0309 - Ab in die Küche
Editorial
DonDahlmann
Die Küche war schon immer der zentrale Lebensmittelpunkt der Menschen. Früher schlief man im Winter in der Küche, weil es der einzige Raum war, der einigermassen beheizt werden konnte.
Heute ist die Küche immer der Raum, in dem sich bei einer Party die meisten Leute treffen. Vermutlich wegen der Nähe zum Kühlschrank und der dort enthaltenen Getränke, vielleicht liegt es aber auch daran, dass man in der Küche stehen muss und man sich irgenwie schneller näher kommt.
Diese Ausgabe beschäftigt sich also mit Küchengeschichten. Mit langen, kurzen, traurigen, schönen und aussergewöhnlichen Erlebnissen. Es wird gekocht, gegessen, gekotzt, gesoffen und geheiratet. Und das alles in dem Raum, der im Laufe der Jahre von Architekten immer kleiner geplant wird. Waren die nie auf einer Küchenparty?
Mein Dank gilt auch auch in diesem Monat wieder den Autoren und den Menschen hinter den Kulissen, die viel gearbeitet haben, damit diese Ausgabe (fast) pünktlich erscheinen konnte.
Noch ein Wort in eigener Sache: Wer Interesse hat, seine Geschichten bei "Mindestenshaltbar" zu veröffentlichen, oder als Autor hier mitzuarbeiten, möge einfach eine Mail an folgende Adresse senden:
mindestenshaltbar@dondahlmann.de
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will
Vom Dauern der Dinge
Herr Paulsen
Manche Dinge dauern einfach. Feiner Käse, edle Weine, wichtige Entscheidungen und Herzensangelegenheiten sind nur einige der vielen Dinge, die Zeit brauchen.
Auch diesen Text zu lesen, wird einige Zeit in Anspruch nehmen und das ist gut so. Dass ich allerdings 15 Jahre brauchen würde um bei meinem alten Lehrherren essen zu gehen, dass erstaunte mich selbst. Ich habe in den letzten Jahren bei unzähligen Kächen gegessen, immer wissend, dass der eine Restaurantbesuch irgendwann kommen würde. Sie mögen mich für seltsam halten, ich nenne es tiefen Respekt, gepaart mit überzogener Bescheidenheit,die mir fünfzehn Jahre den Besuch in Monsieurs Restaurant unmöglich machten. Mein Bruder beschrieb das Verhältnis zwischen Monsieur und mir einmal als schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Da mag er Recht haben.
Alles was aus mir geworden ist, der, der ich heute bin, alles fand seinen Anfang in der Küche von Monsieur. Von ihm lernte ich nicht nur zu kochen, ich entdeckte die bedingungslose Liebe zur Kulinarik, er weckte die kochende Begeisterung in mir und vermittelte nebenbei erfolgreich Werte wie Disziplin, Ausdauer und Respekt. Respekt vor den Produkten, vor der Natur, den Menschen. Ende der Achtziger war seine Küche das Epizentrum einer neuen Kochbewegung und ich war mittendrin.
Die Küche in Deutschland war auf "Nouvelle Cuisine", Monsieur war das nicht genug, er kochte euro-asiatisch, er trat den jämmerlichen Frankreichgläubigen, mit ihren fitzeligen Miniaturen jeden Tag in den Arsch. Miso, Wasabi, Uhlua, Mai-Mai, bei Monsieur gab es alles und alles zehn Jahre früher. Der Mann war Gott und alles blickte in seine Küche, in dieser Zeit. Nach einer achtwöchigen (!) Probezeit ("ich trau Dir nicht Paulsen, mach doch noch mal eine Woche"), war ich aufgenommen, Lehrling, in den heiligen Hallen des Monsieur. Er wuchtete ein halbes Kilo Bewerbungen auf den Tisch, sagte: "Das sind nur die von dieser Woche, (Kunstpause) du kannst anfangen."
Er war der König, seine Lehrlinge waren Königskinder! Schon nach einem halben Jahr, es war das härteste meines Lebens, stand ich in der Küchenordnung über jedem ausgebildeten Koch, er verzieh jedem Witzigmann-Schüler alles, uns Lehrlingen nichts. Er schleifte uns durch eine Ausbildung, die an Härte und Menschlichkeit nichts fehlen lies.
Sein Einsatz für die Kulinarik war gänzlich und bedingungslos. Und er war Künstler, er selbst würde sich nie so beschreiben, aber Kochen, das war für ihn ein dringend zu erlernendes Handwerk, nur um dann alles in Frage zu stellen und neu zu arrangieren. Wir durften in unserer Mittagspause, sämtlich Produkte aus den Schränken zerren, für hunderte von Mark mixen und kneten. Abends betrat Monsieur das Schlachtfeld, baute sich am Pass auf und ließ servieren. Desaströs, eine Geldvernichtungsmaschine, ihm war es egal, manche Kreation schaffte es auf die abendliche Karte. Ein Adelsschlag.
Der mir nie gelang.
Gegen Ende des ersten Lehrjahrs war ich frustriert und arbeitete fast jeden Mittag an meinen Kreationen, frei nach Loriot, es muss gehen, andere tun es ja auch. Meine, wie ich fand, bislang beeindruckenste Erfindung, war ein Möhren-Ingwer-Eis. Also irgendwie doch bahnbrechend, sensationell! Monsieur verzog das Gesicht, sah mich an und sprach sein Urteil: "Sag mal, was soll den das? Sind wir hier eine ausgelagerte Produktionsstätte für Babynahrung? Schmeiß das weg!" Und im Weggehen, verärgert: "ich bin doch nicht Herr Hipp".
Da ich neben der Arbeit den Mädchen, sowie dem Bier, der Musik und dem Rauchen zugeneigt war, entspann sich zwischen Monsieur und mir alsbald eine genüsslich ausgetragene Hassliebe. Nach einem, sagen wir mal schleppenden, Silvestermenü-Service, wurde es kurz ungemütlich für mich. Monsieur verweigerte meine Neujahrsgrüße, ich ging, feierte bis in den nächsten Tag hinein und erwachte, als das Telefon klingelte. Monsieur am Apparat mit einem speziellen Neujahrsgruß: "Paulsen, ich hätte dich gestern mit einer Rakete abschießen sollen, das wäre eine Erlösung gewesen!". Er vergaß auch nicht, mich darauf hinzuweisen, das ich ein Säufer und ein Hurenbock sei. Ich sah auf die Uhr.
Zwölf Uhr Mittags.
Mein Vorschlag, mir doch einen Urlaubstag abzuziehen, lief ins Leere: "Das hab ich schon"
Als ich wieder nüchtern war, revanchierte ich mich. Monsieur liebte den Champagner, überall hatte er in der Küche Gläser mit dem herrlichen Prickel "versteckt", in Kasserollen und Töpfen. Die Landkarte der kücheneigenen Champagne hatte er im Kopf, steuerte bei Bedarf einen der vielen Geheimbunker an, ein Blick nach rechts, ein Blick nach links, schwupps, a votre santé, weiter. Kurz nach Neujahr bin ich dann, kurz vor dem Service mit einer angeritzten, superscharfen Piri-Piri-Pfefferschote rum gegangen und habe die Glasränder damit geputzt. Tränen der Rührung füllten Monsieurs Augen. Schon beim ersten Schluck.
