Frau M. ist bekloppt geworden

von Viktor Haase
Ich war gerade 20 geworden und genoss mein erstes eigenes Appartement. Selbstständigkeit ist schön, vor allem dann, wenn Muttern einmal die Woche kommt, aufräumt und die Wäsche macht. Alte Mutterschule. Dank den Pappwänden und dem Gasboiler durch dessen schlecht abgeschirmte Wasserleitungen ich glasklar in Frau Ms Wohnung lauschen konnte, fühlte ich mich nie einsam. Wenn ich mich morgens im Bad aufhielt, und das Haus noch still war, konnte ich Frau M. und ihre Schlagerplatten aus meinem Boiler dröhnen hören. Abends allerdings füllte das Geschrei aus ihrer Wohnung auch auf jedem herkömmlichen Weg das komplette Haus. Es war immer laut bei ihr. Einige Mietparteien hatten sich bereits zusammengeschlossen und sich beim Bauverein über ihre Musik und die lautstarken Streitereien beschwert. Vergeblich. Es ist schwer jemanden aus seiner Sozialwohnung zu drängen.

Frau M. war ungefähr 40 Jahre alt. Ich mochte sie vor allem deshalb, weil sie mir mit ihren engen Tops die Möglichkeit bot, an den jeweiligen Ausbaustufen ihres Busens teilzuhaben. Frau M. verschönerte sich gerne radikal. Das galt nicht nur für ihre Körperformen, sondern schlug sich auch in der Auswahl ihres Parfums, ihrer Schminke und ihrer Frisur nieder. Alles gewaltig und nicht zu knapp bemessen. Ich war damals noch naiver als heutzutage und da Brustvergrößerungen noch nicht alltäglich waren, dachte ich, dass das späte Wachstum ihrer Brüste auf ein hormonelles Problem schließen lasse, welches Frau M. mit stoischer, bewundernswerter Ruhe ertrug. Wie auch immer. Ihr Busen war mir in jedem Fall ein angenehmerer Blickfang als der auch ständig wachsende Brustumfang des im Keller bodybuildenden Nachbarn zu meiner Rechten.

Frau M. war höflich, oft betrunken und bediente sich häufig wechselnder Partner, die nicht höflich dafür aber noch öfter als Frau M. betrunken waren. Ob sie Geld von ihren Bekanntschaften erhielt, weiß ich nicht. Ich vermutete es aber, denn Arbeiten ging sie nicht. Früher erzählte sie mir einmal, als wir im Licht des Sommers auf der Treppe vor dem Haus saßen, trockenen Weißwein tranken und billigen Käse dazu aßen, den sie ungeschickt in Würfel zu schneiden versucht hatte, dass sie in einem früheren Leben mal Rechtsanwaltsgehilfin und glücklicher gewesen sei. Irgendwann verlor ihr Mann dann seinen Job, und mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verschwand auch sein Rest an Respekt vor sich Selbst und seine Zurückhaltung. Er trank und schlug sie. Sie versuchte von ihm loszukommen, was ihr aber erst gelang, als es auch für sie zu spät war. Sie nahm Tabletten und trank zuviel Jägermeister mit Cola. Vier mittlere Granaten täglich. Was immer das auch in cl bedeutet. Nach einem vergeblichen Versuch clean und wieder selbständig zu werden, landete sie für kurze Zeit in der Klapse. Von dort schaffte sie es immerhin noch bis in unser Haus, in ihr jetziges Leben, dass ich in der Wanne liegend belauschte. Sie erzählte mir noch von ihrer Tochter, die sie nie besuchte und von der sie kein Photo mehr besaß, weil sie immer alles verlieren würde. Nachdem wir die zweite Flasche gemeinsam geleert hatten, fragte ich Frau M. nach dem Namen ihrer Tochter. Ich war in Heldenstimmung. Ich würde für sie ihre Tochter ausfindig machen! Ich stellte mir eine großartige Versöhnung vor, nachdem alles sofort gut werden würde. Und ich mittendrin. Ein Held und unauslöschbarer Bestandteil der wiedervereinten Familie. Der gute Geist mit Heldenstatus. Frau M. zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. Annegret. Sie hieß Annegret? Der Name gefiel mir nicht. Annegret. Kam mir geschwindelt vor. Aber egal. Ein Versuch war es allemal Wert. Erst weit nach Mitternacht ging ich hoch in meine Wohnung und legte mich mit dem guten Gefühl ins Bett, Frau M. bald eine fantastische Überraschung zu präsentieren. Tränen inklusive. Vielleicht würde sie sogar mit dem Saufen aufhören. Ganz bestimmt.

Am nächsten Morgen, es war Gott sei Dank Sonntag, hatte ich einen Kater und ich konnte den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Abwechselnd glotzte ich TV oder sah mir einen Videofilm an. Unter anderem auch Hannah und ihre Schwestern von Woody Allen, den ich damals sehr mochte, und ich weiß noch genau, wie ich still das einander Finden und Gefundenwerden genoss.

Es war Spätsommer und ich hatte alle Hände voll zu tun. Pünktlich am Montag begannen die Lesungen wieder. Mindestens 6 mehr oder weniger aufwendige veranstaltete die Buchhandlung, in der ich arbeitete, pro Monat. Dann noch die Proben der Theatergruppe, die Freunde. Mein Terminkalender war voll, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sobald ich etwas Luft hätte, würde ich mich sofort und ausschließlich der Familienzusammenführung widmen.

Rund vier Wochen nach unserem besagten Samstag klingelte es spät nachts an meiner Tür. Frau M. stand davor und verlangte nach Zigaretten. Sie war nackt wie Gott und der örtliche Chirurg sie schuf. Sie sagte, dass sie Zigaretten brauche, um sie gegen eine Fahrkarte nach Hause zu tauschen. Ich gab ihr welche. Sie verließ das Haus und ich alarmierte die Polizei.

Sie kam nie wieder. Ein paar Tage später standen ein Mensch des Bauvereins und eine junge Frau vor ihrer Tür. Sie sah traurig aus. Der Bauvereinsmensch stellte sie mir als ihre Tochter Annegret vor. Er schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf und schob Annegret sacht hinein. Ein intensiver Geruch nach Schnaps und Tabak strömte ins Treppenhaus. Der Verwalter drehte sich noch einmal kurz zu mir um und begann einen Kreis mit dem Zeigefinger in Höhe seiner Schläfe in die Luft zu zeichnen. Die kommt nicht mehr. Bekloppt geworden. Endgültig.
Viktor Haase lebt, arbeitet und leidet in Köln unter seinen Allergien und anderen schlimmen und eingebildeten Krankheiten. Wer wissen will, wie schlecht es gerade um ihn und seine Laune steht, sollte mal bei Mein Name ist Haase vorbeischauen.
mindestens haltbar August/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 08
ISSN 1816-8159
Autor: Viktor Haase
Titel: Frau M. ist bekloppt geworden
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am 14. Aug, 01:54

Ich finde die Geschichte super. Tragisch aber ohne falschen Pathos.