Der Rosenkrieg

von Nilz Bokelberg
Neben unserer Halle waren so eine Art Bungalows. Man könnte wohl eher Büros sagen. Ganz klein, Flachdach und immer nur ein Raum. Ein etwas grösserer (15 qm) und zwei halb so grosse. Und da haben Leute drin gewohnt. Eine Horde Inder. Ich kann nicht genau sagen wieviele, das kann wohl niemand so genau, aber ich schätze es waren so um die 15 Mann. Und alle hatten den gleichen Job: Rosenverkäufer.
Jeden Abend sah man wie sie sich fertig gemacht haben und dann, peu a peu, nacheinander losgingen. Jeder mit einem riesen Blumenstrauss bewaffnet.
Einer von ihnen war ein jüngerer Typ, seinen Namen hab ich leider vergessen. Ich glaube Raschid, oder so. Er war der einzige der zumindest ein wenig englisch konnte und so haben wir uns immer mit ihm unterhalten. Er hat uns auch immer Zigaretten von sich angeboten, die schmeckten aber nicht so wahnsinnig gut. Unser Hof roch jeden Abend nach ziemlich vielen Gewürzen. Die haben sich da immer ordentlich was gekocht. Raschid ist dann auch öfters bei uns vorbei gekommen und hat sich zu uns gesetzt und ein bischen erzählt. Wie schön er Indien fände und so. Ausserdem mussten wir ihm immer mit dem Übersetzen irgendwelcher Amtsbriefe helfen, die bei den Jungs so eintrudelten. Dafür haben wir dann wieder Zigaretten angeboten bekommen, die wir aber dankend ablehnten. Nett war auch das wir abends, wenn wir Damenbesuch hatten und die Jungs zurückkamen und nicht alles verkauft hatten, die Rosen auf Kosten des Hauses an die Frauenzimmer gingen. Die haben sich gefreut, wir haben uns gefreut
Eines Abends, ich glaube mein Bruder und ich sassen gerade beim zocken, da hörten wir einen tierischen Lärm von draussen. Auf dem Hof standen sich zwei Parteien der Ansässigen Inder gegenüber und schrien sich an. Es war chaotisch und natürlich verstand niemand um was es ging. Raschid war auch nicht in der Nähe um uns übersetzen zu können. Wir riefen äusserst sinnvolle, friedensstiftende Kommentare, wie zum Beispiel ?Hey!? oder ?Naaa!? oder ?Öh!?, in die Menge, aber sie hörten irgendwie nicht so richtig auf uns. Das wurde unter anderem auch daran sichtbar, das plötzlich der junge Anführer der einen Gruppe dem alten Anführer der anderen ins Gesicht schlug. Wir wollten gerade dahin gehen, da hatte Raschid sich schon zwischen die Parteien gestellt und alle gingen zurück in ihre Kabüffs.

Danach war irgendwie alles anders. Nach und nach verschwanden die Jungs. Zogen aus. Trennten sich voneinander. Eines Tages stand Raschid in unserer Tür. Er würde jetzt gehen. Sehen wo er unterkommt, sehen was es noch so zu tun gibt. Herzlich verabschiedeten wir uns. Es war schon irgendwie traurig. Nicht das wir dicke Kumpels oder so gewesen wären, aber wir hatten uns alle aneinander gewöhnt. Und er zog wieder von dannen. Würde irgendwo anders landen. Und wir würden es nie erfahren. Klar lächelte er, als wir sagten, er solle sich mal zwischendurch melden und natürlich beteuerte er auch, dies zu tun. Aber uns war allen klar, das wir nie wieder voneinander hören würden. Wir winkten ihm noch hinterher als der den Hof verliess. Dann war er weg.

In den Wochen danach habe ich mir so ziemlich jeden Rosenverkäufer in der Stadt genau angeguckt. Vielleicht war er dabei, vielleicht aber auch einer seiner Kollegen und ich würde ihn wiedererkennen, oder er mich! Aber Fehlanzeige. Es musste irgendwo in dieser Stadt noch ein Hinterhofbüro geben in dem ganz viele der Jungs wohnen, denn jeder, dem ich begegnete, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Hoffentlich ging es Raschid gut.

Es muss so ca. 4 Monate später gewesen sein. Ein alter Bürobewohner schlenderte über den Hof. Wir begrüssten ihn, er setzte sich zu uns. Erzählte ein bischen gebrochen, wo sie jetzt alle seien. Wir haben nicht alles verstanden. Dann aber fragten wir ihn nach Raschid und er erzählte, das Raschid jetzt Koch sei, irgendwo im Pott.
Da konnte ich es auch locker verschmerzen, das er nicht mehr neben uns wohnte.

Nilz Bokelberg

ist 30, Vater und lebt in München. Er studiert an der HFF, bloggt gerne und zuviel und hat eine Vorliebe für Klassiker, weswegen er in der Eisdiele immer Straciatella nimmt.
mindestens haltbar August/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 08
ISSN 1816-8159
Autor: Nilz Bokelberg
Titel: Der Rosenkrieg
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am 12. Aug, 00:25

Ungefähr so, wie es Dir mit den Rosenverkäufern geht, habe ich einige Vietnamesen erlebt, die im Hof gegenüber wohnten. Wahnsinnig viele in einem Bauwagen zusammengepfercht, lebten sie wohl vom Zigarettenverkauf. Dann gab es plötzlich böses Blut, eine Schießerei ... Stille. Danach haben wir nie wieder einen von ihnen dort drüben gesehen.