Mit der Zeit wuchsen wir einander dann irgendwie doch richtig ans Herz, der Monsieur und ich, er ließ mich teilhaben an seinem Universum, bestehend aus fünf Meter langen Fischen in Technicolor, mit lustigen Namen und säbelscharfen Zähnen ("und im Fisch ist meistens noch ein kleinerer Fisch, quasi umsonst!"), ich durfte mithelfen bei seinem zweiten Buch ("ich wirke schwul auf dem Titelfoto, und das wollen die auf der Buchmesse drei mal drei Meter groß machen, da geh ich gar nicht hin, da mache ich nicht mit..... Paulsen ! Ich hab das gehört, dein rotzfreches Lachen") und zum Ende meiner Lehrzeit, übergab er mir die Küchenleitung seines Bistros. Es kam anders, mein Land glaubte mich an der Waffe zu brauchen, ich verweigerte, schob Rollstühle durch Werkstätten und machte mich anschließend auf, bei anderen Meistern mein Wissen zu vertiefen.
Zurück gekehrt bin ich 15 Jahre später, am Ostersamstag 2006. Im Arm die Liebste, im Herzen einen Plan.
Der Gastraum schien geschrumpft, doch nichts hatte sich verändert. Dunkles Holz, schwere Vorhänge, dicke, dumpfe Teppiche und eine feierliche Ruhe, hier wird dankenswerter Weise keine Musik serviert. Der runde Tisch im Zentrum des Restaurants war für uns reserviert, Monsieurs Frau kam vorbei, Smalltalk, sind Sie immer noch in Zürich, ich war nie in Zürich. Eisbeschlagener Champagner wurde serviert, mit einem Hauch Holunder, in großen Glasballonen gärt Monsieur seinen Holundersirup im Innenhof des Restaurants. Das "Amusette village", ein Willkommensgruß aus der Küche, bestand aus nicht weniger als drei kompletten Speisen, dann kam die erste Vorspeise, ein atemberaubendes Arrangement aus getrüffeltem Kalbsbies mit verlorenen Wachteleiern und Forellenkaviar mit Nüsslisalat, ein Meisterwerk. Ich hatte mir vorgenommen, nichts durch die rosa Brille der zeitlichen Verklärung zu sehen, sondern wie gewohnt, beinhart die Fehler zu finden, doch das wollte auch beim zweiten Gang nicht gelingen, perfekt gebratener St. Petersfisch mit Schuppen aus hauchdünn geschnittenen Shiitakepilzen schwomm in einer cremigen, blütenweißen Sesamsauce. Gleich drei Saucen, allesamt geschmacksintensiv und auf den Punkt gewürzt, begleiteten die Melange von Jakobsmuscheln und Gambas auf beinahe durchsichtigen Scheiben von gebratenem Kohlrabi. Eher roh, sahen die mit Niedrigtemperatur gegarten Lammkotelettes aus, waren aber butterzart und dufteten nach Lavendel und Knoblauch, begleitet von cremigem Mascarpone-Risotto und einer kräftigen Jus. Die Hauptattraktion für mich aber, war die in Kräutern und Bröseln gebackene Lammzunge, die auf der Karte nicht mal Erwähnung fand. Nach dem Käsegang, Gorgonzola mit getrocknetem Bacon, süßen Ingwer-Walnüssen und Barolo-Vinaigrette (zum wegtrinken!), erschien Monsieur.
Ich kann ihnen zu dieser Begegnung nichts sagen. Ungefähr fünf Minuten dauerte diese, erste Begegnung, mit Monsieur. Lassen wir die Liebste sprechen, die später erzählte, ich hätte ausgesehen wie ein im Scheinwerferlicht des nahenden Wagens erstarrtes Reh. Mit großen Augen hätte ich Monsieur angesehen, Fragen knapp mit Ja und Nein beantwortete und ansonsten nicht sehr lebendig gewirkt. Gott sei Dank, es nahte das Dessert, Monsieur verabschiedete sich in die Küche und ich konnte mich wieder bewegen. Ein knusprig karamellisiertes Ananas-Carpaccio mit einem luftigen Cassis-Schaum und einem sensationellen, nie geschmeckten Melonen-Minz-Chutney vollendete das grandiose Menü. Auch das Restaurant hatte sich inzwischen geleert und wir waren die einzigen Menschen im Gastraum. Genau darauf hatte ich spekuliert. Drei Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet, in diesem Restaurant zu sitzen, in dem so wohlwollend die Weichen für mein Leben gestellt wurden, dort zu sein, mit der Frau auf die ich mein ganzes Leben gewartet hatte und die ich vor drei Jahren gefunden habe. Dies ist der Ort, das ist der Zeitpunkt. Ich zog den Ring aus der Tasche, den ich schon vor zwei Jahren gekauft hatte, manche Dinge dauern eben, auch wenn man schon lange Gewissheit hat. Ich stellte die Frage und die Liebste sagte ja, sagt mehrmals ja, es war ganz still, nur wir. Wir, endlich.
"So! Jetzt!", rief Monsieur, den wir nicht hatten kommen hären, setzte sich zu uns und sah über die zarte Brille ins Rund. "Mein Gott, Paulsen, was für eine schöne Frau!"
Die Liebste und ich heiraten in diesem Monat
Herr Paulsen
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem
Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
Die Erfindung der Pizza
Kaltmamsell
Italien und ich, wir haben ein gestörtes Verhältnis. Das liegt an meiner nach Italien ausgewanderten, filmreif vulgären Tante Barbara.
Durch ihren Wohnort ist mein Italienbild seit meinen Kindertagen geographisch von einer Gegend dominiert, die wegen ihrer Hässlichkeit und Unwirtlichkeit so lange unbesiedelt blieb, bis der große italienische Diktator des 20. Jahrhunderts ein Besiedlungsprogramm ausrief: von den pontinischen Sümpfen. Für mich lag "Italien" immer südlich von Rom in der Provinz Latio und bestand in ersten Linie aus Beton-Flachbauten. Zu diesem wenig attraktiven Italien gehörte zudem die weitläufige angeheiratete Familie aus Lampedusa, die sich aus hexenartigen Keifweibern mit bösem Blick und kleinen, ausgetrockneten Supermachos zusammensetzte, wobei letztere vermutlich schon deshalb ungeheuer o-beinig liefen, um jederzeit mit der Hand bequem ans Gemächt zu kommen, das ohne regelmäßiges Zurechtrücken vermutlich in alle Richtungen geflossen wäre.
Und doch habe ich einen Schatz wundervoller Erinnerungen an unsere Italienaufenthalte bei Tante Barbara: das Essen! Es war ausgerechnet diese Verwandte, die die Zeit und die Geduld aufbrachte, mir als Mädchen ein bisschen Kochen und Warenkunde beizubringen. Ich begleitete Tante Barbara zum Bäcker und lernte die Namen der vielen verschiedenen Weißbrotsorten kennen (nein, leider weiß ich keinen mehr). Am meisten faszinierte mich ein Brot aus extrem feinporigem Teig, das aus einem quadratischen, gefalteten Zentrum mit etwa 12 Zentimeter Seitenlänge und an den Ecken jeweils langen gedrehten Hörnern bestand. Geschmeckt hat es mir leider nicht besonders, weil ich es zu trocken fand. Auch in die Molkerei nahm mich Tante Barbara mit, wo wir frische Mozzarella in Lake kauften, in riesigen Schraubgläsern, dutzendweise. Diese Tante hatte damals hinterm Haus einen Zitronenbaum stehen, außerdem ein Bäumchen mit winzigen orangen Zitrusfrüchten, von denen sie behauptete, man können sie ganz essen. Bis mir die trockenen, bitteren Dinger schmeckten und ich lernte, dass sie "Kumquats" hießen, musste ich allerdings erst erwachsen werden. Auch Hühner hielt die Tante Barbara, und so sah ich ihr nicht nur einige Male beim Hühnerschlachten zu, sondern lernte auch früh, wie Hühnerfleisch eigentlich und an sich schmecken kann. Tante Barbara brachte mir Nudelnmachen bei, inklusive der Fertigung von Ravioli und sogar Tortellini (die sie immer "in brodo" servierte, also als Suppeneinlage).
