war für mich damals das reichste Kind der Welt und lebte in einem Palast aus Spielzeug, das mir meine Eltern nicht einmal unter Androhung von Hungerstreik gekauft hätten. Actionfiguren und abgefahrene Zeichentrickserien waren also das Einzige, was mich damals interessiert hat. Aber auch wenn ich nicht aktiv von den Ereignissen rund um die Rote Armee Fraktion erfahren habe, muss es dennoch einen unterbewussten Einfluss auf mich gehabt haben. Denn spätestens ein Jahr nach meiner Einschulung wurde mir klar - ich werde Widerstandskämpfer! Dieses System der Noten und Arschkriecherei war mir, dem selbsterklärten Rebellen der 1A, schon immer zuwider und die aufgestaute Abneigung gegenüber der tyrannischen Klassenlehrerin gipfelte schlussendlich in einem lautstarken Herausbrüllen meiner politischen Forderungen - inklusive theatralischem Weinkrampf. Dieser brachte mich jedoch leider nicht viel weiter als bis vor die Tür der Klasse für mein erstes Verhör inklusive Verurteilung zu mehrseitiger Strafarbeit.

Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben und so trat ich als einsamer Kämpfer meinen Feldzug durch zwei Grundschulen, ein Gymnasium und eine Wirtschaftsschule an. Von Verweisen wegen Vergessen des Turnbeutels über mehrstündigen Diskussionen meines Rechts, eine Schirmmütze zu tragen - ich durchlief das volle Programm. Zuletzt verlor ich an der Berufsschule die Lust am Widerstandskampf und quittierte dies mit konsequenter Resignation und lautstarkem Schnarchen. Der soziale Aufstieg war somit unwiderruflich vorprogrammiert. Mittlerweile arbeite ich in einem großen Versicherungsunternehmen und alles, was von meinem Rebellendasein übrig ist, sind ein paar Rage against the machine CDs und das stille Feuer in meinen Augen, das nur noch auflodert, wenn ich betrunken darüber philosophiere, warum die Deutschen nicht aufstehen und sich wehren oder was ich am liebsten alles besser, gerechter - utopischer machen würde.

Was ist geblieben von der RAF und der Ideologie des Widerstands des Volkes?
In Zeiten der Informationsflut, angeblicher und realer Bedrohungen, sind wir Deutschen müde geworden, reagieren mit Entsetzen, wenn in Paris die Autos brennen und möchten uns nicht mehr einmischen, sondern uns nur noch zurücklehnen und beschützen lassen. Ob man die Gewalt gutheißen mag oder nicht - wo früher Steine flogen und Menschen zu Massen gegen den Imperialismus protestierten, schweigt heute das Volk, wenn Politiker über eine Änderung des Grundgesetzes, gezielte Tötung und Bundeswehreinsätze innerhalb Deutschlands diskutieren, Festplatten von Privatpersonen durchsuchen und Passagierflugzeuge ohne eindeutige rechtliche Grundlage abschiessen wollen.

Die Meinungen über die Taten der RAF gehen weit auseinander: von sinnlosen Morden bis zur Glorifizierung wurden schon sehr viele Ansichten vertreten. Aber auch wenn sie die Geschichte Deutschlands definitiv beeinflusst haben, habe ich davon doch recht wenig mitbekommen. Doch dass ich dem verhätschelten, amerikanischen Kapitalistenkind seine He-Man Actionfigur abgenommen habe, das finde ich auch heute noch mehr als gerecht.
Benjamin Reichstein veröffentlicht seit 2005 Kurzgeschichten und skurrile, lustige oder traurige Texte auf seinem Weblog. Er hat immer noch keine Ahnung was er mit seinem Leben genau anfangen will aber mittlerweile ist ihm das egal. Deshalb trudelt er quer durch Deutschland, tritt bei Poetry Slams auf, schreibt wie ein wilder und mogelt sich ansonsten mit zynischem Humor und einem liebenswürdigen Grinsen durchs Leben.

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