Die Poetentankstelle

von Ralph R.
weihnachtliche Illumination vor der Kneipentür
die Nacht hat sich den Tag gepackt
ich sitze auf einer verwetzten Holzbank
das Bier griffbereit vor mir
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe
zu gegebener Zeit
an dem opulenten Arsch der Bedienung kommen meine
Blicke nicht vorbei
ihre Augen sind ständig entzündet, und ihr lächelnder Mund
wie eine Mondsichel -
die Kneipe ein kurzer Schlauch
Geborgenheit

Vergeblich suche ich die Leichtigkeit
Gedanken huschen wie lästige Fruchtfliegen vor meinem
Geist
die Reise vom Heute in das Morgen
ist Unruhe
bin ich der Gast, der auf der verwetzten Holzbank sitzt
das Bierglas ansetzend
die Lyrik von Nazim Hikmet vor Augen
wie den opulenten Arsch der Bedienung?
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe
zu gegebener Zeit
die fremden Menschen rücken in mein Gefühl
als wären sie Kunstwerke einer liebevoll arrangierten
Ausstellung
Öllampen brennen auf den Kneipentischen
der freie Bauchnabel einer Frau, die sich streckt
die Mutter hebt das Baby aus dem Kinderwagen
und wiegt es an ihrer Brust
das kleine Wesen fasst sich einen Finger
unsere Augen leuchten

Die Nacht, die den Tag geholt hat
die Kälte der illuminierten Stadt im Winter
vergeblich suche ich die Leichtigkeit
ich leide unter einem chronischen Katarrh der Seele
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
meines leeren Kopfes
zu gegebener Zeit
gewöhnt sich nie ans Leben und kam deswegen zum Schreiben. Seit über 20
Jahren schüttet er sich schreibenderweise selbst das Herz aus. Klebt an seiner Heimat wie eine Fliege am Baumharz. Irgendwo an der Bergstraße zwischen Karlsruhe und Darmstadt guckt er aus dem Fenster. Mehr Lyrik gibt es in seinem Blog
mindestens haltbar September/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 09
ISSN 1816-8159
Autor: Ralph R.
Titel: Die Poetentankstelle
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am 18. Sep, 23:59

Ich liebe dieses Gedicht!
Hättest du es noch nicht geschrieben, würde ich mir wünschen, dass du es schriebest, damit ich es lesen kann - zu gegebener Zeit.

am 20. Sep, 18:17

hi virago, der mensch gleicht einem mosaik. meine prosagedichte sollen sich willkürlich wie mosaikteilchen zu einem charakter zusammenfügen. schön, wenn einiges davon liebenswert aufgefaßt wird.

gruß
bon.