Einer dieser Italienaufenthalte, ich war etwa zwölf Jahre alt, verschaffte mir die Bekanntschaft mit der besten Pizza der Welt. Die Tante und ihr Mann hatten Freunde auf dem Land, eine Bauersfamilie. Und die lud uns alle zum Abendessen ein. Der Bauernhof passte zur unmalerischen Gegend, war funktional, mit Schrottteilen übersäht und leicht angegammelt. In der neonlichtbestrahlten Küche, vollverfliest, begrüßten uns die uralte und diabetesblinde Nonna, die kleine, kugelbäuchige Hausherrin jenseits der Wechseljahre und in Kittelschürze, ihre hübsche und schüchterne Tochter mit erstem Kind auf der Hüfte, sowie der vielköpfige Rest der Bauersfamilie, von dem mir nur ein (kleiner, ausgetrockneter) Mann in Fahrradkleidung in Erinnerung geblieben ist, der soeben sein Rennrad in die Küche getragen hatte und die Sportkleidung den ganzen Abend nicht ablegte. Als wir im ersten Abendrot ankamen, begann gerade erst die Vorbereitung des Abendessens. In der Küche herrschte Trubel, es war ein Kommen und Gehen mit viel lautstarker Unterhaltung und viel Gelächter. Mangels Italienischkenntnissen verstand ich kaum etwas davon, aber in der Atmosphäre fühlte ich mich wohl. Überall standen Schälchen und Tellerchen mit Oliven, Käse und Schinken herum, von denen im Vorbeigehen schnabuliert wurde.
Bald verteilten die jüngeren Frauen des Haushalts Pizzateig auf große schwarze Bleche. Mir fiel auf, dass sie, wie schon bei anderen Essensbereitungen, kaum Werkzeug noch Geräte verwendeten, sondern alles mit den Händen machten. Die junge Frau des Hauses bemerkte meine neugierigen Blicke und begleitete ihre Handgriffe mit erklärenden Worten (laut, langsam und gestenreich, so verstand ich auch das fremde Italienisch): Dass sie sich erst die Hände mit Olivenöl glitschig machte, um den Teig besser auf dem Blech ausstreichen zu können. Lieber sogar mit noch ein bisschen mehr Olivenöl. Dass der Teig nicht zu dick und nicht zu dünn sein dürfe (was an superdünnem oder gar "knusprigem" Pizzateig so toll sein soll, habe ich bis heute nicht begriffen). Und dabei glitschte sie mit sinnlichen Bewegungen über den Teig, bis er gleichmäßig in alle Ecken des Bleches verteilt war. Dann holte sie einen Topf vom Herd, in dem mit Kräutern gewürzter Tomatensugo heißgemacht worden war. Mit einem Holzlöffel klatschte sie etwas von der Soße auf den ölglänzenden Teig, verteilte sie wieder mit den Händen. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, nahm zwei Bleche und forderte mich mit einer Kopfbewegung auf, ihr zu folgen. Sie ging raus und zu einem winzigen Häuschen - das sich als Backhäuschen entpuppte. Darin stand, schwitzend, mit hochgekrempelten Ärmeln und rotem Kopf, eine weitere Frau im Jungmutteralter, die anscheinend die gemauerten Öfen befeuert hatte. Sie räumte mit einem Eisenschieber die glühende Asche heraus, und wir schoben unsere Pizzableche hinein. Hinter uns kamen bereits weitere Frauen mit den restlichen Blechen. Nach wenigen Minuten war die Pizza fertig und wurde zurück in die bevölkerte Küche getragen. Dort zeigte mir meine neue Freundin, dass man diese Pizza nicht nur mit den Händen zubereitete, sondern auch aß: Sie schnitt sie in Stücke und forderte mich auf, sie von unten zu nehmen, zusammenzuklappen und so in den Mund zu schieben. Ich habe nie wieder eine solch köstliche Pizza gegessen. Der ein wenig zähe Teig schmeckte nach Rauch und Brot, der einfache Belag nach der Quintessenz des Sommers. Wieder und wieder griff ich zu, ließ mich weder von den strafenden Blicken meiner Mutter zügeln, noch von der wohlgemeinten Mahnung meines Vaters, dass das eigentlich Abendessen doch erst noch komme. Der Hauptgang kam ebenfalls aus dem Backhäuschen und bestand in Hähnchenteilen, mit Knoblauch, Rosmarin und Weißwein aromatisiert. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich davon auch nur kosten konnte. Sicher weiß ich wieder, dass wir beim Aufbruch zu später Nachtstunde als Abschiedsgeschenk riesige Gläser voll eingemachtem Tomatensugo mitbekamen. Doch Pizza bereitete meine Mutter damit leider nicht.
Kaltmamsell
Geboren 1967 in Zentralbayern, Lebensmittelpunkt München, Interessen Geschichten, Broterwerb durch Geschichten über Unternehmen. Manchmal gehässig.
Vorspeisenplatte - Weblog von Kaltmamsell
Rezepte für eine Person
SvenK
Kochen. Essen. Die meisten Rezepte geben Mengen für vier Personen an. Schon mal drüber nachgedacht? Seltsam nicht? Warum nicht für drei Personen? Ein Paar und einen Neider.
Ein Paar und einen heimlichen Hausfreund. Vier Personen sind in der Regel zwei Paare. Das Gastgeberpaar und das Gastpaar. Wird Essen erst Thema, wenn man verpaart ist? Wenn das Schweigen und damit Langeweile in die Beziehungen eingezogen ist und man deswegen immer und in allem Ablenkung braucht, um Unverfängliches zu sagen, wie: "die Avocado-Mousse an Balsamico-Erdbeeren war echt voll der Hammer" statt "ich wäre schon seit Jahren gern mal allein mit Deinem Mann?"
Teile ein Rezept für vier durch zwei, koche - und du hast ein Candlelight-Dinner für zwei. Ja, auch einzelne Paare bekochen einander. "Weil es zu zweit eben Sinn macht", sagen viele, die ich danach frage. Sinn. Warum macht Kochen für zwei Sinn? Weil das Schweigen und damit Langeweile in die Beziehung eingezogen ist und Paare dann vor allem Ablenkung brauchen, um beim Abendessen bei der Tagesschau Unverfängliches zu sagen, wie: "das Schweinefilet à l'Orange war echt voll der Hammer" statt "warum schlafen wir eigentlich nur noch zweimal im Jahr miteinander?"
Ist Essen also Paarsache?
Teile ein Rezept für vier durch vier und du kannst dich selbst bekochen. Aber tust du das? Bekochst du dich selbst? Kochen wir für uns selbst ein Drei-Gänge-Menü, richten wir dann den Tisch schön her, machen Kerzen an und setzen uns mit uns selbst an die Tafel? Die meisten, die ich diesbezüglich frage, antworten mit nein, als hätte ich sie etwas völlig Lächerliches gefragt. "Wozu denn?" sagen die Leute dann, und: "Ich schicke mir ja auch selbst keine Bücher von seiner AMAZON-Wunschliste in Geschenkpapier - mit einem kleinen Kärtchen dabei: 'Von mir für mich. Danke, dass es mich gibt. Ich verspreche mir: ich lebe gern mit mir und hoffe, das geht noch ganz, ganz lange.' Mache ich ja auch nicht", sagen die Leute. "Warum eigentlich nicht?" denke ich dann immer. Warum schenken wir uns nichts von unserer AMAZON-Wunschliste? In Geschenkpapier. Mit Kärtchen. Die Gesamtausgaben von Strindberg und Ibsen in Herzchenpapier mit Diddl-Karte: "Von mir für mich in Liebe." Wär' doch mal was. Oder eine Familienpackung Kondome: "Kopf hoch, alter Sack - Gib Dir einen Ruck, geh mal wieder vor die Tür. Dein alter Kumpel, ich selbst." Meinetwegen auch Gedichte von Erich Fried. Erfährt ja keiner.
