
Die Erfindung der Pizza
von Kaltmamsell
Durch ihren Wohnort ist mein Italienbild seit meinen Kindertagen geographisch von einer Gegend dominiert, die wegen ihrer Hässlichkeit und Unwirtlichkeit so lange unbesiedelt blieb, bis der große italienische Diktator des 20. Jahrhunderts ein Besiedlungsprogramm ausrief: von den pontinischen Sümpfen. Für mich lag "Italien" immer südlich von Rom in der Provinz Latio und bestand in ersten Linie aus Beton-Flachbauten. Zu diesem wenig attraktiven Italien gehörte zudem die weitläufige angeheiratete Familie aus Lampedusa, die sich aus hexenartigen Keifweibern mit bösem Blick und kleinen, ausgetrockneten Supermachos zusammensetzte, wobei letztere vermutlich schon deshalb ungeheuer o-beinig liefen, um jederzeit mit der Hand bequem ans Gemächt zu kommen, das ohne regelmäßiges Zurechtrücken vermutlich in alle Richtungen geflossen wäre.
Und doch habe ich einen Schatz wundervoller Erinnerungen an unsere Italienaufenthalte bei Tante Barbara: das Essen! Es war ausgerechnet diese Verwandte, die die Zeit und die Geduld aufbrachte, mir als Mädchen ein bisschen Kochen und Warenkunde beizubringen. Ich begleitete Tante Barbara zum Bäcker und lernte die Namen der vielen verschiedenen Weißbrotsorten kennen (nein, leider weiß ich keinen mehr). Am meisten faszinierte mich ein Brot aus extrem feinporigem Teig, das aus einem quadratischen, gefalteten Zentrum mit etwa 12 Zentimeter Seitenlänge und an den Ecken jeweils langen gedrehten Hörnern bestand. Geschmeckt hat es mir leider nicht besonders, weil ich es zu trocken fand. Auch in die Molkerei nahm mich Tante Barbara mit, wo wir frische Mozzarella in Lake kauften, in riesigen Schraubgläsern, dutzendweise. Diese Tante hatte damals hinterm Haus einen Zitronenbaum stehen, außerdem ein Bäumchen mit winzigen orangen Zitrusfrüchten, von denen sie behauptete, man können sie ganz essen. Bis mir die trockenen, bitteren Dinger schmeckten und ich lernte, dass sie "Kumquats" hießen, musste ich allerdings erst erwachsen werden. Auch Hühner hielt die Tante Barbara, und so sah ich ihr nicht nur einige Male beim Hühnerschlachten zu, sondern lernte auch früh, wie Hühnerfleisch eigentlich und an sich schmecken kann. Tante Barbara brachte mir Nudelnmachen bei, inklusive der Fertigung von Ravioli und sogar Tortellini (die sie immer "in brodo" servierte, also als Suppeneinlage).
Einer dieser Italienaufenthalte, ich war etwa zwölf Jahre alt, verschaffte mir die Bekanntschaft mit der besten Pizza der Welt. Die Tante und ihr Mann hatten Freunde auf dem Land, eine Bauersfamilie. Und die lud uns alle zum Abendessen ein. Der Bauernhof passte zur unmalerischen Gegend, war funktional, mit Schrottteilen übersäht und leicht angegammelt. In der neonlichtbestrahlten Küche, vollverfliest, begrüßten uns die uralte und diabetesblinde Nonna, die kleine, kugelbäuchige Hausherrin jenseits der Wechseljahre und in Kittelschürze, ihre hübsche und schüchterne Tochter mit erstem Kind auf der Hüfte, sowie der vielköpfige Rest der Bauersfamilie, von dem mir nur ein (kleiner, ausgetrockneter) Mann in Fahrradkleidung in Erinnerung geblieben ist, der soeben sein Rennrad in die Küche getragen hatte und die Sportkleidung den ganzen Abend nicht ablegte. Als wir im ersten Abendrot ankamen, begann gerade erst die Vorbereitung des Abendessens. In der Küche herrschte Trubel, es war ein Kommen und Gehen mit viel lautstarker Unterhaltung und viel Gelächter. Mangels Italienischkenntnissen verstand ich kaum etwas davon, aber in der Atmosphäre fühlte ich mich wohl. Überall standen Schälchen und Tellerchen mit Oliven, Käse und Schinken herum, von denen im Vorbeigehen schnabuliert wurde.
