Katzengrauen

von Grete
Es gibt in jeder Familie Interna, die nicht einmal den besten Freunde auf die Nase gebunden werden. Außer Peinlichkeiten, wie zum Beispiel wilde Aufräumaktionen bei Eintreffen unerwarteten Besuches durch den einen Partner, während der andere derweil den Garten "zeigt", gehören dazu auch Morgenrituale, die durchaus nichts mit der Fernsehmagarinewerbung gemein haben. Besonders nicht, wenn man mit Kindern zusammen lebt.

Wie die meisten Menschen in der etablierten Bürowelt starte ich gegen 9 Uhr mit einem ersten Kaffee ohne nennenswerte Verquellungen im Gesicht in den Blätterwald. Weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Stunden auf den Beinen bin und die Kinder in einer umfangreichen und gelegentlich mühsamen Prozedur auf Ihren Schulweg gebracht habe, der für ein Kind der siebenten Klasse inzwischen dreimal die Woche zur "nullten" Stunde beginnt. Zwischendurch hänge ich noch Wäsche auf, räume den Geschirrspüler aus, tue hier und da einige Handgriffe - donnerstags einige mehr, weil die Putzfrau kommt -, so jedenfalls die offizielle Version.

Jetzt kommt die inoffizielle, die geheime sozusagen: Ich bin nicht mehr zwanzig. Wenn ich drei Tage nach null Uhr ins Bett gefallen bin, weil der Abend sonst zu kurz ist, für das was ich mir darunter vorstelle, bin ich morgens doppelt so schwer, wenn ich mich aus dem Bett hieve. Besonders im Winter. Und dann erlaube ich mir eine ganz private Einlage, oder besser: Ablage. Wenn die Kinder aus dem Haus sind bleibt eine knappe Stunde für mich und die Couch. Das rote Plüschsofa, auf dem ich mit angezogenen Beinen schlafe wie ein Baby im Körbchen, die Uhr auf der Küchenzeile am anderen Ende des Raumes im gelegentlichen Blinzelblick.

An einem Morgen schreckt mich ein Klappern auf. Dann ist wieder Stille. Leise stehe ich auf und schleiche in Richtung Küche, woher das Geräusch kam. Nichts zu erkennen. Bis ich am Boden der Spüle eine Maus hocken sehe. Ein Mäuslein und eine aufgerissene Packung Kekse, mitsamt der, bei dem Versuch zu naschen, das Tier vom Regal geradewegs in das Spülbecken gestürzt war. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die wegen einer Maus anfangen zu schreien. Aber auch nicht zu denen, die wissen, wie sie sich einer in der Spüle sitzenden Maus auf bequeme Weise entledigen. Ich rief den Liebsten, der nahm kurzerhand die noch immer in der anderen Zimmerecke lauernde Katze und setzte sie auf die Arbeitsplatte, die Katze fing flugs die Maus und der Liebste brachte Katze samt Maus vor die Tür wo Erstere Letztere fraß.

Für die Couch war es nun leider zu spät und ich ging auf meinen Morgenkaffee ins Büro.
- lebt und arbeitet sehr gerne, sehr anonym in Dresden, lässt die Menschen aber manchmal ein Stückchen in ihr Leben schauen
mindestens haltbar September/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 09
ISSN 1816-8159
Autor: Grete
Titel: Katzengrauen
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