Aber zurück in die Küche. Ich meine, müssen Singles automatisch fernsehguckende Laffen sein, die in der muffelnden Unterwäsche vom Vortag auf ihren Bettsofas liegen, umgeben von leeren Colaflaschen und bis auf die Rinden aufgeknabberten Pizzas in ranzigen Kartons vom Bringdienst? Ich meine: du bist doch, was du isst. Ja. Wer immer nur ranzige Pizza isst, der sieht doch am Ende selbst aus wie eine ranzige Pizza. Doch. Schaut euch doch mal um unter den Singles an den Theken der Stadt. Eine Margherita neben der anderen. Nicht ein Filet darunter, ein schönes, festes Filet. Saftig und heiß geschmort, prall und heiß in seiner gleißenden Orangenmarinade... nur ein Salbeiblatt bedeckt seine knusprige Scham. An den Theken stehen nur Margheritas. Die Margaritas trinken. "Mit salzigem Rand ruft dieser sehr bekannte Drink nach Mexiko."
Nein. Das kann doch nicht alles sein.
Ist es auch nicht. Die Sache ist ganz einfach. Singles der Welt. Teilt die Rezepte durch vier. Bekocht Euch. Seid lieb zu euch, und man wird euch lieb haben. Kocht für Euch selbst. Und nicht nur Ravioli und Spiegelei auf Toast - "Strammer Max mit drei Eiern"... Wie soll der denn aussehen... Nein, kocht für euch selbst Drei-Gänge-Menüs. Und dann schlingt nicht alles aus dem Topf zur "Sportschau" runter. Oder zu "Mona Lisa TV". Nein. Richtet Euch den Tisch schön her, macht Kerzen an und setzt Euch mit Euch selbst an die Tafel. Habt Euch gern. Redet mit Euch selbst. Sicher, ist schwer, wenn keiner sagt: "Guten Appetit" oder "wer spricht das Tischgebet?" Aber für den Anfang merkt Euch: die Sache hat ja auch ihr Gutes. Wenn man mit sich alleine isst, und das sauteure argentinische Rinderfilet ist aus Versehen gut durch - wenn niemand dabei ist, kann man sich das problemlos schönreden. Und irgendwann klappt's dann, und - hey! - dann könnt ihr beide Filets essen, ist ja keiner da, mit dem ihr teilen müsst. Oder der sagt: "Jetzt übertreibst du aber, Schatz. Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass Du schon wieder zugenommen hast? Nein wirklich, wenn ich dich umarme, komm ich kaum noch rum." Und wenn ihr nach drei bis zwanzig Versuchen einmal Filets braten gelernt habt... oder "rösten", wie Ulrich Klever sagt, der alte Fernsehkoch aus den Siebzigern... wenn ihr dann immer ein paar gut geölte Stücke Fleisch im Kühlschrank liegen habt... zum reifen... wenn dann Besuch kommt... jemand, der mit verträumtem Blick Dinge sagt, wie: "Oh. So wohnst du also..." oder "das Sofa hab ich auch. IKEA, nicht?" dann könnt ihr sagen: "Du..." - und ihr sagt nicht - "Soll'n wir runtergeh'n, uns 'nen Döner fangen?" oder "Wie wär's wenn ich uns Pizza kommen lasse? Wenn wir zwei bestellen bekommen wir 'ne Flasche Lambrusco gratis"... nein, dann sagt ihr: "Duhu... Wie wär's - ich hab noch diesen selbstgemachten Kartoffelsalat - soll ich uns dazu schnell ein paar Filetsteaks in die Pfanne werfen?"
Ihr werdet sehen. Das geht ruck zuck, und ihr seid ein Paar. Und dann vergeht nicht viel Zeit, und ihr ladet andere Paare zum Essen ein.
SvenK
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Sven K. seit vier Jahren in Berlin. Seine Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht er unter Mühen in seinem
Blog.
Verlorene Paradiese
Modeste
Meine Großmutter stellt die Platten auf den Tisch, achtelt Zitronen und Tomaten, schickt ihre Schwiegertöchter in den Keller, wo die fertigen Platten stehen, und braust dicke Büschel Petersilie ab.
Wo sind sie hin, die kalten Platten der Vergangenheit, diese untergegangenen kulinarischen Welten: Acht Jahre bin ich alt, Sonntagnachmittag ist es, vielleicht ein Geburtstag, und ich sitze auf dem weißen Hocker am Küchentisch meiner Großmutter und plaudere ihr ein wenig über meine verhasste Mathelehrerin vor und über die ersten Reitstunden auf einem großen Pferd statt auf dem verachteten, dicken, langsamen Pony. Im Wohnzimmer sitzen die Herren, manchmal hört man ihr dröhnendes Lachen bis in die Küche, die Damen haben es sich im Esszimmer gemütlich gemacht, die Pumps ausgezogen und plaudern über Dinge, für die ich noch zu klein bin, wie man mir sagt, wenn ich mal nachfrage.
Meine Großmutter stellt die Platten auf den Tisch, achtelt Zitronen und Tomaten, schickt ihre Schwiegertöchter in den Keller, wo die fertigen Platten stehen, und braust dicke Büschel Petersilie ab. Mir wird eine Schale harter Eier hingestellt, die ich pellen soll, die Hälfte darf ich mit dem Eierschneider für den Salat vorbereiten, die andere Hälfte wird halbiert und mit Appetitsild aus der Dose dekoriert oder mit deutschem Kaviar. Dem Suppenhuhn von der Bouillon vom Mittagessen wird das Fleisch abgeschält für den Geflügelsalat mit Mayonnaise, Sellerie und Äpfeln in ganz dünnen Streifen. Der ganze, gekochte Lachs, mit einer dünnen Schicht Aspik überzogen, damit er schön glänzt, steht aufrecht auf einer der Platten, die Jagd- oder Fischereiszenen darstellen, auf dem Rand werden die halbierten Eier drapiert, und das Ensemble liegt auf einem Kissen krauser Petersilie. In weiten Glasschalen wird der Krabbencocktail verteilt, gleichfalls üppig verziert mit Zitronenachteln; Wurstscheiben werden gerollt, Käsescheiben mit Paprika edelsüß bestäubt, und Forellenfilets sternförmig auf einen großen, runden Teller gelegt, den ich am liebsten habe, weil er einen dicken Tanzbär zeigt, der von einem Mann an einer Leine herumgeführt wird. Ab und zu stecke ich mir eine Scheibe Käse in den Mund, eine Olive, und schneide mit einem gezackten Messer Muster in Radieschen und fülle mit einem Löffel Butter in kleine Förmchen, so dass sie aussieht wie Blumen oder Fische. Meine Großmutter füllt Tomaten mit Mayonnaise und mischt Salat in riesigen Schüsseln.
Ach, aus und vorbei. Die Großmutter ist lange tot, die Verwandtschaft zerstreut seit der Beerdigung des Großvaters, als sich alles in die Haare geriet, lautstark und giftig. Das Haus verkauft, die Platten und Teller in einer der Kisten, die auf dem Dachboden stehen, weil sie keiner haben will, denn besonders schön sind sie nicht, und zu groß dazu. Bin ich eingeladen irgendwo an jene Tische, die meinen Freunden gehören, so gibt es keine kalten Platten, höchstens Antipasti, vielleicht eine Platte mit Käse, aber jene überladenen, fettigen Freuden sind verschwunden, vom Orkus der Zeit verschluckt, und keiner will sie mehr essen.