Bald verteilten die jüngeren Frauen des Haushalts Pizzateig auf große schwarze Bleche. Mir fiel auf, dass sie, wie schon bei anderen Essensbereitungen, kaum Werkzeug noch Geräte verwendeten, sondern alles mit den Händen machten. Die junge Frau des Hauses bemerkte meine neugierigen Blicke und begleitete ihre Handgriffe mit erklärenden Worten (laut, langsam und gestenreich, so verstand ich auch das fremde Italienisch): Dass sie sich erst die Hände mit Olivenöl glitschig machte, um den Teig besser auf dem Blech ausstreichen zu können. Lieber sogar mit noch ein bisschen mehr Olivenöl. Dass der Teig nicht zu dick und nicht zu dünn sein dürfe (was an superdünnem oder gar "knusprigem" Pizzateig so toll sein soll, habe ich bis heute nicht begriffen). Und dabei glitschte sie mit sinnlichen Bewegungen über den Teig, bis er gleichmäßig in alle Ecken des Bleches verteilt war. Dann holte sie einen Topf vom Herd, in dem mit Kräutern gewürzter Tomatensugo heißgemacht worden war. Mit einem Holzlöffel klatschte sie etwas von der Soße auf den ölglänzenden Teig, verteilte sie wieder mit den Händen. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, nahm zwei Bleche und forderte mich mit einer Kopfbewegung auf, ihr zu folgen. Sie ging raus und zu einem winzigen Häuschen - das sich als Backhäuschen entpuppte. Darin stand, schwitzend, mit hochgekrempelten Ärmeln und rotem Kopf, eine weitere Frau im Jungmutteralter, die anscheinend die gemauerten Öfen befeuert hatte. Sie räumte mit einem Eisenschieber die glühende Asche heraus, und wir schoben unsere Pizzableche hinein. Hinter uns kamen bereits weitere Frauen mit den restlichen Blechen. Nach wenigen Minuten war die Pizza fertig und wurde zurück in die bevölkerte Küche getragen. Dort zeigte mir meine neue Freundin, dass man diese Pizza nicht nur mit den Händen zubereitete, sondern auch aß: Sie schnitt sie in Stücke und forderte mich auf, sie von unten zu nehmen, zusammenzuklappen und so in den Mund zu schieben. Ich habe nie wieder eine solch köstliche Pizza gegessen. Der ein wenig zähe Teig schmeckte nach Rauch und Brot, der einfache Belag nach der Quintessenz des Sommers. Wieder und wieder griff ich zu, ließ mich weder von den strafenden Blicken meiner Mutter zügeln, noch von der wohlgemeinten Mahnung meines Vaters, dass das eigentlich Abendessen doch erst noch komme. Der Hauptgang kam ebenfalls aus dem Backhäuschen und bestand in Hähnchenteilen, mit Knoblauch, Rosmarin und Weißwein aromatisiert. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich davon auch nur kosten konnte. Sicher weiß ich wieder, dass wir beim Aufbruch zu später Nachtstunde als Abschiedsgeschenk riesige Gläser voll eingemachtem Tomatensugo mitbekamen. Doch Pizza bereitete meine Mutter damit leider nicht.
Und doch habe ich einen Schatz wundervoller Erinnerungen an unsere Italienaufenthalte bei Tante Barbara: das Essen! Es war ausgerechnet diese Verwandte, die die Zeit und die Geduld aufbrachte, mir als Mädchen ein bisschen Kochen und Warenkunde beizubringen. Ich begleitete Tante Barbara zum Bäcker und lernte die Namen der vielen verschiedenen Weißbrotsorten kennen (nein, leider weiß ich keinen mehr). Am meisten faszinierte mich ein Brot aus extrem feinporigem Teig, das aus einem quadratischen, gefalteten Zentrum mit etwa 12 Zentimeter Seitenlänge und an den Ecken jeweils langen gedrehten Hörnern bestand. Geschmeckt hat es mir leider nicht besonders, weil ich es zu trocken fand. Auch in die Molkerei nahm mich Tante Barbara mit, wo wir frische Mozzarella in Lake kauften, in riesigen Schraubgläsern, dutzendweise. Diese Tante hatte damals hinterm Haus einen Zitronenbaum stehen, außerdem ein Bäumchen mit winzigen orangen Zitrusfrüchten, von denen sie behauptete, man können sie ganz essen. Bis mir die trockenen, bitteren Dinger schmeckten und ich lernte, dass sie "Kumquats" hießen, musste ich allerdings erst erwachsen werden. Auch Hühner hielt die Tante Barbara, und so sah ich ihr nicht nur einige Male beim Hühnerschlachten zu, sondern lernte auch früh, wie Hühnerfleisch eigentlich und an sich schmecken kann. Tante Barbara brachte mir Nudelnmachen bei, inklusive der Fertigung von Ravioli und sogar Tortellini (die sie immer "in brodo" servierte, also als Suppeneinlage).