Ob es schade ist drum? Ich habe sie nicht gemocht, die kalten Zungenscheiben gerollt und gefüllt mit Kapern oder Kresse. Die Pasteten mit den Teigblümchen obendrauf und den kalten, gelben Fettstückchen auf der Oberseite der Fleischfüllung. Die Kartoffelsalate mit Gänseschmalz, deren fettigen Geschmack ich bis heute auf der Zunge habe. Die Aspikorgien, und was wurde nicht irgendwann in Aspik gegossen in jenen Tagen? Das trockene Roastbeef in Scheiben.
Sei es, wie es sei. Stehe ich im KaDeWe im obersten Stockwerk, wo sie fast alles haben, was man essen kann, stehe ich nicht vor den Torten von Lenôtre, nicht vor den Gänsestopflebern und selbst vor der Vitrine mit dem französischen Käse nur ganz kurz. Vor der Vitrine mit dem kalten Platten bleibe ich stehen, betrachte die Schalen mit dem Krabbencocktail, die gerollten, gefüllten Schinkenscheiben, die gefüllten Eier und die dekorierten Gurken, und denke einen Moment zurück an die verlorenen Paradiese, die mir auf ewig im Herzen bleiben - gefüllt mit Mayonnaise, dekoriert mit Petersilie und ein Tomatenachtel mit einem Zahnstocher festgesteckt obendrauf.
Modeste
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht sie unter
Melancholie Modeste.
Katzengrauen
Grete
An einem Morgen schreckt mich ein Klappern auf. Dann ist wieder Stille. Leise stehe ich auf und schleiche in Richtung Küche, woher das Geräusch kam. Nichts zu erkennen.
Es gibt in jeder Familie Interna, die nicht einmal den besten Freunde auf die Nase gebunden werden. Außer Peinlichkeiten, wie zum Beispiel wilde Aufräumaktionen bei Eintreffen unerwarteten Besuches durch den einen Partner, während der andere derweil den Garten "zeigt", gehören dazu auch Morgenrituale, die durchaus nichts mit der Fernsehmagarinewerbung gemein haben. Besonders nicht, wenn man mit Kindern zusammen lebt.
Wie die meisten Menschen in der etablierten Bürowelt starte ich gegen 9 Uhr mit einem ersten Kaffee ohne nennenswerte Verquellungen im Gesicht in den Blätterwald. Weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Stunden auf den Beinen bin und die Kinder in einer umfangreichen und gelegentlich mühsamen Prozedur auf Ihren Schulweg gebracht habe, der für ein Kind der siebenten Klasse inzwischen dreimal die Woche zur "nullten" Stunde beginnt. Zwischendurch hänge ich noch Wäsche auf, räume den Geschirrspüler aus, tue hier und da einige Handgriffe - donnerstags einige mehr, weil die Putzfrau kommt -, so jedenfalls die offizielle Version.
Jetzt kommt die inoffizielle, die geheime sozusagen: Ich bin nicht mehr zwanzig. Wenn ich drei Tage nach null Uhr ins Bett gefallen bin, weil der Abend sonst zu kurz ist, für das was ich mir darunter vorstelle, bin ich morgens doppelt so schwer, wenn ich mich aus dem Bett hieve. Besonders im Winter. Und dann erlaube ich mir eine ganz private Einlage, oder besser: Ablage. Wenn die Kinder aus dem Haus sind bleibt eine knappe Stunde für mich und die Couch. Das rote Plüschsofa, auf dem ich mit angezogenen Beinen schlafe wie ein Baby im Körbchen, die Uhr auf der Küchenzeile am anderen Ende des Raumes im gelegentlichen Blinzelblick.
An einem Morgen schreckt mich ein Klappern auf. Dann ist wieder Stille. Leise stehe ich auf und schleiche in Richtung Küche, woher das Geräusch kam. Nichts zu erkennen. Bis ich am Boden der Spüle eine Maus hocken sehe. Ein Mäuslein und eine aufgerissene Packung Kekse, mitsamt der, bei dem Versuch zu naschen, das Tier vom Regal geradewegs in das Spülbecken gestürzt war. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die wegen einer Maus anfangen zu schreien. Aber auch nicht zu denen, die wissen, wie sie sich einer in der Spüle sitzenden Maus auf bequeme Weise entledigen. Ich rief den Liebsten, der nahm kurzerhand die noch immer in der anderen Zimmerecke lauernde Katze und setzte sie auf die Arbeitsplatte, die Katze fing flugs die Maus und der Liebste brachte Katze samt Maus vor die Tür wo Erstere Letztere fraß.
Für die Couch war es nun leider zu spät und ich ging auf meinen Morgenkaffee ins Büro.
Grete
- lebt und arbeitet sehr gerne, sehr anonym in Dresden, lässt die Menschen aber manchmal ein Stückchen in ihr
Leben schauen
Essen hält Leib und Seele zusammen
Viktor Haase
Soweit ich auch zurückdenke und mir jeden einzelnen Trauerfall meiner an Mitgliedern und Tragödien reichen Familie zurück ins Gedächtnis rufe, empfinde ich die Verquickung von hervorragenden Speisen mit Todesfällen frappant.
Zumindest der Lebenden. Soweit ich auch zurückdenke und mir jeden einzelnen Trauerfall meiner an Mitgliedern und Tragödien reichen Familie zurück ins Gedächtnis rufe, empfinde ich die Verquickung von hervorragenden Speisen mit Todesfällen frappant. Unsere Familie, im Norden Deutschlands und im Westen Russlands verwurzelt, hat die Frustbewältigung immer über den Gaumen und nie über eine lockere Zunge geführt. Als man meine Tante, die fast 100 Jahre auf dem Buckel hatte, aufgrund eines nicht selbst verschuldeten Treppensturzes - angeblich hat Oma (85) ihre ein Beinchen gestellt - bizarr zusammengefaltet vor der Kellertür fand, gab es anschließend die besten Königsberger Klopse, an die ich mich erinnern kann.
Als Onkel Friedhelm, der von allen anderen Familienmitgliedern mehr oder weniger liebevoll nur der "Arsch" genannt wurde, sich endlich zum Wohle aller zu Tode gesoffen hatte, war die Beerdigung durch eine nervöse Unruhe und die freudige Erwartung des Leichenschmauses geprägt. Es lagen Lachsbrötchen und Omas Weltklassehühnersuppe in der nieseligen Luft, als den Trägern der glitschige Sarg aus den Fingern glitt. Der kleine Onkel, in seiner zu großen Sperrholzkiste, klatschte für alle hörbar mit seinem Säuferschädel ans Kopfende. Tante Hedwig, Frau und Opfer des Arschs, mutmaßte dass er sich wohl jetzt auch noch das Genick gebrochen habe. Skandal, schrie der kleine Arsch, der Sohn des großen Arschs und zuppelte an seinem Flachmann. Der etwas zu schnell seinem Bestimmungsort entgegen geglittene Sarg, verkanntete sich so unglücklich, dass die Träger ihn trotz schweren Ruckelns und Ziehens nicht mehr würdevoll aus dem Grab wuchten oder ihn waagerecht hineinmanövrieren konnten. Tante Hedwig entschied, dass ein schiefes Ende besser als keines sei, und warf zügig Erde und Blumen auf den verkeilten Sarg. Beides rutschte am Kopfende wieder hinunter.
Die Lachsbrötchen waren vom Feinsten, belegt mit wildem fangfrischen Lachs aus Irland, mit selber angerührtem Meerrettich perfekt abgestimmt. Dazu gab es hervorragendes Päffgen - Kölsch und einen Zwetschgen Schnaps aus dem Elsass. Das Alles, dem Leben zur Ehre.
Viktor Haase
Viktor Haase lebt, arbeitet und leidet in Köln unter seinen Allergien und anderen schlimmen und eingebildeten Krankheiten. Wer wissen will, wie schlecht es gerade um ihn und seine Laune steht, sollte mal bei Mein Name ist Haase
vorbeischauen.
Küchenparty
René Walter
Warum sich Küchen zum Mittelpunkt jeder Party entwickeln könnte auch mal einer soziologisch eingehender betrachten.
In einer Küche erfuhr ich, dass es tatsächlich Männer gibt, die sich zwecks Lustgewinns Draht in die Harnröhre einführen.
Diesen Satz muss man einfach mal eine Weile auf sich wirken lassen, ich war damals auch zunächst einmal, sagen wir: etwas perplex. Man muss aber auch zugeben: dieser Satz ist ein absoluter Knaller von einer Einleitung. Ab jetzt geht es steil abwärts, denn auf derselben Küchenparty betrank ich mich mit zwei Gläsern Rotwein und einem halben Bier dermaßen, dass ich prompt die Kulinarien des Tages gegen die Klotür spieh. Von außen wohlgemerkt. Und so schleppte ich mich nach diesem Malheur auf die Couch und schlief wie ein vollgekotzter Toter bis zum nächsten Tag, an dem ich mich unter unsäglichen Kopfschmerzen nach Hause schleppte. Mein Verhältnis zum Roten ist seit dem einigermaßen gespannt.
Warum sich Küchen zum Mittelpunkt jeder Party entwickeln könnte auch mal einer soziologisch eingehender betrachten. Hat warscheinlich auch schon irgendein spitzbübischer Soziologe bereits getan, aber zur Recherche bin ich nicht aufgelegt, will sagen: zu faul. Ich bin Blogger. Ich darf das. Und deshalb sauge ich mir einfach mal aus den Fingern: in Küchen steht im allgemeinen der Kühlschrank und in diesem ist in den allermeisten Fällen das Bier aufbewahrt. Es ziemt sich also für den gestandenen Partygänger, sich in der Nähe desselben aufzuhalten. Vielleicht ist es in einer Küche aber auch einfach nur nicht ganz so laut.
In einem Ofen buken wir, die coolen, biertrinkenden Partyküchengäste, einmal Bananenschalen, weil es gerüchteweise hies, die Dinger würden gebacken kicken wie Shit. Taten sie aber nicht und auch die Legende von haluzinogener Muskatnuss kann ich leider in keiner Weise bestätigen. Dann doch lieber harte Drogen. Da weiß man, was man hat. Was ich nicht hatte, weiß ich aber auch: Sex auf dem Küchentisch war mir bisher leider nicht vergönnt, was unter Umständen mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass mein bisheriges Beziehungsgefecht mit dem anderen Geschlecht mit dem Wort ?langfristig" eher unzureichend beschrieben wäre.
Ich werde mir den Küchentisch als Option auf die Kopulationsverrichtelokalität freihalten, versprochen. Der Küchenboden täte es übrigens auch. Solange ich mir dafür keinen Draht in die Harnröhre einführen muss.
Rene Walter
René Walter blogt bei
Nerdcore,
Spreeblick und
Fuenf-Filmfreunde, ist nebenbei noch Webdesigner und Grafiker. Er hat eine popkulturelle Bandbreite von Mashups bis Metall, von B-Film bis Dokumentation, von den 50er Jahren bis 2057.
Kernkompetenzen liegen bei Musik, Film und Design, am liebsten gepoppten Punk oder gepunkteten Pop. Und Reggea ist eine Seifenmarke auf Norderney, oder nicht?
Die Küche
St. Burnster
"Und hast du denn jetzt wirklich auch was mit dem Conny gehabt?", fragte ich sie.
"Na ja, was heißt gehabt. Wir haben halt ein paar Mal rum gemacht nach der Kneipe."
"Was heißt denn rum gemacht??
"Na ja, meine Eltern waren nicht zuhause und dann hab ich ihn mit nach Hause genommen."
"Was?! Du hast den Conny mit nach Hause genommen? Diesen Gnom?" Ich war empört.
"Hey, der war sehr süß damals mit seinen Locken. Sei doch nicht so blöd zu mirF." Jetzt war sie verstimmt.
"Hmmffff, und was habt ihr dann zuhause gemacht, so ganz ohne Eltern?"
"Das willst du doch gar nicht wissen." Jetzt schien es mir, als könnte sie sich ein Grinsen nicht verbeißen.
"Doch, klar will ich das wissen. Jetzt sind wir ja zusammen und da spielt es ja emotional keine Rolle mehr, mit wem was früher war. Das sind nur noch Anekdoten. Also was habt ihr gemacht?"
"Na ja, er hat mich auf dem Küchentisch genommen und durchgevögelt."
"Bitte was?" Meine Stimme musste einem Kreischen ähnlich sein.
"Er hat mich auf dem Küchentisch meiner Eltern gefickt. Das wolltest du doch wissen. Conny hat mich auf dem Küchentisch genommen und das war sehr spannend." Sie lächelte zufrieden.
"Bist du wahnsinnig, mir das zu erzählen? Daran muss ich jetzt für immer denken, wenn ich in eure Küche gehe. Ach was, jedes Mal wenn ich mit dir schlafe, jedes Mal wenn ich dich anfasse, jedes Mal wenn ich diesen Spasti Conny sehe. Verdammte Scheiße, ich werde überhaupt an nichts anderes mehr denken können. Und warum hab ich dich eigentlich noch nie in der Küche oder auf irgendeinem Tisch gevögelt?"
Die Überlieferung des Rests dieser Konversation kann man sich getrost sparen. Ich war völlig aus dem Häuschen, meine damalige Freundin war stinksauer wegen meiner retrospektiven Eifersucht und ich blieb die nächsten zwei Wochen hypersensibel und konnte entweder überhaupt keinen oder nur tendenziell aggressiven Sex mit ihr haben. Diese Sexgeschichte mit Conny war zuviel für mich gewesen, überstieg mein Vorstellungsvermögen und ließ mich zudem wie einen Verlierer, wie einen Zuspätkommer und einen Hintenansteller aussehen. Ich war erst 19 und sie war meine erste richtige regelmäßige Sexfreundin. Und mir an Erfahrung offensichtlich Lichtjahre voraus. Die Städterin hatte dem Provinzler mal so eben richtig gezeigt, was eine Sexharke war. Der Küchentisch. Unfassbar. Überhaupt, die Küche. Das spektakulärste Ficksetting war bei mir bisher der Badeweiher gewesen. Halt, das war nur ein Blowjob. Noch schlimmer, es war nur das Bett der großen Schwester meiner letzten Freundin. Eine niederschmetternde Bilanz.
Die Folgewochen verbrachte ich in einer Art katatonischem Zustand. Jedes Mal wenn ich meine Freundin sah, hätte ich eigentlich an Conny und den Küchentisch denken müssen, aber ich schaltete jegliches Gedankengut auf Stand-By und lag apathisch nachts neben ihr oder wir saßen stumm in einem Café am Stadtplatz. Irgendwann normalisierte sich die Lage und wir legten das Thema ad acta. Jedenfalls dachte sie das. Denn bei mir rumorte es weiter in der imaginären Küche. Da wurde immer noch mit Conny um die Wette kopuliert und ich musste tatenlos zusehen, wie man sich vom Küchentisch bis rüber zur Herdplatte und wieder zurück turnte. So blieb mir letztendlich nur der Gegenangriff und ich betrank mich eines Abends in meiner Lieblingsbar und saß so lange am Tresen, bis Conny irgendwann hereinkam. Jetzt sollte ich meine Chance auf Katharsis bekommen.