Einer dieser Italienaufenthalte, ich war etwa zwölf Jahre alt, verschaffte mir die Bekanntschaft mit der besten Pizza der Welt. Die Tante und ihr Mann hatten Freunde auf dem Land, eine Bauersfamilie. Und die lud uns alle zum Abendessen ein. Der Bauernhof passte zur unmalerischen Gegend, war funktional, mit Schrottteilen übersäht und leicht angegammelt. In der neonlichtbestrahlten Küche, vollverfliest, begrüßten uns die uralte und diabetesblinde Nonna, die kleine, kugelbäuchige Hausherrin jenseits der Wechseljahre und in Kittelschürze, ihre hübsche und schüchterne Tochter mit erstem Kind auf der Hüfte, sowie der vielköpfige Rest der Bauersfamilie, von dem mir nur ein (kleiner, ausgetrockneter) Mann in Fahrradkleidung in Erinnerung geblieben ist, der soeben sein Rennrad in die Küche getragen hatte und die Sportkleidung den ganzen Abend nicht ablegte. Als wir im ersten Abendrot ankamen, begann gerade erst die Vorbereitung des Abendessens. In der Küche herrschte Trubel, es war ein Kommen und Gehen mit viel lautstarker Unterhaltung und viel Gelächter. Mangels Italienischkenntnissen verstand ich kaum etwas davon, aber in der Atmosphäre fühlte ich mich wohl. Überall standen Schälchen und Tellerchen mit Oliven, Käse und Schinken herum, von denen im Vorbeigehen schnabuliert wurde.
Bald verteilten die jüngeren Frauen des Haushalts Pizzateig auf große schwarze Bleche. Mir fiel auf, dass sie, wie schon bei anderen Essensbereitungen, kaum Werkzeug noch Geräte verwendeten, sondern alles mit den Händen machten. Die junge Frau des Hauses bemerkte meine neugierigen Blicke und begleitete ihre Handgriffe mit erklärenden Worten (laut, langsam und gestenreich, so verstand ich auch das fremde Italienisch): Dass sie sich erst die Hände mit Olivenöl glitschig machte, um den Teig besser auf dem Blech ausstreichen zu können. Lieber sogar mit noch ein bisschen mehr Olivenöl. Dass der Teig nicht zu dick und nicht zu dünn sein dürfe (was an superdünnem oder gar "knusprigem" Pizzateig so toll sein soll, habe ich bis heute nicht begriffen). Und dabei glitschte sie mit sinnlichen Bewegungen über den Teig, bis er gleichmäßig in alle Ecken des Bleches verteilt war. Dann holte sie einen Topf vom Herd, in dem mit Kräutern gewürzter Tomatensugo heißgemacht worden war. Mit einem Holzlöffel klatschte sie etwas von der Soße auf den ölglänzenden Teig, verteilte sie wieder mit den Händen. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, nahm zwei Bleche und forderte mich mit einer Kopfbewegung auf, ihr zu folgen. Sie ging raus und zu einem winzigen Häuschen - das sich als Backhäuschen entpuppte. Darin stand, schwitzend, mit hochgekrempelten Ärmeln und rotem Kopf, eine weitere Frau im Jungmutteralter, die anscheinend die gemauerten Öfen befeuert hatte. Sie räumte mit einem Eisenschieber die glühende Asche heraus, und wir schoben unsere Pizzableche hinein. Hinter uns kamen bereits weitere Frauen mit den restlichen Blechen. Nach wenigen Minuten war die Pizza fertig und wurde zurück in die bevölkerte Küche getragen. Dort zeigte mir meine neue Freundin, dass man diese Pizza nicht nur mit den Händen zubereitete, sondern auch aß: Sie schnitt sie in Stücke und forderte mich auf, sie von unten zu nehmen, zusammenzuklappen und so in den Mund zu schieben. Ich habe nie wieder eine solch köstliche Pizza gegessen. Der ein wenig zähe Teig schmeckte nach Rauch und Brot, der einfache Belag nach der Quintessenz des Sommers. Wieder und wieder griff ich zu, ließ mich weder von den strafenden Blicken meiner Mutter zügeln, noch von der wohlgemeinten Mahnung meines Vaters, dass das eigentlich Abendessen doch erst noch komme. Der Hauptgang kam ebenfalls aus dem Backhäuschen und bestand in Hähnchenteilen, mit Knoblauch, Rosmarin und Weißwein aromatisiert. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich davon auch nur kosten konnte. Sicher weiß ich wieder, dass wir beim Aufbruch zu später Nachtstunde als Abschiedsgeschenk riesige Gläser voll eingemachtem Tomatensugo mitbekamen. Doch Pizza bereitete meine Mutter damit leider nicht.


rollinger
am 14. Sep, 12:15
Die Stroy dazu lässt mich lachen, vor allem über Familie. Aber mich erinnerts, daß meine Oma nicht kochen konnte, meine Mutetr erst in ihrer zweiten Ehe kochen lernte. Einegroße Familie warenwir wenig Geld und lebten scheinbar bei den "Assis" und Ausländer in einer alten Ex Waschküche im Keller. Die Ausländer damals waren alles noch Italiener..udn da lernte meine Mutter kochen. Meine Klassenkameraden kamen gerne zu uns, wo gabs 1972 schon Pizza und Spaghetti Bolognese in deutschen Haushalten.
Hühnchen im Tomtopf mit Kapern, Thymian und groben Kartoffeln koche ich selbst gerne und erwähne es als mein Leibgericht.
Danke für die Erinnerung wie das bei "uns" so war.
am 14. Sep, 14:40
Na Sie schaffen es, einem Appetitt zu machen. MAHLZEIT!
Kommt gerade zur Mittagszeit gut.