"Conny, du hattest doch mal was mit Franziska.", stellte ich ihn.
"Äh, ha? Wie? Ja, logisch. Schon ne Weile her." Conny war selbst völlig besoffen.
"Und da habt ihr's also auf dem Küchentisch ihrer Eltern getrieben?"
"Ja, ja, kann sein.", rülpste Conny, drehte sich um und ging zum Kickertisch, wo er von seinen Mitspielern bereits affirmativ grölend empfangen wurde. Ich ging nach Hause zu meiner Freundin und übergab mich dort auf dem Klo, weil ich mir definitiv ein wenig zu viel Mut angetrunken hatte.
Ich erzählte ihr nichts von meinem blamablen Aufarbeitungsversuch und jetzt war endlich auch ich gewillt, den Küchenfick mit Conny auf sich beruhen zu lassen. Die Stimmung zwischen uns stabilisierte sich und bald darauf fuhren wir nach Südtirol in den Urlaub, um uns den ganzen Tag in dem alten Bauernzimmer unserer angemieteten Pension zu lieben, weil es draußen in Strömen regnete und das vier Tage am Stück. Einmal hab ich sie dabei auf die alte Bauernkommode gesetzt und sie da genommen. Das muss reichen, dachte ich und war froh, als Conny endlich nach Hildesheim ging, um zu studieren und ich seine blöde Fresse nicht mehr jede Woche sehen musste.
St.Burnster
Berni Mayer ist St. Burnster aus Berlin. Eigentlich aus Bayern. Und eigentlich alles andere als ein Heiliger. Nach einer Bilderbuchkarriere als passionierter Trinker, Nachtlebemann und seinem daraus resultierenden Dahinscheiden ist er wiedergeboren als überwiegend nüchterner Beobachter und Reflektorfalke des Lebens und seiner Widerwärtigkeiten in Bayern und Berlin. Aber machen Sie keinen Fehler: Er ist noch genauso grantig und pathetisch wie früher. Er schreibt
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Küchenliebe
DonDahlmann
Sex ist wie Salatzubereitung rückwärts, sagt sie und greift mit beiden Händen tief in die Salatschlüssel. Ich schaue sie erstaunt an und versuchte mir darauf einen Reim zu machen.
Und weil sie gerade in Fahrt ist, legt sie das nächste Bonmot noch hinter her:
- Wenn man keinen Sex hat, dann wird man kauzig.
- Ha, Du hast keinen Sex. Du lebst seit Jahren mit jemanden zusammen.
Leicht beleidigt lässt sie ihre Hände einen Moment im Salat ruhen und starrt auf die Reste, die während ihrer Mischarbeit aus der Schüssel geplumpst sind und nun einen sinnlosen Kreis auf dem Tisch gebildet haben. An ihrem Handgelenk rutscht eine Gurkenscheibe runter und sie kneift ihre Augen zusammen.
- Ja. Mann, wenn Du 1000 mal mit dem gleichen Menschen ins Bett gegangen bist, dann macht es einfach nicht mehr soooo viel Spaß. Und ich hab keine Lust mich an den Deckenventilator zu hängen, nur damit der Kerl das geil findet.
- Demzufolge, sage ich listig, wird man also nie kauzig, je promisker man lebt.
- Typisch, schnaubt sie und lacht dabei.
- Demzufolge liegt es nicht an Deiner Lust, sondern an Deinem Trieb andauernd was Neues haben zu müssen.
- Stimmt. Deswegen gehe ich auf Flohmärkte. Da gibt es keine Männer, aber schönen Tand und der hat immerhin schon mal bewiesen, dass er länger hält.
Sie greift nach ihrem Sektglas, schüttet es sich in ihren wunderschönen Hals und schaut mich dabei an. Dann sagt sie
- Fang gar nicht erst an darüber nach zu denken, dass ist mir zu stressig.
Ich sage "Ach" und ernte ein "Pssst"
Mai
- Jetzt brauch ich echt mehr Wein. Meine Herren.
Sie steht auf, stolpert über ihre irrwitzige Schuhsammlung, kommt dabei leicht vom Kurs ab und streift einen babylonisch hohen Stapel von drei Jahre alten New York Times Ausgaben, die sie alle aus ihrer Zeit in NY gerettet hat, und der nun rauschend in sich zusammenfällt. Zwei Extrakoffer waren nötig gewesen, und vor allem sehr viel Charme beim Einchecken, aber den hat sie ja sowieso, denn keiner kann ihr wiederstehen, wenn sie diese sehr großen braunen Augen aufklappt und mit ihrem spöttischen Katherine Hepburn Lächeln die Distanz verkleinert.
- Ich sollte die Dinger wegwerfen, sagt sie, nachdem sie mit einer neuen Weinflasche in der Hand zurück gekommen ist. Da sie es immer ein wenig eilig hat, trinkt sie schon mal auf dem Weg einen großen Schluck aus der Flasche.
- Solltest Du, rufe ich ihr zu, wirst Du aber nicht, weil Du immer denkst, dass da noch irgendwas drin steht, was Du später mal gebrauchen könntest und dich genau in dem Moment an das genaue Ausgabedatum erinnern wirst.
Sie kichert, seufzt, legt sich wieder neben mich und klatscht mir den Tabak auf die Brust.
- Noch eine, bitte.
- Ich denke, du rauchst nicht
- Ich rauche auch nicht. Ich rauche nur mit Dir. Du rauchst sie und ich ziehe dran.
- Arbeitsteilung
- Ja, fein, was? Ich hab die Pakoras gemacht.
- Ich das Kouskous und das Gemüse für deine Pakoras hab ich auch geschnibbelt
- Aufrechner
- Faules Mädchen
- Du hast die Wahl. Drehen oder noch mal.
- Dann noch mal.
Oktober
Ihre Kopf liegt auf den gefalteten Händen auf dem Tisch und sie versucht einen halbtoten Eiswürfel in ihrem Campari beim Sterben zuzusehen.
- Ich hätte bei den Flohmärkten bleiben sollen
- Was?
Ich bin nicht sehr überrascht, nur ein wenig traurig. Aber das war ich schon, seit dem ich gespürt hatte, das es weniger wird. Weniger Mails. Weniger SMS. Weniger Wein.
- Ich habs ihm gesagt
- Was? Wieso das denn?
- Mir war danach.
- Pffff
Sie setzt sich wieder gerade auf, kramt eine Zigarette raus und fummelt lange mit ihren Streichhölzern rum, bis sie endlich so weit ist.
- Willste nicht wissen, was er gesagt hat?
- Er hat sich wahrscheinlich nicht gefreut
- Er hat geweint, sagt sie paffend, und fügt hinzu, natürlich nicht sofort. Erst einen Tag später. Da hat er geweint. War schlimm
- Und Du?
- Ich auch, aber zum Trost für ihn.
- Warum hast du? Ich meine, es war doch ok.
- Weil Du irgendwann geweint hättest, ganz sicher. Das will ich nicht.
- Du willst das beenden, damit ich nicht weinen muss? Hallo?
- Es ist mir lieber wenn nur einer weint. Wenn das weiter geht, dann weinen wir alle drei am Ende. Also Schluss.
Ich bin versucht Dinge wie "Komm, wir machen das jetzt anders. Das passt doch so gut" zu brabbeln, aber ich glaube mir ja selber nicht. Ich war immer auf der anderen Seite, und sie ist nur mal eben rüber geschlüpft.
- Wieder Freunde, fragt sie und hebt das halbvolle Glas
- Wieder Freunde, seufze ich und mache ein leicht angesäuertes Gesicht.
Sie füllt unsere Gläser nach. Einmal, zweimal. Nach dem dritten Mal blitzen ihre Augen.
- Wieder Freunde, wenn Du aus der Tür gehst?
- Und vorher?
- Ich bin bald wieder auf Flohmärkten
Ich nehme einen tiefen Atemzug, als ich mich dann dummerweise doch noch mal umgedreht habe und angezogen im Türrahmen stehe. Ich starre auf das Chaos, den wirren, bunten Haufen Schuhe, ihre Kissenlandschaft, die drei längst ausgetrockneten Teetassen mit den Zigarettenstummeln drin, die auf einem statisch bedenklich arrangierten Magazinstapel thronen. Ich rieche sie, das alte Holz, altes Leder, den Staub, den kalten Rauch, die alten Zeitungen.
- Freunde sein ist gar nicht so leicht, denke ich und mache die Tür zu.
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein
Blog.
Elke erzählt
Herr Hilbig
schweigen ist gut. schweigen kann alles ruinieren. schweigen das ist wie gegen windmühlen kämpfen, man kann nur gewinnen wenn man auf dem rücken fällt.
du schweigst jetzt auch, aber du liegst nicht auf dem rücken. das gefällt mir nicht, das sollte anders sein.
ich möchte dass du ein irrender ritter bist, einer der heldentaten begeht, einer der von mir schwärmt, dort draußen wo das schweigen herumeilt und das zittern sucht.
ich möchte das alle von dir reden, wie du gegen die warenhäuser kämpfst, gegen die flüsse, die türme und gegen das personal der auswechselspieler.
erkenne mich in deinen augen, werde lammfromm, hör immer wieder dieselben stellen nach mir ab.
wir werden uns treffen in deinem kopf. dort werde ich nackt sein, nur mit einem satz bekleidet der dich wach hält.
ich werde dich immer wieder mit diesem satz liebkosen. du augentier. du schweigsamer held. tu mir ein gefallen, lös deine augen aus, zermalm sie im schnee und wenn du keinen schnee findest, zeig sie mir, beweg dich in mir, wie es kreisende tun, oder liebende wenn sie glauben die welt wäre zu nah um sie zur seite zu schieben.
diese nacht, mit den vielen augen. die tropfen die gegen den takt der wasserhähne laufen, du streitest dich mit ihnen, du redest über mich, du schweigsamer, als gelte es fremde von deiner liebe zu mir zu überzeugen.
ich möchte dass du umher irrst, pfützen für eine asiatische partei hältst, giraffen einfängst und sie verhörst, vielleicht geben sie dir ihr geheimnis preis und dann kannst du alles sehen.
du zinnober, staubtier, du geflügeltes wort, ich möchte dass du alles zur sprache bringst, niemand soll sich noch darüber wundern wie verrückt man sein kann.
du trautropfen. du in alles badender held. ich möchte mich damit begnügen ein foto von dir zu besitzen auf dem du weit entfernt stehst und man dich nicht erkennen kann.
wenn ich morgen erwache, werden wir zusammen streiten, wir werden riesen besiegen, wir werden den hunger verwöhnen mit unseren blicken, so lange bis wir endlich erkennen wie egal es ist, ob wir uns nun lieben, oder am stock gehen.
du kreisender ritter. ich verspreche dir blühende landschaften, kleine bänke auf die wir nicht sitzen können, weil sie für das leben bestimmt sind. aber wir können uns trotzdem treffen, hinter den wolken, wo alle irrenden ritter mit ihrer schönen sitzen, dort drehen wir die zeit um, fallen auf uns hinein, reden, sprechen, spreizen die finger, bewegen uns immer so, als könnten wir uns gar nicht bewegen und alles ist so wie am anfang und trotzdem beginnt es nicht von vorn und komisch, irgendwie kommt mir das alles bekannt vor, als würde ich alles wieder und wieder erzählen, so wie man?s macht, wenn man der tautropfen ist für einen, der windmühlen genauso wenig leiden kann wie riesenkraken und hundepferde.
eine traurige gestalt, mit wenig glück in den augen.
komm verbraten wir die zeit, suchen wir die wirklichkeit in unseren träumen.
manchmal, da möchte ich dich erkennen, wie du hinter der nacht herläufst, als stiller begleiter könntest du niemand besseren haben.
als würde jemand nach langer zeit endlich eintreffen und hätte ganz vergessen wie das ist, in die jahre zu kommen und es anzusehen als gehöre es dir, meine augen, die zwischen den nächten hin und her wandern, busfahrten abzeichnen, wege abstreuen, gesichter einscannen, aber deins war noch nicht dabei, ich kann es beschwören.
Herr Hilbig
früher einmal Lagerarbeiter, jetzt zwischen den Worten zuhause, manchmal auch mittendrin. Veröffentlichungen in der Schweizer Lifestylzeitschrift Kult (damals herausgegeben von Sibylle Berg), Hörbuch "Elke erzählt" gesprochen von der Schauspielerin Jo Kern, Gedichtband "Es gibt keine Zeit mehr", Hörspiel im Hessischen Rundfunk "Zufällige Bekanntschaften" und ein paar Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Sein Blog ist
hier zu finden
Die Poetentankstelle
Ralph R.
Vergeblich suche ich die Leichtigkeit
finde etwas Zerstreuung beim Blättern durch die Lyrik
von Nazim Hikmet
weihnachtliche Illumination vor der Kneipentür
die Nacht hat sich den Tag gepackt
ich sitze auf einer verwetzten Holzbank
das Bier griffbereit vor mir
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe
zu gegebener Zeit
an dem opulenten Arsch der Bedienung kommen meine
Blicke nicht vorbei
ihre Augen sind ständig entzündet, und ihr lächelnder Mund
wie eine Mondsichel -
die Kneipe ein kurzer Schlauch
Geborgenheit
Vergeblich suche ich die Leichtigkeit
Gedanken huschen wie lästige Fruchtfliegen vor meinem
Geist
die Reise vom Heute in das Morgen
ist Unruhe
bin ich der Gast, der auf der verwetzten Holzbank sitzt
das Bierglas ansetzend
die Lyrik von Nazim Hikmet vor Augen
wie den opulenten Arsch der Bedienung?
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe
zu gegebener Zeit
die fremden Menschen rücken in mein Gefühl
als wären sie Kunstwerke einer liebevoll arrangierten
Ausstellung
Öllampen brennen auf den Kneipentischen
der freie Bauchnabel einer Frau, die sich streckt
die Mutter hebt das Baby aus dem Kinderwagen
und wiegt es an ihrer Brust
das kleine Wesen fasst sich einen Finger
unsere Augen leuchten
Die Nacht, die den Tag geholt hat
die Kälte der illuminierten Stadt im Winter
vergeblich suche ich die Leichtigkeit
ich leide unter einem chronischen Katarrh der Seele
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
meines leeren Kopfes
zu gegebener Zeit
Ralph R.
gewöhnt sich nie ans Leben und kam deswegen zum Schreiben. Seit über 20
Jahren schüttet er sich schreibenderweise selbst das Herz aus. Klebt an seiner Heimat wie eine Fliege am Baumharz. Irgendwo an der Bergstraße zwischen Karlsruhe und Darmstadt guckt er aus dem Fenster. Mehr Lyrik gibt es in seinem
Blog